Heute: 1.Vagantenbühne – „Prima Facie“ / 2. Theater Strahl – „Rasen“ / 3. Volksbühne – „Irgendetwas ist passiert“
Prima facie kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „auf den ersten Blick“ oder „dem Anschein“ nach. Der Begriff findet sich vor allem in juristischen Zusammenhängen und beschreibt eine Situation, die scheinbar offensichtlich ist, aber eben auch täuschen kann.
„Prima Facie“ ist der Titel des Stücks von Suzie Miller, das seit seiner Uraufführung in Sydney 2019 Inszenierungen in vielen Ländern erlebte. In Berlin steht es derzeit auch in der Kammer des Deutschen Theaters auf dem Spielplan (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 449 vom 23. September 2023).
Neue Situation
In so eine scheinbar offensichtliche Lage gerät Tessa, eine junge Strafverteidigerin, die von ihrem Kanzleikollegen vergewaltigt wird. Die Vergewaltigung hat am Morgen in ihrer Wohnung stattgefunden.
Vorausgegangen ist diesem Morgen allerdings ein gemeinsam verbrachter Abend mit viel Alkohol und einvernehmlichem Sex. Tessa muss also beweisen, dass dieser Akt am Morgen in keiner Weise einvernehmlich war, dass sie Opfer ist, dass sie sich versucht hat zu wehren.
Die Situation vor Gericht ist für Tessa an sich nicht neu. Neu ist, dass sie in diesem Fall im Gericht auf der Zeugenbank sitzt und sich den suggestiven Fragen des Verteidigers stellen muss. Diese Rolle ist bis jetzt immer ihre gewesen; sie hat alles dafür getan, ihren jeweiligen Mandanten frei zu bekommen, hat dafür alle juristischen Möglichkeiten genutzt. Jetzt kann sie zum ersten Mal nachempfinden, wie sich die Frauen fühlten, die sie in früheren Verhandlungen befragt hat und gedemütigt hat, wenn es ihrer Sache bzw. der ihres Mandanten diente.
In der Regie von Bettina Rehm spielt Mirjam Smejkal die Tessa. Zu Beginn eine Frau voller Power. Schmaler Körper, mehr durchtrainiert als nur sportlich, ehrgeizig, eine workaholic. Wenn sie Anlauf nimmt und gegen die Seitenwände der Bühne anrennt, wenn sie dabei fast atemlos erzählt, wie sie die ihr übertragenen Fälle anpackt – und gewinnt, ist klar: Die weiß, was und wohin sie will. Einsam scheint sie zu sein. Dabei nicht unbedingt sympathisch.
Umso mehr Verständnis und Anteilnahme bekommt sie, je mehr wir in ihre Geschichte einsteigen. In die Abläufe des Abends und des Morgens danach, aber auch in das Leben dieser Frau, die, aus fast prekären Verhältnissen stammend, sich „hochgearbeitet“ hat. Nach Liebe sucht, nicht nur nach Anerkennung.
Starker Text, starkes Spiel
Lars Georg Vogels Bühne wird beherrscht von milchig durchscheinenden Plexiglasplatten, versetzt aufgehängt. Begriffe, wie Kreuzverhör, Forensische Untersuchung, Beweise der Anklage, Befragung werden darauf projiziert. Zwischen diesen Hindernissen, die auch Versteck sein können und gleichzeitig juristische Abläufe verdeutlichen, bewegt sich Tessa. Und wird dabei zu einer Frau, die verzweifelt gegen ein Rechtssystem kämpft, das sie bis jetzt verteidigt hat. Dessen Grenzen sie nun erkennt und dessen Gesetze, die von Männern gemacht wurden, sie jetzt in Frage stellt.
Der Text des Monologes ist stark, aber er bietet nicht gerade viele Spielmöglichkeiten. Um so sinnfälliger Szenen wie die, in der Mirjam Smeykal eine übergroße Daunendecke mit ausgebreiteten Armen hält. Schutz- und Kampfschild zugleich.
