HEUTE: 1. DEUTSCHES THEATER BOX – „5 MINUTEN STILLE“ / 2. PRIMETIME THEATER – „WEDDING, MON AMOUR. GUTES WEDDING. SCHLECHTES WEDDING“ / 3. TIPI AM KANZLERAMT – „ICH BIN STARK – GITTE HAENNING 80“ / EXTRA-TIPP – KOMÖDIE IM BERLINER ENSEMBLE – „VANYA“
Die Welt ist ein Schreihaus. Das mag getrost man meinen. Laut, aggressiv, dissonant. Da sehnt man sich, endlich einmal, nach Entspannung, nach Ruhe, nach Stille. So wie die drei Protagonisten im höchst unterhaltsamen Redestück von Leo Meier. Allein der Titel sagt alles: „Fünf Minuten Stille“, und selbstredend kommt es dazu eben nicht.
Denn immerzu wird Schweigen verabredet, aber sofort wieder gebrochen. Immerzu kriegen sich Frieder Langenberger, Katrija Lehmann und Natali Seelig in die hoch zu Berge stehenden Haare. Immerzu werden sie schrill, giftig, böse oder unduldsam gegenüber sich selbst und den anderen. Immerzu rauschen ihnen Probleme und Problemchen ihres Daseins in der Welt durch die Rübe, dazu ihre Ängste, ihre Schmerzen, ihre Wut. Und so können sie, überrumpelt von Erregung, einfach nicht die Klappe halten. Müssen sich andauernd aufregen. Unmöglich, auch nur für 300 Sekunden mal keine Meinung haben zu allem und jedem, mal keine Problematisierung der Probleme, mal die Füße stillhalten und stumm Einkehr halten.
Grips und Spaß lustvoll beisammen
Mit Leichtigkeit und Witz entwirft der Autor ein kleines rasendes Drama, lustvoll gefüllt mit hintergründiger Kakophonie. Sein absurdes Kabinettstück fragt – und das ganz nebenbei –, ob es überhaupt noch ein richtiges Leben geben kann heutzutage. Und wie das vielleicht aussehen könnte.
Die geistreiche Chose im Pointen-Rausch ist natürlich ein Fressen für die drei Akteure, die – dickes Bravo! – aus dem Slapstick gar nicht mehr herauskommen. Was wiederum mit der schier überbordenden Fantasie der vielversprechenden Regie-Debütantin Giulia Lancellotti zu tun hat. Sie, bislang DT-Regieassistentin, lässt die geschliffene Sprache funkeln, setzt furiose Spielwut frei und geschickt Atem- und Denkpausen ein. So wird, alles in allem, mit Grips und Spaß ein betörendes Schauspielfest befeuert. – Endlich wieder eine richtig große Sache im DT. In seiner kleinen Spielstätte Box. Riesenbeifall.
Deutsches Theater Box, am 27. Juni und wieder in der neuen Spielzeit. Hier geht's zu den Karten.
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Wenn Trübsal weht und Kummer schwelt, hätten wir ein praktikables Gegenmittel: Das schamlos freche, unverdrossen herzerwärmende Berliner Volkstheater im Wedding. Der intime, plüschig-gemütliche Tempel für lebenspralle, kabarettistisch krass aufgemischte Kiezgeschichten ist das grellbunte Reich von Theaterdirektor Oliver Tautorat, dem weltberühmten Striese von der Müllerstraße, der den Laden nun schon seit Jahrzehnten flott am Laufen hält. Motto: „Mitte ist schitte, Prenzlberg ist Petting, real Sex ist only Wedding.“
Der mittlerweile legendäre Titelsong der Sitcom-Serie „Gutes Wedding. Schlechtes Wedding“ bringt berüchtigte Klischees bekannter Berliner Gegenden keck auf den Punkt. Wie überhaupt der ganze, so verrückt wie gekonnt videogestützte GWSW-Zirkus des Primetime-Theaters intelligent hintersinnig mit Klischees (und ein bisschen auch mit Ballermann) spielt und sie „IN-ECHT-FLIX“ mit einer Handvoll erstaunlicher Verwandlungskünstler aufs Brettl knallt. Da spielt ein jeder (und natürlich auch jede) die unterschiedlichsten Figuren, was den besonderen Charme der zwischen Farce, Herzschmerz-Theater und poppigem Singsang oszillierenden GWSW-Szenen ausmacht.
