Heute: 1. Berliner Ensemble – „Sturm auf Berlin / 2. Theater an der Parkaue – „Wolf“ / 3. Atze Musiktheater – "Die Maus im Porzellanladen" / Sommer im Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld
Marie Schwesinger ist Journalistin, Autorin und Regisseurin (im BE steht ihre Inszenierung „Transit“ nach Anna Seghers auf dem Spielplan).
Als Journalistin verfolgte sie in den letzten Jahren mehrere Gerichtsprozesse, vor allem solche, die sich mit Straftaten aus dem terroristischen bzw. rechtsextremen Milieu.
Seit 2024 wird an drei Standorten gegen die sogenannte Gruppe Reuß ermittelt, deren Mitgliedern vorgeworfen wird, geplant zu haben, die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschland mit Gewalt außer Kraft zu setzen.
Marie Schwesinger verfolgt einen Teil dieses Prozesses – in Frankfurt/Main –, hat über die Hälfte der inzwischen mehr als 100 Verhandlungstage miterlebt und auf 1.200 Seiten den Verlauf eigenhändig (!) protokolliert. Aus diesen Notizen entstand „Der Sturm auf Berlin“
Gerichtssaalsprech wird zum Stück
Schwesinger und ihren Dramaturgen Daniel Grünauer und Lukas Nowak ist es gelungen, die Aussagen der Angeklagten, der Anwälte und des Richters in der nüchternen schnörkellosen Sprache, die in Gerichtssälen vorherrscht, so zu sortieren und zusammenzubauen, dass daraus ein – kaum vorstellbar – spannender Theatertext wurde.
Im Publikumsgespräch nach der Vorstellung antwortete die Regisseurin auf die Frage, wie viel sie dem Gehörten hinzugefügt hätte, dass jeder Satz aus den Gerichtsszenen, der im Stück steht, im Gerichtssaal gefallen ist. Da finden sich absurde Dialoge, aber auch Aussagen, in denen das Banale direkt ins Böse führt.
Zwischen die Szenen im Gerichtssaal sind Texte montiert, die uns den Ablauf der Ereignisse – von der Planung zur Verschwörung bis zu den Anklagen – noch einmal ins Gedächtnis rufen.
Das Stück schlägt dabei den Bogen zurück zum Kapp-Putsch, bei dem 1920 der konterrevolutionäre Putschversuch nach wenigen Tagen scheiterte. Und auch wenn die historische Situation von vor gut hundert Jahren, in der die erst seit wenigen Monaten existierende Demokratie in Gefahr war, eine andere ist als die heutige, bleibt der Satz aus dem Stück: „...Es ist schon einmal passiert, es könnte wieder passieren.“ als Widerhaken im Gedächtnis stecken.
Ungute Athmosphäre
Die Bühne von Sabine Mäder besteht aus einer breiten fünfstufigen Treppe in Weiß, die in drei Teile zerlegt werden kann, die klassische Gerichtssaal-Anordnung entsteht. Der schwarze Bühnenboden glänzt wie poliert, die Szenen auf der Treppe in der Spiegelung des Bodens doppeln sich. Ein Prospekt, das den Raum nach hinten begrenzt, wird zur Projektionsfläche, wo einerseits Straßenvideos vom Berliner Regierungsviertel den Bezug nach draußen herstellen, andererseits Bilder und Schatten diffuse Bedrohlichkeit erzeugen. Über der Szenerie hängen sechs kleine Eichenbäumchen, die lieblich anzusehen wären, würden ihre Stämmchen nicht in spitzen Pfählen auslaufen.
Der Sound von Timothy Roth verstärkt die ungute Athmosphäre.
Der Abends hat ein Tempo, das auch dem Publikum höchste Konzentration abverlangt. Respekt vor der Leistung der Spieler (und vor der des Souffleurs Andreas Uhse)!
Während Oliver Kraushaar vor allem die Figur des Richters zugeordnet ist, spielen Nina Bruns, Maeve Metelka, Kathleen Morgeneyer und Marc Oliver Schulze jeweils viele verschiedene Rollen. Einfache Mittel, wie das An- und Ausziehen eines Blazers machen den Rollenwechsel deutlich.
