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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 566

21. September 2026

HEUTE: 1. KOMISCHE OPER IM HANGAR – „LEAR“ / 2. VAGANTENBÜHNE – „FABIAN. DER GANG VOR DIE HUNDE” / 3. SCHLOSSPARK THEATER – „PUTSCH: ANLEITUNG ZUR ZERSTÖRUNG EINER DEMOKRATIE“

1. Komische Oper - Machtgeilheit führt ins Verderben

"Lear" in der Komischen Oper Berlin © Monika Rittershaus

Nicht selten ist die Location bereits die halbe Miete. Als die Komische Oper vor drei Jahren ihr Stammhaus an der Behrenstraße Richtung Schiller-Theater wegen Baumaßnahmen verlassen musste, machte sie aus der Not eine Tugend. Die erste Produktion der neuen Saison findet seitdem im ehemaligen Flughafen Tempelhof statt. Die spektakulären Aufführungen im Hangar, die mit Seh- und Hörgewohnheiten brechen, sind Publikumsrenner. Da zieht auch zeitgenössisches Musiktheater.

Allerdings ist Aribert Reimanns Shakespeare-Vertonung „Lear“ ein Werk, das ohnehin zu den Hits der Moderne zählt. Bereits Harry Kupfer und Hans Neuenfels haben die tragische Geschichte des alten Königs für die Komische Oper inszeniert. Dabei umschmeichelt Reimanns atonale Komposition kaum die Ohren. Doch im Unterschied zu vielen anderen Neutönern erscheint sie nie selbstbezogen, sondern stellt sich ganz in den Sinn des Dramas und seines Librettisten Claus H. Henneberg. Hier liegt der Reiz des 1978 uraufgeführten Werks fürs große Publikum.

Groß gedacht hat nun auch Barrie Kosky, der frühere Erfolgsintendant, der sich „Lear“ im Hangar 4 vorgenommen hat. Die Dimensionen in Tempelhof sind nun mal ganz andere. Hier muss man jede Menge Meter zurücklegen. Das gilt für die Besucher wie für die Beteiligten auf der Spielfläche (Rebecca Ringst), ein leeres weißes Quadrat, das wie ein riesiges Schachbrett erscheint. Auf zwei Seiten gegenüber sitzt das Publikum, von den beiden anderen Seiten ertönt die Musik, das von Nicholas Carter geführte Orchester wie von gegenüber das auf zwei Türmen platzierte Schlagwerk. Reimann haut in „Lear“ buchstäblich auf die Pauke, und die Perkussion, die normalerweise im Orchestergraben untergebracht werden muss, kann sich hier grandios entfalten. So befinden sich Shakespeares Figuren auch klanglich im Spannungsfeld, passend zum Schicksal, das sie in den kommenden zweieinhalb pausenlosen Stunden ereilt.


Von der Abendrobe in die Uniform


„Nichts“, erwidert Cordelia (Penny Sofroniadou) auf die Frage, womit sie dem königlichen Vater ihre Liebe zu beweisen gedenkt. Ein Affront. Die anderen Töchter Goneril (Rosie Aldridge) und Regan (Nicole Chevalier) haben sich in der Stunde, in welcher der Monarch das Reich unter seinen weiblichen Nachkommen aufteilen will, vermeintlich viel geschickter verhalten. Brüskiert bricht Lear (Scott Hendricks) mit Cordelia. Auslöser einer tragischen Entwicklung, an deren Ende er selber vor dem Nichts stehen wird. Kosky lässt diese Figur zunächst nicht als Senior erscheinen. Sichtbar zum alten Mann wird King Lear erst im Verlauf der Handlung.
Wie im Salon geht es anfangs zu. Die Herren im Smoking, die Damen im Abendkleid (Kostüme: Klaus Bruns). Kontrapunkt ist der Narr, verkörpert von Dagmar Manzel, der wie so oft im Drama mehr ahnt als alle anderen. Bei dieser spielfreudigen Darstellerin vertraut die Regie auch auf kleinere Gesten. Ansonsten setzt Kosky voll auf die Wirkung des Ambientes. Einzig einer schwarzen, verschiebbaren Holzkonstruktion bedient er sich noch, mal als Laufsteg, mal als lange Tafel der Ritter oder, besonders eindrucksvoll, als Weg des todessüchtigen Grafen Gloster (Günter Papendell) hoch zu den Klippen, von denen er sich stürzen will. Szenisch wird das hier, auch in der zentralen Szene des Sturms, fast allein durch die bravouröse Lichtregie (Olaf Freese) gelöst. Großartige optische Effekte finden ihre Entsprechung in den durchweg einnehmenden gesanglichen Leistungen.