Käserei in der Badewanne
Jetzt, in der 141. Folge der längst kultigen Show – „Wedding, mon amour“ – geht es französisch zu. Mit Josefine Heidt, Susanna Karina Bauer, Merlina Parot, Sascha Vajnstajn sowie Kilian Löttker. Und mit Blick zurück. Schließlich war Wedding mal französischer Sektor; und es gibt da obendrein eine unglaubliche Hüben-und-drüben-Mauergeschichte.
Einen besonderen Blick aufs Heute liefert Zampano Tautorat, garniert mit Baskenmütze und Halstüchlein, als französelnder Berlin-Fremdenführer, der durchgeknallten Shopping-Touris diverse Spezialitäten der „Champs Élysée des Nordens“, genannt Müllerstraße, nahebringt. Dazu gehört auch ein Käse-Wettbewerb, der dort zur Französischen Woche veranstaltet wird vom Centre Francais. Da hat Habibi vom Leopoldplatz (mit türkischem Großvater) einen lang ersehnten, leider von irrwitzigen Problemen gestörten Auftritt. Ist er doch weithin anerkannter Avantgardist seiner in der heimischen Badewanne produzierenden Käse-Manufacture. Hinzu kommt als Highlight der duftenden Veranstaltung eine Performance des frisch eingeflogenen Crème-Fraiche-Chansonniers Jean-Jacques Frack, der urkomisch drauflos parodiert als Spatz von der Müllerei mit einem Batzen Camembert im Rachen.
Aber das ist nur eine der spektakulären Nummern vom „Mon Amour“. Denn die Fantasie des Autorenkollektivs (Daniel Zimmermann, Raphael Howein und Sacha Vajnstaijn, der auch Regie führt) ist schier unermesslich im Erfinden von Aberwitz. Und Mutterwitz. Doch wir wollen nicht weiter vorgreifen… Je t‘aime Primetime!
Herrliches Sommerspektakel; noch bis zum 12. Juli.
Extra-Empfehlung: Schlagerradio im Primetime. Mitsingspaß zur Gruppenkaraoke mit Roland Kaiser. Wieder am 9. und am 23. Juni, 19.30 Uhr. Mit Udo Jürgens am 13. und am 20. Oktober. Hier geht’s zu den Karten.
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Eine Wolke aus weißem Leinen – ganz skandinavisch – schwebt auf die Bühne und entfesselt einen Sturm begeisterter Zuneigung. Gitte Haenning wird geliebt, bewundert, verehrt. Und gilt so manchen im proppenvollen Zelt wohl nicht allein mit ihren Gesängen als trotzig Selbstbestimmte, als Mutmacherin und Kraftspenderin für Lebenslagen, in denen es nicht gut läuft. Auch im Gästebuch, das im Foyer ausliegt, ist davon die Rede.
Aber natürlich ist Gitte Haenning ein Star, schon seit Jahrzehnten (als Teenager galt sie als berühmtester Kinderstar Skandinaviens). Am 29. Juni wird die Dänin aus Aarhus, die seit langem in Berlin lebt, ihren 80. Geburtstag feiern. Sie sagt: „Mal sehen, was ich da mache; ich lasse es, wie bei fast allem, einfach auf mich zukommen.“ – Doch erst einmal kommt sie auf uns, auf ihr Publikum zu und startet ihre „Jubiläumstour 80“ im Zelt am Kanzleramt unter dem stolzen (und eben mutmachenden) Motto „Ich bin stark“.
