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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 543

19. Januar 2026

HEUTE: 1. BERLINER ENSEMBLE – „TRANSIT“ / 2. SCHAUBÜHNE  „HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF“ / 3. DEUTSCHES THEATER – „EINE MINUTE DER MENSCHHEIT“ 

1. Berliner Ensemble - Liebe in Zeiten der Katastrophen

"Transit" im Berliner Ensemble © Silke Briel

Ein Steg ragt uns entgegen, abgeschlossen von einem Stahlgitter. Wir sind im Hafen von Marseille, vor einem Anleger für Schiffe, mit denen Nazi-Verfolgte sich 1943 noch retten können. Doch da braucht man Geld, Tickets, Pässe, Visa. Und hetzt unter Lebensangst durch die Bürokratie von Konsulaten vieler Länder. Aber die Zeit für Übersee-Passagen wird knapp, die Bedrohung wächst. Und immer näher rückt das Gitter.

Steg und Gitter – allein der klare Bühnenbau von Lara Scheuermann ist ein starkes, beklemmendes Zeichen: Der Kai als Ort des Wartens auf die Flucht, als Ort der Verheißung auf Freiheit. Und der Metallzaun als Signal dräuender Vergeblichkeit: Wer es nicht schafft, sitzt in der Falle, den Häschern ausgeliefert.

Anna Seghers biografisch grundierter Roman „Transit“ „von 1944 gilt als wohl beste Darstellung des Lebens und Leidens deutscher Emigranten. Er begründete den Weltruhm der Autorin. Und er ist vieles: Antifa- und Antikriegsroman, Polit-Thriller, Abenteuergeschichte – verwoben mit einer großen tragischen Lovestory, der feinnervigen Schilderung einer schicksalhaften Verstrickung von drei Menschen aus dem Rheinland. Da sind ein Arzt (Paul Herwig), ein Mann namens Seidler (Paul Zichner) und Marie (Kathleen Morgeneyer).

Beide sind verliebt in diese Frau, die jedoch an ihrem Ehemann hängt, den sie in den Wirren der Flucht aus den Augen verlor, in Marseille vermutet und dort verzweifelt sucht. Seidler wiederum erfuhr per Zufall, dass dieser Mann Selbstmord beging. Er übernahm dessen Ausreise-Visum, verschweigt jedoch seinen Tod aus liebender Rücksichtnahme. Marie will, in ehelicher Verantwortung und mit solidarischem Anstand, nicht ohne ihn auf ein rettendes Schiff. Sie wartet, sucht und verzögert dadurch immer wieder gefährlich ihre mögliche Ausreise sowie die der beiden Liebhaber, die das in rührender Nächstenliebe zunächst respektieren.


Präzise Regie. Starkes Spiel


Komplexe Konfliktlage; Gewissenszwänge, fiebriges Gefühls-Inferno – darauf konzentriert sich die Kompaktfassung, die Regisseurin Marie Schwesinger (aus dem löblichen WORX-BE-Nachwuchsprogramm) sowie Dramaturg Lukas Nowak aus den 400 Druckseiten meisterlich filterten. Ebenso gekonnt ist die Regie, die trotz (oder gerade wegen) der minimalistisch, doch präzise gesetzten Mittel für weit gespannte Assoziationen sorgt.

Dazu gehört freilich entsprechende Schauspielkunst. Im Mittelpunkt steht Marie, die Schwierige, die Kapriziöse: Energisch, verletzend; aber auch verletzlich, verführerisch. Zerrissen von Gefühlen und der Not schwerwiegender Verantwortung. Es ist etwas Irrlichterndes, Geheimnisvolles um sie.

Die Männer stehen ihr mit komplexen Charakterskizzen nicht nach. Seidler, der aus dem Nazi-Knast ausgebrochene Kommunist: geerdet, stark, großherzig. Der Mediziner: nervös, generös, wankend zwischen Fürsorge und vernünftiger Selbstbehauptung. Schließlich wird er eine Schiffspassage nach Mexiko nehmen. Marie kommt mit, lässt los – den (toten) Ehemann und Seidler. Der bleibt zurück. Von ihm erfahren wir die Katastrophe: Zwischen Dakar und Martinique wird der Dampfer von Minen versenkt.

