HEUTE: 1. KOMISCHE OPER – „MOKKA-HITS UND MILCHBAR-TRÄUME“ / 2. DEUTSCHES THEATER – „DER GESANG DES POTTWALS“ / 3. SCHLOSSPARK THEATER – „ABBA – WATERLOO IM BÄLLEBAD“ / EXTRA-TIPPP: KULTURVOLK-SOMMERFEST!
Am Anfang war eine Liste: Lieder aus vier Jahrzehnten DDR; genauer: von unmittelbarer Nachkriegszeit bis kurz nach der Wiedervereinigung. Die Lieblingslieder-Liste von Adam Benzwi und Axel Ranisch, den Erfindern eines Berlin-DDR-Spektakels, das schier überwältigend zwischen Schreien und Flüstern, Schlimmem und Schönem, Eis und Heiß changiert.
Diese Lieder, Balladen, Songs, Chansons – politisch affirmativ, politisch kritisch, zum Mitsingen oder Innehalten, anrührend oder aufrüttelnd und natürlich viele Schlagern aller Arten, diese Sammlung ist das Gerüst der Revue „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“. Da gibt jede der 32 Nummern Anstöße für kommentierende Sketche zu historischen Umständen. Urkomische, aberwitzig groteske, erschütternde. Sie entstammen überwiegend aus Programmen (teils ihrerzeit verbotenen) des noch heute an der Friedrichstraße existierenden Kabaretts „Die Distel“.
Dieses dramaturgisch geschickte, niemals aufgesetzt wirkende, höchst unterhaltsame und zugleich aufklärerische Ineinanderfließen von packenden, betörend arrangierten Musiken, tollen Tänzen sowie kabarettistisch pointieren Geschichten frappiert: So hat man noch nie über die DDR erzählt.
Wehe und wilde Lieder
Ja, die Hits und die Träume… Das Land in Trümmern, Friedenssehnsucht, Aufbauwille, die Euphorie des alles von Grund auf neu und anders Machens, die lichten Träume. Dann die Ernüchterungen, die Verbote, die Verspießerung, der Mangel, der Machtmissbrauch, 17. Juni 53, Mauerbau 61, Mauertote, Prag 68, der Verfall, das massenhafte Rübermachen, der Mauerfall und nach 90 Treuhand und Restitution… – Doch gleichzeitig die wehen und die wilden Lieder, das pralle Leben der Menschen, „die da lieben, feiern, arbeiten, scheitern, die ihre ganz privaten Probleme haben und in diesem Land zurechtkommen müssen, was den einen besser, den anderen schlechter gelingt“ (Regisseur Axel Ranisch).
Sehnsucht, Liebe, Hoffnung, Aufbrüche, Abstürze, eben das Universelle vieler Lieder und Zwischenspiele wird in ihren Kontrasten präzise ausgebreitet. Mit großem Aufwand (Choreo! Kostüm!). Auf Breitwandtreppe und raumgreifender Vorbühne. Die Masse der Hochleistungs-Kollektive (Orchester, Band, Chor, Ballett), die Individualität der sieben Solisten (starke Stimmen, ebensolche Spieler) im funkelnden Entertainment. Da wird Historical und Show souverän in eins gebracht. – Keinerlei Schönrederei. Trotzdem viel Schönes.
Der große Musiker und Kapellmeister Adam Benzwi bringt es auf den Punkt: „Wir wollen kein ganzes Land schwarz-weiß zeichnen, sondern zeigen, dass die Ossis vor denselben Herausforderungen standen wie alle anderen Menschen auch.“
Und da war noch gar nicht die Rede vom Lipsi-Schritt, dem Anti-Rock’n‘Roll-Versuch im 6/4-Takt. Von Hanns Eisler, Brecht, Gisela May, von Defa, „Heißer Sommer“, „Solo Sunny“, den Puhdys, Manfred Krug, Wolf Biermann, Thomas Brasch. Von Inge Ristock, Helga Hahnemann und Honeckers DFF-Gute-Laune-Schleuder „Ein Kessel Buntes“ mit den teuren Westimporten oder der „gepflegten Beatmusik“ (Ulbricht) mit Thomas Natschinskis Hymne auf den Hotspot in der Karl-Marx-Allee: „In der Mokka-Milch-Eisbar hab‘ ich sie gesehn, in der Mokka-Milch-Eisbar, da ist es geschehn…“ Ein keckes Liebeslied im Titel für diesen sensationellen und mutigen Coup im Berliner Opernbetrieb. Denn die Liebe ist immer und überall – das Größte.
Komische Oper im Schillertheater, bis zum 6. Juli; Restkarten hier.
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DT-Sommerspektakel, draußen, unter freiem Himmel… Herrlich! Aber wo? In einer Hofecke am hochgemauerten Flussbett der Panke unter einer alten Platane: Die formidable Tischlerei zimmerte einen feinen Guckkasten (Bühne: Olaf Grambow). Davor die Tribüne und fertig ist die DT-Freilichtszenerie.
