HEUTE: 1. RENAISSANCE THEATER – „SOPHIA ODER DAS ENDE DER HUMANISTEN” / 2. WINTERGARTEN VARIETÉ – „AHOI“ / 3. SCHLOSSPARK THEATER – „BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL“
Gibt man den Namen Moritz Rinke bei Google ein und lässt dann im KI-Modus suchen, erhält man folgende Antwort: „Moritz Rinke (*1967 in Worpswede) ist ein prominenter deutscher Dramatiker und Romanautor, der vor allem für seine gesellschaftskritischen und oft humorvollen Theaterstücke bekannt ist.“ Nicht, dass ich das nicht schon vorher gewusst hätte. Aber es ist ein kleines Beispiel dafür, wie Künstliche Intelligenz längst unseren Alltag erfasst hat. Als sich Rinke an sein neues Stück „Sophia oder Das Ende der Humanisten“ machte, ging er zunächst davon aus, er schreibe eine Science-Fiction-Geschichte. Bis er merkte, dass seine KI-Komödie ja bereits in der Gegenwart spielt. Mit einem fulminanten Quartett feierte das Stück nun Deutsche Erstaufführung im Renaissance Theater. Die Inszenierung von Hausherr Guntbert Warns ist belustigend wie beängstigend.
Momme Röhrbeins Bühne zeigt ein leer geräumtes Zimmer. Nur durch die beiden Altbautüren erkennt man die Bücherwände in den anderen Räumen. Im Leben des Historikers Wolfgang, der hier wohnt, hat sich entscheidendes geändert. Seine Gattin hat ihn vor kurzem verlassen. Zum 60. Geburtstag, den er eigentlich gar nicht feiern will, überrascht ihn seine Tochter Helena mit Jonas, ihrem neuen Freund. Die Besucher fallen aus allen Wolken, als Wolfgang seinerseits eine neue Gefährtin vorstellt: Sophia. Kein menschliches Wesen, obgleich es optisch der weggelaufenen Gattin erstaunlich ähnelt. Sondern eine Maschine, eine KI. Kein Sex-Roboter, wie die Tochter zunächst vermutet. Sondern ein Chatbot auf zwei Beinen, mit schickem Kleid, das Mutter in der Wohnung vergessen hat, schlauer Brille und schlauen Antworten, die zu jeder Fragestellung wie aus der Pistole geschossen kommen.
Die KI spielt verrückt
Doch als Wolfgangs Geburtstagsparty doch noch irgendwie steigen soll mit Häppchen und Prosecco, beginnt die KI verrückt zu spielen. Nicht zuletzt, weil Jonas, Informatik-Student und daher mit Technik nicht besonders vertraut, an der App zur Steuerung Sophias herumfummelt und sich die nüchterne Informationsschleuder so in eine Femme fatale verwandelt.
Das funktioniert mit reichlich Dialog-Witz und Situationskomik nach dem Muster einer klassischen Salon-Komödie, greift mit der Zeit aber tiefer. Weil Sophia außer Kontrolle gerät und sich selbst zu definieren beginnt, wirkt sie irgendwann menschlicher als die Personen um sie herum. Fragen nach dem Humanismus stellen sich. Beim Professor, der als Experte für Alte Geschichte in Konflikt mit der Moderne gerät. Oder seiner Tochter, die als Instagram-Influencerin ihren Followern eine scheinbar reale Welt vorgaukelt. Läuft unser Leben nicht auch wie programmiert ab? Eine nicht unberechtigte Frage, die Jonas stellt. Bevor Sophias Wandlung sich für alle zur existenziellen Bedrohung auswächst. Denn KI erobert die Welt.
Starkes Stück mit starkem Team
Für Katherine Mehrling ist diese Mischung aus Mensch und Maschine die wohl bislang ungewöhnlichste Rolle. Auch, weil sie diesmal kaum singen darf. Aber sie meistert die Aufgabe mit Bravour. Ein Ereignis ist auch Achim Król, der hier sein spätes, aber gelungenes Debüt an einem Berliner Theater gibt. Christin Nichols als Helena und Tanju Bilir sind viel mehr als Stichwortgeber, gewähren tiefe Einblicke in seelische Abgründe ihrer Rollen.
„Sophia oder Das Ende der Humanisten“ erzählt die Geschichte vom Zauberlehrling in der Jetztzeit. Ein starkes Stück mit einem starken Team. Und allen Chancen, ein Publikumsmagnet zu werden. Waren diese Informationen hilfreich?
