HEUTE: 1. DEUTSCHE OPER BERLIN – „L’ITALIANA IN ALGERI” / 2. STAATSOPER UNTER DEN LINDEN – „DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN“ / 3. HANS OTTO THEATER POTSDAM – „KLEINER MANN, WAS NUN?“
Fiesta Mexicana in der Deutschen Oper Berlin: Rolando Villazón, der einstige Star-Tenor, verlegt als Regisseur „L’Italiana in Algeri“ aus dem Mittelmeerraum in seine mexikanische Heimat. Das Sujet der komischen Türkenoper, dessen sich der 21-jährige Gioacchino Rossini 1813 in Venedig bei seinem Durchbruch als Komponist bediente, verschmäht Villazón. Muslime als Witzfiguren hält er nicht für zeitgemäß, selbst wenn das orientalische Kostüm schon seit Molieres „Bürger als Edelmann“ beliebtes Mittel war, um den eigenen Adel und Klerus zu verspotten. Der Regisseur greift mitunter direkt in den Text ein. Auch das Bild der Frau in Angelo Anellis Libretto gilt als überholt, besonders, wenn die Premiere von Villazóns dritter Regiearbeit an der Bismarckstraße genau auf den Weltfrauentag fällt. Einige stumme weibliche Rollen wurden eigens hinzufügt.
Das Einmalige an der Inszenierung ist die Besinnung auf „Lucha libre“, die mexikanische Variante des Kampfschausports Wrestling. Hier gelingt es, dieses Spektakel mit seinen Masken und bunten Kostümen auf der Bühne von Harald Thor stilecht mit der Opernkomödie zu verbinden, indem der Regisseur mit Rossini in den Ring steigt. Unterstützt von echten Kämpfern, die mitunter auf die Seile klettern und mit großem Rumms auf den Brettern landen. Mustafá, genannt der „Bey“, ist hier nicht Herr übers Serail, sondern ein ehemaliger Champion. Mit Hilfe des mafiosen Haly hat er sämtliche Muckibuden seines „algerischen Viertels“ an sich gerissen und so ein Sport-Imperium aufgebaut. Seinen Konkurrenten Lindoro aus dem „italienischen Viertel“ zwang er durch ein Duell in seine Gewalt, er muss nun für ihn in einem Taco-Imbiss kellnern.
Isabella, die sich ihren Lindoro wiederwünscht, macht ihren Mann dort ausfindig, in Begleitung ihres heimlichen Verehrers Taddeo. Sofort richtet der testosterongesteuerte Mustafá ein Auge auf die hübsche Italienerin. Ohnehin ist er seiner Gattin Elvira überdrüssig und will diese ausgerechnet mit seinem Sklaven Lindoro verkuppeln. Schnell mischt Isabella den Laden mächtig auf, mit ihrer Attraktivität, aber mehr mit List und Kampfkraft, und Mustafá, der zuvor auf „dicke Hose“ machte, wird bald zum Jämmerling.
Am meisten zählt der Lacher
Das ist alles mit atemlosem Tempo in Szene gesetzt. Ein Feuerwerk an Gags, das bei der Premiere für kreischenden Jubel sorgt wie bei einem Sport-Event. Großartige Sängerdarstellerinnen und -darsteller hat die Deutsche Oper hier zur Verfügung. In der Titelpartie, eine Rolle für Mezzosopran, die momentan heiß gehandelte Nadezhda Karyazina, die ebenso beeindruckende Präsenz hinterlässt wie der venezianische Bariton Tommaso Barea als Mustafá und bei seinem Hausdebüt der junge US-amerikanische Tenor Jonah Hoskins als Spargeltarzan Lindoro. Selbst die begeisternden Koloraturen werden fast parodistisch überzogen. Den komischen Vogel schießt der voluminöse Buffo Misha Kiria ab als unglücklich liebender Taddeo. Dirigent Alessandro De Marchi, der bei den absichtlich chaotischen Ensemble-Szenen im Wrestling-Studio aufpassen muss, dass er nicht selber in den Seilen hängt, macht mit dem Orchester der Deutschen Oper das Spiel der Überzeichnungen mit. Sogar das Hammerklavier des Basso Continuo greift manchmal mit Absicht daneben. Was am meisten zählt, sind Lacher.
So erscheint die Aufführung manchmal in dieser Hinsicht ein bisschen überwürzt. Wie der Tabasco, den Isabella auf Mustafás Taco schüttet. Der schärfste Rossini seit langem hat aber alle Chancen, ein Publikumserfolg zu werden.
