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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 549

2. März 2026

HEUTE: 1. BERLINER ENSEMBLE – „KATHARINA THALBACH LIEST KÄSTNERS BERLIN“ / 2. HANS-OTTO-THEATER POTSDAM – „SERONTONIN“ / 3. BERLINER ENSEMBLE – „KINDER DER SONNE“

1. Berliner Ensemble - Radaunest-Leporello

"Katharina Thalbach liest: Kästners Berlin" im Berliner Ensemble © Gianmarco Bresadola

Ein „Fußtritt Fortunas“ gab den letzten Anstoß: Für den Umzug aus Leipzig nach Berlin, 1927, im Beethoven-Jahr. Da reimte Erich Kästner: „Du meine neunte letzte Sinfonie! / Komm wie ein Cello zwischen meine Knie…“ – Unverschämt, Frechheit, die Chefetage der Leipziger Neuen Zeitung tobte, Kästner verlor seinen Job als Redakteur und düste ab ins „Radaunest Berlin, den einzigen Ort Deutschlands, wo was los ist“.

Erste Unterkunft als möblierter Herr bei Frau Ratkowski, einer Witwe in der Prager Straße 17. Im August 1927, dicht am „Industriegebiet der Intelligenz“ rund um den Kudamm. Strategisch ideal für den Start in die Berliner Vorkriegs-Boheme. Für ein Start-up im Literaturbetrieb.

Kästners Vorsatz, da war er gerade 27: „Wenn ich 30 bin, soll man meinen Namen kennen. Bis 35 will ich anerkannt sein. Bis 40 ein bisschen berühmt. So ist mein Programm. Also muss es klappen.“

Es klappte sehr viel schneller: Mit 35 war der gebildete, wohlhabende Herr und Frauenverführer längst berühmt. Als vielseitiger Feuilletonist für erste Blätter (Tageblatt, Berliner Illustrirte, Vossische, Weltbühne). Als Dramatiker, Schreiber von Bestsellern („Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“, „Fabian“), als Texter fürs Kabarett und, natürlich immer wieder, Erfinder hintersinnig populärer Reimkunst („Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es.“).

Mit 35 war Erich Kästner aber auch ein verbrannter Autor (NS-Bücherfeuer 1933 auf dem Opernplatz). Ein zunehmend Verbotener, der sich mit anonym verfassten Arbeiten für die Unterhaltungsindustrie durchschlug. „Man lässt die Heimat nicht fort“, schrieb er im Rückblick. Und bleibt – unter Bomben – seiner „Busenfreundin“ treu. Erst nach Kriegsende ging er fort. Nach München.


Pralles Geschichten- und Geschichtsbuch


Ein Sachse in Berlin, der seine Stadt in seiner Zeit, ihr Schönes wie ihr Schrecklichstes, mit Beobachtungsgabe und Urteilskraft, mit tiefer Menschenkenntnis und politischer Klarsicht beschrieb. Kurz und bündig. Oder romanesk. Zusammen gesehen sind seine Arbeiten ein pralles, breit gefächertes Geschichten- und Geschichtsbuch. Ein packendes Sittengemälde. Da scheint im Vergangenen Heutiges auf. Und Immerwährendes. Allgemeinmenschliches.

Ein literarischer Schatz, den die Schauspielerin Katharina Thalbach mit aller Lust und aller Liebe hebt. – Kästner meinte gelegentlich, wolle man sein Schreiben sinnbildlich erfassen, ergäbe das „ein Gebinde wie aus Gänseblümchen, Orchideen, sauren Gurken, Schwertlilien, Makkaroni, Schnürsenkeln und Bleistiften“. Wir dürfen es an diesem Abend erleben; von Oliver Reese mit Präzision und Feingefühl eingerichtet, von Andreas Deinert kontrapunktiert mit Video-Montagen aus Archivmaterial.

Bestechend die Sprechkunst der Thalbach! Einem Kobold gleich, ganz in schwarz, hockt sie vor ihrem Tischlein mit Wasserkrug auf einem schönen, alten Holzdrehstuhl. So windet sie sich in die jeweils folgende der 27 stark unterschiedlich temperierten „Nummern“ dieses pittoresken Kästner-Leporellos. Ganz spielerisch. Das Gesagte oder via Video Gezeigte mit Körpereinsatz kommentierend. In ihrer dunkel gurrenden Stimme blitzt mal galliger, mal herzensfroher Schalk, glüht Empathie. Schwingt aber auch Bitterkeit, Entsetzen, Schmerz.

