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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 555

13. April 2026

HEUTE: 1. BERLINER ENSEMBLE – „MAX HOPP LIEST UND SPIELT: DER HAUPTMANN VON KÖPENICK“ / 2. MAXIM GORKI THEATER – „ZUKUNFTSMUSIK / 3. DEUTSCHES THEATER – „SPIRIT AND THE DUST“ 

1. Berliner Ensemble - Handstreich im Rathaus

"Der Hauptmann von Köpenick" im Berliner Ensemble © Moritz Hasse

Eilmeldung der „Täglichen Rundschau“ am 17. Oktober anno 1906: „Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon.“ – Der als preußischer Offizier verkleidete Mensch war ein Schuster namens Wilhelm Voigt, der wegen diverser Gaunereien im Knast saß und nach Entlassung ohne Papiere dastand. Aber: Ohne Pass keine Arbeit, ohne Arbeit keinen Pass, kein Geld, kein „ordentliches Leben“. Die Verwaltungsbürokratie wirkt unerbittlich, undurchschaubar, kafkaesk – man kennt das.

Diese Not treibt den armen Teufel in höllische Verzweiflung, lässt heiligen Zorn hochkochen gegen die ungerechte Ordnung in der Welt und gewitzte Kühnheit blühen. Damit gelingt, blindes Strammstehen vor der Allmacht einer Uniform vorausgesetzt, der Handstreich im Ratsamt.

Carl Zuckmayer machte aus der „Köpenickiade“ eine saftige Satire auf wilhelminische Gehorsamkeit: „Vom Gefreiten aufwärts beginnt der Darwinismus; der Mensch vom Leutnant aufwärts.“ Doch das Stück von 1931 greift übers Groteske weit hinaus und wird, getarnt als „deutsches Märchen“, zur Gesellschafts-, zur tragisch umflorten Menschenkomödie. Verfilmt und vielfach gespielt mit Staraufgebot zeigt sie jetzt das BE als furiose Einmann-Show: „Max Hopp liest und spielt: Der Hauptmann von Köpenick“; die opulente Vorlage perfekt eingekürzt auf zwei Stunden.


Großes minimalistisches Verwandlungstheater


Max Hopp
, Protagonist unter Castorf, Gotscheff oder Kosky und hier sein eigener Regisseur, sitzt, Passagen lesend, am Tisch, der auch ein Thron sein kann. Oder ein Podest, auf dem er tänzelt, wenn er nicht an der Rampe kleine Slapsticks liefert. Immer genau der jeweiligen Situation entsprechend. Und mit Stimmwechsel und Gestik die immerhin zahlreich auftretenden, sehr gegensätzlichen Figuren mit ihren Dialekten (Männlein oder Weiblein) genau charakterisierend, sozial wie psychologisch und obendrein die vielfältigen Situationen plastisch markierend. Großes minimalistisches Verwandlungstheater. Virtuose Stimmakrobatik. Kontrapunktisch gestützt von der Saxophonistin Doris Decker.

Herzenswärme, Tapferkeit und die unstillbare Sehnsucht nach Menschenwärme einer geschundenen Kreatur in kalter Zeit. Zum Heulen. Und zum Lachen. Das Publikum ist hin und weg. Theaterglück. – Ein doppelt Hoch auf Hopp & Voigt!

Berliner Ensemble, 26. April. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Gorki - Pittoreskes aus der Sowjetprovinz

"Zukunftsmusik" im Maxim Gorki Theater © Ute Landkafel MAIFOTO

Schon der Begriff „postmigrantisches Theater“ stürzte ganz Feuilleton-Deutschland in Aufregung; damals, vor 13 Jahren. Als Shermin Langhoff als neue Intendantin des „Gorki“ damit begann, noch eher wenig bekannte, aber enorm befähigte Künstler mit vornehmlich türkischem Namen zu engagieren. Und ihr Haus weit zu öffnen für das längst ins Land Hereingeströmte, sesshaft Gewordene. So begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte mit überraschend neuartigen, lebensprallen Geschichten, genreübergreifend und auf vielfältige, oftmals virtuose Art erzählt. Seither gilt das Gorki als stilbildend, als ein musterhaft divers aufgestelltes Theater.

