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Kulturvolk Blog Nr. 362

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

28. Juni 2021

HEUTE: 1. „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ – Berliner Ensemble / 2. „Die Wildente“ – Deutsches Theater / 3. „Indien“ – Sommerbühne im Hof der Vaganten

1. BE: - Exzesse des Kaputten

Fabian © Matthias Horn
Fabian © Matthias Horn

Kurz vor Mitternacht. Nach fast fünf dröhnenden und keuchenden Stunden hält das entfesselte Castorf-Theater für einen Moment die Luft an: Ein Mann und eine Frau verharren frierend einander Schutz suchend und nackt, wie Gott sie geschaffen hat, im kalten Licht einer irrwitzigen Welt.

In diesen langen, unvergesslichen Sekunden ist der Regisseur Frank Castorf mit seiner ansonsten gigantisch ausufernden, weitschweifenden Paraphrase auf Erich Kästners Berlin-Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ für zutiefst anrührende Augenblicke ganz bei sich.

Die Welt, gemeint ist ja mehr als bloß die mit Karacho untergehende Welt der Weimarer Republik vor dem Sturz ins Nazistische, die Welt also scheint blindwütig mit einem besinnungslos gierigen Tanz auf dem Vulkan vor die Hunde zu gehen. Doch einzelne – hier ein sich aneinander klammerndes Menschpaar – , die stehen vor uns: Ganz und gar frei, wie verlassen von allen Göttern und Geistern, ratlos, staunend, stumm.

Was für ein überwältigendes, archaisches Bild. Und was für ein eindringlich fragendes Statement; was für ein Zwiespalt, eigentlich seit Menschengedenken: Gibt es noch Hoffnung? Hat noch Vernunft eine Chance? Oder ist schon alles im Orkus?

Oder dreht sich alles immer aufs Neue im Kreis?

Bei Erich Kästner gibt es kein „oder“. Nicht in der zensierten Erstfassung von „Fabian“ 1931. Und schon gar nicht in der kompletten, das Welten-Chaos sehr viel krasser demonstrierenden Edition von 2013. Und eben auch nicht in diesem das Krasse furios breit gewalzten Fünfstunden-Abend der seit drei Jahrzehnten angesammelten, jetzt nochmals erregt aneinandergereihten Castorfschen Inszenierungsideen und Schreckensbilder menschlicher Deformationen.

Es sind die Exzesse des Kaputten, des Ekels, der Brutalo-Egos, der Penis-Spreizerei, Vögelei und Gewalt (von Liebe keine Rede). Es ist die Rutschpartie auf dem ikonografischen Kartoffelsalat, sind die Koksereien und blutigen Kloppereien, Saufereien, Küsse und Bisse bis hin zu Mord, Folter, Totschlag und noch dazu die endlos kreischenden Redeschlachten und grotesken Slapstickiaden ‑ alles schon gesehen. Mal mit großer Lust, mal mit ebensolchem Frust. Alles längst verinnerlicht.

Auch wenn dabei der Plot der Story roh zerkloppt oder fein zerschlagen wurde vom emsig bewegten Hammer der Dekonstruktion. Und noch dazu die Fülle der Assoziationsketten, Anspielungsgirlanden, Filmzitate; hier: „Kuhle Wampe“ nebst Schwarz-Weiß-Dokumenten aus dem Milljöh. Oder die Fremdtexte; hier Chamissos Geschichte vom Schlemihl, der seinen Schatten verkauft, sowie Verse von Baudelaire im französischen Original und sogar Privatkorrespondenzen des Regisseurs. Gefordert sind also – wie immer, so auch jetzt wieder –fortgeschrittene Kenntnisse in Kultur-, Philosophie, Kunst-, Literatur-, Film- und Popgeschichte. Und Szene-Insiderwissen.

Der ewig Castorfsche Furor, er zieht uns hinan. Wer nicht mit zieht, hat Pech. So einfach ist das. So toll und so unmöglich. So hochmögend.

Also Kästner höchstens als Stichwort-Lieferant, was wiederum einigermaßen passt. Ist doch sein Text, so der Autor selbst, kein Roman. Vielmehr ersetzt ein Kompendium von Episoden „Handlung“.

Doch wer, auch das wie immer, zuvor nicht brav gelesen hat, versteht selbst die Episoden kaum – dafür den Rausch.