Gezeigt wird natürlich nix aus einschlägig sommerlichem Klamauk-Kanon, sondern eine kollektive Neuanfertigung: „Der Gesang des Pottwals. Frei nach der frei erfundenen Oper ‘ll Canto del Capodoglio‘ von Giacomo Puccini, Heiner Bomhard und Ensemble“. Aha, große Oper in kleiner Kiste. Gibts da Probleme?
Ja! Der austriakische Regisseur Florian Köhler (angeblich Wiener Staatsoper, Salzburger Festspiele), listet sie auf: Kein Orchestergraben, kein Orchester, kein Chor, keine High-Tech-Breitwandbühne. Und wo bleibt der 100 Tonnen schwere Pottwal? Wo Superstar Anna Netrebko? Wo Jonas Kaufmann? – Um es gleich zu sagen: Seine flinke Regieassistentin (Daria von Loewenich) kriegt alles hin, zaubert alles herbei, wie auch immer. Doch erst einmal hat, quasi als Ouvertüre, der größenwahnsinnige Luxusregisseur seinen Auftritt als tobsüchtiger Macker – und das Publikum seine Auftakt-Gaudi.
Der Dramaturg als Quasselstrippe
Die mit Musike von Heiner Bomhard durchsetzte Chose ist eigentlich eine Persiflage auf den Theaterbetrieb; mit Gastspiel-Einlagen von Wolf Biermann, Funny van Dannen, Reinhard Mey, Till Lindemann und Max Reinhardt mit seiner Frau Mama Rosa Goldmann. Der Allrounder Heiner, einst künstlerischer Mitkämpfer von Rosa von Praunheim, tanzt den illustren, von aberwitzigen Misshelligkeiten umrankten Gastspiel-Reigen natürlich gleich selbst. Zuvor prescht jedoch Dramaturg Dröge auf dem Fahrrad um die Ecke und zelebriert einen Einführungsvortrag über die brennende Frage „Was soll das Theater?“ Also: „Ich meine, äh, auch die politische Situation…, die politischen Fragen, die wir oft haben, und ich denke sehr oft nach darüber, äh, warum wir nicht zusammen…, also warum wir uns nicht zusammenfinden, warum es dann, äh, doch so schwierig ist… Und dann hab ich eine, äh, mögliche Erklärung…“
Hat er nicht. Und ist einfach nicht zu stoppen, der Kerl (Manuel Harder in Höchstform). Doch seine rhetorischen Kostbarkeiten aus Absurdistan machen mächtig Krach in den Kulissen. Gegensätze explodieren, jeder gegen jeden, der (theaterübliche?!) Backstage-Clinch. Krass und auch für Laien sehr erhellend. Und zum Totlachen.
Merkel als Gießkannenkämpferin
Apropos Tod. Dafür zuständig ist der Auftritt des Neoliberalismus in Gestalt von Kanzler Merz, Jeff Bezos und Elon Musk. Mit ratterndem Abrisshammer wollen sie das überflüssige DT platt machen. Und Platz schaffen für ein amerikanisch finanziertes, KI-gesteuertes Verteidigungszentrum. Glücklicherweise fährt da Alt-Kanzlerin Merkel mit der Gießkanne dazwischen. Ein Kampfgerät, in der die Nebelmaschine steckt, mit der sie das infernalische Herrentrio von der Bühne jagt. Polit-Klamotte, ziemlich billig. Die Dramaturgie hätte, wie oft in diesem Theater, einschreiten müssen: Straffen, Streichen!
Trotzdem, das wunderbare Ensemble (noch zu nennen: Lisa Birke Balzer und Janek Maudrich), das reißt die Show immer wieder hoch mit schonungslosem Einsatz von Leib und Stimme! Und die Turbulenzen um den Singsang des Pottwals, um Theater, Kunst, Künstler, Knete sind Amüsemang genug. Höhepunkt der aus niederem und höherem Blödsinn froh verquirlten Show: Der – haha! –versteckte Auftritt des Meeresssäugers im DT-Schwerlast-Transporter. Draußen auf der Bühne beherzt gedoubelt von Anna: Florian Köhler im Glitzerfummel mit infernalisch quietschendem Sopran. Walgesang!
Doch am Ende wird das liebe Tier abtransportiert. Gefrierfisch. Italienischer Gastro-Service. Dazu Opernpomp-Finale mit per Video eingespieltem Chor von sage und schreibe 82 Berliner Kehlen. Die Tribüne jubelt, die Panke plätschert und der Mond grinst durch die Äste der Platane.
Deutsches Theater, Hofbühne, bis zum 28. Juni. Restkarten hier.