Deutsche Oper, 14., 20., 28. März; 2. April. Hier geht’s zu den Karten.
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Bring mir bloß kein Tier ins Haus. Die Warnung seiner Gattin hat der Förster in den Wind geschlagen. Einer jungen Füchsin im Wald konnte er nicht widerstehen. Sie sollte Spielkameradin seiner Kinder werden. Doch das Füchslein Schlaukopf versteht sich besser mit dem Haushund, träumt von der Freiheit, erst recht, als die Försterin Übles mit ihm plant. So türmt es zurück in die Natur.
„Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček ist vielleicht die tierreichste Oper der Musikgeschichte. Es kreucht und fleucht, wohin man hört und schaut. Vom Fuchs über die Hühnerschar bis zu Fröschen, Schnecken und Mücken. Der Komponist hegte eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Gleichwohl ist sein Dreiakter keine romantische Verklärung. Der Text, den der Tonkünstler selber nach einer Novelle von Rudolf Těsnohlídek verfasste, basiert auf einer bebilderten Fortsetzungsgeschichte. Eine Fabel, die mehr über die Menschen als über die Tiere aussagt. An einen Comicstrip erinnert nun auch die Erzählweise des amerikanischen Regisseurs Ted Huffman bei seinem Debüt an der Staatsoper. Die Geschichte dreht sich um unser Verhältnis zur Natur, um das Animalische im Menschen, sie ist aber nicht zuletzt auch Gesellschaftssatire.
So wird das tierische Gewand nur angedeutet (Kostüme: Astrid Klein). Grün ist nur der Samtvorhang, der sich immer wieder hebt und senkt, um die verschiedenen Ebenen der Erzählung zu markieren. Fast klinisch weiß erscheint Nadja Sofie Ellers Bühne, die Spiel- und Denkräume eröffnen soll. Der Humor kommt dabei nicht zu kurz. Anna Samuil als der Hühnerschar vorstehender eitler Gockel, erinnert nicht nur von der eigenwilligen Frisur her an einen aktuellen Präsidenten. Das Dilemma, dass es keinen richtigen Spannungsbogen gibt, der die vielen parallellaufenden Handlungen zusammenfassen könnte, schafft die Regie nicht aus der Welt.
Geht es um Janáček, Tschechiens musikalisches Aushängeschild, dann holt man sich einen britischen Stardirigenten ins Haus. Mit Sir Simon Rattle ist man Unter den Linden schon viermal gut gefahren, zuletzt 2022 bei „Die Sache Makropulos“ (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 385 vom 14. Februar 2022). Der ehemalige Chef der Berliner Philharmoniker teilt seine Janáček -Passion mit seiner Ehefrau, der tschechischen Sopranistin Magdalena Kožená, die sich diesmal als Fuchs, der mit Schlaukopf (Vera-Lotte Boecker) unzählige Welpen zeugt, bevor der Wilderer Harašta (Charles Pachon) die Füchsin erschießt, wieder einmal zurecht bejubeln lassen darf.
Der Clou sind die jungen Artisten
Ein Alterswerk, uraufgeführt 1924 In Brünn, zum 70. Geburtstag des Komponisten, das aber überhaupt nicht alt klingt. Sondern die modernen Strömungen jener Zeit harmonisch und rhythmisch absorbiert. Die Staatskapelle Berlin weiß das unter Rattles Dirigat vortrefflich auszudrücken. Und erneut bietet die Staatsoper große Stimmkünstler auf. Vor allem Svatopluk Sem, Bariton aus Prag, ragt neben den erwähnten Sängerinnen und Sängern aus dem gut besetzten Ensemble heraus.
Der Clou der Produktion ist aber zweifelsohne der Nachwuchs. Die tierische Schar wird nämlich vor allem vom Kinderchor sowie der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin geprägt. Was die jungen Menschen da auf und über der Bühne, zum Teil am Trapez, veranstalten, hinterlässt bleibenden Eindruck.
Staatsoper Unter den Linden, 13. März. Hier geht’s zu den Karten.
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Stumm und passiv, wie bestellt und nicht abgeholt steht er da vor dem Eisernen Vorhang. Erst als seine Emma, Lämmchen genannt, ihm zur Seite tritt, ergreift auch Johannes Pinneberg die Initiative. Eine Zuzahlung von 15 Mark macht aus den beiden Verliebten Privatpatienten. Es hat einen Grund, die Warteschlange beim Arzt zu überholen: Emma und Johannes wollen verhüten, für ein Kind reicht das Einkommen nicht. Doch zu spät: Emma ist bereits im zweiten Monat. Nun gilt es, das Beste daraus zu machen. Erstmal heiraten. Und dann irgendwie über die Runden kommen. Mit dem Kind, genannt Murkelchen.