Berliner Ensemble Neues Haus, 25. Februar. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Schaubühne - Panoptikum der Verstörten

"Hannah Zabrisky tritt nicht auf" in der Schaubühne © Gianmarco Bresadola

Supergau im Theater: Der Star des Hauses, Hauptdarstellerin Hannah Zabrisky (Jule Böwe), eine Berühmtheit mittleren Alters, schmeißt hin. Inmitten der Voraufführung von „Langsamer Tod“, einem aufdringlich avancierten Stück übers Dahinwelken einer Diva mittleren Alters, alleinlebend, kinderlos, ausgebrannt. Doch solcherart Schmarrn findet Hannah, noch immer scharf aufs Feuer, peinlich, diskriminierend und schon gar nicht auch nur irgendwie relevant angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt. Kleinkarierte Ichbezüglichkeiten, banale Psycho-Kunstkacke, derweil draußen „alles kaputt gemacht wird“. Hannah will einen anderen Text.

Doch erst mal macht sie den Flammenwerfer: Pfeift auf „Langsamer Tod“ und zieht vor Publikum eine höchst lebendige, radikal polit-aktivistische Impro-Show ab; aber auch das ist eigentlich platt (die böse Pointe). – Dennoch, das (fiktive) Publikum rast zwischen Bravo und Buh. Das Regieteam backstage hingegen verfällt in den nackten Wahnsinn. Doch Hannah Zabrisky in dunkelblau glitzernder Hollywood-Robe ist offensichtlich ganz bei sich selbst. Röhrt einen traurigen Popsong und zeigt allen den Stinkefinger.

So geht das Finale von Falk Richters Satire „Hannah Zabrisky tritt nicht auf“ über einen vehement zeitgeistig gespreizten, dabei vor Klischees nur so strotzenden Theaterbetrieb. Und über Altersdiskriminierung mit – Wow! –feministischem Schlussakkord. Doch bevor Schluss ist mit diesem Theater im Theater, wird in zwei kurzweiligen Stunden der flott bis ins absurde getriebene Probenalltag zelebriert. Es treten auf und vermengen sich alkoholgestützt mehr oder weniger intim: Ein in jeder Hinsicht impotenter Regisseur (Renato Schuch), seine unbefriedigte Liebhaberin (Ruth Rosenfeld), die hochmütige Dramatikerin (Alina Vimbai Strähler), ihr im Digitalen wie Realen erstaunlich bewandertes Liebchen (Pia Amofa Antwi) sowie Hannahs längst erkalteter, öde pragmatischer Ex und jetziger Bühnen-Partner als breitbeinig höhnender Lover (Kay Bartholomäus Schulze).


Explosive Wirren


Bei allem Durcheinander im Irrgarten aus Bühne, Hinterbühne, Garderobe, Hotelschlafzimmer (Nina Wetzel) kommt es zu explosiven Wirrnissen um hilflos berufliche Anstrengungen der Theatermacher (Kunst) und deren schmerzlich private Befindlichkeiten (Leben). Da keimen Fragen, ob man noch spiele oder schon Ernst mache. Da wuchern Redeschlachten über zerschossene Hoffnungen, marktkonforme Selbstoptimierung, Rationalisierung der Gefühle, Freiheit und Konformität gegenüber angesagten Regeln. Über Blockaden aus Angst vor freier Rede – eben über all das, was da in korrekt genormter Sprache so durchs weltweite Netz geistert.

Ganze Wolken aus Blasen soziokulturell gängiger Diskurse ziehen eloquent arrangiert vorüber. Füttern Selbstgerechtigkeit oder stürzen die Beteiligten von einer (Sinn-)Krise in die andere – menschlich und künstlerisch. Alles in allem: Ein Tsunami allgemeiner Entfremdung. Ein sehnsüchtiges Geschrei nach Authentizität (oder Identität). Nach Glaube, Liebe, Hoffnung. Nach Wahrhaftigkeit.

So paradiert unter Regie des Autors ein Panoptikum der Unglücklichen und Verstörten. Lauter mittelmäßige Egoshooter, gemästet mit Wokeness, ringend um Coolness. Nur eine, die findet nach reichlich Whisky endlich ihren Widerstand. Es ist die unvergleichliche, bockig lebenskluge, rotzig zarte, unsere Herzen streichelnde und stechende Jule Böwe, die Falk Richters erschreckend unterhaltsame Farce groß macht.

