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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 546

9. Februar 2026

HEUTE: 1. BERLINER ENSEMBLE „ANTIGONE“ / 2. SCHAUBÜHNE „SABOTAGE“ / 3. DEUTSCHES THEATER „HEIMSUCHUNG“

1. Berliner Ensemble - Das Kollektive im Clinch mit dem Einzelnen

"Antigone" im Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann

Welch Seltenheit: „Antigone“ von – und nicht nach Sophokles. Ungekürzt, ohne Fremdtexte. Aber mit Friedrich Hölderlin. Seine eigenwillige, kühne Übersetzung thront zwar stark, doch ein bisschen jenseits von Sophokles (Goethe spöttelte darob). Ein kostbar geformtes, in dunkle Tiefen wie ferne Höhen blitzendes Deutsch. Faszinierend, unheimlich. Nicht leicht zu sprechen. Nicht sofort zu verstehen; noch dazu, wenn hier alle Rollen dieses Familiendramas drei Personen zelebrieren: Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer, Jens Harzer.

Die heutzutage rar gewordene, mutige Ansicht des Regisseurs
Johan Simons ist: Im Mittelpunkt steht die Kunst der Sprache (auch deshalb Hölderlin, und nicht das eingängigere Deutsch von Schadewaldt). Der Text muss alles zeigen: Psychologisches, Einfühlung, die Wucht der Konflikte. Nachgeordnet sind Zusammenspiel, der eskalierende Sog der Tragödie.


Gesetzestreue kontra Menschenliebe


Wir sind im antiken Theben, 1230 v.Chr. Eteokles und Polyneikes, Söhne des Ödipus und Neffen von Kreon, fielen im Krieg um Erbfolge. Der triumphierende König Kreon lässt Eteokles, den Verteidiger Thebens, bestatten; verweigert jedoch Polyneikes, dem Angreifer, das Grab. Denn Kreon sieht sich als Chef der göttlich begründeten Polis und somit verpflichtet, bedingungslos die Staatsraison durchzusetzen. Die Geier sollen den Staatsfeind fressen.

Antigone, Schwester des gefallenen Verbrechers, widersetzt sich der staatserhaltenden Doktrin und bestattet Polyneikes. Sie erfüllt damit – entgegen dem ängstlichen Rat ihrer Schwester Ismene – die gleichfalls von Göttern gegebene Pflicht zur Grablege eines jeden Toten. Kreon verurteilt seine Nichte zum Tode. Schreckt schließlich doch zurück vo
r der fürchterlichen Vollstreckung durch lebendig Einmauern – zu spät. Antigone hat sich erhängt, Haimon, Sohn des Kreon, erhebt das Schwert gegen den Vater, scheitert und tötet sich selbst. Kreon, königliche Pflichterfüllung stramm durchgesetzt, sieht letztlich sich als Kindermörder und wird wahnsinnig.

Eine Auslöschung entsetzlicher Größe. Ausgelöst durch jeweils striktes Befolgen höherer, einander freilich widersprechender Gesetze: Das menschlich-familiäre der Grablege und das der gesellschaftlichen Ordnung. Also Rechtsstaat (Kreon: „Nie ist der Feind, auch wenn er tot ist, Freund.“) kontra Recht auf moralische Gesinnung des Ichs (Antigone: „Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“).


Bedrohliche Konfliktlage


Die Bühne, aufgerissen bis in den letzten Winkel, ein gähnend schwarzes Loch. Doch in der Mitte schwebt – genialer Einfall von Johannes Schütz – wie an seidenem Faden ein monströser, zitternder, gelegentlich sich drehender und mit weißem Papier bespannter Quader. Eine Art Pendel. Bedrohlich. Entsprechend der gefährlichen Konfliktlage! Gegen die sie vergeblich anrennen. Auf die alle verzweifelt einschlagen, dass die Papierfetzen nur so fliegen. Am Ende bleibt nur noch ein Gerüst, eine Leere zwischen Eisenstangen. Und die götterkritische Frage: „Was sind das für Gesetze, ich verstehe sie nicht.“

Es ist diese untragbare, von fernen Mächten gnadenlos auferlegte Schicksalslast, an der sich die seit Ödipus so Fluchbeladenen abarbeiten. Das Personal, hier auf das Trio Antigone (
Harzer), Ismene (Morgeneyer) und Kreon (Becker) konzentriert unter geschickter Einbindung von Nebenrollen, diese drei in lässiger Strandbekleidung (Kostüme: Kevin Piterse) irren da nun umher gleichsam als verstörte Kinder, uns das Untergangsdrama zu zeigen. Wie im Albtraum angstvoll schwitzend. Hängend zwischen Klage, Anklage, Trotz.