Die Lösungen, die gefunden wurden, um den dokumentarischen Text und die Figuren sinnlich werden zu lassen, sind so einfach wie genial: Da warten zum Beispiel die Verschwörer auf den angekündigten landesweiten Stromausfall – eine warmes Licht spendende Glühlampe wird gleich verlöschen, aber: sie geht einfach nicht aus…
Aus einer grauen Plastikkiste werden Pistolen genommen und Stück für Stück fein säuberlich auf den Boden gelegt. Vorbereitung zum Schießtraining.
Die Eichenbäumchen senken sich und ihre Spitzen berühren beinahe die Köpfe der in einem Kreis dicht zusammen stehenden Spieler. Während Nebel wallt, erklingt mehrstimmig und glockenklar das Lied vom deutschen Wald und das vom morgigen Tag, der anbricht und mein ist.
Berliner Ensemble, Neues Haus, 7., 15. und 16.6. Hier geht’s zu den Karten.
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Saša Stanišić, für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, hat mit „Wolf“ sein erstes Kinder- bzw. Jugendbuch geschrieben, das wiederum geehrt wurde, 2024 mit dem Jugendliteraturpreis.
Es behandelt ein Thema, das unter Kindern und Jugendlichen immer öfter Problem ist und die Betroffenen, die Eltern und die Lehrer gleichermaßen beschäftigt: Mobbing.
Stanišić erzählt aber nicht nur einen Mobbing-“Fall“, sondern er fragt, wie sich die verhalten, die nicht selbst gemobbt werden, sondern zusehen, wie es anderen geschieht.
Das Theater an der Parkaue ist bekannt dafür, Belletristik in Dramatik zu verwandeln und und zeigt „Wolf“ auf der großen Bühne.
In einem Ferienlager geben Marko und seine Freunde den Ton an. Sie haben es auf Jörg abgesehen und Kemi, der zu Beginn froh ist, dass er nicht drangsaliert wird, muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. Und nachts schleicht auch noch ein Wolf umher.
Das Bühnenbild von Jürgen Kirner ist wie immer an diesem Haus funktional, toll anzusehen und bietet jede Menge Spielmöglichkeiten. Auch die Kostüme (ebenfalls Kirner) sind sorgfältig erdacht und liebevoll gearbeitet.
Gut gemeint
Jan Tsien Beller, Jessica Cuna, Caroline Erdmann, Homa Faghiri, Theresa Henning, Ariel Nil Levy und Andrej von Sallwitz rotieren unter der Regie von Moussa Hildebrand in den Rollen so, dass jeder und jede mal Opfer und mal Täter und mal Zeuge ist.
Deutlich gemacht wird das durch den Figuren zugeordnete Requisiten wie Kopfhörer, übergroße Sonnenbrille oder Rucksack, die immer wieder die Träger wechseln.
Die Absicht ist gut gemeint und wird schnell klar: Wir alle können Wolf sein oder kein Wolf. Diesen äußerlichen Wechsel hätte es gar nicht gebraucht; der Text ist stark genug. Eher verwirrt es, und es dauert immer ein bisschen, bis man begriffen hat, wer da wen gerade spielt. Dieser ständige Wechsel nutzt sich darüber hinaus ab, was in der Vorstellung, die ich sah, dazu führte, dass die jungen Zuschauer aus der Geschichte ausstiegen und es unruhig wurde.
Um das ernste Thema aufzubrechen, greift die Inszenierung auch zu skurrilen Mitteln, wie einer übergroßen gruselig anzusehenden Gestalt, die den Ferienlagerkoch darstellt, der, warum auch immer, kotzen muss. Der Wolf hat ein riesiges Maul mit gelbem Gebiss, und seine Augen blinkern gefährlich.
Am Ende löst sich alles in einer großen Tanznummer zu rockiger Musik auf. Und spätestens dann sind auch die Zuschauer wieder dran.
Theater an der Parkaue, 25., 26.6. und 3. und 6.7. Hier geht’s zu den Karten.
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Das Elefantenkind hat eine außergewöhnliche Option: Es liebt Porzellan. Schon der Name – klingt mal zart, mal kräftig, mal weich und mal hart. Und es ist so schön anzusehen und anzufühlen.
