Heute: 1. Kulturvolk – Ausstellung "Schein und Sein in Theresienstadt" / 2. Berliner Ensemble – "Ein wenig Licht. Und diese Ruhe." / 3. Deutsches Theater – "Die Räuber"
Am 27. Januar jährt sich zum 81. Mal der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz.
Im Piscatorsaal, im Haus von Kulturvolk in der Ruhrstraße ist noch bis zum 16. März eine Ausstellung zu sehen, die sich unter dem Titel „Schein und Sein in Theresienstadt“ dem Leben und Leiden der dorthin Verschleppten widmet.
Initiiert hat das Projekt Klaus Wichmann, dessen Beschäftigung mit dem jiddischen und jüdischen Theater von 1887 bis 1941 im vergangenen Frühsommer in einer Open Air-Ausstellung ebenfalls im Kulturvolk-Garten zu sehen war (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 526 vom 16. Juni 2025).
Die aktuelle Schau besteht aus zwei Teilen:
Zeichnungen von Bedřich Fritta und Leo Haas, die in Theresienstadt inhaftiert waren. Fritta und Haas waren Maler, Zeichner und Karikaturisten, die, abkommandiert in den Zeichensaal der technischen Abteilung, Baupläne und Propagandamaterial für die Nazis anfertigen mussten.
Neben den offiziell angeforderten Zeichnungen konnten Fritta und Haas gemeinsam mit anderen Künstlern das Zeichenmaterial nutzen und schufen heimlich unzählige Zeichnungen, die sowohl das vorgegaukelte Bild als auch die in Wirklichkeit herrschenden unmenschlichen Zustände des Ghettos zeigen.
Die ausgestellten Zeichnungen berühren in ihrer Schlichtheit. Die meisten sind mit dem Kohlestift ausgeführt, sie zeigen zum Beispiel den Zeichensaal, eine Straße mit kleinen Läden, aber auch zusammengepferchte Männer in einer Baracke, Menschen, die nach Essensresten wühlen oder einen Todesmarsch.
Die Rettung der Bilder
Im Juli 1944 wurden die Maler vor bevorstehenden Verhören gewarnt, und es gelang, die Zeichnungen zu verstecken, teilweise einzumauern und so zu retten.
Sowohl Fritta als auch Haas wurden verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo Fritta ermordet wurde.
Leo Haas überlebte und wurde in der DDR ein gefeierter Zeichner, der jahrzehntelang für die satirische Zeitschrift „Eulenspiegel“arbeitete. Ebenfalls überlebte Frittas Sohn Tomáš, der 1944 drei Jahre alt war. Leo Haas und seine Frau Erna adoptierten Tomáš nach dem Krieg. David Haas, der Enkel Bedřich Frittas, ist seit vielen Jahren unermüdlich unterwegs, um die Geschichte seines Großvaters und der anderen mutigen Künstler nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Er ist auch Mitinitiator der Ausstellung.
Die Stadt „Als Ob“
An der gegenüberliegenden Wand vermitteln acht Bildtafeln in Selbstzeugnisen und Tagebuchaufzeichnungen ein vielschichtiges Bild vom Leben im Ghetto.
Erzählt wird unter anderem die Geschichte des Zimmers 28. Die jüdische Selbstverwaltung hatte beschlossen, sich besonders der Kinder anzunehmen, für bessere Verpflegung zu sorgen, aber vor allem zu versuchen, Menschlichkeit in den Kinderseelen zu bewahren und ihnen die Trennung von den Eltern zu erleichtern. Im „Zimmer 28“ kümmerten sich drei Frauen um die Mädchen zwischen 12 und vierzehn Jahren, die oft nur kurze Zeit diese „Insel im tobenden Meer“ bewohnen durften, bevor die meisten von ihnen deportiert und ermordet wurden.
Erzählt wird auch vom Besuch des Internationalen Roten Kreuzes 1944, den die Nazis wochenlang vorbereiteten, um der der Delegation einen „normalen“ Alltag in einer normalen Kleinstadt vorzugaukeln. Plötzlich gab es Spielplätze, Cafés, eine Bank und eine Post...
Die kleine Ausstellung zeigt, wie Menschen versuchten, sich unter unmenschlichsten Bedingungen ihre Würde zu bewahren. Wie Künstler ihre Fähigkeiten nutzten, um Zeugnis abzulegen. Und wie viele von ihnen dafür von den Nazis ermordet wurden.