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IKEA, ok, kennt jeder. Doch hinter den vier Buchstaben steckt neuerdings eine andere Bedeutung: Nämlich die Anfangsbuchstaben von Inka, Klaus, Erwin, Anke. Die vier Figuren sind eine Erfindung von William Danne, einem Filou auf dem Boulevard, als Autor und als Regisseur. Einem tollen Hecht mit heißem Herz für die Show sowie einem kühlen Blick aufs Menschlich-Allzu-Menschliche. Auf unsere Schwächen, Ängste, blöde Verstiegenheiten, liebenswerte Verrücktheiten. Der Mann hat Alltagsrealismus. Und obendrein jede Menge Humor.
Also Inka, Klaus, Erwin, Anke, die vier Typen braucht er für seine alberne Rahmenhandlung, die er geschickt mit einem formidablen Konzert der längst zum Kulturerbe gehörenden Popgruppe ABBA verstrickt. Freilich, deren Ohrwurm-Feuerwerk reichte auch ohne Rahmenhandlung aus für den totalen Kracher. Warum also noch Rahmen und albern?
Weil dazwischen noch genug Luft bleibt fürs Menscheln, für Aberwitz und Komik. Das IKEA-Quartett, so die Story, gehört zur Belegschaft einer IKEA-Filiale, die ihr Betriebsjubiläum feiern will mit einer zünftigen ABBA-Sause. Die Schweden sind natürlich unbezahlbar, deshalb wurde eine Maschine gechartert. Sie soll die Weltstars als Avatare auftreten lassen fürs ultimative Partyglück zur Jubelfeier der gesamten Knäckebrot-Gemeinde in der örtlichen Möbelhauswelt.
Comedy am laufenden Band
Doch in letzter Minute die Hiobs-Botschaft: Die Maschine kommt nicht, Transport-Unglück. Was tun? – Natürlich, ABBA selber machen. Vorbereitung unter höchstem Druck mit den unglaublichsten Zwischenfällen. Das Menschlich-Allzu-Menschliche tobt sich aus. Comedy-Kurzauftritte am laufenden Band. Albernheiten, Geblödel, auch das. Aber nichts zwingt zum Lachen unter Niveau. Und gefühlt alle fünf Minuten gibt’s zwischengeschaltet einen der vielen ABBA-Welthits.
Das klappt natürlich nur, wenn man für die vier Typen vier klasse Kräfte des Gesangs und des Schauspiels versammelt: Sina Schulz, Carina Smerdon, Marco Fahrland-Jadue, Patrick Stauf. Sie spielen – Tempo, Tempo! – wie verrückt all die Unmöglichkeiten und Pannen, aber präzise. Sie tönen mit Kraft und Saft, auch solistisch. Und präzise. Und mit einem sympathischen Schuss Charme. – Der Sound kommt vom Band.
Zum Schluss stürzen sie in kindlichem Übermut ins IKEA-Bällebad. „Waterloo…!“ Das Publikum rast, singt mit, schwenkt die Handy-Lichter, springt am Ende von den Sitzen. Und tänzelt. „Dancing Queen…“
Bravo Hallervorden-Intendanz, das feurige kleine Karlsruher Kammertheater eingeladen zu haben für diesen furiosen Sommerspaß. Regie: William Danne. Musikalische Leitung: Jörg Hilger. Choreografie: Patrick Stauf. Kostüme: Mihaela Schönfelder. Bühne: Florian Angerer. – Auf nach Steglitz!
Schlosspark Theater, bis zum 12. Juli. Hier geht’s zu den Karten.
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Extra-Tipp: Kulturvolk-Sommerfest am 27. Juni ab 13 Uhr in der Ruhrstraße. Eintritt frei. Mit Bühnenprogramm und Info-Ständen der Berliner Theater und Orchester, Kinderprogramm, Glücksrad, Gastronomie.
Und dann ab in die Ferien! Das Quartett der Kulturvolk-Bühnenkritiker macht mal Pause und legt im September wieder los.
1. Komische Oper Das Schlimme und trotzdem das Schöne
2. Deutsches Theater Die Netrebko macht den Walfisch
3. Schlosspark Theater The Winner Takes It All
1. RambaZamba Einfach beglückend
2. Theater im Palais Geschichte eindrücklich unterhaltsam
Grips Unerwartet verbunden
1. Deutsches Theater Keiner kann die Klappe halten
2. Primetime Diesen Tollhaus-Käse muss man lieben
3. TIPI Feinsinnig mit Wumms dazwischen
1. Hans Otto Theater Que(e)r
2. Deutsches Theater Auch que(e)r
3. Volksbühne Ganz verquer
1. Berliner Ensemble Das Banale im Bösen
2. Theater an der Parkaue Wolf oder nicht Wolf
3. Atze Musiktheater Scherben bringen Glück
1. Renaissance Theater Zwischen Wut und Angst
2. Krimitheater Hitchcock-Kabarett
3. Komödie Clinch zu viert