An diesem Anfang – und dann immer wieder – steht Nurkan Erpulat, ein fürs poetische Erzählen brisanter Stoffe gefeierter Regisseur. Im November 2013 eröffnete er die Spielzeit mit einer damals als provokativ empfundenen Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 64 vom 9. Dezember 2013).


Der 11. März anno 1985


Und nun schließt sich der Kreis. Wieder russisch. Mit seinem persönlich arg betrauerten Gorki-Abschied und der Adaption des 2022 erschienenen Romans „Zukunftsmusik“ der russisch-deutschen Autorin Katerina Poladjan. Sie erzählt bittersüß, aber auch witzig, vom Leben kleiner Leute tief in der Provinz am 11. März 1985. Das Datum deshalb, weil tags zuvor der KPdSU-Chef Tschernenko starb und Gorbatschow vor der Tür stand. Stille herrschte, Erstarrung. Nun keimte Hoffnung, tönte Zukunftsmusik. Leise, leise; wie von fern…

So eben auch in der Komunalka einer Kleinstadt an jenem Frühlingstag. Dort hausen vier Generationen Frauen einer Familie (Großmutter, Tochter, Enkelin, Urenkelin). Sie bewältigen so recht und schlecht ihren nervenaufreibenden, komischen und traurigen Alltag. Zur beengten Wohngemeinschaft zählen noch ein Schlafwagenschaffner sowie ein Verwaltungsangestellter. Eine pittoreske Mischung gegensätzlichster Temperamente, die sich zusammenraufen müssen.

Feines Futter für Komödianten: Da klopft die lebenslustige Großmutter freche Sprüche (Ursula Werner), dazwischen wuseln ihre vom Tagtäglichen beständig überforderte Tochter mit den schönen blonden Locken (Cigdem Teke) sowie deren rotzig aufmüpfige Tochter Janka (Via Jikeli), die auf der Nachtschicht im Glühlampenwerk von einer Karriere als Rockerin träumt – oder wenigstens von einem Küchenkonzert zu Hause. Schmerzlich und anrührend Doga Gürer als verkorkster, weil vom Stalinismus gezeichneter Büromensch. Daneben Aysima Ergün und Marc Benner in einer Handvoll signifikanter Nebenrollen.


Auf dem Karussell der Episoden


Ein liebenswertes Ensemble. Pointiert agierend, zuweilen satirisch zugespitzt, in einer Fülle rasch wechselnder Szenen im großartigen Bühnenbild von Magda Willi. Da drehen sich in einem engen Guckkasten wie im Kaleidoskop die jeweiligen Spielorte der so vielfach belegten Gemeinschaftswohnung.

Ein Episodenkarussell, auf dem das Leben auf der Stelle tritt. Scheu, zweifelnd oder desillusioniert wird nach vorn geblickt. Nur die zornige Janka fällt aus dem Rahmen; das Gitarren-Girlie mit der wilden Mähne, ein Baby, das nervt mit aufrührerisch freiheitlicher Träumerei. Das alles zusammen fügt die Regie zu einem schwermütig biedermeierlichen Sowjet-Bild von 1985.

Auch da klingt, wie in Poladjans Roman, unüberhörbar aus der Tiefe das ewig Tschechowsche Vergeblichkeitsrauschen.

Doch Achtung! Es gibt – ganz unsentimental – als Rausschmeißer noch ein Konzert auf der Bühne in der Küchen-Kulisse. Mit den beiden russischen Straßenmusikanten Diana Loginowa und Alexander Orlow von der Petersburger Band Stoptime. Sie wettern gegen den Kreml und seinen Krieg, wurden mehrfach verhaftet und sind jetzt bei uns. Zwanzig Minuten Russisch-Rockiges, krachend und dennoch eingängig; Deutsch übertitelt. – Das dort staatsgefährdend Verbotene, hier wird’s herausgedonnert. Ältere denken unweigerlich an Wolf Biermann. Köln 1975. Auch damals eine Art Zukunftsmusik.

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Maxim Gorki Theater, diverse Termine bis 2. Juni (Derniere). Hier geht’s zu den Karten.

Gratulation: Katerina Polodjan erhielt kürzlich für ihren Roman „Goldstrand“ den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 – 2022 stand „Zukunftsmusik“ auf der Shortlist.