Allzu starke Sinnesart zeitigt Katastrophen


Sie können halt nicht anders. Göttliches Recht für Kreon und für Antigone. Und von beiden Seiten stur verfolgt. Endend in der Katastrophe. Durch „allzu starre Sinnesart“ gefangen und geschlagen.

Sie haben es gar zu weit getrieben“, sagt Hölderlin. – Und die Götter? Die Regie enthält sich da jeglicher Wertung, auch jedweder immerhin naheliegender politisch-allgegenwärtiger Anspielung. Auch das eine Herausforderung. Oder Zumutung.

Zum Schluss, Saallicht an, die Vorführung ist vorbei, da sitzen sie, geschlüpft aus ihren Figuren, an der Rampe erschöpft beieinander. „Du musst nichts wissen. Leben musst du“, sagt Morgeneyer in zaghaft liebendem Ton zur Becker, während Harzer seinen Kopf schmiegt zwischen beide. – O Götter, könnte womöglich das alte schlimme Spiel von neuem beginnen? Immer wieder?

Berliner Ensemble, 18. Februar und 8. März. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Schaubühne - Zerrissene Herzen

"Sabotage" in der Schaubühne © Ivan Kravtsov

Jona Lubnik, Filmemacher, hockt hilflos in einem Haufen Ikeamöbel-Einzelteile. Doch er kriegt die verdammten Sitzmöbel einfach nicht zusammen. – Große Slapstick-Nummer für Schaubühnenstar Dimitri Schaad als liebenswert nervöser Komiker im Outfit von – unverkennbar – Stadtneurotiker Woody Allen.

Schon das Vorspiel von
Yael Ronens neuem Stück „Sabotage“ signalisiert Komödie. Und setzt zugleich ein plakatives Sinnbild. Denn Jona sitzt nicht nur hier, im aufgeregten Berlin, das ihn längst schon mit antisemitischen Attacken bedrohte, „als deutsch-israelischer Jude mit ukrainisch-russischen Wurzeln“ zwischen sämtlichen (unverschraubbaren) Stühlen.

Aber auch sonst steckt der bis dato eher erfolglose Filmfritze in der Klemme. Midlifekrise, weil seit längerem arbeitslos. Und Ehekrise, weil seine Frau, Neurologin, beruflich stramm auf Spitzenpositionen zusteuert. Und obendrein natürlich die Verzweiflung angesichts geopolitischer Krisen, speziell der in Nahost. Wenn er mal nicht mit Freundin Chatty von der KI plaudert, nervt er seine Therapeutin Pia (
Eva Meckbach) mit gesammelten Depressionen. Er sollte sich Balsam verschaffen für sein „zerrissenes Herz“. Durch Handeln! Aber: Er sei eben nicht der „demonstrierende Typ“. Findet, existentielle Verzweiflung über den Zustand der Welt sei eher eine Indoor-Aktivität.


Unsere blinden Flecken


Da kommt ihm die Idee: Einen Film drehen über den israelischen Rechtsphilosophen Jeschajahu Leibowitz (1903-1994), der gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 seinen siegreichen Landsleuten lautstark ins Gewissen redete: „Die Besatzung wird enden mit Hass auf die Menschen, mit Grausamkeit und moralischem Verfall.“ Sein vernichtendes Verdikt: „Die Siedler sind Judäa-Nazis.“

Solcherart Ansagen will Lubnik mit seinem Film aller Welt und sonderlich den Deutschen ins Gesicht schleudern. Will ihren „blinden Fleck“ treffen: Kritik an Israel – auch nach dem infernalischen Angriff der Hamas 2023.

Doch Jonas‘ biodeutsch-blonde Gattin Gloria (
Caroline Haupt) findet das gar nicht gut. Befürchtet Antisemitismus-Vorwürfe und Karriereprobleme. Immerhin steht ihre Berufung an die Führungsspitze der Charité bevor.


