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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 551

16. März 2026

Heute: 1. Schaubühne – „Salome“ / 2. Deutsches Theater – „Der erste fiese Typ“ / 3. Grips – „Laura war hier“

1. Schaubühne - Begehren Lächerlichkeit Tod

"Salome" in der Schaubühne © Kartin Ribbe

Vier riesige Metallplatten, die über dem Bühnenboden hängen, begrenzen die grauschwarze Bühne nach hinten und zu den Seiten. Die von den Platten eingefasste Spielfläche wird von einem Graben umgeben, Licht fällt von hinten durch den Spalt zwischen den Platten (Bühne: Nehle Balkhausen). Eine weibliche Gestalt erschreitet unter dröhnender Musik den Raum, das Gesicht grell geschminkt, die Augen weit aufgerissen. Der ganze Körper zuckt wild, scheinbar unkontrolliert, hier kämpft eine Frau mit Dämonen – Alina Stiegler als Salome.

Die Spannung, die Thalheimer in den ersten Minuten des – wie bei ihm gewohnt – kurzen, weniger als eineinhalb Stunden währenden Abends aufbaut, hält bis zum tödlichen Ende.
Dabei passiert nach dem Kampftanz der Salome erst einmal nicht viel. Drei Typen, die zum Hofstaat von Herodes gehören, palavern über den Mond, über die Prinzessin, über das Fest, das im Palast des Herodes gefeiert wird.
Weit voneinander entfernt und direkt ins Publikum sprechend sorgenVeronika Bachfischer, David Ruland und Jonathan Walz dafür, dass wir Schlimmes erwarten.

Man kann den Blick keinen Moment von dieser Düsternis abwenden, fährt zusammen, als eine Stimme von überall im Raum ertönt, während schemenhaft mehr ein Schatten als ein Körper wahrzunehmen ist in dem Graben, der, weiß gekachelt und an vielen Stellen mit braunen Schlieren beschmiert, an eine verdreckte Bahnhofstoilette erinnert. Hier wird Johannes (Christoph Gawenda), der Prophet, der aus der Wüste kam, von Herodes seit Jahren festgehalten. Zwar ist er eingesperrt, aber seine Mahnungen können nicht ignoriert werden: Gawenda wird an starken Seilen nach oben gezogen und schwebt sehr lange Zeit über dem Geschehen dicht unterm Bühnendach.

Salome flieht aus dem Palast, entdeckt den Propheten; plötzliche Verliebtheit wird zu manischem Begehren. Um so größer der Hass, als er sie abweist, gepaart mit dem Hass auf Herodes, gegen dessen lüsterne Blicke sie sich wehren muss, seit sie ein Kind ist, ohne dabei zu ungehorsam zu sein.

Der Herodes von Tilman Strauß ist zwar ein lächerlicher egomanischer Typ in goldenen Hosen und offenem Pelzmantel, der masturbierend herein stolpert, aber natürlich ist er gefährlich, und das wissen alle.


Ganz hohe Schauspielkunst


Dementsprechend balanciert auch seine Frau Herodias (Jule Böwe) in hautengem silbernen Kleid und auf ultrahohen Highheels zwischen Zustimmung und Verständnis einerseits und Verachtung für Herodes andererseits.
Wie sie ganz vorn an der Rampe in einen Lachanfall verfällt, der gefühlt Minuten dauert und im Lachen verzweifeltes Schluchzen angesichts des Ausgeliefertseins an diesen Irren zu verbergen sucht, lässt schaudern. Das ist ganz hohe Schauspielkunst.

Für den Tanz findet die Inszenierung eine mehr als überraschende Lösung. Ein stilisierter Käfig senkt sich über Salome, die einfach da steht, den linken Arme so langsam senkt und wieder hebt, dass man schon genau hinsehen muss, um die Bewegung zu verfolgen.
Yuebo Sun entlockt dazu einer Erhu, einem chinesischen Saiteninstrument eine Musik, mal ganz zart, dann heftig und dramatisch ansteigend. Ein Tanz der Töne.
Und Salome? Streckt als letzte Geste dem Publikum die Zunge raus.