Vagantenbühne, 7. und 10. März, 29. und 30. April. Hier geht’s zu den Karten.
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Drei junge Menschen – sie tragen keine Namen, sondern reden sich gegenseitig nur mit M, A und S an – haben eine Dummheit gemacht, aus einer Laune heraus, aus Abenteuerlust, aus Frust, aus einem Gefühl des Nichts-wert-sein?
Möglicherweise aus all diesen Gründen. Was passiert ist, was sie getan haben, hat schreckliche Folgen: Ein Mensch ist tot. Erschlagen von einem Stein, der von einer Brücke auf die Autobahn geworfen wurde, die Windschutzscheibe eines PKW durchschlug, den Fahrer traf. Er verstarb noch am Unfallort.
Fragen, keine Antworten
Lisa Pottstock ist es mit „Rasen“ gelungen, in kurzen Dialogen, die in knappe Sätze gefasst sind, eine spannende Geschichte zu erzählen und dabei die Emotionen von Jugendlichen so einzufangen, dass diese sich wiederfinden und auch wir Erwachsenen ins Nachdenken kommen.
Auf der großen Bühne der Halle am Ostkreuz hat Marthe Labes dafür eine Bühne gebaut, die den Spielern einiges an Körperlichkeit abverlangt.
Zwei parallele Traversen aus Metall laufen schräg nach oben auf eine dritte zu, die beide auf einer Höhe von bestimmt drei Metern verbindet. Auf diesem Gerüst bewegen sich die Drei, klettern, balancieren, hangeln sich von Strebe zu Strebe, drohen abzustürzen, halten einander.
Bevor das artistisch-halsbrecherische Kletterspiel beginnt, das einem zwischendurch den Atem stocken lässt (Regie: Yeşim Nela Keim Schaub), bevor die Geschichte ihren Lauf nimmt, wenden sich die Schauspieler mit direkten Fragen an die jungen Zuschauer. Fragen, die sich drehen um miese Gefühle, um Angst vorm Versagen, um Panik vor allem möglichen. Darum, nicht gehört zu werden, nicht gefragt zu werden von Eltern, von Lehrern, danach, wie es ihnen eigentlich geht.
Lautstark auf der Bühne und im Zuschauerraum
In der Vorstellung, die ich sah, löste das Frage-Antwort-Spiel zu Beginn Unruhe aus. Verwunderte, aber auch zustimmende Reaktionen, die zeigten, dass die Fragen den Nerv der Zuschauer trafen und diese sich auch während der folgenden 60 Minuten mehr oder weniger laut mit dem, was sie auf der Bühnen sahen, auseinandersetzten.
Es ist ja eigentlich wunderbar, wenn Theater solche Reaktionen hervorruft, wird aber auch zur Herausforderung für die Schauspieler. Großes Kompliment deshalb an Daniel Petrenko, Sergen Meral und Leonie Popineck, die sich durch den Geräuschpegel im Saal überhaupt nicht beeindrucken ließen. Was um so erstaunlicher war, weil Leonie Popineck, die eigentlich Regieassistentin der Produktion ist, für die erkrankte Anja Kunzmann eingesprungen war und ihre Sache wirklich toll gemacht hat.
Mit Power setzten sich die Drei zwischendurch ans Schlagzeug, griffen zu Gitarre und Mikrofon, um ihr Spiel mit Punk zu unterstützen und sich damit viel lauter durchzusetzen.
Theater Strahl Halle am Ostkreuz, viele Vormittagstermine für Schulklassen im März und April. Eine Abendvorstellung am 20. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
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Der Schauspieler Fabian Hinrichs versammelt eine große, wahrscheinlich sehr große Fangemeinde hinter sich. Menschen, die ihn und seine Arbeit, die besonders mit dem 2024 verstorbenen René Pollesch erfolgreich war, Jahr für Jahr verfolgten und bewunderten.
