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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 553

30. März 2026

Heute : 1. Deutsches Theater – „Automatenbüfett“ / 2. Hans Otto Theater Potsdam – „Im Spiegelsaal“ / 3. Staatsballett Berlin „Nurejew"

1. Deutsches Theater - Weltstadt Seebrücken

"Automatenbüfett" im Deutschen Theater © Thomas Aurin

Wussten Sie, dass das erste Automatenbüfett der Welt in der Berliner Friedrichstraße 167 im Jahr 1896 eröffnet wurde? Möglicherweise hat dieses Anna Gmeyner (1902-1991) zu ihrer irrwitzigen und bitterbösen, gleichnamigen Komödie aus dem Jahr 1932 angeregt. Die Premiere fand am 25. Dezember 1932 im Hamburger Thalia-Theater statt – nur einen Monat vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Vom Deutschen Theater heißt es: „Die Autorin schildert potenziell schnell kippende Verhältnisse mit der dunkel dräuenden Ahnung einer katastrophalen Veränderung.“

Die Hauptfiguren sind Adam und Eva, gespielt von
Felix Goeser und Mathilda Switala. Adam, mit Vornamen Leopold, rettet der lebensmüden Eva gegen ihren Willen das Leben. So wird es am Ende des Stückes in umgekehrter Weise wiederholt. Dann rettet Eva dem lebensmüden Adam gegen seinen Willen das Leben. Dazwischen spielt sich Aberwitziges ab: Adam lebt mit seiner Frau Clementine zusammen, die das titelgebende Automatenbüfett betreibt. Das – im Bühnenbild von Stéphane Laimé als Karussell gestaltete – scheint der Mittelpunkt der Gemeinschaft von Seebrücken zu sein. Dort treffen alle Kleinstadt-„Celebreties“ aufeinander: Schulrat Wittibtöter und Stadtrat Erhardt (Jens Koch und Komi Mizrajim Togbonou), Redakteur Arendt und Raffke Pankraz (Til Schindler und Janek Maudrich), Oberförster Wutlitz und Obdachloser Puttgam (Florian Köhler und Manuel Harder).

Adam hat die tolldreiste, zutiefst kapitalistische Idee, die Seen von Seebrücken zu Fischzucht-Teichen umzugestalten. Alle sollen dabei reich werden, denn die Welt soll die erwartete Überproduktion von Fisch bezahlen. Die Ideologie ist deutlich: Am deutschen Provinz-Wesen soll die Welt genesen – und die liebe „Heimat“ gleich mit. In Vokabular und Gedanken-„Gut“ zeigt sich der 1932 schon sehr starke Nationalsozialismus.

Die gerettete Eva wirbelt diese Männergesellschaft ordentlich durcheinander, indem sie sich für die Idee von Adam engagiert und – ahnungsweise auch mit körperlichem Einsatz – die anderen von deren Richtigkeit überzeugt. Eva ist das oder die Neue im Kreislauf des Ewig-Gestrigen. So sind am Ende alle für Adams Projekt, weil sie verrückt nach Eva sind. Doch die Idee kann nicht umgesetzt werden, weil Adam das dazu notwendige Geld von seiner Frau Clementine nicht bekommt. Sie wirft sich lebenshungrig lieber dem Schnorrer und Kleinkriminellen Pankraz an den Hals.
Die Figuren sind alle, mitunter komikhaft, überzeichnet. Großartig die Darstellung der Frau Clementine Adam (
Julischka Eichel) in der Verteidigung ihrer Redlichkeit einerseits und in ihrer ungebändigten Lust auf ein ausschweifendes Leben mit ihrem Liebhaber andererseits.

Viele großartige Sätze leuchten in diesem Werk auf. „Ideen sind sonderbare Dinge“, und: „Bei uns stößt alles Neue auf Widerspruch.“ Überlebenshinweise wie: „Wenn man sich anpasst, kann man hier leben“, oder: „Es ist gefährlich, anders zu sein.“

Zum Schluss warnen alle Männer Eva: „Es braut sich was zusammen gegen Sie.“ Und mit dem Gedanken „Man muss sich erst wieder dran gewöhnen, ans Freuen“ sind möglicherweise viele, viel zu viele, in den Nationalsozialismus geschliddert.

