HEUTE: 1. MAXIM GORKI THEATER – „EAST SIDE STORY. A GERMAN JEWSICAL” / 2. VAGANTENBÜHNE – „DIE WELT VON HEUTE UND GESTERN“/ 3. Staatsoper – "Das Kalte Herz"
Sie erwarten einen langen Abend voller Schmerz? Schließlich geht es um jüdische Schicksale in Deutschland. Aber keine Angst. Man soll bitte alles nicht zu ernst nehmen. Ist doch nur Theater. Besser: ein Musical. Oder noch besser: ein „Jewsical“. Mit Gesang, Glitzer und Glamour, mit Step Dance und sonst allem, was eine Revue ausmacht, beginnt diese „East Side Story“ am Maxim Gorki Theater. Doch schnell verfliegt der schöne Schein. Die Drehbühne (studio dietrich&winter) gibt den Blick frei auf eine Trümmerlandschaft, auf Berlin, in diesem Fall das Ost-Berlin der Nachkriegsjahre. Auch die Seelen der Menschen, die in die halbzerstörte Wohnung wieder einziehen, liegen in Trümmern. Ein Ehepaar und ihre erwachsenen Töchter. Die jüdische Familie musste ihr Heim schon lange vor den Bombennächten zwangsweise verlassen. Nun finden sie hier zurück aus Versteck oder Lager. Die Nachbarn hatten sich an ihr Wegsein schon gewöhnt.
Eine jüdische Geschichte mit ostdeutscher DNA. Juri Sternburg, 1983 als Juri Langhoff geboren, hat sie aufgeschrieben. Mit Anknüpfungspunkten zum Leben seiner berühmten Theaterfamilie. Sternburg war zudem Mitautor des preisverwöhnten Fernseh-Mehrteilers „Die Zweiflers“, der die Generationskonflikte jüdischer Menschen im Frankfurter Bahnhofsviertel der Gegenwart lebensecht rüberbrachte. Ohne Klischees und fast ohne Folklore kommt auch jetzt die „East Side Story“ aus. Paul Eisenach, vielseitiger Komponist und Produzent, hat sich nicht an der Nachkriegszeit orientiert, sondern steuert mit Hilfe von Wenzel Krahs kleiner Live-Combo rasante Pop- und Rocksongs bei. Ein Hit beim Publikum und deshalb ziemlich ausverkauft ist diese Inszenierung von Lena Brasch, die sich am Gorki nicht zum ersten Mal mit jüdischer Identität, mit Nachkriegsgeschichte und den eigenen Wurzeln auseinandersetzt (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 511 vom 3. März 2025).
Wirtschaftswunder und Realsozialismus
Eine Richtungssuche nach dem Überleben. Zwischen Utopien, zwischen Wirtschaftswunder und Realsozialismus. Die eine Tochter, Gerda (Nairi Hadodo), träumt von Amerika, möchte zu ihrem Onkel nach New York ziehen. Ihre Schwester Renate (Sesede Terziyan) will die Welt, aber erst mal Deutschland ändern. Nicht nur ideologisch, auch als Frau fühlt sich Renate zur sowjetischen Kommissarin Kubalowa (Anastasia Gubareva) hingezogen, die wiederum die Einzige am Tisch ist, die am Freitagabend den hebräischen Segen sprechen kann. Weder die Mutter (Lindy Larsson) noch der nichtjüdische Vater (Edgar Eckert), der als Kommunist unter den Nazis eingesperrt war, haben mit der religiösen Tradition viel zu tun gehabt. Ständig zugegen ist Dora (Jasna Fritzi Bauer), die dritte Schwester, die den Kontakt ins Publikum sucht. Von der übrigen Familie wird sie kaum wahrgenommen. Man vermutet als Zuseher: Dora hat das Morden nicht überlebt.
Mit teilweise derbem Witz wird das alles erzählt, gerade wenn es um deutsche Vergangenheitsbewältigung geht, wobei Klara Deutschmann und Fridolin Sandmeyer als vorgebliche Mitläufer überzeugen. Trotz Überzeichnung und Groteske fühlt man mit den Beteiligten. Und das liegt neben dem Stück und der Regie vor allem an den teils prominenten Darstellerinnen und Darstellern, die am Gorki schon mehrfach ihre Fähigkeiten auf musikalischem Terrain unterstrichen haben.
