HEUTE: 1. THEATER DES WESTENS – „WIR SIND AM LEBEN” / 2. KABARETT-THEATER DISTEL – „DIE RÜCKKEHR DER SPÄTI-RITTER“ / 3. KOMISCHE OPER BERLIN – „BELSHAZZAR“
Früher ging man mit dem Opernglas ins Theater. Heute ist das Handy unerlässlicher Begleiter. Für das Selfie vor der Show wie für das Jubelfoto beim Schlussapplaus. Die Menschen auf der Bühne im Theater des Westens können mit ihren Telefonen nur telefonieren. Das neue deutsche Musical spielt in den Neunzigern, als die Fernsprechgeräte noch Schnüre hatten. Lange Kabel, die die Protagonisten ausbremsen, ihnen Grenzen setzen, Personen und ihre Lebensentwürfe ineinander verheddern.
„Wir sind am Leben“ beginnt kurz nach der Wende. In einem besetzten Abbruchhaus im Osten Berlins. Ein Abenteuerspielplatz in einem früheren Konsum. Die Einwohner*innen betreiben hier ein Sorgentelefon für die mal feiernde, mal verzweifelnde Klientel. „Ich bin Klaus und ich werde mal Regierender Bürgermeister“, verkündet ein junger Mann mit Krawatte. Fast alle sind gleichgeschlechtlich orientiert, und das ist auch gut so. Allerdings sind mir diese turbulenten Jahre so queer nicht in Erinnerung.
Aber jeder sieht es anders. Nach „Ku’damm 56“, „Ku’damm 59“, „Romeo & Julia “ und zuletzt „Die Amme“ wagen sich Peter Plate und Ulf Leo Sommer, gemeinsam schreibend mit Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck, die auch Regie führen, an ihr bislang persönlichstes Projekt. Beide landeten in den Neunzigern in Berlin und wurden ein Paar, eine Beziehung, die künstlerisch noch heute besteht. Mit Anna R. gründete man das Pop-Projekt Rosenstolz, das auch nach dem Tod der Sängerin ein Massenpublikum fasziniert.
Zwischen Aufbruch und Aids
Das millionenteure Bühnenevent soll nicht ein Berlin-Musical, sondern das Berlin-Musical sein. Aus dem Werbelogo ragt der Fernsehturm wie ein ausgestreckter Mittelfinger, trotziges Signal für eine Zeit zwischen Aufbruch und Aids. Schon vor dem Mauerfall hat Nina (Celina dos Santos) aus Wittenberg rübergemacht, sie gibt alles für eine Karriere als Rocksängerin. Durch die nun offene Grenze gelangt ihr Bruder Mario (Markus Spagl) aus der Lutherstadt in die WG, orientierungslos auch in Liebesdingen, und verliert sich in den Armen des aus Kuba stammenden Tänzers Nando (Daniel Pohlen). Nando wiederum ist eigentlich mit Bruno (Jörn-Felix Alt) liiert, einer Dragqueen, die nachts mit „Supernovadiscoslut“ als Marlene Dietrich auftritt – und die nach einem HIV-Test auf den bitteren Boden der Realität gestoßen wird.
Es gibt niederschmetternde Momente, doch die Lebenslust setzt sich durch. Dank der bis in kleine Rollen rasanten Besetzung, den tollen Choreografien (Jonathan Huor), in der mittels Drehbühne sogar das Konsum-Gebäude mittanzt. Auch durch den satirischen Witz: Kathi Damerow gibt wunderbar trullig die alternative Weltverbesserin in der Kommune. Den komischen Vogel schießt jedoch erneut Steffi Irmen ab. Der Publikumsliebling (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 525 vom 9. Juni 2025) begeistert diesmal mit blonder Fönfrisur als Ninas und Marios Mutter Rosi Fröhlich, die ihren Friseursalon („Kati Witt, das war der schärfste Schnitt“) schließen musste.
Es klingt wieder alles wie Rosenstolz
So manche lustige Zeile geht leider unter im Getöse, denn sobald die Band (Musikalische Leitung: Shay Cohen und Dominik Franke) das Tempo der Lieder forciert, macht sich johlende Partystimmung breit. Die Musik ist wieder eine Mischung aus Rosenstolz-Gedusel und Disco-Wummern. Sie können halt nicht anders.
Viele Themen streift dieses gut dreistündige Spektakel. Aber letztendlich ist es eine Ode an die Toleranz: Nicht Berlin, sondern „Freiheit ist die schönste Stadt der Welt“.
Theater des Westens. Hier geht’s zu den Karten.