Die Autorin arbeitete übrigens in den 1920er Jahren auch bei Erwin Piscator als Dramaturgin. Sie entging als Jüdin der Verfolgung des nationalsozialistischen Deutschlands durch die Flucht ins englische Exil, wo sie – vergessen – starb.
Die Aktualität des Stückes, die durch die Regie von Jan Bosse nicht vordergründig herausgestellt wird, ist erschreckend. Ich bin mir nicht sicher, ob man das Stück in „Kleinposemuckel“ nicht als ein zeitgenössisches aufnehmen könnte.

Über allem scheint die Ansicht Heiner Müllers zu schweben, der in seinen Werken oft den dumpfen Mief in deutschen Kleinstädten ausgestellt hat, der zu gern die
deutsche Provinz als Ort des Stillstands, der Angst und der latenten Gewalt gezeigt hat: „Natürlich sind zehn Deutsche dümmer als fünf Deutsche“, schrieb er.

Viele Premieren-Gäste waren sichtlich erheitert. Mir war gar nicht so richtig zum Lachen zumute.

Deutsches Theater, 4. und 11. April. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Hans Otto Theater - Jahrmarkt der Eitelkeiten

"Im Spegelsaal" im Hans Otto Theater Potsdam © Thomas M. Jauk

Spieglein, Spieglein an der Wand: wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – das kennt jede und jeder. Mehr oder weniger bewusst begleitet uns diese Frage täglich, changieren wir irgendwo zwischen Selbstbild, Fremdbild und Wunschbild. Das Nachdenken darüber: Was ist schön? Wer ist schön? Bin ich schön? – in Geschichte und Gegenwart – ist Anlass und roter Faden der Inszenierung „Im Spiegelsaal“ von tewes-findeklee. Das sind Joki Tewes und Jona Findeklee. Der Abend ist auch ein Nachdenken über das Vergehen von Schönheit, über das Gegenteil von Schönheit und über das Annehmen des eigenen Erscheinungsbildes.

Alle Perspektiven zum Thema werden – mitunter deutlich pädagogisch – durchdekliniert: work out, Selbstoptimierung, Mode, Medien, Gruppenzwang, Begehren, Vorbilder, Schlankheitswahn, Sisi, Marilyn Monroe, Ideale, Rivalität, Schönheitsoperationen – auch im Intimbereich – und und und. Der Abend folgt nicht einer Handlung, sondern blättert sich als Collage durch diese Themenwelt. Das ist durchaus überraschend und kurzweilig, nachdenklich stimmend, oft unerwartet witzig.

Aufschlussreich und gleichzeitig erschreckend ist die Erkenntnis, dass das „gewisse Etwas“ oder was immer gerade als schön definiert wird, durchaus geeignet ist, Türen zu öffnen. Beruhigend und gleichzeitig erschreckend ist aber auch das vermittelte Wissen darum, dass Schönheit vergeht – entweder mit dem Alter oder durch neue Definitionen davon, was schön ist. Der kapitalistische Markt produziert ständig neue Wünsche und Bedürfnisse, um die Beauty-Produkte an Frau und Mann zu bringen, und überrascht daher permanent mit neuen Vorgaben für das Schön-Sein.

Dass mit der Schönheit auch sexuelle Attraktivität verbunden ist, macht die Sache noch komplizierter. Denn Sex ist eigentlich ein wichtiges Lebensmittel. Was machen nun die, die auf der jeweiligen Beauty-Skala ganz unten gelandet sind? Warten bis der Wind sich dreht?