Weitere Vorstellungstermine wurden von der Schaubühne noch nicht bekanntgegeben.


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2. Deutsches Theater - Klappe auf Klappe zu

"Der erste fiese Typ" © Jasmin Schuller

Romane, die für die Bühne bearbeitet werden, erfreuen sich schon seit längerer Zeit großer Beliebtheit an deutschen Theatern. Ob es tatsächlich so wenige Gegenwartsstücke gibt, die es lohnen, gespielt zu werden und Dramaturgen und Regisseure daher auf Belletristik zurückgreifen, soll hier nicht beurteilt werden.

Dass es nich
t so leicht ist, die Handlung eines Buches von mehreren hundert Seiten in eine theatertaugliche Fassung zu bringen, zeigt „Der erste fiese Typ“ in der Kammer des Deutschen Theaters. Im Roman der amerikanischen Autorin Miranda July, hat es Cheryl, eine Frau von Mitte 40, nicht leicht mit dem Leben. Sie fühlt sich Erwartungen ausgesetzt, die sie nicht zu erfüllen vermag, katapultiert sich gedanklich in eine Beziehung zu Philipp, ein Arbeitskollege, der eine Sechzehnjährige ihr vorzieht, hat seit Jahren einen Kloß im Hals und ist vor allem eins: einsam.


Nicht immer plausibel


Das ändert sich, als sie eine Mitbewohnerin in ihr
Appartement gesetzt bekommt, eine junge Frau, Clee, die sich nicht nur in Cheryls Wohnung so breit macht, dass Cheryl kaum noch Platz hat, sondern auch deren Leben auf den Kopf, bzw. auf die Füße stellt. Denn Clee attackiert Cheryl, erst mit Worten, dann auch körperlich, so dass Cheryl gezwungen ist sich zu wehren und damit erstmalig in der Realität ankommt.
D
ie Handlung erschien mir, die den Roman nicht gelesen hatte, nicht immer plausibel. Und schließlich auch arg konstruiert, denn aus der körperlichen Anti-Beziehung erwächst dann doch eine Nähe zwischen den Frauen. Als Clee schwanger wird und sich offenbar nicht um das Kind kümmern kann oder will, übernimmt Cheryl diese Aufgabe und findet damit einen Lebenssinn.

Sarah Kurze hat
„Der erste fiese Typ“ mit Maren Eggert als Cheryl inszeniert. Vor einer grauen Wand mit Türen und vielen großen und kleinen Fächern (Bühne: Diana Berndt) blättert Maren Eggert das konfuse und traurige Leben dieser Frau auf.
Hinter einer Tür verbirgt sich ein altmodisches Wandtelefon. Ein Drucker wird sichtbar, aus dem nacheinander Seiten flattern, auf denen jeweils nur ein Wort steht: Phil
ipp. Eine Flügeltür öffnet sich und ein Raum, ähnlich einem Zugabteil, wird sichtbar, der sich als die psychiatrische Praxis erweist, die Cheryl regelmäßig aufsucht. Kästen werden herausgezogen, in denen nicht mehr gebrauchte Requisiten verstaut werden. Aus einer Klappe werden Kerzen heraus gereicht und zu einen Halbkreis aufgebaut.

Es gibt also immer was zu schauen, Maren Eggert hat gut zu tun mit dem Öffnen und Schließen der vielen Türen, dem Verstreuen und Einsammeln von Klamotten, aber diese unaufhörliche Bewegungsarie läuft sich tot und verstellt letztendlich den Blick auf die Leistung der Schauspielerin, darauf, wie vielseitig Maren Eggert den aus dem Roman extrahierten Monolog bedient und alle auftretenden Personen mitspielt.