Es geht auch ohne aufgesetzte Betroffenheit, ohne Gefühlsduselei. Selbst am Ende, wenn sich der Eindruck durchsetzt, dass Dora, die vermeintliche Untote, in Wahrheit und der furchtbaren Statistik gemäß die einzige Überlebende ist. Das zuvor Gesehene und Gehörte nur in Doras Kopf stattgefunden hat. Alles nur Theater, hieß es am Anfang der Show. Oder doch nicht?
Maxim Gorki Theater, 24. und 25. Februar. Hier geht’s zu den Karten.
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Ein Weltstar der Literatur beendete sein Leben im Paradies. Im brasilianischen Petropolis, letzte Station im Exil des Schriftstellers, nahm sich Stefan Zweig im Februar 1942 gemeinsam mit seiner Frau Lotte das Leben. Die Zerstörung seiner geistigen Heimat Europa, schrieb er im Abschiedsbrief, habe ihm keine andere Wahl gelassen.
„Die Welt von Gestern“, seine in den Jahren der Flucht vor den Nationalsozialisten verfassten Erinnerungen, erschienen postum. Eines der wichtigsten Werke deutschsprachiger Exilliteratur, das die Vagantenbühne nun als Schauspiel zeigt. Lars Georg Vogel, künstlerischer Leiter, entwickelte mit Dramaturgin Daniela Guse „Die Welt von Heute und Gestern“ als Zwei-Personen-Stück, das er selbst in Szene gesetzt hat.
Eine Frau und ein Mann, Victoria Findlay und Urs Stämpfli, in einem vollständig mit exotischen Kacheln ausgestatteten Raum (Bühne und Kostüm: Clara Wanke), in dem unzählige Manuskript-Seiten herumliegen. Es könnte sich bei dem sich liebenden Paar um Lotte und Stefan handeln. Doch immer wieder fallen die beiden Akteure sprichwörtlich aus der Rolle. Hinterfragen das Europa von Gestern, aber auch von Heute und Morgen. Was wurde aus der Wiege unserer Zivilisation? Ist letztere noch zu retten?
Der Stier dient als Butler
Zum poppigen Sounddesign von Fyn Robin Grajetzky entwickelt sich eine turbulent-bunte Performance, voller Symbolik. Ein Kontinent auf der Suche nach seinem Selbstverständnis. Ein Ort der Herrschaft des Patriarchats, der seine Entstehung einer Vergewaltigung verdankt, so jedenfalls der Mythos. Der Stier, auf dem Göttervater Zeus die phönizische Prinzessin entführen ließ, dient, als komisch kostümierte „kosmische Schöpfung“, als Butler des Paares.
Auch aus dem Leben des Großschriftstellers wird erzählt. Von der Eheschließung des von seiner Gattin getrennten Zweig mit seiner Sekretärin Charlotte Altmann, die er während der Flucht geheiratet hatte. Zweigs Roman ist ja auch ein Rückblick auf das eigene Leben. Persönliche Erinnerungen, die stellvertretend für eine Generation stehen. Aber hier geht es mehr um die inneren Gefahren, denen Europa gegenwärtig ausgesetzt ist. Die Mahnungen des Schriftstellers, oft unisono von Findlay und Stämpfli ins Mikro deklamiert, erscheinen aktuell.
Ein Kontinent wird zur Festung
Dass das Undenkbare wieder möglich werden würde, dafür werden rechtspopulistische Zitate herangezogen, von Meloni bis Höcke. Merkwürdig, dass die Bedrohung von außen in der momentanen Weltlage kaum in Betracht gezogen wird. Stattdessen erscheint Europa nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter. Weil es sich zur Festung ausbaut. Eine eindringliche Schilderung des Schicksals von Menschen, die auf einem Flüchtlingsboot dem Untergang entgegensehen, ist die Klimax dieses 80minütigen Kraftakts zweier fulminanter Darsteller.
Vagantenbühne, 27. und 28. Februar. Hier geht’s zu den Karten.
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Es war 2019 bei einem Spaziergang im Schwarzwald, auf der Suche nach Erholung von den Anstrengungen bei den Donaueschinger Musiktagen, da entdeckte Matthias Pintscher seine deutsche Seele wieder. Der international wirkende Dirigent und Komponist, seit Jahren in New York ansässig, stellte sich auf einmal Fragen nach sprachlicher Zugehörigkeit und Identität. Und begann sich mit einem Märchen zu beschäftigen, das im Schwarzwald spielt, in einer armen Köhlerfamilie. Daniel Barenboim, damals noch Generalmusikdirektor der Staatsoper, ermutigte Pintscher, „Das kalte Herz“ als seine vierte Oper zu vertonen. Nun hat er sie in Berlin zur Uraufführung gebracht, selbst am Pult der Staatskapelle stehend, die er schon viele Male dirigiert hat.