Pandämonium auf der Drehbühne 


Für die Höllenfahrt der beiden Freunde Fabian (Marc Hosemann, der so schön Heinz Rühmann oder Hans Moser imitieren kann) und Labude (Andreas Döhler, raubeinig und erpicht auf Puff) baute der ingeniöseBühnenbildner Aleksandar Denic ein grellbuntes Berlin-Babylon-Karussell mit Nachtklub-Tresen, Bordell-Buden, Metzger-Laden, Schlafküchen-Zelle und natürlich Video-Wänden. Ein verschachtelt aufgetürmtes Pandämonium effektvoll auf die unermüdlich kreisende Drehbühne gewuchtet; besetzt mit einem furiosen Ensemble ‑ herausfordernd glamourös die Weiblichkeit in Straps und Stiletto-Pumps –, dass im Hochleistungssport schwitzend bis an den Rand der Erschöpfung getrieben wird. Wie auch das Publikum.

Doch da ist ja noch, kurz vor Schluss der bösen, schwarz-gerahmten Show vom ewig krampfenden Geschlechter- und Überlebenskampf, der Augenblick der Stille mit diesem Menschen-Denk-Mal. Diesem schweigenden Paar, das zwingend auf uns schaut ...

HINWEIS: 

Der Haifisch zeigt endlich seine Zähne 

Neben „Fabian“ mit einem Großmeister der Regie kommt demnächst gleich der zweite Regie-Star zum vorgezogenen BE-Spielzeit-Start Mitte August: Barrie Kosky mit der „Dreigroschenoper“. Der Chef der Komischen Oper inszeniert allein mit BE-Ensemblemitgliedern das epochale Werk von Brecht, Elisabeth Hauptmann und Kurt Weill, das anno 1928 in diesem Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde.

Termine: Voraufführungen 11./12. 8. Premiere am 13. 8. Folgevorstellungen 14.-15-. 20.-22. 8; 3., 4. 9. Der Kartenvorverkauf läuft. 
„Fabian“ erst wieder im Herbst.  

*** 

2. DT: - Tod durch Rechtschaffenheitsfieber

"Die Wildente", v.l. Paul Grill, Peter René Lüdicke, Judith Hofmann, Anja Schneider, Linn Reusse © Arno Declair

„Das Leben wäre nicht möglich ohne etwelche Beschönigung durchwärmenden Gemütstrug, ‑ gleich darunter aber ist Eiseskälte. Man macht sich groß und verhasst durch Eiseswahrheit und versöhnt sich zwischenein, versöhnt die Welt durch fröhlich-barmherzige Lügen des Gemüts.“ Gut gesagt. Vom alten Goethe; Thomas Mann hat‘s ihm in den Mund gelegt, im siebenten Kapitel von „Lotte in Weimar“.

„Die Wahrheit ist zumutbar“, schrieb Ingeborg Bachmann später und weniger rücksichtvoll.

Henrik Ibsen, in seinen packenden Dramen dauerhaft befasst mit der wuchernden Amoralität der bürgerlichen Gesellschaft, mit der Gier und der Feigheit, die Menschen in Abgründe stürzt, Ibsen rückt das seit jeher schwierige, zwischen Fluch und Segen changierende Thema Wahrheitsfindung in seinem Stück „Die Wildente“ (1884) mit einer erschütternd grausamen Geschichte in den Mittelpunkt. Was bei Thomas Manns Goethe-Figur Lebensbeschönigung durch Gemütstrug heißt, ist bei Ibsen die Lebenslüge, deren Zerstörung durch „Wahrheitsfanatiker“ im „Rechtschaffenheitsfieber“ letztlich Leben kaputt machen kann.

Es geht um zwei Familien, die Werles und die Ekdals – alles Täter, verbandelt durch kriminelle Machenschaften, Schuld und Mitschuld, Feigheit, soziale Nöte und Korruption. Der wirtschaftskriminelle Konsul Werle zwingt die armen und abhängigen Ekdals mit reichlich Geld zum Stillhalten, Mitmachen, Schweigen über all die mit den Jahren zwar schlimmen, doch wohlverpackten Wunden und gut versteckten Leichen in den Kellern. Das Aufrechterhalten der Lebenslüge wird zur „Lebensmedizin“. Bis da jemand auftaucht, sich als rechtschaffender Idealist geriert und den „wärmenden Gemütstrug“ der Ekdals brutal fortbläst.

Die Medizin wird vergiftet durch einen unversöhnlichen Willen zur Eiseswahrheit als vermeintliche Grundlage für einen „moralischen Neuanfang“. Das ohnehin fragile Familienleben der Ekdals zerbricht. Aber das einzige wirkliche Opfer ist Hedvig Ekdal; die Frucht eines Verhältnisses zwischen dem steinreichen Unternehmer Werle und seiner Bediensteten Gina Ekdal (Judith Hofmann), der wiederum die Ehe mit Hjalmar Ekdal (Paul Grill) stiftete, damit beide ihm das Kind als ehelich unterschieben können.

