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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 541

5. Januar 2026

HEUTE: 1. BERLINER ENSEMBLE – „HERKUNFT” / 2. VAGANTENBÜHNE – „DIE BRÜCKE VON MOSTAR“ / 3. NEUKÖLLNER OPER – „DER ZWEITE KIRSCHGARTEN“

1. Berliner Ensemble - Zuhause in Erinnerungen

"Herkunft" im Berliner Ensemble © Gianmarco Bresadola

Von Višegrad nach Heidelberg. Für den 14-Jährigen beginnt eine neue Zeit in einem anderen Land. Wegen dieses verdammten Krieges, der zuvor undenkbar erschien. Denn Religion spielte in Bosnien und Herzegowina praktisch keine Rolle, auch nicht in der Familie Stanišić. Der Vater bosnischer Serbe, die Mutter Muslimin. Nun plötzlich dient die Herkunft als Vorwand für Massaker und ethnische Vertreibungen.

Die Kriege, die mit dem Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien einher gingen, hat man hierzulande, im Schatten anderer Katastrophen, beinahe vergessen. Dabei ließen die Auseinandersetzungen auch im Ausland, nicht zuletzt in Berlin, Freundschaften und ganze Familien zerbrechen. Vor allem an den mit Genozid verbundenen Bosnien-Krieg erinnert nun gut 30 Jahre später das Berliner Ensemble.

Eine dieser Produktionen ist „Herkunft“ nach dem zum Teil autobiografischen Roman von Saša Stanišić. Ein Bestseller, für den der deutsch-bosnische Schriftsteller 2019 den Deutschen Buchpreis erhielt und der auch schnell den Weg auf deutschsprachige Bühnen fand. So ist Johannes Nöltings Bearbeitung für das BE nicht die erste Theaterfassung. Stas Zhyrkov hat das Stück im neuen Haus inszeniert. Der ukrainische Regisseur kennt Krieg und Heimatverlust aus eigener Erfahrung.


Besuch bei der dementen Großmutter


„Denk an die Quelle, wenn du das Wasser trinkst.“ Das ist eine der Weisheiten, die der heranwachsende Ich-Erzähler von seiner Oma zu hören bekommt, bei Besuchen in der alten Heimat. In Deutschland hat sich der Junge einigermaßen eingelebt, nun begegnet er der familiären Vergangenheit in Person der dementen Großmutter. Je weiter ihre Demenz fortschreitet, desto intensiver beginnt der Enkel Erinnerungen zu sammeln.

Der junge Mann mit den Zügen des Autors wird hier von einer erwachsenen Frau gespielt, der großartigen Darstellerin Marina Galic, die selber bosnische Wurzeln hat. Peter Moltzen, ein Mann mit Bart, verkörpert die Großmutter. Das sorgt für heitere Momente, die ja auch den Roman auszeichnen, zieht die Angelegenheit aber nie ins Lächerliche. Schon die Besetzung und diverse Rollenwechsel, Jannik Mühlenweg und Joyce Sanhá komplettieren das ausdrucksstarke Quartett, sorgen für den Verfremdungseffekt, der dem Bühnengeschehen Power verleiht. Ebenso wie die Bühne (Jan Henrik Neidert, Lorena Díaz Stephens), die einen Garten und einen Friedhof zeigt, bevor die Kulisse nach oben fährt und sich in eine Aral-Tankstelle im Heidelberger Problemstadtteil Emmertsgrund verwandelt, wo Jugendliche aus Einwandererfamilien abhängen.


Gedankenspiele über Heimatverlust


Gekonnt gibt Marina Galic den radebrechenden Jüngling, der seine Zuneigung zu einem Mädchen nicht in passende deutsche Worte fassen kann. Nicht in allen Momenten des zweistündigen Abends gelingt die Dramatisierung von Prosa so gut wie hier. Dass der in Leipzig geborene Schauspieler Peter Moltzen zwischendurch als Privatperson von seinem eigenen Verlust der Heimat, der DDR, berichtet, dürfte Menschen befremden, die statt gewaltloser Vereinigung wirklichen Ethnozid erfahren mussten.

