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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 547

16. Februar 2026

Heute: 1. Haus der Berliner Festspiele – "Die Unsichtbaren" / 2. Hans Otto Theater Potsdam – "Die Physiker" / 3. In eigener Sache – Über unsere Bibliothek in der Ruhrstraße

1. Haus der Berliner Festspiele - Tanzen ist Leben

"Die Unsichtbaren" im Haus der Berliner Festspiele © Kiran West

Hand auf‘s Herz und nicht geschwindelt: Wer kennt den Tänzer Alexander von Swaine (1905-1990)? Er galt als einer der herausragenden deutschen Tänzer seiner Zeit. Gegen seine Interpretation von Claude Debussys „Nachmittag eines Fauns“ habe Vaclav Nijinsky ausgesehen wie ein braver Schuljunge, schrieb die Presse damals.

Für
John Neumeier war auch sein Lebensweg Anregung, das Stück „Die Unsichtbaren“ für das Bundesjugendballett zu inszenieren. In einem Interview sagte er: „Als ich anfing, für ,Die Unsichtbaren‘ zu recherchieren, war es ganz furchtbar, neu zu erfahren, dass ein bedeutender Tänzer wie Alexander von Swaine, den man in Deutschland sogar mit Nijinsky verglichen hatte und der als schwuler Tänzer im Gefängnis war, meine Arbeit kannte! Von Swaine wusste von mir durch Lisa Czóbel, eine Tänzerin, die auch emigriert war, aber später nach Hamburg zurückkam. Sie hat ihm von meiner Arbeit nach Mexiko berichtet, und er schrieb in seinen fast letzten Briefen auch über mich. Ich habe von Swaine nie kennengelernt. Es macht mich sehr traurig, dass ich diesen Kontakt nicht gesucht habe, dass ich das übersehen habe. Nicht zuletzt deshalb ist er für mich persönlich ein ,Unsichtbarer‘.“

Aber nicht nur er tritt auf in den „Unsichtbaren“, sondern auch
Palucca, die zeitweise als „Die deutscheste Tänzerin“ galt, oder Harald Kreutzberg, der zeitlebens international als „Der größte Tänzer der Welt“ angekündigt wurde. Auch der Gründervater des Ausdruckstanzes Rudolf von Laban und „Der rote Tänzer“ Jean Weidt sind zu erleben. Protagonistin des Werkes ist die „Führerin des deutschen Tanzes“ Mary Wigman. Ihre Schuld oder Verantwortung im Nationalsozialismus wird stellvertretend in diesem Werk verhandelt.

Das Stück, John Neumeier hat es „Eine Tanz-Collage“ untertitelt, thematisiert die Anfänge des modernen Tanzes ebenso wie die anschließende Ausgrenzung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung derjenigen, die jüdisch, schwul oder künstlerisch und politisch missliebig waren. Junge Musiker*innen, Schauspieler*innen und Tänzer*innen präsentieren vereint diese Geschichte.

Doch das Werk bleibt nicht in der Vergangenheit verhaftet. John Neumeier lässt die jungen Tänzerinnen und Tänzer in unser Heute tanzen. Das Ende dieses Werkes macht Mut, weil es zeigt, dass man sich an finstere Zeiten erinnern muss, um stets auf der Hut zu sein, um gegen jegliche Art von Terror gewappnet zu sein.

Die Akademie der Künste präsentiert diese Aufführung im Rahmen der Veranstaltungsreihe
„Die Unsichtbaren – Aufbruch, Unterbrechung und Weitergabe im Tanz“. Sie erinnert damit an die Ausdruckstanzbewegung der 1920er- und 1930er-Jahre und zeigt auf, wie prägend die Protagonist*innen des Ausdruckstanzes für die Nachfolgenden im Tanz waren. Die Vorstellungen im Haus der Berliner Festspiele bilden den Abschluss dieser Veranstaltungsreihe.

Vor der zweiten Vorstellung am 5. März 2026 ist ein Podiums-Gespräch mit John Neumeier geplant.

Transparenz-Klausel: Der Autor war an der Entstehung des Werkes als wissenschaftlicher Berater und dramaturgischer Mitarbeiter beteiligt.