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24 Stunden geöffnet. Für den Späti ist es nie zu spät. Man kann sich hier eindecken mit Lebenswichtigem ebenso wie mit dem Stoff zum Durchzechen der Nacht. Man kann zugleich Lebensweisheiten loswerden, seine Sicht auf die Welt unter die Leute bringen. So wie in Wolles Kiosk, Schauplatz des neuesten Programms des Kabarett-Theaters Distel. Der Titel „Die Rückkehr der Späti-Ritter“ erinnert an einen Science-Fiction-Klassiker im Kino. Doch statt in die Zukunft blickt der satirische Abend auf die Gegenwart, und statt in die Galaxy auf Szenen, die sich vor der Tür abspielen. Berlin ist ja auch Demo-Hauptstadt. Und so verirren sich neben Ur-Berlinern und Touris allerlei renitente Zeitgenossen und -genossinnen in den Ost-Späti, der unweit des Regierungsviertels nur dank eines alten DDR-Mietvertrags die Gentrifizierung überlebt hat.
Eine witzige Idee, dieser Ausgangspunkt des Buches, das Philipp Schaller und der bekannte Kabarettist Michael Frowin mit Texten verschiedener Autoren zusammengestellt haben. Das erinnert ein wenig an den Imbiss in „Dittsche“, den Komik-Klassiker mit Olli Dittrich im Fernsehen. Nur tauchen im Späti, den Verwandlungskünsten der Schauspieler gedankt, weit mehr Leute auf. Unter anderem der Kanzler persönlich.
Für den Distel-Stammgast ist einiges neu. Kein Musikduo als Begleitung, die besorgt das Quartett auf der Bühne diesmal selber. Fast durchweg bislang unbekannte Gesichter, aber von umwerfend komischem Talent, die in Lilian Laeticia Haacks schwungvoller Regie selbst aus ärmeren Pointen reiche Ernte ziehen. Mimt Jens Bache zunächst den Späti-Gastgeber Wolle, so bilden Josepha Grünberger als feministische Influencerin und Karsten Kramer als auf sein analoges Dasein pochender Professor weltanschauliche Gegenpole. Bei ihrem Streit übers Gendern ergreift bei der Premiere das Publikum lautstark Partei für die jeweilige Position.
Leben im Amazon-Zeitalter
Jens Eulenberger heißt auf der Bühne Mozart, weil er genial in die Tasten greift. Wie bei „Schick’s zurück“, bei dem Josepha Grünberger unser gesamtes Dasein mit einem Amazon-Paket vergleicht. Die Songs beziehen sich auf viele Erscheinungen des Zeitgeistes, passend zu den Personen, die den Späti heimsuchen. So verkörpert Karsten Kramer gekonnt den Bundeswehr-Werbeoffizier, der mit Hinweis auf die Wohnungsnot Rekruten zu fangen hofft.
An der erforderlichen Work-Life-Balance seiner Zöglinge verzweifelt Jens Bache als gestresster Pädagoge. Ein Ehepaar namens Lars und Mausi hat beschlossen, die Eizellen der Frau einfrieren zu lassen, bis sie Zeit hat, sich um Kinder zu kümmern: ungefähr mit siebzig. Zur Hymne auf die demografische Krise gerät die „Ü-80-Party“: lieber durchgefeiert als durchgelegen. Kalten Schweiß erzeugen Passagen aus dem AfD-Wahlprogramm. Die sind keine Satire, leider.
Distel, diverse Termine bis 30. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
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Herbert rockt Händel. Das fröhliche Enfant terrible Herbert Fritsch macht sich diesmal über ein Oratorium her: „Belshazzar“. Georg Friedrich Händel vertonte den Text seines Stammlibrettisten Charles Jennens 1744/45, die Uraufführung in London geriet für den finanziell angeschlagenen Theaterunternehmer Händel zum Misserfolg. An der Komischen Oper erzählt nun Fritsch die Geschichte vom babylonischen König. Berauscht von Macht und Wein verhöhnt Belshazzar (Robert Murray) den Gott der Juden, die in seinem Weltreich gefangen sind. Als auf der Wand das berühmte Menetekel erscheint, ahnt seine Mutter Nitocris (Soraya Mafi) das böse Ende. Die Prophezeiung erfüllt sich, Assyrer und Perser stürmen den Palast, der rücksichtslose Herrscher fällt in der Schlacht, sein Reich wird aufgeteilt und die Juden können aus dem Exil zurückkehren.
