Heute: 1. Schaubühne – „Egal“ / 2. Berliner Ensemble – „Das Bildnis des Dorian Gray / 3. Hans Otto Theater – „Farm der Tiere“
Berlin Charlottenburg, Lehniner Platz, Samstagabendgetümmel. Spaziergänger, ein Paar mit Kinderwagen, eine ältere Dame mit Rollator, zwei E-Bikes werden geparkt, Busse fahren vorbei.
Das alles beobachten wir durch große Fensterscheiben, denn wir sitzen in der Schaubühne, aber nicht im Stammhaus, sondern in dem Flachbau gegenüber, da wo früher der berühmte Italiener war.
Der Raum wurde vollständig entkernt; zwei Theaterräume entstanden. Alles ein wenig provisorisch. Die Heizung funktioniert noch nicht, deshalb liegen am Eingang Decken bereit.
Vor dem Leben, das sich da draußen abspielt, steht auf einer Bühne ein Tisch, drei Stühle, drei Teller, eine halbleere Flasche Rotwein, Gläser. Erik wartet auf seine Ehefrau Simone.
Die kommt von einer mehrtägigen Dienstreise zurück und hat ihrem Ehemann ein Geschenk mitgebracht. Der will aber kein Geschenk, er mag keine Überraschungen und überhaupt ist er sauer und genervt von der Woche, in der sie sich in Italien vergnügt hat, während er nicht zum Arbeiten gekommen ist, denn der Sohn hatte plötzlich Nasenbluten, er musste zum Arzt mit ihm , sogar zweimal…
Gleichberechtigung?
Ganz fix sind die beiden im schönsten Ehestreit, in dem es bald um viel mehr geht: Wer hat den „besseren“, vielleicht wichtigeren Job, wer verdient mehr, wer kümmert sich mehr um die Kinder, um den Haushalt. Wer interessiert sich mehr für die Arbeit des anderen und schließlich: Wer ist das überhaupt, mit dem man seit Jahren zusammen lebt, was weiß man überhaupt wirklich voneinander?
All diese Fragen hat Marius von Mayenburg in sein neues Stück „Egal“ gepackt, das am neuen Spielort, Ku’damm 156 mit Marie Burchard als Simone und Stefan Stern als Erik unter seiner Regie uraufgeführt wurde.
Mayenburg bedient sich eines hervorragend funktionierenden dramaturgischen Kniffs, bei dem die beiden Darsteller mehrmals die Rollen wechseln.
Während zu Beginn Simone als Business-Frau nach Hause kommt, wo der freiberufliche Übersetzer verzweifelt an seinem aktuellen Text und vollständig überfordert ist, kommt in der nächsten Szene Erik von der Dienstreise zurück – mit Geschenk – , während die freiberufliche Übersetzerin Simone eine Woche hinter sich hat, in der sie nicht zum Arbeiten gekommen ist, sich um das kranke Kind kümmern musste und überhaupt das Gefühl hat, immer die Verliererin zu sein.
Simone und Erik gleiten mehrmals in die jeweils andere Figur und führen damit den Perspektivwechsel vor, der in so vielen Paarstreitereien hilfreich wäre, aber selten von den Streitenden vorgenommen werden kann.
Es ist eben nicht egal
Denn die Situation, die wir hier erleben, kennen alle langjährigen Paare. Wie ein kleiner Anlass genügt, dass man sich gegenseitig hochschaukelt, sich schlimmste Dinge an den Kopf wirft, die man kurz darauf bereut, sich erschöpft am Streit, und wenn gar nichts mehr geht, sagt: „Egal…“. Was es natürlich nicht ist, im Gegenteil.
Und die ganz Zeit läuft im Hintergrund das reale Leben vorbei. Wenn das zu viel wird, kann einfach ein weißer Vorhang vor die Scheibe gezogen werden.
Marie Burchard und Stefan Stern glänzen in ihren wechselnden Rollen. Beiden gelingt es, sowohl das Offensichtliche wie auch das Versteckte einer langjährigen Beziehung zu zeigen, auf dem schmalen Grat von Komik und Verzweiflung, von Nähe und Distanz zu balancieren.
Hier erkennt sich jede und jeder im Publikum wieder, die Reaktionen während der Vorstellung zeigten es, und auch der langanhaltende Beifall.