Haus der Berliner Festspiele, 4. und 5. März 2026. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Hans Otto Theater - Irrungen und Wirrungen

"Die Physiker" im Hans Otto Theater © Thomas M. Jauk

Wie so oft im Leben ist vieles eine Frage der Perspektive. So auch in Friedrich Dürrenmatts Drama „Die Physiker“. Und dass dies so ist, wird einem sofort in der Inszenierung am Hans-Otto-Theater durch das Bühnenbild von Galya Solodovnikova vor Augen geführt. Der Bühnenraum verjüngt sich perspektivisch nach hinten und scheint sich ins Unendliche gehend zu wiederholen. Ist das Täuschung oder Wahn? Eine grandiose Idee. In diesen Räumen und auch in ihren Zwischenräumen wird nun gespielt. Worum geht es? Um Physiker. So weit, so klar. Doch hat die Geschichte mehrere Böden:

„Der Physiker Johann Wilhelm Möbius lebt zusammen mit Isaac Newton und Albert Einstein in einer psychiatrischen Klinik – zumindest behaupten sie, Newton und Einstein zu sein, während Möbius seinerseits nur vorgibt, verrückt zu sein.“ So die vom Theater veröffentlichte Ausgangslage. Doch gleich zu Beginn ermordet Einstein (Henning Strübbe) seine Krankenschwester. Wer sich hier an Edgar-Wallace-Verfilmungen oder Alfred Hitchcocks Werke erinnert fühlt, liegt genau richtig.

Die Leiterin der Anstalt „Les Cerisiers“ Doktor Mathilde von Zahnd (Mascha Schneider) hat sich für solch‘ Verhalten, das nicht zum ersten Mal passiert, eine Art Verständnis zugelegt. Immerhin leitet sie eine Irrenanstalt. Vorher hatte schon Newton (Kristin Mutwill) ebenso gehandelt. Aufzuklären ist also nichts. Trotzdem: die Sache muss geklärt werden. Kriminalinspektor Richard Voss (Philipp Mauritz) trifft ein in einer irren Parallelwelt, die ihm selbst heftig zu schaffen macht. Er gebiert sich mit viel Sprachwitz und Slapstick so außer Rand und Band, dass man meinen könnte, nun sei auch er verrückt geworden. Dass Möbius (René Schwittay) seinerseits seine Krankenschwester ebenso ermordet, ist in dieser „grotesken Komödie“ geradezu folgerichtig.

Auf dieser Ebene könnte es heiter weitergehen, wenn nicht Dürrenmatt 1961 eigentlich den fragilen Weltfrieden vor Augen hatte, denn kurz nach dem Mauerbau in Berlin und mitten im Kalten Krieg schien es nur zu wahrscheinlich, dass einem der Verantwortlichen der damaligen „Supermächte“ die Nerven durchgehen und ein Atomkrieg beginnen könnte. Als gegenseitige Abschreckung funktionierte einzig die Gleichverteilung von Wissen und Waffenpotenzialen und die daraus resultierende Erkenntnis: Wer als erster schießt, stirbt als zweiter. Wissensvorsprung auf einer Seite hätte also tatsächlich das Ende dieser Welt bedeuten können.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich im Laufe der Handlung herausstellt, dass die vermeintlichen Irren Einstein und Newton Geheimagenten rivalisierender Mächte sind, die darauf aus sind, sich die Forschungsergebnisse des Wissenschaftlers Möbius anzueignen. Denn Möbius hat die „Weltformel“ gefunden oder erfunden. Um diese vor Missbrauch zu schützen, hatte er die grandiose Idee, sich in einer Irrenanstalt zu verstecken.
Doch die Agenten kommen zu spät, denn Möbius hatte dies vorausahnend bereits seine Manuskripte vernichtet. Die drei Delinquenten – Einstein, Newton und Möbius – werden abgeführt. Aber das hilft am Ende nichts mehr, denn die machtbesessene Anstaltsleiterin hat sich längst in den Besitz von Kopien der Forschungsergebnisse gebracht.