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3. Deutsches Theater - Singen am Küchentisch, waten im Wasser

"Spirit And The Dust" im Deutschen Theater © Eike Walkenhorst

Toller Anfang mit strahlendem Auftritt einer Lady; elegant, charmant, eloquent. Es ist Hope Foster, Immobilienmaklerin in der US-amerikanischen Provinz. Und zum Beweis ihres erfolgreichen Tuns führt Corinna Harfouchin einem grandiosen Solo vor, wie man’s macht: Mit einer verführerischen Verkaufsshow. Gleich in der Küche des Objekts. Denn dort treffen sich die Interessenten. Dort kommt alles zusammen an Freud und Leid, Tabus und Traumata der Handvoll Figuren, die da aufeinander treffen im avanciert mit „Spirit And The Dust“ betitelten Kammerspiel von Noah Haidle.

Der auch am Broadway erfolgreiche Autor bekennt auf dem Programmzettel, er bringe „das reale Leben echter Menschen“ auf die Bühne und schreibe „psychologisch-realistisch“. Er nennt das „Kitchen Naturalism“.


Komplexe Gemengelage


Und so kommt es denn zwischen Kühlschrank und Mikrowelle im zweistöckigen For-Sale-Gehäuse, das Bühnenbildnerin Kathrin Frosch ausladend hochzog, zu diversen Aufregungen. Da zerschellen Gewissheiten, Träume, Hoffnungen. Da nagen Ängste, schmerzen Erinnerungen, da schäumen aber auch Sehnsüchte. – Komplexe Gemengelage; wie das Leben so spielt zwischen Hope, dem frisch entliebten Liebespaar Margaret und Will (Wiebke Mollenhauer, Lenz Moretti), einem sexy Sicherheitsburschen mit gefährlichem Hang zu Neurosen (Frieder Langenberg), sowie einer Nachbarin (Abak Safei-Rad) und noch dem arbeitslosen Lateinlehrer Lee (Alexander Khuon).

Will, Sohn von Lee, ist Alkoholiker und kommt zu Tode, die von ihm geschwängerte Margaret verliert das Baby, die Nachbarin sowie auch Hope Foster haben vor vielen Jahren ihre noch kleinen Kinder bei einem Badeunfall im Pool verloren. Also jede Menge Verstörung, die da auftaucht im Reden hin und her. Das möchte nach Bedeutung, nach Drama klingen (dreifacher Kindsverlust), bleibt aber doch eher Wortgeklingel. Küchenpsychologie. Gespickt mit philosophischen Kalenderweisheiten.

Okay, ist halt Broadway-Drive. Und das erlesene DT-Ensemble bringt selbstverständlich auch den zum Funkeln. Dazu passt, dass nicht der Tod von Will und den Kindern, die Fragen um Schuld und Sühne unser Mitfühlen fesselt, sondern eine zwischen Hope und Lee scheu sich anbahnende, zuweilen ein bisschen komische, letztlich zutiefst berührende Liebesgeschichte. Harfouch und Khuon, zwei vom Dasein Gebeutelte, als geradezu bezauberndes Traumpaar. Ihr spätes Glück macht uns froh. Und den Abend für Momente groß.

Nervende Regieeinfälle


Das alles wäre in 100 Minuten geschafft und erzählt. Doch da ist noch die Regisseurin Anna Bergmann. Sie misstraut dem kleinen Konversationsstück und meint, das intime Format groß aufsprengen und die Veranstaltung auf drei Stunden auswalzen zu müssen. Immer, wenn Rede und Spiel in Schwung kommen, grätscht sie dazwischen. Mit surrealen, die Stimmungslagen illustrierenden Bildern.

Also wird für euphorische Glücksmomente rosa Licht ausgegossen, säuseln Musicalmusiken und ein Revuetänzchen klappert. Zu den depressiven Momenten taucht ein Pool auf mit Mickey Mouse als Riesenpuppe, deren Kopf abgeschlagen im Wasser dümpelt. Dort hinein muss das Personal, dass es nur so spritzt. Gespenstisch beleuchtet wie in Filmen von David Lynch. Mit dem Grummel-Sound des Grauens obendrauf.

Bloß gut, dass wir H & K haben, die als flitterndes Paar Hope und Lee romantisch urlauben. Natürlich in Berlin – ein zuckersüßes Happy end via Video auf der Großleinwand. Wie in Hollywood.

Deutsches Theater, diverse Termine bis 29. Mai. Hier geht’s zu den Karten.

 

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