HEUTE: 1. DEUTSCHE OPER BERLIN – „VIOLANTA” / 2. KOMISCHE OPER – „LADY MACBETH VON MZENSK“ / 3. KOMÖDIE IM ERNST-REUTER-SAAL – "SAUERKOHL UND MISSETATEN" / Extra-Tipp – "Frau Luna" im Tipi
Am Anfang herrscht Sprachlosigkeit. Trotzdem wird nichts verschwiegen. Denn dafür gibt es die Musik. Wunderbare Klänge sind das, aus der Feder eines Halbwüchsigen! Sir Donald Runnicles vermittelt mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin den ganzen Zauber dieser Komposition. „Violanta“ ist die letzte Premiere des Generalmusikdirektors an der Bismarckstraße. Gemeinsam mit dem Intendanten Dietmar Schwarz hat sich der schottische Dirigent seit 2009 immer wieder für Werke vergessener Tonkünstler eingesetzt. So auch für Erich Wolfgang Korngold, dem 1897 geborenen Wunderkind aus Brünn. Bereits 1934 erkannte der jüdische Komponist die Zeichen der Zeit und zog von Wien nach Amerika, wo er in Hollywood mit seinen Filmmusiken Karriere machte. Welchen Einfluss Korngold auf die Moderne in Europa hätte nehmen können, lässt neben seiner bekanntesten Oper „Die tote Stadt“ von 1920 auch „Das Wunder der Heliane“ von 1927 erahnen, wiederentdeckt 2017 an der Deutschen Oper.
Und nun der Einakter „Violanta“, 1916 in München uraufgeführt, als der Komponist gerade mal so die Pubertät hinter sich hatte, musikalisch aber weit mehr vorlegte als ein Jugendwerk. Sein Librettist Hans Müller-Einigen schrieb ihm eine tragische Dreiecksgeschichte aus dem Venedig des 15. Jahrhunderts, bei der aber eindeutig auch der Vater der Psychoanalyse Pate stand: Sigmund Freud.
Der Selbstmord der Schwester, die vom Prinzen Alfonso verführt und verlassen wurde, hat Violanta verstummen lassen. Die Liebe ihres Gatten Simon prallt ebenso an der jungen Frau ab wie die Begehrlichkeiten ihres Angestellten Matteo. Erst der venezianische Karneval weckt in Violanta neue Lebensgeister, gespeist aber vor allem von Rachegelüsten. Denn Alfonso weilt in der Stadt. Violanta umgarnt den Übeltäter, ihr Mann Simon soll Alfonso ermorden. Dafür lockt sie den Prinzen in ihr Haus, das jedoch letztlich Todesfalle für sie selbst wird.
Kampf gegen Schuld und Lust
Der Berliner Regisseur David Hermann kann in seiner sechsten Arbeit für die Deutsche Oper seine psychologisierende Sichtweise einleuchtend zur Geltung bringen (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 423 vom 16. Januar 2023). Es ist ein Kampf zwischen Schuld und Lust, der die Titelheldin, von Beginn an selber für den Verführer entflammt, hier ausgesetzt ist. Die vom Ballett getanzten Karnevalsfiguren erscheinen wie innere Dämonen. Die Regie setzt auf ein geniales Bühnenbild. Jo Schramms kreisrunde Spielfläche baut sich mit der Zeit zum drehbaren Haus auf, mit verschiedenen Kammern, in denen sich das Psychodrama abspielt. Wobei am Schluss offen bleibt, ob Violanta wirklich Opfer ist, oder ob sie sich als Frau dem Korsett der Konventionen per Freitod entzieht.
Es ist immer ein wenig kritisch, ein Werk, das man noch nie gesehen hat, einer Umdeutung zu unterziehen. Doch hier geht das Konzept auf. Selten erlebt man eine Premiere so einhellig umjubelt. Was natürlich auch den durchweg großartigen Stimmen zu verdanken ist. Die US-Sopranistin Laura Wilde in der Titelrolle, der isländische Bariton Ólafur Sigurdarson als Simon und der bei aller Strahlkraft auch bedrohlich wirkende Tenor von Mihails Culpajevs bei seinem Hausdebüt sorgen für Hörgenuss.
Deutsche Oper Berlin, 6. und 13. Februar. Hier geht’s zu den Karten.