Denn es stimmt nicht ganz mit Kästners lustigem Kontrastgebinde. Die kluge Textfassung von Sibylle Baschung macht eben nicht Halt vor dem auch von E.K. mit eindringlicher Nüchternheit beschriebenen Grauen, das die Stadt, das Land, die Welt zerstörerisch befiel.

Wie kunstvoll zusammengefügt sind da die Gegensätze: Das Harte, Sarkastische, das Zarte, Lakonische; das Witzige und Melancholische. Was für ein komödiantisches Thalbach-Theater! Was für eine Berlin-Show! Was für ein Erlebnis! Standing ovations.

Berliner Ensemble. Die kommenden Vorstellungen sind leider bereits ausverkauft. Wir hoffen auf weitere Termine.


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2. Hans Otto Theater - Hörtheater-Show mit Zwischendurch-Bier

"Serotonin" im Hans Otto Theater © Thomas M. Jauk

Unterhaltsam, philosophisch, provokant, komisch und tief, mit genauer Sicht auf gegenwärtig gesellschaftliche Härten“.“ – Das treffliche Urteil des Schauspielers Guido Lambrecht über Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“, den er – erstaunliche Leistung! – Wort für Wort im Kopf hat und als eine Art Hörstück auf die Bühne bringt.

Der französische Literatur-Superstar, Goncourt-Preisträger und Bestseller-Autor lässt in der 2019 erschienenen Ich-Erzählung einen 46 Jahre alten Agraringenieur namens Labrouste sein von der Suche nach Trost und Glückseligkeit zerriebenes Leben resümieren. – Es ist der kühle, lakonisch gefärbte, zuweilen humorvolle und von Melancholie durchwehte Rückblick eines durchaus empathischen, doch immer wieder
beziehungsunfähigen Mannes. Eines Intellektuellen, gut situiert, gutaussehend, depressiv. Mit scharfem Blick auf eine von Gier und Unverstand an den Rand des Abgrunds getriebene Welt. Das alles – dazu Einsamkeit, innere Unruhe, dauernde Vergeblichkeit – ist kaum auszuhalten. Drogen und Sex helfen nicht weiter. Und Serotonin, das süße Glückshormon, hat längst den Geist aufgegeben.

Houellebecqs spannender, immer wieder sanft erregender Report einer so bizarren wie tieftraurigen Reise in den Suizid geht über 336 Druckseiten (bei DuMont, Übersetzung:
Stephan Kleiner). Für die Inszenierung seiner Bühnenfassung braucht Regisseur Sebastian Hartmann fünf Stunden. Der Schauspieler Guido Lambrecht bewältigt die Tortur ohne Versprecher, Hänger, Aussetzer. Und überwiegend gleichmütig, wie in sich gekehrt. In schneeweißem Overall, artig sitzend in einem schneeweißen Kasten, so dass er körperlich nahezu verschwindet im trüb-weißen Licht. Kein Psychotheater, eher eine Berichterstattung – wie leicht verträumt, der man, zur eigenen Überraschung, gebannt lauscht.

Ohne Pause; doch darf das Publikum jederzeit den Saal verlassen. Im Foyer sind Toiletten, wartet Gastronomie. Man kann sich’s bequem machen mit Getränken vorm Fernseher mit Live-Übertragung. Und dann wieder reingehen.


Gegen die dahinrasenden Zeitläufte


Zugegeben, eine exzentrische Veranstaltung; man hätte es gut auch in dreieinhalb bis vier Stunden geschafft. Hartmann aber wollte diese Herausforderung angesichts unserer dahin rasenden Zeitläufte. Eine gezielte Überforderung. – Die spezielle Sensation: Diese Hörtheater-Show wurde ausgezeichnet mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen im Mai. Eine Jury hat sie ausgewählt aus sage und schreibe 739 gesichteten Produktionen im deutschsprachigen Raum. – Ein Ruhmesblatt für den wagemutigen Regisseur und seinen spektakulären Protagonisten.