Den Israel-Diskurs aufmischen


Was für ein Thema, das die 1976 in Jerusalem geborene und seit langen im Berlin arbeitende Autorin und Regisseurin Ronen da anfasst. Immer wieder sticht sie mit klarem Bewusstsein für akute Krisen mit viel Mut und geschliffenem Witz in „blinde Flecken“. Stellt hemmungslos Verdrängtes, Verlogenes, Abgründiges bloß, das da schwelt und wuchert in den prallen Lebensgeschichten ihrer Figuren. – Erschütternd in der Schaubühne: Ihre tieftraurige musikalisch-theatralische Reaktion „Bucket List“ auf die apokalyptischen Hamas-Massaker (mehr dazu in der Kulturvolk-Bühnenkritik 463 vom 8. Januar 2024).


Und jetzt Lubnik, unser Indoor-Aktivist „mit einem Oskar Schindler in der Seele“, der mittels einer arg umstrittenen Autoritätsperson wie Leibowitz den Israel-Diskurs aufmischen oder sabotieren will. Und, wer hätte es gedacht: Sein Film läuft sogar im TV; freilich zu sehr später Stunde. Doch, so die Erzählung, ohne eine Reaktion. Windstille!

Ronen ergeht es ähnlich. Weil: Sie bekommt keinen belastbaren Stuhl auf die Bühne. Ihre ungeheure, so brisant komplexe Geschichte verläppert sich im sarkastischen Geplänkel und Herumstochern im psychoanalytischen Gedöns, garniert mit allerhand Situationskomik. Zum Schluss fliegen Pia und Gloria Hals über Kopf und frisch verliebt weit weg nach Mexiko ins Glück. Jona Lubnik guckt in die Röhre. Ohne Liebe. Ohne Shitstorm. Aber mit Krise.

Schaubühne, diverse Termine bis 25. März. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Deutsches Theater - Anekdoten aus deutscher Geschichte

"Heimsuchung" im Deutschen Theater © Eike Walkenhorst

Sandhaufen, Bretter, Wasser, ein klappriger Mischer in einem Heer von Eimern markieren eine Dauerbaustelle in märkischer Einsamkeit – für ein hübsches Haus am Scharmützelsee.

In ihrem anno 2008 erschienenen, biografisch gefärbten Roman „
Heimsuchung“ erzählt Jenny Erpenbeck von den Schicksalen der Besitzer, Bauherren und Benutzer im Wechsel der Generationen und Zeiten. Das Refugium soll ihnen Heimstatt sein. Doch immer wieder stören die Heimsuchungen der Zeitläufte den frommen Wunsch; die kleinen, großen, die ganz großen Katastrophen.

Erpenbeck fügt sie – das ganze 20. Jahrhundert einschließend – zu einem überbordend detailreichen Menschen- und Geschichtspanorama. Kaiserzeit, Weimar, Faschismus, Emigration, Holocaust, Weltkrieg, kalter Krieg, deutsche Teilung, DDR, Wiedervereinigung sind Folien für eine Fülle weit verzweigter Geschichten vom Ankommen, Bleiben-Wollen, Fort-Müssen, Sterben. Deutschland und darüber hinaus gespiegelt im Idyll am See – das ist Abiturstoff, und wird derzeit von Volker Schlöndorff verfilmt.

Jetzt hat
Regisseur Alexander Eisenach den nicht wirklich theatertauglichen Stoff mit seinen unübersichtlich verschlungenen Erzählsträngen fürs DT adaptiert. Da rotiert in stoischem Gleichmaß die Baugerümpel-Drehbühne (Daniel Wollenzin) von ausgewählter Episode zu Episode, dem Kalender-Ablauf entsprechend. An der Rampe zwischen Eimern und Nebelschwaden wird berichtet, erklärt, kurz dialogisiert, doch kaum gespielt. Die Figuren bleiben Papier. Grobe Skizzen. Das 200-Seiten-Buch als lose Anekdotensammlung dahingeblättert. Drei Stunden Abi-Vorbereitung, gelegentlich mit Musik und Video untermalt; das immerhin.

Deutsches Theater, 13., 22. Februar, 25., 29. März. Hier geht’s zu den Karten.

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