1932, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, schrieb Hans Fallada seinen Roman „Kleiner Mann – was nun?“. Es gibt jede Menge Adaptionen fürs Theater. Nun hat auch Potsdam seine Bühnenfassung. Annette Pullen hat sie erstellt und selbst am Hans Otto Theater in Szene gesetzt. Vor etwas mehr als einem Jahr zündete am Berliner Ensemble Frank Castorf ein Fallada-Spektakel (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 491 vom 30. September 2024). Mit diesem Marathon lässt sich die Potsdamer Inszenierung natürlich nicht vergleichen. Pullens Version hält sich eng an die literarische Vorlage und ihre Entstehungszeit.
Wenn der Eiserne Vorhang hochgeht, erblicken wir einen dunklen, kahlen Bühnenraum. Wechselnde Erzähler vermitteln uns, was wir alles nicht zu sehen bekommen. Wo sich Paul Wilms als Johannes Pinneberg auch aufhält, in der norddeutschen Kleinstadt, in Berlin oder am Ende mittel- und wohnungslos in einer Gartenlaube vor den Toren der Hauptstadt, er läuft gegen Wände. Gegen Wände der Selbstsucht und der Empathielosigkeit, ob in Lämmchens Elternhaus, bei seiner genusssüchtigen Mutter, in Behörden und Ämtern, bei Arbeitgebern und intriganten Kollegen.
Sozialromantik in doppeltem Sinne
Solidarität lautet das Zauberwort in dieser Aufführung. Annette Pullen lenkt den Blick auf die damalige Situation der Angestellten, die weitaus schlechter dran gewesen sein sollen als die organisierte und streikbereite Arbeiterschaft. Und die bald umso anfälliger wurden für die Verlockungen der künftigen Herren, der Nazis.
Sozialromantik bekommt hier eine doppelte Bedeutung. Nur die Liebe zählt, auch ohne Zaster, das Zusammenhalten von Lämmchen und Johannes, die Liebe zum gemeinsamen Kind. Wobei Charlott Lehmann als Frau in Männerhosen, die den Mut nicht verliert und immer wieder einen Ausweg findet, weit mehr darstellerische Nuancen entwickeln darf als ihr Partner, der immer nur Opfer ist. Die Herangehensweise ist arg theorielastig, fehlt nur noch Ernst Buschs Solidaritätslied „Vorwärts und nicht vergessen“.
Die Geschichte gewinnt Atmosphäre, weil das Hans-Otto-Ensemble mit vollem Einsatz seine Wandlungsfähigkeit beweist. Neben den beiden Hauptrollen verkörpern acht Schauspielerinnen und Schauspieler im flotten Wechsel der Kostümierung (Katharina Weissenborn) alle 35 weiteren Figuren. Außer Kapitalismuskritik erblickt man weitere Parallelen zur Gegenwart: den Aufstieg extremer Kräfte, die gesellschaftliche Zerrissenheit. So altmodisch ist die Idee von der Solidarität vielleicht doch nicht.
Hans Otto Theater Potsdam, 11. April, 7. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
1. Deutsche Oper Im Ring mit Rossini
2. Staatsoper Schlaue Füchse und eitle Gockel
3. Hans Otto Theater Das Hohelied der Solidarität
1. Berliner Ensemble Radaunest-Leporello
2. Hans Otto Theater Hörtheater-Show mit Zwischendurch-Bier
3. Berliner Ensemble Alles Asche
1. Vaganten Gegen Männergesetze
2. Theater Strahl Erschwerte Bedingungen
3. Volksbühne Für Eingeweihte
1. Haus der Berliner Festspiele Tanzen ist Leben
2. Hans Otto Theater Irrungen und Wirrungen
3. Unsere Bibliothek in der Ruhrstraße Bücher: Fenster auch zur Theaterwelt
1. Berliner Ensemble Das Kollektive im Clinch mit dem Einzelnen
2. Schaubühne Zerrissene Herzen
3. Deutsches Theater Anekdoten aus deutscher Geschichte
1. Deutsche Oper Schlag nach bei Freud
2. Komische Oper Drama mit Blut und Wodka
3. Komödie im Ernst-Reuter-Saal Kleinkunst, ganz groß