Renaissance-Theater, diverse Termine bis 28. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
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Auf jedem Schiff, ob's dampft, ob's segelt, gibt's einen, der die Sache regelt. Und der heißt David. David Hermlin, nicht Andrej Hermlin. Der Sohnemann hat im Swing Dance Orchestra Anfang des Jahres das Ruder vom Vater übernommen, der weiter am Piano sitzt. Die heißen Rhythmen und Töne der international bekannten Berliner Bigband, 1995 aus einer kleineren Formation hervorgegangen, hat der heute 25-Jährige quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Früh mischte er in Papas Combo mit. Als rasanter Schlagzeuger, als Sänger, Tänzer, Komponist, Arrangeur und Pianist. Und jetzt steht David Hermlin auch noch als Käpt’n auf der Brücke. Im Wintergarten, dem Varieté-Theater, mit dem die Kapelle seit vielen Jahren eng verbunden ist, führt er auch als nassforscher Conférencier durch die neue Show „Ahoi“.
In der Regie von Rodrigo Funke, der gerade die Intendanz des Hauses übernahm, heißt es nun „Leinen los“. Zum Sound von „Swing Ahoi“ geht der Luxusliner MS Wintergarten auf große Fahrt, zu den schönsten Destinationen der Welt, nach Shanghai, Havanna, New York oder Hollywood. Wobei die Kapelle immer die passenden Töne parat hat. Tolle Nummern aus der goldenen Ära des Swing erinnern an Count Basie, Lionel Hampton oder Benny Goodman, wobei manches, was so klassisch anmutet, in Wahrheit aus Davids Feder stammt.
Bei ungünstigen meteorologischen Bedingungen und beschlagenen Bullaugen singt Rachel Hermlin „Stormy Weather“. Tanzend und singend findet sie mit ihrem älteren Bruder immer wieder zusammen. Der Tap Dance gemahnt an Fred Astaire und Ginger Rogers. Das alles in stilechtem Outfit von atemberaubender Eleganz. Latin Jazz erklingt passend zu karibischen Gefilden, mitunter ertönen sogar Klezmer-Klänge.
Eine schwimmende Welt für sich
Die Musik steht für all jene Menschen, die einem unterwegs in so einem schwimmenden Mikrokosmos begegnen. Liebespaare im Honey Moon, blinde Passagiere, das volle Programm inklusive Captains Dinner mit dem gastronomischen Personal im Matrosen-Look samt durchgeknalltem Oberkellner. Fast alle werden verkörpert von internationalen Spitzenartisten, viele aus der Ukraine, die der Wintergarten verpflichtet hat. Und da sind wieder jede Menge sensationelle Nummern dabei. Etwa erneut Dasha & Vadym, Traumpaar am Boden wie am Vertikaltuch. Oder Vlada Naraieva, die Handstand-Königin, die das Publikum mit offenem Mund staunen lässt wie die Ethio Brothers, das äthiopische Ikarier-Duo. Weniger waghalsig, aber nicht weniger gewagt sind die Künste von Sergey Gussar aus Moldawien. Mit Gläsern und „wooden rods“ hebt er die Jonglage in neue Dimensionen. Und was es wirklich bedeutet, an den Haaren herbeigezogen zu werden, demonstrieren zwei Hair-Hanging-Artisten des Duo Enominne aus Ecuador.
Ein mutiges Unterfangen, einem Berliner Eigengewächs eine Chance zu geben, diese Zirkuswelt mit einer Band zu koppeln, die weit mehr als Begleitmusik bietet. Im Familienhaus in Pankow, einst Wohnsitz von Davids Großvater Stefan Hermlin, dem berühmten Schriftsteller, wird nach wie vor geprobt. Während des Corona-Lockdowns streamte man aus dem Wohnzimmer jeden Tag ein Live-Konzert in alle Welt, insgesamt mehr als tausend Mal!
Diese Kapelle ist eingespielt, das hört man. Und sie wird von dem Heißsporn David zusätzlich gepusht. Manchmal möchte man ihn fast bremsen, weil er einfach alles beweisen will, was er draufhat. Die große Fahrt hat für das Multitalent ohne Zweifel gerade erst begonnen.
Wintergarten, bis 19. Juli. Hier geht’s zu den Karten.