Mit dem Krieg gegen Frankreich weicht die Abendgarderobe dem Militär-Look. Eindeutig bezieht Kosky auch die dunkle Vergangenheit des Aufführungsorts ein in sein düsteres, in manchen Momenten brutales Spektakel. Aber er macht sie gewissermaßen zur Familienangelegenheit. Machtgeilheit treibt die Personen an und ins Verderben. Und so steckt im großen Hallendrama doch wieder ein psychologisches Kammerspiel. Berührend in jeder Hinsicht.

Komische Oper im Hangar. Leider ist unser Kontingent erschöpft. Karten gibt es noch direkt bei der Komischen Oper.


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2. Vaganten - Im Rachen des Haifischs

"Fabian. Der Gang vor die Hunde" in der Vagantenbühne © Matthias Horn

Auch in der Vagantenbühne spielt die Geschichte des Ortes mit: Hier gab es nach 1945 für einige Jahre ein Lokal, in dem Frauen Anschluss suchten, eher aus materiellen als aus emotionalen Gründen: die „Haifischbar“. Diesen Aspekt bauen die Vaganten bei „Fabian. Der Gang vor die Hunde“ gewitzt ein. Das Schauspiel basiert auf dem 1931 erschienenen Großstadt-Roman des damals 29-jährigen Erich Kästner, der ein Gesellschaftsbild von Berlin am Vorabend der „Machtergreifung“ zeichnet.

Ob er noch einen Nebenberuf habe, wird Jakob Fabian, der Werbetexter, von seinem Chef gefragt. Antwort: „Ja, ich lebe!“ Ob man es wirklich Leben nennen kann, was den jungen Mann nachts mit seinem besten Freund Labude zum schnellen Rausch an zweifelhafte Orte treibt? Werden doch die Beteiligten eher von Verzweiflung als von Lebensfreude getrieben. Und oft von purer Überlebensnot, vor allem die Frauen, die hier ihr Geld verdienen müssen.

Das Buch wurde mehrfach für die Bühne bearbeitet, unter anderem in einer Marathon-Fassung von Frank Castorf (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 362 vom 28. Juni 2021) und verfilmt. Nun hat Lily Kuhlmann ihre eigene Version inszeniert. Zähne des Haifisches, der alles zu verschlingen droht, umrahmen die von Lorenz Willkomm gestaltete Bühne, die wie eine Bar in den Zuschauerraum erweitert wurde. Kuhlmann lässt ihr spielstarkes Quartett auch draußen vor dem Eingang, im Kassenraum und in der Garderobe agieren, begleitet von einer Live-Kamera. Bereits in ihrer Umsetzung von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ (mehr dazu in der Bühnenkritik vom 5. Juni 2025) setzte die Regisseurin gekonnt filmische Mittel ein.


Frage nach der Anständigkeit der Welt


Wie ein Beobachter, ironisch cool bei seinen nächtlichen Streifzügen, agiert Philipp Lehfeldt in der Titelrolle. Doch später beginnt er an seiner Umwelt zu verzweifeln, die zunehmend den rechten Heilsversprechern auf den Leim geht. Es ist trotz allem auch ein humorvoller Abend, weil Paul Trempnau, Victoria Findlay und geradezu fulminant Josefin Fischer im Wechsel ihrer vielen Rollen gekonnt überzeichnen. Dass sie in ernsten Momenten die Herzen rühren, darin liegt die Kunst dieser zweieinhalb Stunden, die zeitgemäß wirken, ohne sich dem Zeitgeist anzubiedern.