Hedvig (Linn Reusse), durch eine fortschreitende Augenkrankheit sonderlich sensibel und halbblind, spürt hellsichtig die häuslich subkutane Missstimmung. Den Mangel an Liebe und Wärme kompensiert sie durch anrührende Pflege einer waidwund im Seeschlamm aufgefundenen Wildente, die sie in einem Glaskasten, zärtlich auf ein Kissen gebettet, mit sich herumschleppt.

Als dann der Wahrheitsfanatiker überraschend auftaucht, es ist Werles Tochter Gerdis (Anja Schneider), um nach langer Zeit den angstvoll abgedeckten Familienschlamm unbarmherzig hoch zu kochen, erschießt sich das Mädchen. Ihm war die Wahrheit nicht zumutbar. Ohne Lebenslügen kein Weiterleben.

Was für eine ergreifende Geschichte ‑ von John von Düffel klug komprimiert. Stephan Kimmig inszenierte sie gekonnt als kühle Demonstration eines Laborversuchs in einem klinisch weißen Kasten (Bühne: Katja Haß). Die Figuren, alle gekleidet ganz in Weiß, agieren – bis auf die verstörte, ahnungsvolle Hedvig – in einer raffinierten Mischung aus Einfühlung und neurotischer Überzeichnung. Man schüttelt den Kopf über so viel Wahnsinn. Über all die elenden Schuld-Verstrickungen. Zugleich aber ist man zutiefst bestürzt: Die an allem unschuldige Hedvig, das arme Kind.

Wieder in der kommenden Spielzeit. 

*** 

3. Vaganten: - Schnitzel-Tester unter sich

Vaganten Sommertheater im Hof © Vaganten Bühne
Vaganten Sommertheater im Hof © Vaganten Bühne

Nichts passt besser in einen Biergarten als das großartige kleine Stück mit den zwei Herren Bösel und Fellner in einem idyllischen Dorfgasthof an der Donau in der lieblichen Wachau ‑ Also auf an die frische Luft, die Wachau ist jetzt im Hof der Vaganten und die Gastwirtschaft auf der Sommerbühne der Vaganten. Bei Schlechtwetter geht’s rein ins Haus.

Bösel & Fellner sind ein klassisches Paar; Sorte: gegensätzliche Typen, erst sich kloppen, dann sich mögen. Die beiden großen österreichischen Kabarettisten Josef Hader und Alfred Dörfer haben es erfunden für ihre Tragikomödie „Indien“; seit langem ein Hit im deutschsprachigen Theater, ein sowohl grobes wie auch fein gehäckseltes Futter für zwei tolle Komödianten und obendrein ‑ mit den Autoren als Protagonisten – ein Kinofilm, der zu den erfolgreichsten Österreichs gehört.

Natürlich geht es überhaupt nicht um Indien oder Exotik, sondern um die niederösterreichische Provinz (um Provinz überhaupt) ‑ oder: ums einfach komplizierte Leben. Dort, etwa zwischen Dürnstein, Melk und Wienerwald, ist der ältere, sarkastisch abgeklärte Heinz Bösel unterwegs mit seinem jüngeren, romantisch über Gott und die Welt schwadronierenden Kollegen Kurt Fellner. Als Hygiene-Inspektoren inspizieren sie Kneipen und Landgasthöfe auf Einhaltung diverser Vorschriften, testen die Schnitzel-Produktion wie den Zustand der Toiletten, wobei man sich zwangsläufig einander nahekommt, was zum Zusammenprall ziemlich unterschiedlicher Lebenswelten, Ansichten, Gewohnheiten führt. Zunächst geht man sich mächtig auf den Keks. Doch allmählich wächst aus der erzwungenen Nähe eine gewisse Hassliebe und schließlich, am todtraurigen Ende, eine innige Freundschaft, gegenseitige Sehnsucht und Zuneigung.

Die durch brillante Dialoge und scharfe Pointen bestechende Komödie ist einerseits ein derbes Stück vom saftigen Leben einschließlich seiner ganz unterschiedlich bitterkomischen Enttäuschungen, anderseits ein sanft anrührendes Stück über den oft so schrecklich überraschend ins Dasein schlagenden Tod.

Das alles steht und fällt mit einer starken Besetzung; Regisseur Lars Georg Vogel fand sie mit Jürgen Haug (Bösel) und Urs Stämpfli (Fellner), sorgt für prägnant austarierte Stimmungslagen und verlegt die Handlung vom Niederösterreichischen ins Schwäbische („Indien“ als Provinz ist überall). So verstärkt das Mundartliche, perfekt beherrscht, noch das Saukomische wie herzergreifend Traurige. Großartiges Theater.

Termine: 29. Und 30. Juli, 20.30 Uhr.

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