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Auch Dmitri Schostakowitsch schrieb Musik für etwas, was man auf der Szene eigentlich nicht sehen sollte und wollte. Die Klänge in seiner 1934 uraufgeführten Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zeichnen fast plastisch Tabuthemen dieser Zeit. Als „Pornophonie“ ging diese klangliche Schilderung von Vergewaltigung und Beischlaf in die Operngeschichte ein. Barrie Kosky setzt dies in seiner Inszenierung für die Komische Oper auch optisch um. Das wirkt mal blutig realistisch und ist somit schwer zu ertragen. Dann wieder wird es so grotesk übertrieben, dass es sogar Lacher im Publikum gibt, was bei diesem düsteren russischsprachigen Werk höchst selten vorkommen dürfte. Bei Kosky, dem früheren Intendanten des Hauses, überrascht es nicht wirklich.
Der Vierakter nach einer Erzählung von Nikolai Leskow lässt uns Empathie empfinden für eine dreifache Mörderin. Katerina Lwowna Ismailowa hat sich hochgeheiratet in eine Kaufmannsfamilie. Fühlt sich in der dörflichen Einöde todunglücklich. Vom Ehemann vernachlässigt, vom psychopathischen Schwiegervater tyrannisiert und schließlich von einem Liebhaber, der nichts auslässt, schmählich im Stich gelassen.
Szenisch und musikalisch wird hier mächtig auf den Putz gehauen. Dabei erscheint unter James Gaffigans Dirigat, der gerade seinen Vertrag als Generalmusikdirektor verlängert hat, Schostakowitschs Lautmalerei fast plakativ. Zumindest ist über die mehr als drei Stunden dauernde Vorstellung Kurzweil garantiert, wenngleich man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sich Kosky über weite Strecken von einem Regieeinfall zum nächsten hangelt. Dorfidylle wird hier natürlich nicht gezeichnet. Katerinas Lotterbett steht im freien Raum. Rufus Didwiszus‘ Bühne ist ansonsten fast leer, wird begrenzt von einer hohen Wand hinten und mitunter sich bedrohlich herabsenkenden gelb-weißen Leuchtkörpern. Klaustrophobische Enge in endloser russischer Weite.
Komponist geriet in Todesgefahr
Zahlreiche Nebenfiguren, nicht unüblich in der russischen Literatur, tauchen auf, verzerrt zu Karikaturen vorzugsweise in Unterhose, wie der versoffene Pope oder „Der Schäbige“, der sogar Wodka pinkelt. Auch die bestechlichen Gesetzeshüter, angeführt von einem Befehlshaber, der Topflappen häkelt, werden zur Lachnummer. Man ahnt, dass der Komponist mit seiner zweiten und letzten vollendeten Oper sich in große Gefahr begab, vor allem als Stalin eine Aufführung besuchte.
Die ganze Tragik, die in und hinter diesem gewaltigen Stück Musiktheater steht, wird erst im letzten Akt deutlich, der auf dem Weg in die sibirische Verbannung spielt. Hier gewinnt auch die Inszenierung wirkliche Größe. Kosky beherrscht die Personenregie. Seine Sänger-Darsteller, allen voran die Sopranistin Ambur Braid als Katerina und Tenor Sean Panikkar als Liebhaber Sergej, überzeugen stimmlich und mit vollem Körpereinsatz.
Komische Oper im Schiller-Theater, diverse Termine bis 14. März. Hier geht’s zu den Karten.
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Der bekannteste Reim aus „Max und Moritz“ handelt von der Witwe Bolte und ihrer Liebe zum Sauerkohl, „von dem sie besonders schwärmt, wenn er wieder aufgewärmt.“ Alles andere als aufgewärmt erscheint das, was uns Katharina Thalbach, Pierre Besson und ihr musikalischer Mitstreiter Torsten Rasch in der Komödie in Reinickendorf auftischen. Frisch zubereitet ist dieser Wilhelm Busch, voller Würze und Raffinesse, die sich die ausgebufften Bühnenhasen in jahrzehntelanger Spielpraxis erwarben. „Sauerkohl und Missetaten“ ist eine Familienangelegenheit. Thalbach und Besson sind Halbgeschwister. Vater Benno Besson pflegte einst Buschs Bildergeschichten, die man durchaus als Vorläufer des modernen Comics betrachten kann, im heimischen Wohnzimmer als Dia-Vortrag zu präsentieren.
Eigentlich sind die Streiche, Moritaten und Schauergeschichten Stoff fürs literarische Kabarett. Doch in Reinickendorf erlebt man Kleinkunst ganz groß. Als Theaterevent in einer Tingeltangel-Kulisse wie auf dem Jahrmarkt, links und rechts je mit einer Kanzel, oben Platz für die projizierten Zeichnungen, unten eine Art Orchestrion, das an einen mechanischen Musikautomaten erinnert und in dem sich Komponist Rasch als skurril gewandeter Mann an den Tasten austoben darf.