Die weiße Wolke wedelt also herein, hockt sich auf einen Barhocker an der Rampe hinter Notenständern und plaudert ein bisschen zum Warmwerden mit dem Publikum, derweil sie, offensichtlich arg zerstreut (noch immer Lampenfieber?), sich durch mehrere Notenmappen wühlt. Der Mann am Kontrabass, Andreas Lang, traktiert derweil die Saiten. Die Haenning witzelt selbstironisch, kichert koboldhaft, fährt sich nervös durchs Wuschelhaar. Nun macht sich Christian Lohr, musikalischer Chef der Show und Klasse-Pianist, am Flügel zu schaffen, gibt dem Gitarristen Joe Kuttler Zeichen und der Gitte endlich einen tiefen Blick. Unversehens fängt sie an. Aufregend zögerlich, ganz zart: „Wieder auf der Erde / Aus - der Wolken Flug… / Ich stieg zu den Sternen bis die Leiter brach… / Abgestürzt und aufgewacht… / Risse in der Seele…/ Doch ich ball’ meine Faust…/ Und sag: Ich bin stark. Ich bin stark…“
Was für ein Einstieg! Der Superhit von 1982 ohne Breitwandorchester, sondern kammermusikalisch. Das überhaupt ist das Überraschende dieser Show: Der raffinierte Neu-Klang der gesammelten Gitte-Klassiker durch die grandiosen Arrangements des genialen Christian Löhr. Unerhört! Das dröhnt nicht, das summt, flüstert, swingt. Oft virtuos angejazzt. Und ja, es schreit. Wuchtet gelegentlich; auch das muss sein. Und rockt. Zum Mitsingen und Mitklatschen. Aber die intimen, wundersam feinsinnig instrumentierten Strecken, die betören. Nochmal: Unerhört!
Das Schlagerhafte verschoben hin zum Lied, zum Song. Das passt bestens zu den poetischen Texten, die unterschiedlichste Lebenswirklichkeiten und Seelenzustände auf den Schmerz- oder Lustpunkt bringen. – Und noch eine Besonderheit der Show: Sie inszeniert sich lässig als eine Art kollektive Werkstatt; wirkt wie improvisiert. Locker hingeworfen. Mit kessen Zwischenbemerkungen aus dem Ärmel geschüttelt. Gitte, der alte Frechdachs. Das hat Chuzpe! Höchst sympathisch. Und alles frei von Stardust oder Diven-Pomp. Cool und doch zu Herzen gehend. Mitreißend. Eben: Stark! Wir gratulieren.
Tipi am Kanzleramt, wieder vom 28. – 30. Oktober. Der Vorverkauf hat noch nicht begonnen.
Der Sänger und Schauspieler Klaus Hoffmann feierte im März seinen 75. Geburtstag. Seine Show „Ich bin“ mit Liedern und Texten aus 50 Bühnenjahren hat ihre Uraufführung in der Bar jeder Vernunft: Vom 16. – 21. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
Extra-Tipp:
Wegen des großen Erfolgs: Wiederaufnahme „Vanya“.
Einer für alle heißt es bei dieser großartigen Ein-Mann-Show mit Oliver Mommsen. Doch die hat nichts zu tun mit vier Musketieren, sondern mit den acht Figuren – männlich, weiblich, alt, älter, uralt –, die in Anton Tschechows gallig grundierter Komödie „Onkel Wanja“ auf einem russischen Landgut an unerfüllten Verliebtheiten nagen und auch sonst verlorenen Lebensglücklichkeiten nachtrauern.
Großes Schauspielertheater der Kudamm-Komödie, die sommers in Berlin-Mitte gastiert.
Berliner Ensemble, Neues Haus. Vom 22. Juli bis zum 10. August. Hier geht’s zu den Karten.
1. Deutsches Theater Keiner kann die Klappe halten
2. Primetime Diesen Tollhaus-Käse muss man lieben
3. TIPI Feinsinnig mit Wumms dazwischen
1. Hans Otto Theater Que(e)r
2. Deutsches Theater Auch que(e)r
3. Volksbühne Ganz verquer
1. Berliner Ensemble Das Banale im Bösen
2. Theater an der Parkaue Wolf oder nicht Wolf
3. Atze Musiktheater Scherben bringen Glück
1. Renaissance Theater Zwischen Wut und Angst
2. Krimitheater Hitchcock-Kabarett
3. Komödie Clinch zu viert
1. Vaganten Viel mehr als Theater
2. Kleines Theater Russisches Feuer
3. Berliner Ensemble Krieg allgegenwärtig
1. Schaubühne Reicher Geizhals, arme Sau
2. Theater Strahl Pflaumenkuchen und Ausreiseantrag
3. Chamäleon Menschenknäuel