Bis Ende Mai sind leider alle Vorstellungen ausverkauft, die Juni-Termine sind noch nicht bekannt gegeben.
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Dorian Gray, jung und atemberaubend schön, verzweifelnd an dem Gedanken, dass diese Schönheit, die ihm alles bedeutet, die ihm alle Türen öffnet, vergehen wird. Im Gegensatz zu dem gemalten Porträt, das diese Schönheit nicht nur heute zeigt, sondern sie auch noch in Jahren und Jahrzehnten behalten wird.
Sein sehnlichster Wunsch wird erhört: Während er jung und schön bleibt, altert das Bildnis, verfällt es in dem Maße, wie Dorian eine Grausamkeit nach der anderen begeht. Denn so schön er ist, so narzisstisch und brutal verhält er sich gegenüber den Menschen.
Der berühmte Roman Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“, erstmals veröffentlicht 1891 sorgte im viktorianischen England für Aufsehen und wurde als „Beweis“ herangezogen , als Wilde später wegen Unzucht zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Den Text „De Profundis“, den Wilde aus dem Gefängnis an seinen jungen Geliebten schrieb, hat Oliver Reese mit Jens Harzer zu Beginn dieser Spielzeit in einer umjubelten Inszenierung auf die Bühne gebracht. (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 530 vom 13. Oktober 2025).
Zwischen den Zeilen
Nun hat sich der finnisch-norwegische Regisseur Heiki Riipinen zusammen mit Johannes Nölting an die Dramatisierung des Romans gewagt. Die Handlung wurde auf wesentliche Stränge, die Personage auf vier Spieler reduziert. Ausgehend von der Frage, was vergehende Schönheit, was Altern und letztendlich Tod bedeutet, fokussiert die Inszenierung den Blick auf das, was bei Wilde lediglich zwischen den Zeilen zu lesen ist: auf homoerotisches queeres Begehren.
Bühne und Kostüme tun alles, um das sinnlich werden zu lassen. Schwarze bis zum Boden reichende Hänger bilden Gassen, aus denen Figuren plötzlich erscheinen und verschwinden. In einem fast magischen Moment, unter elektronischen Klängen drehen sich die Hänger, und die Bühne erstrahlt in blendendem Gold. (Bühne: Ingrid Tonder).
Die Kostüme (Louise-Fee Nitschke) bestehen aus viel Latex, Leder, Satin und Rüschen. Bei genauerem Hinsehen allerdings erweisen sich zum Beispiel die Rüschen des äußerst knapp sitzenden Oberteils von Dorian nicht aus Spitze, sondern aus hauchdünnen weißem Plastiktütenmaterial.
Hier schrammt alles haarscharf am Fassbaren vorbei, vieles ist nicht, wie es scheint.
Auch das großartige Zusammenspiel von Max Gindorff als Dorian Gray, Gabriel Schneider als Lord Henry, Paul Zichner als Basil Hallward und Amal Kellertür als Sibyl Vane kippt bei aller erzählten Grausamkeit immer wieder sacht ins Ironische.
Das Bildnis, um das sich alles dreht, ist in jeder Aufführung ein anderes. Es ist nicht auf der Bühne zu sehen, sondern befindet sich im Zuschauerraum: Es ist das Publikum.
Im Moment sind alle Vorstellungen ausverkauft. Wir warten auf weitere Termine.
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Wenn man so häufig ins Theater geht wie wir Kulturvolk-Bühnenkritiker, kommt man oft erst kurz vor Beginn der Vorstellung. Den Luxus des gemütlichen Weintrinkens im Foyer, vielleicht mit dem Blick ins Programmheft, gönnen wir uns, meist aus Zeitgründen, nur selten.
Für die Inszenierung „Farm der Tiere – frei nach George Orwell“ in der Reithalle in Potsdam empfiehlt sich das, ob mit oder ohne Wein, aber unbedingt.