Hat die Welt Talent zur Anständigkeit? Diese Frage betrifft nicht nur die politischen und wirtschaftlichen Verwicklungen. Mit Ironie lenkt Kuhlmann den Blick auf das Miteinander der Geschlechter, fordert Gleichberechtigung selbst in unmoralischen Dingen. Auch wenn die Versuchung groß sein mag: Die Inszenierung vermeidet die direkte Gleichsetzung mit der Gegenwart. Trotzdem endet das starke Stück mit einer Warnung, die sehr aktuell erscheint. Mit dem Zitat aus Erich Kästners Rede vor der PEN-Versammlung 1958, genau 25 Jahre nach der Bücherverbrennung: „Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird.“

Vagantenbühne, diverse Termine bis zum 13. November. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Schlosspark Theater - Eine Komikerin für Deutschland

"Putsch" im Schlosspark Theater © Der Dehmel/Urbschat

Das wird man doch noch sagen dürfen! Sich öffentlich gegen Islamismus zu wenden, sich über Wokeness, also Genderwahn und Transpersonen lustig zu machen, das ist doch nicht rechtsradikal! Das ist „scheißnormal“. Das ist Meinungsfreiheit! Ist Klara Milkowski so naiv oder tut sie nur so? Ihre Sprüche im Fernsehen bescheren der Kabarettistin einen Shitstorm. Und kosten sie ihre Sendung. Der Rausschmiss nach sieben Jahren mündet in eine neue Karriere: als Stimme des Volkes, als Kanzlerkandidatin der UHD, der „Unser Haus Deutschland“-Partei.

Selten scheint Theater so punktgenau zur Tagespolitik zu passen wie „Putsch“. Die satirische „Anleitung zur Zerstörung einer Demokratie“ von Alistaire Beaton und Dietmar Jacobs feierte vor mehr als einem Jahr in Trier Uraufführung. Die Premiere von Manfred Langners Berliner Inszenierung am Schlosspark Theater fiel jetzt auf den Vorabend der SA-Wahl, der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.

Komiker sind anscheinend die begabteren Politiker. Julia Richter, Tochter des unvergessenen Comedy-Stars Beatrice Richter, spielt die streitbare Klara, die für die politische Laufbahn den familiären Frieden mit ihrer halbwüchsigen Tochter riskiert. Und die erst spät, zu spät merkt, dass sie sich vor den falschen Karren spannen ließ. Max Tidof, noch so ein bekanntes Gesicht, mimt leicht dämonisch den Zeitgeist, der an den Conférencier in „Cabaret“ erinnert, der ja ebenfalls eine Zeitenwende moderierte. Voraussetzung für den Umsturz, so erklärt er, sei die gesellschaftliche Spaltung.

So ein Stück im Hause Hallervorden, das hat eine besondere Note. Sprüche gegen den woken Zeitgeist ließ auch Dieter Hallervorden schon vom Stapel. Mit umstrittenen Positionen zur Ukraine und Nahost teilte er sich eine Bühne mit Sahra Wagenknecht, trat jedoch zuletzt gegen die AfD in seiner alten Heimat Sachsen-Anhalt mit dem CDU-Ministerpräsidenten im Wahlkampf auf. Bei „Putsch“, das er auch in seinem Dessauer Theater aufführen wird, ist der 91-Jährige nicht bloß Hausherr: Seine Stimme ertönt als Kommentar zu den gezeigten Filmausschnitten.


Wenn die Brandmauer fällt


Rein theatertechnisch lässt sich sagen: „Putsch“ flutscht! Acht Spielende in 40 Rollen, unter anderem sogar als zwergenhafte Internet-Trolle. Über weite Strecken wähnt man sich im Kabarett, vergleichbare Stücke sah man zum Beispiel schon bei den Stachelschweinen (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 489 vom 16. September 2024). Den komischen Vogel schießt, nicht zum ersten Mal an diesem Haus, der schwergewichtige Georgios Tsivanoglou ab. Mal klischeehaft als sächselnder Wutbürger, der durchs Parkett tobt und den „Ausgang aus diesem Scheißtheater“ nicht findet. Mal als Bundeskanzler; diesen Posten haben die Rechten trotz ihres Wahlsieges dem konservativen Koalitionspartner überlassen, um die Brandmauer zu umgehen.

Klara Milkowski, in Outfit und Tonfall deutlich „verweidelt“, sorgt fortan als Innenministerin für Recht und Ordnung. Mit fatalen Konsequenzen, leider auch für die Aufführung. Gegen Ende gerät die Parodie beinahe zum Rührstück. Nimmt man Satire zu ernst, funktioniert sie irgendwann nicht mehr. Im Unterschied zur Demokratie.

Schlosspark Theater, diverse Termine bis zum 18. Oktober. Hier geht’s zu den Karten.

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