Nun hat Hinrichs gemeinsam mit seiner Frau, der Psychotherapeutin Anne Hinrichs einen Abend konzipiert und dabei auch selbst Regie geführt: „Irgendetwas ist passiert“.
Ich saß in der bis auf den letzten Platz ausverkauften Volksbühne und fühlte mich inmitten der Fangemeinde so einsam wie selten im Theater.
Der eiserne Vorhang ist unten, dröhnende Bassklänge lassen die Zwechfelle erzittern, es dauert lange, bis Hinrichs durch die vordere Seitentür den Zuschauerraum und später die Bühne betritt. Trippelnd, kurze Jogginghosen, Laufschuhe. Aufgeregt, im Dialog mit Claudia, seiner Ehefrau. Schreiend. Anklagend, weil sie nicht kommt, oder nicht rechtzeitig kommt, oder nicht gewartet hat. Ein Paul spielt auch eine Rolle.
Wenn später der eiserne Vorhang hochgegangen ist, steht auf der Bühne ein Haus mit Keller, Erdgeschoss mit Küche und Bad, oben Schlafzimmer und Dachboden. Die Ebenen verschieben sich, manchmal ist der Keller weg, manchmal der Boden. Das Dach öffnet sich mal, dann senkt es sich wieder. Neben dem Haus ist noch ein Schuppen, der in rotes Licht getaucht ist, wenn die Bühnen sich gedreht hat. Davor ein Haufen Steine, in dem eine Schippe steckt.
Hinrichs bewegt sich in diesen Räumen und spricht. Über alles, was ihm so in den Sinn kommt, scheint es. Die aktuelle Weltlage, Ukraine-Krieg und Siedlungspolitik im Westjordanland; Ereignisse in der Vergangenheit wie den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 oder den Reaktorunfall in Fukushima im März 2009.
Und er spricht vor allem über sich, seine kaputte Ehe mit Claudia, über diesen Paul, sein irgendwie aus den Fugen geratenes Leben.
Das alles, indem er in diesem sich ständig verändernden Haus unterwegs ist, zwischendurch mal duscht, auch mal staubsaugt und und sich in der Küche ums Abendessen kümmert, wobei die Frage, ob Claudia einen eigenen Burrata bekommt ähnlich viel Raum einnimmt wie die Diskussion, ob die vorhandene Arbeitsplatte durch einen andere aus Naturstein ersetzt werden sollte.
Es geht also um ganz vieles und dabei dann eben um sehr weniges.
Ein Moment hat mich berührt: Wenn Hinrichs über Pollesch spricht. Wie sehr er ihm fehlt.
Ich war am Ende verwirrt und ratlos, während um mich herum tosender Applaus und Jubel die Volksbühne erfüllte. Irgendetwas war passiert.
Volksbühne, 15. und 26. April. Hier geht’s zu den Karten.
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1. Vaganten Gegen Männergesetze
2. Theater Strahl Erschwerte Bedingungen
3. Volksbühne Für Eingeweihte
1. Haus der Berliner Festspiele Tanzen ist Leben
2. Hans Otto Theater Irrungen und Wirrungen
3. Unsere Bibliothek in der Ruhrstraße Bücher: Fenster auch zur Theaterwelt
1. Berliner Ensemble Das Kollektive im Clinch mit dem Einzelnen
2. Schaubühne Zerrissene Herzen
3. Deutsches Theater Anekdoten aus deutscher Geschichte
1. Deutsche Oper Schlag nach bei Freud
2. Komische Oper Drama mit Blut und Wodka
3. Komödie im Ernst-Reuter-Saal Kleinkunst, ganz groß
1. In eigener Sache Gegen das Vergessen
2. Berliner Ensemble Gestrandet
3. Deutsches Theater Schiller zerkloppt
1. Berliner Ensemble Liebe in Zeiten der Katastrophen
2. Schaubühne Panoptikum der Verstörten
3. Deutsches Theater Zuviel Zucker für den Affen