Die Dramaturgin Emma Charlott Ulrich teilt uns dort einige Gedanken zur Inszenierung mit. Es wird schnell klar, dass hier nicht eine Dramatisierung des 1944 geschriebenen Textes zu erwarten ist. Die Fabel dient lediglich als Blaupause, um „...ein Geflecht aus Geschichten, Materialien und Erinnerungen, das sich nicht mehr auflösen lässt...“ zu zeigen. „Die Farm ist kein klar zuzuordnender Ort mehr, sie ist ein Raumschiff, ein Labor, eine Schlachthof, ein Archiv.“
Skurrile Wesen in einem skurrilen Raum
Am Plafond, der die Bühne von Sophie Lichtenberg nach hinten begrenzt, leuchtet in einem Rund ein Ausschnitt des Universums, Ansammlungen von Sternen vor einem dunklen Himmel. Auf weißer Leinwand hingekritzelt die letzten Worte des Orwellschen Textes. Rudimentär allerdings: „Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein und dann wieder von Schwein zu Mensch, doch es war unmöglich zu sagen, wer…“
Ein weiß gekacheltes mehrstufiges Podest, an einen modernen Stall erinnernd, nicht aufs Tierwohl ausgerichtet. Ein Infusionsständer, der auch ein Mikrofon ist, ein fahrbarer Wagen, in den in Schnellrestaurants oder Kantinen Geschirrtabletts eingeschoben werden. Reale Versatzstücke also, die skurril anmuten. Dröhnende Sphärenklänge, ein aufwendiges Lichtdesign, viel Nebel.
Skurril sind auch die Wesen, die sich vorerst im Halbdunkel entnervend langsam diesen Raum erobern. Es sind keine Tiere mehr wie bei Orwell, es sind Kreaturen in besonderen Kostümen, die in Details noch an Tiere erinnern, aber in ihrer Ausführung völlig überzogen sind. Schuhe wie Hufe gearbeitet, aber so hoch, dass der Schauspieler Mühe hat, darin zu laufen. Überlange Ärmel, die in ebenfalls verlängerten schlackernden Fingerhandschuhen auslaufen, ein riesiger Turban, gewickelt aus einem meterlangen Zopf (Kostüme: Mariam Haas).
Verhaltensmuster statt Geschichte
Es gibt also in den knapp zwei Stunden immer was zu gucken. Der Geschichte zu folgen, ist schwieriger, aber eine Geschichte fortlaufend zu erzählen, ist wohl auch nicht das Anliegen.
So überzogen wie die Kostüme ist auch die Spielweise und vor allem die Sprache. Die Bühnenkreaturen bedienen sich sowohl einer verständlichen wie einer Phantasiesprache, in der Begriffe wie „Monokratur“, „Morchelmuseum“, „Murcheleur“ oder ein „Offenes Tant Laborkino“ auftauchen, wobei ich diese Lautgebilde so verstanden habe. Für die Richtigkeit kann ich mich nicht verbürgen.
Noch mal ein Blick ins Programmheft: Da ist zu lesen, dass sich Regisseurin Anna-Elisabeth Frick, die die Fassung gemeinsam mit ihrem Ensemble entwickel hat, auf Donna Haraway, eine amerikanische Wissenschaftstheoretikerin bezieht, die als Gegenbild zum Anthrozopän – Zeitalter des Menschen – das Chtuluzän vorschlägt, das Zeitalter des spinnenhaft Verwobenen von allem und allen.
Wenn das der Anspruch ist, so ist er in der Inszenierung umfassend eingelöst. Hier hat alles mit allem zu tun, aber dann auch wieder mit nichts; ein Laboratorium, in dem jeder und jede sich ausprobieren kann und dann alle gemeinsam schauen, wo das hinführt.
Hans Otto Theater Potsdam, Reithalle. Hier geht’s zu den Karten.
1. Schaubühne Mitten im Leben
2. Berliner Ensemble Ein Fest für die Sinne
3. Hans Otto Theater Besser ins Programmheft schauen
1. Berliner Ensemble Handstreich im Rathaus
2. Gorki Pittoreskes aus der Sowjetprovinz
3. Deutsches Theater Singen am Küchentisch, waten im Wasser
1. Theater des Westens Freiheit ist die schönste Stadt
2. Distel Die ganze Welt ist ein Kiosk
3. Komische Oper Aufstieg und Fall der Weltmacht Babylon
1. Deutsches Theater Weltstadt Seebrücken
2. Hans Otto Theater Jahrmarkt der Eitelkeiten
3. Staatsballett Berlin À la russe
1. Renaissance Theater Von Menschen und Maschinen
2. Wintergarten Mit David auf großer Fahrt
3. Schlosspark Theater Verführung zum Schaumschläger
1. Schaubühne Begehren Lächerlichkeit Tod
2. Deutsches Theater Klappe auf Klappe zu
3. Grips Bunt laut lustig