Aber es eröffnet wichtige Fragen, über Herkunft und Identität. Wie weit muss oder darf man sich darauf besinnen, ohne andere Menschen auszugrenzen? Wer gehört dazu, wer nicht? Und wollen denn alle dazugehören? In Zeiten oft undifferenzierter Migrationsdebatten gewinnt „Herkunft“ quälende Aktualität.

Die derzeit angesetzten Vorstellungen sind leider ausverkauft. Restkarten eventuell an der Abendkasse des BE.


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2. Vaganten - Krieg kann jeden treffen

"Die Brücke von Mostar" in der Vagantenbühne © Matthias Horn

Auch die Vagantenbühne befasst sich mit Bosnien, allerdings unmittelbar mit den blutigen Ereignissen, mit denen niemand gerechnet hat. Die jungen Leute einer lebensfrohen Clique bezeichnen sich als „Mostarpoliten“. Ob Muslim, ob Katholik oder Serbisch-Orthodox, das spielt in der bosnischen Stadt Mostar keine Rolle bei der jungen Generation. Dann bricht der Krieg in diese Clique ein. Das Bombardement zerstört nicht nur die Jahrhunderte alte Brücke, die Stari Most über dem Fluss Neretva. Auch die Freundschaft von Mina und Mili, von Leila und Sasha erfährt eine brutale Belastungsprobe.

Nach dem Stück „Fliegende Eier von Sarajevo“ 2021, das im Januar erneut für eine Vorstellung auf dem Spielplan steht, ist über den Krieg auf dem Balkan und seine Folgen nun „Die Brücke von Mostar“ zu sehen, das Schauspiel des bosnisch-britischen Autors Igor Memic. In Kooperation mit dem Studiengang Schauspiel der Universität der Künste entstand eine straffe, aber packende Fassung.

Die Freunde in diesem Stück halten weiter zusammen, Mina und Milo leben in einer Beziehung, Leila zieht zu ihnen, weil ihre traditionsbewusste Mutter „so komisch“ geworden ist. Der Alltag gerät immer beschwerlicher, Lebensmittel werden Mangelware, der Besuch des Schwarzmarkts lebensgefährlich. Man feiert Silvester, mit Granaten statt Böllern im Hintergrund, will den Lebensmut bewahren.


Mitreißende junge Darsteller


Fabian Gerhardts
temporeiche Inszenierung versucht nicht, den historischen Konflikt zu erklären, obwohl die Musik wie auch Lars Georg Vogels Bühne und Requisiten ironisch die 1990er-Jahre zitieren. Man erlebt, wie der Krieg jeden treffen kann, selbst wenn man sich raushalten will. Normalos wie Mina (Sera Ahamfule), Mili (Louis Arturo Romeu Pena), Leila (Azaria Dowuona-Hammond) und Sasha (Pablo Moreno Pipino de Andrade), die ihre Geschichte mal dialogisch, mal mit Hilfe des Erzählers (Clemens Bobke) schildern.

Regisseur Gerhardt, der zuvor erfolgreich in der Neuköllner Oper „Tanatas Teeschale“ auf die Bühne brachte, auch da unter anderem bereits mit einer umwerfenden Azaria Dowuona-Hammond (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 510 vom 24. Februar 2025), beweist erneut einen guten Draht zu jungen Darstellern, alle fünf Studierende im vierten Jahrgang und mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln, wenn auch nicht vom Balkan. Man spürt: Sie wissen, was sie da spielen, in einer Mischung aus jugendlicher Coolness und Nachdenklichkeit.

Vagantenbühne, 23. und 26. Januar, am 24. Januar Doppelabend mit „Fliegende Eier von Sarajewo“. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Neuköllner Oper - Schuld und Sühne

"Der zweite Kirschgarten" in der Neuköllner Oper © Peter van Hessen

Der Kirschgarten in der Neuköllner Oper reduziert sich auf Kirschen im Glas. Außerdem ein paar Pflanzen im Terrarium. Mehr Garten ist nicht zu sehen in Philip Rubners karger Ausstattung für diese Uraufführung. Am Ende brennt der Garten auch noch ab. Obwohl er für die Familie doch so viel bedeutet: Wurzel, Zukunft, Zuflucht, Zuhause.