Übrigens, Sebastian Hartmann bekam heuer gleich noch eine Einladung zum TT, womit er zum Gewinner dieses Festivals avanciert: Mit seiner grotesk-komödiantischen Zuckmayer-Inszenierung „
Der Hauptmann von Köpenick“ im Staatstheater Cottbus. Ein wilder, hintersinniger Spaß; Dauer: 110 Minuten.
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Hans Otto Theater, diverse Termine bis 15. Mai. Karten direkt hier.


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3. Berliner Ensemble - Alles Asche

"Kinder der Sonne" im Berliner Ensemble © Gianmarco Bresadola

Ein Wald aus Straßenlampen, die kaltes Licht gießen über eine Wüste aus Schwarzasche. Es ist das Zuhause der Familie Fürst am Stadtrand von Berlin. – Ein derart apokalyptisches Bühnenbild von Daniel Roskamp stellt klar: Hier ist nichts gut und schön, sondern alles hässlich und kaputt. Ein Unort, ohne Sonne, zugewiesen der Typen-Sammlung in Jakob Noltes Neufassung „Kinder der Sonne“, dem Gorki-Stück aus dem Jahr 1905.

Nolte, Jahrgang 1988, nennt sein Werk „Klassiker-Kernsanierung“. Die freilich hat kaum noch zu tun mit Maxim Gorkis packender, von Tragik umflorter Durchleuchtung einer selbstsüchtigen, elitär entrückten, an sich und allem leidenden Intelligenzia im vorrevolutionären Russland.

Nolte sagt, Gorki habe seine Figuren mit Text überschüttet. Also macht er es – ganz cool – anders mit seinen Leuten von heute: Mit Reduktion. Da blitzen zwar gelegentlich sarkastische Pointen. Doch zur wirklichen Auseinandersetzung über drohende Daseinsgefährdungen, wie noch bei Gorki, die Nolte als geschwätzig abtut, dazu kommt es nicht. Man begnügt sich stichwortartig mit Ansagen gegenwärtiger Gott, Welt und Dasein betreffender Probleme. Von Mietwucher bis Klassenkampf, Rüstung, Fascho, Klimakrise wird querbeet allerhand angetippt von Noltes akademischem Randberlinertum, das längst abgerutscht ist ins Prekäre.


Das klasse Ensemble haut rein


Da sind Paul Fürst, das Familienoberhaupt (Marc Oliver Schulze), ein verschwiemelter Literaturprofessor, seine arg vernachlässigte Gattin Jelena (Pauline Knof), seine vom frühen Tod ihres Kindes traumatisierte Schwester Lisa (Lili Epply) und das vorlaut-freche Au-pair Antonia (Maeve Metelka). Dazwischen tummeln sich ein durchtriebener Künstler (Jannik Mühlenweg), ein verklemmter Tierarzt (Sebastian Zimmler), der dreiste, doch armselige Haushandwerker (Maximilian Diehle) sowie der bräsig unverschämte Hausvermieter (Oliver Kraushaar). Der grelle Farbtupfer im schwarzen Schnee: Melanija, eine unverfroren mannstolle Unternehmerin. Und die Einzige, die wirklich Geld hat (Bettina Hoppe). –  Man liebt ein bisschen aneinander vorbei, giftet sich an, schimpft, leckt Wunden; und so leiert der Abend über mehr als zwei Stunden dahin im Dreck der Drehbühne.

Zur Aufmunterung treiben der Autor und seine Regisseurin Laura Linnenbaum die ohnehin nur grob skizzierten Figuren gern mal in die Karikatur, und das formidable Ensemble haut entsprechend rein. Die profunde Durchleuchtung eines speziellen Milieus entfällt. Dafür schmettern Egomanin Melanija und Eheelend Jelena einen nach Testosteron schmachtenden Whitney-Houston-Hit ins Düstere der ausgestellten Endzeitstimmung.

Wie zur Entschuldigung – es ist doch nicht alles Asche! – und zugleich als erbaulichen Rausschmeißer reicht Pauline Knof als Jelena Fürst ein Statement nach, dass trotz allem die letzten 50 Jahre die wahrscheinlich besten gewesen wären in der Geschichte der Menschheit. Das Sammelsurium ihrer Fortschritts-Infos reicht von gesunkener Kindersterblichkeit bis zur Verbesserung des Artenschutzes. Und es klingt wie abgeschrieben aus dem Bericht einer UN-Organisation.

Berliner Ensemble Neues Haus 3. und 31. März. Hier geht’s zu den Karten.

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