Ausgerechnet Wilhelm Hauffs Märchen von 1827: Die Defa-Verfilmung durch Paul Verhoeven von 1950 war nicht nur in der DDR ein Klassiker. Ein verspätetes Weihnachtsmärchen ist Pintschers Oper aber keinesfalls. Schon gar nicht für Kinder, die Altersempfehlung liegt bei 16+. Mit seinem Librettisten Daniel Arkadij Gerzenberg hat der Komponist einige zentrale Motive von Hauff übernommen. Sehnsucht und emotionale Distanz sind zeitlose Aspekte, überall auf der Welt. Peter sehnt sich nach einem anderen Leben. Dafür will er sein Herz opfern. Und damit seine Fähigkeit, zu fühlen.
Nicht Waldgeister wie Glasmännlein und Holländer-Michel sind hier auf Peters Herz aus, sondern die Frauen nehmen das Heft in die Hand, seine eigene Mutter sowie zwei übersinnliche Gestalten: Anubis, die Totengöttin aus dem alten Ägypten, dazu Azaël, der hier ebenfalls weibliche hebräische Wüstendämon, der einst mit dem Sündenbock die Verfehlungen des Volkes entgegennahm. Das Herz als Sühnegabe für die Sünden der Menschen, das erscheint wiederum christlich.
Musikalisch ein deutsches Märchen
Die Deutung bleibt offen, trotzdem versteht Matthias Pintscher seine Herzensangelegenheit als deutsche Märchenoper. Zumindest mit dem Orchester, mit dem der hörbar Wagner-affine Tonkünstler vertrauensvoll zu musizieren weiß, wird dies hörbar. Großflächige, nur selten disharmonische Klangmalerei, mit viel Feingefühl im Kleinen, bei den Glissandi der Streicher, den feinen Einschüben der Holzbläser und des Schlagwerks. Bedrohlich grummelnd und flirrend begegnet den Hörern der gar nicht so wunderschöne deutsche Wald. Blickfang in Adam Riggs Bühne sind zwei Dutzend Wolfskadaver, die vom Schnürboden herabhängen. So erscheint die Szenerie dramatischer, als die Handlung wirklich ist. Ein Manko der knapp zwei pausenlosen Stunden, zumal die Regie des US-Amerikaners James Darrah, der im Programmheft von „wunderschöner Ungewissheit“ dieser Oper schwärmt, auch nicht gerade Orientierung im Nebelwald verschafft.
Gewiss ist nur, dass der Komponist dem Gesang viel Raum lässt, wobei ihm wunderbare Stimmen zur Verfügung stehen: Der junge Bariton Samuel Hasselhorn als Peter, Sophia Burgos als seine Geliebte Klara, die formidable Mezzosopranistin Katarina Bradić verkörpert die Mutter, Rosie Aldrige die Anubis. Ein besonderes Erlebnis beschert uns Sunnyi Melles. Der Film- und Fernsehstar übernimmt als Azaël die einzige gesprochene Rolle der Oper, eng verbunden mit der Partitur. Dabei entwickelt die Schauspielerin eine faszinierende stimmliche Präsenz.
Staatsoper Unter den Linden, 20. und 23. Januar. Hier geht’s zu den Karten.
1. Gorki Jüdische Geschichte mit ostdeutscher DNA
2. Vaganten Europa als Opfer und Täter
3. Staatsoper Gib mir mein Herz zurück
1. Berliner Ensemble Zuhause in Erinnerungen
2. Vaganten Krieg kann jeden treffen
3. Neuköllner Oper Schuld und Sühne
1. Berliner Ensemble Herzrasen im Tollhaus
2. Komödie in Reinickendorf Raus aus der Kartoffel
3. Friedrichstadtpalast Glückshormone aus der Wundertüte
1. Komische Oper Dem Wahnsinn geschuldet
2. Schlosspark Theater Lizenz zum Flachwitz
3. Distel Gib Märchen keine Chance
1. Grips Alleinerziehende Kinder
2. Theater an der Parkaue Geschichte im Radio
3. Theater am Frankfurter Tor Rote Rosen bleiben ewig
1. Deutsches Theater Beeindruckend und beklemmend
2. Hans Otto Theater Bedrückend zeitlos
3. Maxim Gorki Theater Angenehm didaktisch