„Der zweite Kirschgarten“ von Wolfgang Böhmer (Musik) und Martin G. Berger (Text) ist eine sehr freie Adaption von Anton Tschechows gesellschaftskritischer Komödie „Der Kirschgarten“. Die meisten Figuren des 1903 uraufgeführten russischen Dramas tauchen auch in diesem Musical auf. Statt im untergehenden Zarenreich spielt das Musiktheater in der deutschen Gegenwart. Aber auch in der deutschen Vergangenheit.

Teils von weit her kommt die Familie zu einem Treffen angereist. Adoptivtochter Varja (Julia Klotz), die sich alleine um den Kirschgarten kümmert, weiß, dass mit einigen Mitgliedern der Sippschaft wahrlich nicht gut Kirschen essen ist. Vor allem nicht mit Onkel Gerald (Markus Schöttl), dem durchgeknallten Börsianer. Und noch weniger mit Andrea (Franziska Junge), der Mutter, der ja eigentlich alles gehört. So prallen die unterschiedlichsten Lebensentwürfe aufeinander bei diesem emotional aufgeladenen Treffen.


Verlegt ins postkoloniale Zeitalter


Andreas jüngster Sohn nahm sich an diesem Ort vor fünf Jahren das Leben. Die Mutter ertränkt den Schmerz über diesen Verlust in Piccolo und wird im Rausch gern mal aggressiv. Dass der Kirschgarten verkauft werden soll, um das marode Familienunternehmen zu retten, ist ihr nur schwer zu vermitteln. Es handelt sich bei dem Verkaufsobjekt zudem um den titelgebenden zweiten Kirschgarten. Der erste befand sich im heutigen Namibia, dem damaligen „Deutsch-Südwest“, gepflanzt vom Urgroßvater als Vertreter der Kolonialmacht.

Kein leichter Stoff für ein Musical. Wolfgang Böhmer, der das Haus seit Jahrzehnten mit seiner Musik begleitet, und Librettist Martin G. Berger sind ein Erfolgsduo. Aus Christa Wolfs berühmter Erzählung „Der geteilte Himmel“ machten sie vor drei Jahren ein preisgekröntes Musical. Der Komponist kann aus den verschiedensten Quellen schöpfen. Dem Sextett (Leitung: Magnus Loddgard/Julius Windisch) auf der Neuköllner Bühne liefert er komplexe Klänge mit Elementen aus Swing und Ragtime, Tango und Soul, aber auch Avantgarde, erinnert mal an Weill, mal an Strawinsky oder Piazzolla. So spannend diese Partitur erscheint, für die singenden Darstellerinnen und Darsteller stellt sie hörbar eine Herausforderung dar.

Ein großer Teil der Handlung spielt sich musikalisch ab. Trofimov (Samuel Franco), der ewige Student, propagiert nach dem gesungenen Motto „Nach vorne zurück“ neofeudales Gedankengut. Der Rechtspopulist bandelt mit Varjas Tochter Anja (Laura Goblirsch) an, der Geschichte und Politik völlig schnuppe sind, die sich vor allem um ihre Work-Life-Balance kümmert.


Überfrachtet mit politischer Korrektheit


Lopachin, bei Tschechow der zu Reichtum gekommene ehemalige Leibeigene, ist hier Lolo (Tina Ajala), das erwachsen gewordene Ziehkind mit dunkler Hautfarbe. Die junge Frau ersteigert Haus und Garten, um die Familie von der „kolonialen Schande“ zu erlösen. Als wenn das nicht reichen würde an politischer Korrektheit, mündet die Geschichte noch in eine queere Liaison Lolos mit ihrer schuldüberbewussten Pflegemutter, die für die Taten ihrer Vorfahren büßen will.

Gut, dass Alexandra Liedtkes flotte Regie nicht an Ironie spart. Sie hat schon in „Daddy Unplugged“ gezeigt, wie man schwere Kost wie den Verlust des Vaters leicht präsentieren kann (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 489 vom 16. September 2024). So auch hier: Im Verein mit Paul Blackmans Choreografie und dank großer Spielfreude gerät der postkoloniale Kirschgarten doch noch unterhaltsam. Es soll ja schließlich ein Musical sein.

Neuköllner Oper, bis 16.1. Hier geht’s zu den Karten.

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