Aber die Großen sagen, ein Elefant und Porzellan, das geht schief! Und lassen den kleinen Elefanten nicht ran an das Objekt seiner Begierde.
Also bleibt dem kleinen Elefanten nur erwachsen zu werden. Und als er das ist, kauft er sich eine blauweiße chinesische Vase und dann noch eine und dann noch eine und am Ende hat er einen Laden ein, in dem es wunderschönes und teures Porzellan zu kaufen gibt.
Eines Tages kommt eine freche Maus daher und will eine Suppenschüssel kaufen, eine profane Suppenschüssel, und teuer darf sie auch nicht sein. Da ist der Elefant beleidigt, es kommt zum Streit, die Maus zerschlägt ganze Porzellan. Nachbarn rufen die Polizei, Elefant und Maus landen im Krankenhaus.
Mist gebaut, was nun?
Im Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld erzählt Matthias Schönfeldt die Geschichte, die eine unerwartete Wendung nimmt und eine genau so unerwartetes Ende hat, auf eine wundervoll poetische Art und Weise. Im Wechsel zwischen Spiel, Pantomime und Tanz agieren Falk Berghofer und Breeanne Saxton als Elefant und Maus. Der Elefant im knallgelben Dreiteiler; der Kopf eine Maske mit großen Ohren und Rüssel aus gazeähnlichem Material. Die Maus, deren Kommen sich mit lautem Motorrad-Geknatter ankündigt, trägt dementsprechend rote Lederkluft; auch ihr Kopf ist aus demselben durchscheinenden leichten Stoff. Das Bühnenbild besteht aus einer Würfelwand aus Schaumstoff, jeder mit einer blauweißen Porzellenkostbarkeit bemalt (Ausstattung: Frida Grubba).
Dass es trotzdem furchtbar scheppert, wenn alles zu Bruch geht, liegt an Iljá Pletner, der für die Komposition verantwortlich zeichnet und das Spiel augenzwinkernd mit Musik und Geräuschen begleitet und darüber hinaus als Erzähler die Geschichte voran treibt.
„Die Maus im Porzellanladen“ ist zurecht für den Berliner Jugendtheaterpreis, den IKARUS nominiert, die Inszenierung stellt Fragen nach Verantwortung und nach dem Umgang mit eigenen Fehlern leicht, einfallsreich und witzig. Junge Zuschauer haben daran genauso viel Freude wie erwachsene, und das macht gutes Kinder- und Jugendtheater ja aus.
Das Atze Musiktheater hat es mit einer weiteren Inszenierung auf die Nominierungsliste vom IKARUS geschafft: „Heute Nacht um 03.34 Uhr“. Diese Arbeit wurde auch bei uns in der Kulturvolk-Bühnenkritik hoch gelobt. Wir drücken die Daumen für beide.
„Die Maus im Porzellanladen“ ist wie viele andere Aufführungen für die ganze Familie im Luftschloss auf dem Tempelhofer Feld zu sehen. Neben Theater gibt es Konzerte, Comedy, Tanz den ganzen Sommer lang, bis zum 13. September. Das gesamte Programm hier.
1. Berliner Ensemble Das Banale im Bösen
2. Theater an der Parkaue Wolf oder nicht Wolf
3. Atze Musiktheater Scherben bringen Glück
1. Renaissance Theater Zwischen Wut und Angst
2. Krimitheater Hitchcock-Kabarett
3. Komödie Clinch zu viert
1. Vaganten Viel mehr als Theater
2. Kleines Theater Russisches Feuer
3. Berliner Ensemble Krieg allgegenwärtig
1. Schaubühne Reicher Geizhals, arme Sau
2. Theater Strahl Pflaumenkuchen und Ausreiseantrag
3. Chamäleon Menschenknäuel
1. Deutsche Oper Händels barocke Breitseite
2. Theater im Palais Der Krieg lässt dich nicht los
3. Volksbühne Diva ohne Unterleib
1. Schaubühne Mitten im Leben
2. Berliner Ensemble Ein Fest für die Sinne
3. Hans Otto Theater Besser ins Programmheft schauen