Besonders lustig ist die Handlung also nicht. Dass Fritsch sich davon nicht ausbremsen lässt, hat er an der Komischen Oper schon mit Wagner bewiesen, als er den „Fliegenden Holländer“ als Karibikpiraten präsentierte (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 420 vom 12. Dezember 2022). Ein Renner, wie auch im vergangenen Jahr die völlig überdrehte Musikkomödie „Pferd frisst Hut“. Doch diesmal lässt sich das Premierenpublikum schwer aus der Reserve locken. An Händel liegt es nicht. Dessen Oratorium ist eigentlich eine verkappte Oper, Stoffe aus der Bibel durften seinerzeit nicht als Musiktheater gespielt werden.
König der Konzeptlosigkeit
Genug Dramatik, innere und äußere Konflikte wären durchaus vorhanden. Doch Fritsch, der im Programmheft mit seinem Ruf als König der Konzeptlosigkeit kokettiert, kommt dem babylonischen König nicht wirklich bei. Als Regisseur, Kostüm- und Bühnenbildner setzt er die Mittel ein, die man spätestens aus seiner Schnappatmung erzeugenden Volksbühnen-Inszenierung der „Spanischen Fliege“ kennt. Für jede Gruppe des auf einer riesigen Treppe stattfindenden biblischen Konflikts erfindet er eine eigene, meist hippelige Körpersprache, die sogar die barocken Koloraturen der Sängerinnen und Sänger in Bewegung umsetzt.
Die feierlustige Gesellschaft um den Herrscher kleidet Fritsch in quietschbunte Kostüme, eine Mischung aus Teletubbies und Mainzer Hofsängern. Die Eroberer um die Heerführer Cyrus (Susan Zarrabi) und Gobrias (Philipp Meierhöfer) treten im Mao-Look auf. Das Volk Israel wiederum klischeehaft orthodox gewandet, der Prophet Daniel (Ray Chenez), der das Menetekel entziffert hat, tritt dem König selbstbewusst im lässigen Cowboy-Gang gegenüber.
Zu Fritschs Taktik gehört aber auch, dass zwischendurch das Gezappel aufhört und die Musik ihren Zauber entfalten kann. Am Pult steht George Petrou. Der künstlerische Leiter der Göttinger Händel-Festspiele, der mit dem Orchester der Komischen Oper schon dem „Messias“ im Tempelhofer Hangar Strahlkraft verlieh, ist hörbar Spezialist fürs Barocke, manche Sängerinnen und Sänger sind es hörbar nicht. Die Regie macht es ihnen auch nicht leicht. Koloraturen singen sich nun mal schlecht im Liegen und kommen schwer rüber, wenn man ganz oben auf der Showtreppe agiert.
Das Drama um einen selbstverliebten Herrscher, das eine Menge aktuelle Bezüge haben könnte, es bleibt ein Späßchen.
Unser Kontingent ist leider ausgeschöpft. Karten direkt bei der Komischen Oper Berlin.
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Extra-Tipp: „Niels Holgerssons wundersame Abenteuer“ sind zurück
Vor drei Jahren, in der Vorweihnachtszeit, war der Gänsemarsch an die Kasse der Komischen Oper vergeblich. Für Elena Kats-Chernins begeisternde Kinderoper gab es keine Karten mehr. Nun ist die auf Selma Lagerlöfs Roman bauende Geschichte von Susanne Felicitas Wolf über den jungen Niels, der mit den Zugvögeln davonfliegt, wieder zu erleben, genau zu der Zeit, wenn auch die Gänse zurückkehren. Eine Augen- und Ohrenweide für alle Menschen ab sechs. Aber Tempo: Die Tickets sind schon wieder knapp!
Komische Oper im Schiller-Theater. Diverse Termine bis 7. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
1. Theater des Westens Freiheit ist die schönste Stadt
2. Distel Die ganze Welt ist ein Kiosk
3. Komische Oper Aufstieg und Fall der Weltmacht Babylon
1. Deutsches Theater Weltstadt Seebrücken
2. Hans Otto Theater Jahrmarkt der Eitelkeiten
3. Staatsballett Berlin À la russe
1. Renaissance Theater Von Menschen und Maschinen
2. Wintergarten Mit David auf großer Fahrt
3. Schlosspark Theater Verführung zum Schaumschläger
1. Schaubühne Begehren Lächerlichkeit Tod
2. Deutsches Theater Klappe auf Klappe zu
3. Grips Bunt laut lustig
1. Deutsche Oper Im Ring mit Rossini
2. Staatsoper Schlaue Füchse und eitle Gockel
3. Hans Otto Theater Das Hohelied der Solidarität
1. Berliner Ensemble Radaunest-Leporello
2. Hans Otto Theater Hörtheater-Show mit Zwischendurch-Bier
3. Berliner Ensemble Alles Asche