Diese aberwitzige
Story um Betrug und Mord, um Spionage und Verrat, um Weltwissen und Weltgewissen hat Andreas Merz so geschickt inszeniert, dass bei aller Untergangsthematik der Humor nicht auf der Strecke bleibt. Und genau so hatte es sich Dürrenmatt wohl auch gedacht. Lachen sollten die Leute. Aber die Gefahren, die sollten sie auch erkennen!

Dass diese Themen auf beklemmende Weise aktuell sind, das erkennt man ohne Wenn und Aber. Es muss dem Stück nicht aufgepfropft werden. Unser nächster „Krieg“ wird wegen oder gegen oder aber schon von der Künstlichen Intelligenz selbst geführt werden. Schlimmstenfalls gegen uns, ihre Erfinder. Keine schöne Perspektive.

Hans Otto Theater Potsdam, diverse Termine bis 22. April. Hier geht’s zu den Karten.

 

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3. Unsere Bibliothek in der Ruhrstraße - Bücher: Fenster auch zur Theaterwelt

Die Bibliothek im Haus von Kulturvolk © Ralf Stabel
Die Bibliothek im Haus von Kulturvolk © Ralf Stabel

Wenn man die Homepage des „Kulturvolks“ durchstöbert, erhält man viele hilfreiche Informationen und Hinweise. Einem Hinweis, der mich schon lange neugierig gemacht hatte, bin ich nun nachgegangen und habe unsere Bibliothek in der Ruhrstraße besucht.

"Bücher sind eine höchst ergötzliche Gesellschaft. Wenn man einen Raum mit vielen Büchern betritt – man braucht sie gar nicht zur Hand zu nehmen – ist es, als würden sie zu einem sprechen, einen willkommen heißen“, wird William E. Gladstone uf unserer Homepage zitiert.

Und tatsächlich ist es so. Wenn man den Raum mit der gemütlichen Lese-Ecke und de
m großen, zum Arbeiten einladenden Konferenztisch betritt und gegenüberliegend die beeindruckende Schrankwand mit all den Büchern sieht, möchte man sich für länger einquartieren.

Tritt man an die Bücherwand heran, findet man
Werke von Aischylos bis Zuckmayer. Selbstverständlich sind Shakespeare, Goethe und Schiller vertreten, Bände zur Theatergeschichte, Schauspielführer, Bertolt Brechts sämtliche Veröffentlichungen zu seinem Theater und und und. Ein Kleinod ist „Das goldene Buch des Theaters“ von 1902 mit Beiträgen zur Theater- und Schauspielkunst und zur Dramaturgie. Auch das Buch von Joseph Wulf über „Theater und Film im Dritten Reich“ ist vorhanden. Aber selbstverständlich auch Literatur zu Oper und Operette, Tanz und Ballett.

„Einen äußerst spannenden Eindruck in die Welt des Musiktheaters“, heißt es, „gibt zudem die Sammlung Henry Oehlers, die durch dessen Regiebücher aus den Zwanziger Jahren viele Klavierpartituren und große Operntexte bündelt.“

Auch in
Denis Diderots „Paradox über den Schauspieler“ könnte man lesen und erfahren, dass der darstellende Künstler in ein und derselben Person sowohl Produzent und Produktionsmittel als auch das Produkt seiner Kunst ist – und dass das seine Kunst von den anderen Künsten unterscheidet. Verfasst am Ende des 18. Jahrhunderts und immer noch hoch aktuell.

Jeder und jedem fiele je nach Lese-Erfahrung und Erwartungshaltung etwas anderes ins Auge und dann in die Hand. Man kommt auf jeden Fall klüger aus dieser Bibliothek heraus, als man hineingegangen ist. Der Bestand ist selbstverständlich alphabetisch verzeichnet. Ich wünsche kurzweilige Lektüre!

Durch die Fusionierung mit dem Berliner Theater-Club bedingt, wird die Bibliothek momentan auch als Büro genutzt, aber das steht einer Nutzung als Präsenzbibliothek durch interessierte Leserinnen und Leser nicht im Wege. Eine telefonische Anmeldung unter 030 86 00 93 51 ist allerdings notwendig.

Und wer nun schon einmal in der Ruhrstraße ist, könnte auch gleich bei den freundlichen und kompetenten Damen im Service persönlich die eine oder andere Karte bestellen.

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