Die Ausstellung ist von montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.
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Manchmal, nicht oft, passiert es im Theater, dass man, kaum hat die Vorstellung begonnen, weiß: das wird ein guter Abend.
Dieses Erlebnis hatte ich im Neuen Haus des Berliner Ensembles, als Gabriel Schneider die Bühne betrat und zu sprechen begann.
Ein junger schlanker Mensch, gekleidet in einen Overall, wie ihn Flieger tragen oder Mechaniker. Grau, aber nicht stumpf, sondern aus glitzernd durchwirktem Stoff. Weißes Hemd, schwarze glänzende Schuhe. Ordentlich gescheitelte Haare, gestutzter Dreitagebart. Lackierte Fingernägel.
Hinten eine Mauer, aus der Steine herausgebrochen sind, an einer Wand ein Bilderrahmen, im Raum verteilt Skulpturen, alles verhüllt. Quader, auf denen vielleicht mal Exponate standen. Ein fast leerer Wasserkanister. Die Szenerie real und surreal zugleich. Die vorherrschende Farbe Weiß konterkariert die Düsternis. Links steht ein Klavier (Bühne und Kostüm: Janina Kuhlmann).
Es könnte ein Keller sein oder ein Bunker, auch ein Museumsdepot, wo Kunstwerke lagern, um sie vor Kriegsschäden zu bewahren. Denn außerhalb dieses Raumes, das erfahren wir schnell, herrscht Krieg, Einschläge und und Detonationen sind hör- und spürbar.
Gabriel ist allein, ein Überlebender, der hier Schutz sucht.
Sprachlich brillant
Sibylle Berg blättert in „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.“ unsere Welt in ihrem ganzen beunruhigenden Ausmaß auf. Wie gewohnt macht sie das pointiert, mit Ironie, auch Sarkasmus, dabei sprachlich brillant.
Inspiriert zu diesem Text wurde Berg durch eine Arbeit des Fotografen Jeff Wall mit dem Titel „Fieldwork“. Das Foto zeigt ebenfalls eine ambivalente Szenerie: Anthropologen arbeiten in einem Wald unter einem teilweise zerborstenen Baum an einer Ausgrabungsstätte.
Dramaturg Lukas Nowak und Regisseur Dennis Nolden haben aus dem Text eine kluge Fassung gemacht. Wir werden mitgenommen in die Gedankenwelt eines Menschen, dessen Glaube an Technologie, wissenschaftlich begründete Fakten und gesunden Menschenverstand zerbröselt angesichts der umfassenden Zerstörung – nicht nur jenseits seines Rückzugsraumes, sondern auch in sich selbst.
Gabriel Schneider zieht uns in dieses Leben, das an einen Wende-, wenn nicht Endpunkt gelangt ist. Er glänzt in einem Wechsel-Spiel von Selbstsicherheit, Arroganz und Humor einerseits sowie tiefer Verzweiflung, Wut und Einsamkeit andererseits. Zwischendurch setzt er sich ans Klavier, spielt und singt. Das kann er auch.
Ein Gesamtkunstwerk
Schneider bleibt immer in direktem Kontakt mit dem Publikum. Wir sind sein Gegenüber, das er nicht aus den Augen, aus den Fängen lässt. Sind sein Gesprächspartner, auf dessen Reaktionen wiederum er reagiert. Er gestattet uns, mit ihm zu lachen, zwingt uns aber genauso, seine Traurigkeit zu teilen. Ist präzise, ohne technisch zu sein, ist berührend, ohne kitschig zu sein. Bleibt in dieser Balance und hält die Spannung über anderthalb Stunden.
Ein Gesamtkunstwerk aus Text, Regie, Bühne und Spiel. Ein Kraftakt, über den wir staunen.
Eine Sternstunde des Theaters.
Berliner Ensemble Neues Haus. Derzeit sind leider alle Vorstellungen ausverkauft.
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„Die Räuber“ von Friedrich Schiller – nach langer Zeit mal wieder auf dem Spielplan eines Berliner Theaters!
Wer das denkt und sich darauf freut, dem berühmtesten Stück des Sturm und Drang zu begegnen, die sprachgewaltigen klassischen und doch so zeitlosen Worte zu hören und auf der Bühne zum Leben erweckt zu sehen, wird an der Inszenierung von Claudia Bossard nur bedingt Freude haben.