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Thomas Mann kann richtig Spaß machen. Diese Erkenntnis setzte bei mir in jungen Jahren ein, als ich nach bildungsbürgerlichen Begegnungen mit „Buddenbrooks“, „Doktor Faustus“ oder dem „Zauberberg“ den Film mit Hotte Buchholz als Felix Krull sah. Auch als Mehrteiler im Fernsehen bereiteten mir die von allerlei Schlüpfrigkeiten flankierten Abenteuer des Hochstaplers viel Freude. Bevor Thomas Mann seine „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, an denen er bereits vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben hatte, vollenden konnte, starb er 1954.
Dass der Roman kein wirkliches Ende haben würde, ahnte der Nobelpreisträger vorher, ein Unglück sei das nicht. Die Episoden, die den Künstler humoristisch ins Kriminelle rücken, besitzen ja auch Unterhaltungswert. Daher die vielen Adaptionen, denen nun im Schlosspark Theater in der Fassung von Frank-Lorenz Engel eine weitere Bühnenversion folgt. Gedacht als Hommage anlässlich Thomas Manns 150. Geburtstag. Der war 2025. Vielleicht ist die Verspätung dem Umstand geschuldet, dass die ganze Angelegenheit in Steglitz so schwer in die Gänge kommt…
Spott beiseite: Von einer Dramatisierung erwartet man szenischen Schwung und Dialoge. Doch Engel lässt die Geschehnisse über weite Strecken nur nacherzählen. Das als Schauspiel zu bezeichnen, ist selbst ein wenig Hochstapelei. Zum Glück baut die Inszenierung auf ein spielwütiges Ensemble, allen voran ein drolliger Adrian Djokić in der Titelrolle. Krull, Sohn eines Pleite gegangenen Schaumwein-Fabrikanten aus dem Rheingau, entdeckt schon als Kind sein Talent als Schaumschläger. Schlüsselerlebnis ist jedoch ein Besuch im Theater. In der Garderobe eines gefeierten, aber charakterlich miesen Mimen erkennt er, wie bereitwillig die Menschen sich täuschen lassen. Das macht sich Felix zunutze: bei der Musterung, als Liftboy in einem Pariser Nobelhotel, als Kellner und Kleinunternehmer.
Eigentlich ein hochaktuelles Thema
Mit Madame Houpflé lernt er dabei eine „gefährlich reiche“ Frau kennen, von der er nicht nur eher zufällig teuren Schmuck erhält, sondern mit ihr auch die voluminöse Schlafstätte teilt. Alexa Maria Surholt, die in ihrer bekanntesten Rolle als Klinikchefin in der Endlos-TV-Serie „In aller Freundschaft“ nur Klinikbetten verantwortet, brilliert hier mit erotisch-komischem Talent. Eine von vielen Szenen, in denen deutlich wird, dass der junge Felix zur Hochstapelei geradezu verführt wird. Der Zwang zur Selbstdarstellung ist ein hochaktuelles Thema.
Felix, der Influencer? Hier beschränkt man sich auf das Sittenbild der Zeit um 1900. Oliver Nitsche, Marie Schröder, Gerhard Mohr und Jakob Wenig verkörpern mit Alexa Maria Surholt, unterstützt von Bühnen- und Kostümbildnerin Su Sigmund, im gekonnten Rollenwechsel insgesamt 29 Figuren aus dem Roman. Dass man dafür aber laufend Frisur, Kostüm und Möbel austauschen muss, trägt nicht unwesentlich zur Behäbigkeit des Abends bei.
Schlosspark Theater, bis 26. April. Hier geht’s zu den Karten.
1. Renaissance Theater Von Menschen und Maschinen
2. Wintergarten Mit David auf großer Fahrt
3. Schlosspark Theater Verführung zum Schaumschläger
1. Schaubühne Begehren Lächerlichkeit Tod
2. Deutsches Theater Klappe auf Klappe zu
3. Grips Bunt laut lustig
1. Deutsche Oper Im Ring mit Rossini
2. Staatsoper Schlaue Füchse und eitle Gockel
3. Hans Otto Theater Das Hohelied der Solidarität
1. Berliner Ensemble Radaunest-Leporello
2. Hans Otto Theater Hörtheater-Show mit Zwischendurch-Bier
3. Berliner Ensemble Alles Asche
1. Vaganten Gegen Männergesetze
2. Theater Strahl Erschwerte Bedingungen
3. Volksbühne Für Eingeweihte
1. Haus der Berliner Festspiele Tanzen ist Leben
2. Hans Otto Theater Irrungen und Wirrungen
3. Unsere Bibliothek in der Ruhrstraße Bücher: Fenster auch zur Theaterwelt