Und – warum auch immer – es ist überwiegend ein Frauen-Abend. Der erste Mann erscheint erst nach 70 Minuten auf der Szene. Wer schon einmal in Japan oder in Südkorea war, konnte dort die Zukunft männlicher Schönheitspflege und Optimierung auch durch Chirurgie kennenlernen.

Die Inszenierung ist durch die
Graphic Novel von Liv Strömquist aus Schweden aus dem Jahr 2021 inspiriert. Ich kannte und kenne diese nicht. Der Abend war für mich auch ohne diese Kenntnis unterhaltsam und aufschlussreich. Es ist tatsächlich eine Inszenierung, die jede und jeden direkt betrifft und trifft. Das muss man erstmal schaffen. Es spielen: Ulrike Beerbaum, Janine Kreß, Franziska Melzer, Amina Schayma Merai, René Schwittay und Paul Sies.
Chapeau!

Hans Otto Theater Potsdam. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Staatsballett Berlin - À la russe

"Nurejew", Staatsballeet Berlin © Carlos Quezada

Nurejew“ vom Staatsballetts Berlin wurde in der Deutschen Oper vom Premieren-Publikum überwiegend eruptiv bejubelt. Manche schüttelten darüber auch den Kopf. Die „Süddeutsche Zeitung“ erklärte die Inszenierung schon vor der Premiere zum internationalen Ballett-Event der Saison. In „tanznetz.de“ kann man lesen, warum die Moskauer Inszenierung von 2017 für Berlin 2026 hätte überarbeitet werden sollen.

Der Sender „arte“ hat „Nurejew“ in der Mediathek. Machen Sie sich bitte selbst ein Bild!

Die Inszenierung von
Kirill Serebrenikow mit der Choreografie von Yuri Possokhov und der Musik von Ilya Demutsky zeigt Abschnitte aus dem Leben des Tänzers Rudolf Nurejew (1938-1993). Er ist nach Vaclav Nijinsky (1889-1950) der bekannteste Tänzer des 20. Jahrhunderts.

Im ersten Teil des Abends sind die Stationen Ausbildung, Flucht, Foto-Session und die Beziehung zum Tänzer-Kollegen Erik Bruhn (1928-1986) zu sehen. Im zweiten Teil die künstlerische Partnerschaft mit Dame Margot Fonteyn (1919-1991), ein Potpourri von Inszenierungen von und mit Nurejew als Sonnenkönig und Pierrot sowie am Ende als Dirigent im Orchestergraben der Deutschen Oper.

Zusammengehalten werden die einzelnen Episoden aus diesem sehr erfolgreichen und überaus ereignisreichen Leben durch Auktions-Szenen, in denen der Besitz von Nurejew nach seinem Tod versteigert wird. Diese Auktion gab es wirklich. Die Auktionen werden nicht getanzt. Auktionator ist der Schauspieler
Odin Lund Biron. Er erzählt zu den zu ersteigernden Gegenständen die jeweiligen Lebensumstände von Nurejew. Und er zitiert Briefe an Nurejew von Charles Jude und Laurent Hilaire, Natalia Makarova und Alla Osipenko. Alles interessant und informativ anzuhören.

Für die titelgebende Hauptrolle wurde der feingliedrige brasilianische Tänzer
David Soares ausgewählt. Von ihm wird nun erwartet, dass er den schwulen Draufgänger und hyper-energetischen Tanz-Berserker, den greatest Ballet-Show- und Bussines-man on Earth und den Medien-Weltstar Nurejew darstellt. Der Choreograf gibt dem Publikum im Programmheft mit auf den Weg: „Man sollte nicht versuchen, sich vorzustellen, wie es ,sein sollte‘, sondern einfach erleben, was gezeigt wird.“ Vergessen Sie also, was Sie je über Rudolf Nurejew zu wissen glaubten. Kommen Sie und staunen Sie!

Staatsballett in der Deutschen Oper Berlin. Unser Kontigent ist leider ausgeschöpft. Mitglieder können sich im Service für kommende Vorstellungen auf eine Warteliste setzen lassen.

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