Schaubühne, diverse Termine bis 18. Februar. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Deutsches Theater - Zuviel Zucker für den Affen

"Eine Minute der Menschheit" © Eike Walkenhorst

 Verrückte Idee, eigentlich unmöglich, aber spannend: Nämlich statistisch zu erfassen, was die gesamte Menschheit in einer Minute so alles tut – sich antut. Alles von ganz schlimm und böse über gut bis wunderbar; von Gebären bis Sterben. Und das gebannt in Zahlen, Tabellen, Computern. Das wissenschaftliche Autorenduo Johnson und Johnson hats getan und in ihr Buch „Eine Minute der Menschheit“ gepackt, erschienen bei Moon Publishers.

Der grandiose polnische Science-Fiction-Autor Stanislaw Lem hat über dieses fiktive Statistik-Werk eine Rezension, einen satirisch-depressiven Essay verfasst; veröffentlicht 1983. Natürlich unter dem Titel „Eine Minute der Menschheit“. Eine teils amüsante, teils erschreckende Lektüre (im Netz ab 6,99 Euro).

Nun hat die Regisseurin Anita Vulesica gemeinsam mit der Dramaturgin Lily Busch aus den hundert Druckseiten dieser Besprechung eines Buchs, das, wie gesagt, nur im genialischen Hirn von Lem existiert, ein Theaterstück gebastelt.

Erst mal tolle Sache, denn Vulesica ist zuständig für aberwitzig abgründiges Entertainment. DT-Stammgäste erinnern sich gern an ihre Arbeiten mit Ionescos „Die kahle Sängerin“ (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 457 vom 13. November 2023) oder mit Perecs „Die Gehaltserhöhung“ (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 487 vom 24. Juni 2024). In diese Spezialstrecke passt Lem.

Seine beiden Bearbeiterinnen sind die Sache zunächst pfiffig angegangen: Mit einem „Literarischen Septett“! Mit sieben skurril angelegten Figuren unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die auf einem „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ aneinander geraten beim rezensorischen Durchblättern einzelner Kapitel des Johnson-Johnson-Skripts. – Darin geht es um Zukunftsprognosen, totale Technisierung, Vernichtung grundlegender Daseinsressourcen, um die großen und die kleinen privaten Kriege, um die massenhaft irrationalen und eher wenig rationalen Verhaltensmuster, ums Selbstzerstörerische und Selbsterhaltende.


Schmäh oder Trost


Man darf sagen: Die an ihrer Borniertheit, Verzweiflung, Hoffnung schier verrückt werdenden Kongress-Experten geben ein adäquates Menschheitsbild. Ohne rechte Antwort auf die alle bewegende Frage: Ist nun das Buch „Eine Minute…“ zynischer Schmäh oder doch irgendwie Trostgeber? Siegt da womöglich das nur mit Drogen aushaltbare Destruktive über das Erbauliche? Fehlt in der Gesetzlichkeit der Zahlen womöglich statistisch nicht Erfassbares wie Liebe, Solidarität, Schönheit, Kunst?

Prima Problemkatalog. Was jedoch davon bleibt ist vor allem die unglaubliche Menge Zucker, den die Regisseurin ihrem außer Rand und Band geratenen Affen hemmungslos verabreicht. Denn die atemlos übereinander herfallende Diskutanten-Meute rast wie besessen durcheinander auf ihrem Kongress. Keine feine Satire. Kein Schrecken. Stanislaw Lems aufregende Metaebenen versinken nahezu im Klamauk schweißtreibender Rederei. – Wenigstens wird zuweilen hübsch gesungen. Das immerhin sorgt für Momente zum Luftholen. Und Nachdenken.

Deutsches Theater 26. Januar, 1. und 17. Februar. Hier geht’s zu den Karten.


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Extra-Tipp: In Italien preisgekrönt, in Berlin wieder im Spielplan – „changes“
Noch kurz vor Weihnachten, am 15. Dezember, großer Bahnhof im Teatro Arena del Sole zu Bologna: Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier erhält für die Inszenierung des Zwei-Personen-Spiels „changes“ seiner Haus-Dramaturgin Maja Zade den Premio Ubu.
Gezeigt in Italien wurde das Stück (mit Anna Schudt und Jörg Hartmann) im Juni 2025 zur Theaterbiennale Venedig. Der Preis ist die wichtigste Theaterauszeichnung Italiens. Gratulation!

Schaubühne, diverse Termine bis 5. Februar. (mehr dazu in der Kulturvolk-Bühnenkritik 502 vom 16. Dezember 2024). Hier geht’s zu den Karten.

 

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