Deutsches Theater Kammer, 4. April. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Grips - Bunt laut lustig

"Laura war hier" im Grips © David Baltzer Bildbühne

Laura lebt mit ihrer Mutter in einem großen Berliner Mietshaus, in dem ein Hausmeister ordentlich berlinernd ein strenges Regime führt. Die Kellertür muss immer muss geschlossen sein, woran sich die Mieter aber nicht halten. Auch Laura nicht. Die hat die Tür aber nicht offen gelassen, sie geht gar nicht in den Keller, denn ihr Fahrrad mit Leopardenlackierung, das sie liebevoll Pardy nennt, fürchtet sich in der Dunkelheit. Laura wehrt sich gegen die Anschuldigung und wird stinksauer auf ihre Mutter, die sie nicht gegen den Hausmeister verteidigt, sondern ihm im Gegenteil zum Munde redet.

So beginnt „Laura war hier“, ein Stück von Milena Baisch, das das Grips jetzt in einer Neuinszenierung zeigt – die ursprüngliche Inszenierung fiel 2020 der Corona-Pandemie zum Opfer.
Es geht also um um Selbstbewusstsein und Ehrlichkeit. Aber vor allem um Lebens- bzw. Familienmodelle, von denen es heutzutage wahrlich diverse gibt. Trotzdem scheint das klassische Modell von Mutter, Vater, Kind immer noch der Favorit zu sein, denn Laura, böse auf ihre Mutter, haut ab und macht sich in ihrem Haus auf die Suche nach einer richtigen Familie.


Wer ist Familie?


Laura lernt auf ihrer Reise durch das Haus unterschiedliche Menschen kennen, die in unterschiedlichen Konstellationen leben. Aber keine stellt sie wirklich zufrieden. Könnte die Lösung sein, dass sie sich eine Wunschfamilie einfach selber zusammenbaut? Oder ist alles ganz anders, und jede Familie, egal, in welcher Zusammensetzung, kann vollständig sein?

Ob und wie diese Fragen beantwortet werden können, hat Ekat Cordes mit sehr viel action in Szene gesetzt.
Die Bühne von Aniko Sedello ist vor allem bunt, durch wechselndes farbiges Licht samt Discokugel noch mal bunter. Links unübersehbar die besagte Kellertür. Im Zentrum ein Fahrstuhl mit dem Hinweis: Außer Betrieb, bitte die Treppe nehmen.
Zwei Jungs in Arbeitsoveralls entpuppen sich als Musiker (Jakob Dinkekelacker und Fabian Simon), die richtig Alarm machen und den Sound der Inszenierung und die Lieder ins Ohr peitschen, was leider zulasten der Verständlichkeit der Liedtexte von Volker Ludwig geht.


Vor allem muss Spaß sein


Cordes will vor allem, dass alle Spaß haben, lässt die stereotypen Figuren bis an ihre Karikatur agieren; setzt auf Pointen. Wenn aus Opeldorf Popeldorf wird und der Name des doofen Hausmeisters Wesekuss natürlich zu Käsefuß, jubelt das junge Publikum. Mehr Ernsthaftigkeit bei allem Trubel hätte der Inszenierung gutgetan.

Dass ich als erwachsene Zuschauerin der Geschichte trotzdem gern folgte, ist dem durchweg hervorragenden Ensemble zu danken. Allen voran Viktoria Schreiber als Laura, ein Energiebündel, die mit ihrem Pardy durch den Raum fegt und den Laden aufmischt, aber zwischendurch ganz leise wird, sodass ihre Sehnsüchte nachempfunden werden können. Genau wie Regine Seidler als Mutter, die natürlich ihrer Tochter trotz aller Herausforderungen, mit denen sie als Alleinerziehende zu kämpfen hat, Familie sein will.

Grips Hansaplatz, 28. März, 23. und 24. Mai. Hier geht’s zu den Karten.

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