Eine nahezu leere Bühne in weiß, auf halber Höhe des weit nach oben reichenden Rundhorizonts eine Lichtleiste, die immer mal wieder in verschiedenen Farben aufleuchtet, ein paar Stühle, ein Geländer. Ein riesiges knallgelbes Tuch hängt im Zentrum, darauf die Worte in Sütterlin „Reclam braucht keine Reklame“. Später wird sich noch eine übergroße Glocke auf das Geschehen hinabsenken (Bühne: Elisabeth Weiß, Kostüme: Andy Besuch).
Keine Reklame?
Vier laufende Kartons entern die Bühne. Diese sind genauso gelb wie das Tuch, unten gucken Menschenbeine raus, an der Seite und vorne sind Löcher für Arme und Köpfe gelassen. Bücher, Taschenbücher, Relam-Taschenbücher; der Schriftzug Friedrich Schiller, darunter der schwarze Balken, darunter „Die Räuber“ und ganz unten rechts, wo auf den Reclam-Taschenbüchern der Name des Verlags steht, ist „Reklame“ zu lesen.
In den Reclamheft-Atrappen, die mich an menschliche Werbeträger für Hamburger erinnerten, sich mir in ihrer Funktion ansonsten nicht erschlossen, stecken Andri Schenardi als Franz Moor, Janek Maudrich als Karl Moor, Mathilda Switala als Amalia und Moritz Kienemann als Spiegelberg und somit Vertreter der Räuberbande. Mehr ist von der Personage bei Schiller nicht übriggeblieben. Und von Schiller selbst auch nicht viel.
Freude am Übriggebliebenen
Wer das Stück nicht kennt, sitzt doch ziemlich ratlos im Parkett. Denn was sich in den zwei pausenlosen Stunden abspielt, gleicht einer Nummernrevue, auf deren Grundeinfall man sich allerdings auch nicht einigen konnte. Es geht irgendwie um alles, was so um uns herum und in der Welt geschieht. Und damit auch um nichts.
Die wenigen übriggebliebenen Originaltexte werden statisch in Monologen dargeboten – man genießt sie trotzdem –; es gibt keine Spielhandlung und demzufolge auch keine Figurenentwicklung. Dekonstruktion ist das Gebot der Stunde. Dieser Umgang mit klassischen Texten war vor zwanzig Jahren angesagt, wirkt heute aber vor allem bemüht.
Bewundernswert die vier Darsteller, die sich mit Spielfreude ins Geschehen stürzten und Figuren und Kostüme rasant wechselten.
In der Vorstellung, die ich sah, waren überdurchschnittlich viele junge Menschen um die 16 zu entdecken. Da Schiller immer noch auf dem Lehrplan im Deutschabitur steht (wenn auch künftig in leichter Spreche, wie kürzlich der ZEIT zu entnehmen war), hatten vermutlich ihre Lehrer sie zum Vorstellungsbesuch angeregt. Zu hoffen ist, dass sie sich mit dieser Inszenierung nicht von Schiller und nicht vom Theater abschrecken lassen.
Aber Theater ist zum Glück streitbar. Möglicherweise sehen Sie, liebe Kulturvolk-Bühnenkritik-Leser das ganz anders. Also lassen Sie sich nicht abschrecken und schauen Sie selbst!
Deutsches Theater, 9., 15. und 25. Februar. Hier geht’s zu den Karten.
1. In eigener Sache Gegen das Vergessen
2. Berliner Ensemble Gestrandet
3. Deutsches Theater Schiller zerkloppt
1. Berliner Ensemble Liebe in Zeiten der Katastrophen
2. Schaubühne Panoptikum der Verstörten
3. Deutsches Theater Zuviel Zucker für den Affen
1. Gorki Jüdische Geschichte mit ostdeutscher DNA
2. Vaganten Europa als Opfer und Täter
3. Staatsoper Gib mir mein Herz zurück
1. Berliner Ensemble Zuhause in Erinnerungen
2. Vaganten Krieg kann jeden treffen
3. Neuköllner Oper Schuld und Sühne
1. Berliner Ensemble Herzrasen im Tollhaus
2. Komödie in Reinickendorf Raus aus der Kartoffel
3. Friedrichstadtpalast Glückshormone aus der Wundertüte
1. Komische Oper Dem Wahnsinn geschuldet
2. Schlosspark Theater Lizenz zum Flachwitz
3. Distel Gib Märchen keine Chance