Für die Ausstattung sorgen Kollegen, die am selben Ort bereits an der Erfolgskomödie „Carmen darf nicht platzen“ mitstrickten (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 534 vom 10. November 2025). Momme Röhrbein lässt das Bühnenbild passend zu Wilhelm Busch wie Zeichnungen erscheinen, ebenso „überzeichnet“ wirken die Kostüme von Angelika Rieck.
Die schonungslose Übertreibung der makabren Geschichten dürfte Vertretern der politischen Korrektheit die Argumente rauben, hier wird ja Erwachsenen und Kindern, auch Tieren übelst mitgespielt, selbst Suizidales humoristisch verarbeitet. Das gemeuchelte Federvieh der Witwe Bolte, der Max und Moritz, diese beiden, auch noch die leckeren Brathühnchen stibitzen, macht den Anfang. Am Ende werden die Unruhestifter, nach dem sie der Müller, „ritsche ratsche“, zerkleinert hat in seiner Mühle, von den Hühnern aufgepickt, der Kreis schließt sich.
Klassiker des deutschen Humors
Thalbach und Besson als Bänkelsänger, Vorleser und Darsteller werfen immer wieder ironische Blicke ins Publikum, das um Himmels Willen nicht zu ernst zu nehmen. So tritt das Figurenpersonal eines der einflussreichsten humoristischen Dichter und Zeichner Deutschlands auf. Neben den Lausbuben und ihren Opfern wie Lehrer Lempel oder Schneider „Meckmeckmeck“ auch Hans Huckebein, der Unglücksrabe. Oder die beiden Enten und der Frosch. Oder die Knopp-Trilogie, jene Abenteuer eines Junggesellen, dem wir Redewendungen verdanken wie „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“. Dazu virtuose Einlagen von Torsten Rasch, wenn er „Der Virtuos“, die Bildergeschichte über den Klavierlöwen untermalen muss.
Der Klassiker des deutschen Humors, der den Spießbürger, dessen Symbol die Schlafmütze ist, heftig angeht, erscheint heute beinahe selber spießig, wenn die Busch-Gesamtausgabe ihren Platz im Wohnzimmerregal hat. Doch hier erinnern gerade die präsentierten Missetaten oft an schwarzen britischen Witz der Marke Monty Python. Vieles, was man längst vergessen hat, kehrt ins Gedächtnis zurück. Ganz nach dem Motto: Die Welt ist so geräumig und der Kopf ist so beschränkt.
Komödie Ernst-Reuter-Saal. Unser Kontingent ist im Moment ausgeschöpft. Im Service wird eine Warteliste geführt, auf die sich Interessierte Mitglieder setzen lassen können.
EXTRA-TIPP: „Frau Luna“ zurück am Kanzleramt
Die Geschwister Pfister haben maßgeblich zur Wiederbelebung des einst als hoffnungslos veralteten Genres Operette beigetragen. So auch mit Paul Linckes Klassiker „Frau Luna“ über den Mann im Mond und die berühmte Berliner Luft, Luft, Luft, der in Bernd Mottls Regie und mit dem von Johannes Roloff geführten Orchesterchen das Tipi abheben lässt. Dass man knapp zehn Jahre nach der Premiere fast mit identischer Besetzung erneut an den Start geht, ist angesichts der Prominenz selbst in kleinsten Rollen eine logistische Meisterleistung (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 190 vom 21. November 2026).
Am Abend der Wiederaufnahme wurde aber erst mal manche Träne vergossen. Holger Klotzbach, Mitbegründer und Betreiber von Tipi und Bar jeder Vernunft, war tags zuvor verstorben. Gerade ihm zu Ehren legten sich alle besonders ins Zeug. Und feierten das Leben!
Tipi am Kanzleramt, bis 29. März. Hier geht’s zu den Karten.
1. Deutsche Oper Schlag nach bei Freud
2. Komische Oper Drama mit Blut und Wodka
3. Komödie im Ernst-Reuter-Saal Kleinkunst, ganz groß
1. In eigener Sache Gegen das Vergessen
2. Berliner Ensemble Gestrandet
3. Deutsches Theater Schiller zerkloppt
1. Berliner Ensemble Liebe in Zeiten der Katastrophen
2. Schaubühne Panoptikum der Verstörten
3. Deutsches Theater Zuviel Zucker für den Affen
1. Gorki Jüdische Geschichte mit ostdeutscher DNA
2. Vaganten Europa als Opfer und Täter
3. Staatsoper Gib mir mein Herz zurück
1. Berliner Ensemble Zuhause in Erinnerungen
2. Vaganten Krieg kann jeden treffen
3. Neuköllner Oper Schuld und Sühne
1. Berliner Ensemble Herzrasen im Tollhaus
2. Komödie in Reinickendorf Raus aus der Kartoffel
3. Friedrichstadtpalast Glückshormone aus der Wundertüte