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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 564

15. Juni 2026

RambaZamba Theater – „Weißt du schon, wie schön es wird?“ / 2. Theater im Palais – „Die Hexen von Bernau“ / 3. Grips Theater – „Das Herz eines Boxers“

1. RambaZamba - Einfach beglückend

"Weißt du schon, wie schön es wird" im RambaZamba Theater © Katrin Ribbe

Einen Versuch, die Zeit anzuhalten, nennt Milan Peschel sein Stück „Weißt du schon, wie schön es wird?“ Und tatsächlich blieb die Zeit für mich eineinhalb Stunden stehen, als ich dem Ensemble vom RambaZamba zusehen durfte, wie es mit einer überbordenden Spielfreude und mit der Musik der Punkband Acht Eimer Hühnerherzen eine Geschichte erzählte.

„Ich bin nicht langsam, ich bin nur zeitversetzt/ was bei dir vorbei, passiert bei mit jetzt“, heißt es im Stück, das da spielt, wo RambaZamba zuhause ist, Danziger Straße / Ecke Schönhauser. Da leben Joachim, Franzi, Zora, Moritz, Friedrich und die anderen, die in einer Gemeinschaft, in der es auch mal heftig kracht, dem Gentrifizierungswahn des Prenzlauer Bergs genauso trotzen wie der irrsinnigen Geschwindigkeit, in der unser Leben heutzutage dahin rast.


Herrlich absurd



Von woanders – Kassel, Hannover, Schwerin? – hat es Wassi (Wassilissa List) nach Berlin, in die Kastanienallee, zweiter Hinterhof verschlagen, wo es ihr tatsächlich gelungen ist, ein 12 Quadratmeter großes Zimmer zu mieten, natürlich zu einem horrenden Preis.
Wassi war mal Nackttänzerin, will aber eigentlich als Schauspielerin und Sängerin groß rauskommen, und das verbindet sie mit dieser buntgemischten Truppe, denn die plant ein Musical aufzuführen, und zwar im Prater. Dafür braucht es Geld. Um an Geld zu kommen, wollen sie einen Tunnel graben vom Späti in der Eberswalder – da können sie sich mit Bier und Chips versorgen – bis unter die Sparkasse, und da holen sie sich die Kohle, also die „Förderung“ für ihr Musical.

So herrlich absurd baut sich die Handlung auf, reiht sich eine Erzählung an die andere, folgt eine Pointe auf die nächste. Manches wird nicht weiter verfolgt, kurz hält man inne und fragt sich, wieso jetzt was völlig Anderes verhandelt wird. Aber man kann dem Gedanken nicht weiter nachgehen, denn gleich ist man wieder gefangen genommen von dem bunten Treiben auf der Bühne, will kein Detail verpassen.
Die besteht aus einem überdimensionalen Fluchtweg-Schild mit Tür hinten rechts. Ansonsten wird der Raum beherrscht von einer Art Kiosk, mit Luke. Ein Warenaustausch findet hier nicht (mehr) statt; an der Wand steht in riesigen Lettern: Verkauft. (Bühne: Nicole Timm).

Noch vergnüglicher als der Mord im Regionalexpress

Wer den „Mord im Regionalexpress“ bei RambaZamba gesehen hat, weiß, wie Milan Peschel als Regisseur tickt. In dieser neuen Inszenierung hat sich die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem Ensemble noch mal intensiviert, Spieler und Regisseur inspirieren sich gegenseitig. Jeder Spieler, jede Spielerin zeigt mit großem Spaß das, was sie am besten kann. Jede Figur ist unverwechselbar angelegt, bis ins Detail, was sich auch in den Kostümen von Magdalena Museal spiegelt. Nichts ist dem Zufall überlassen, alles ist präzise gearbeitet, wirkt aber wie gerade ausgedacht und eben mal ausprobiert.



Man kommt aus dem Lachen nicht heraus, ist berührt und versteht, ja, empfindet körperlich die unerschütterliche Haltung, die allem zugrunde liegt: Der Sinn liegt darin, das Leben zu leben, Mensch zu sein, daran zu glauben, dass es schön werden wird, wenn wir das wollen, zusammen mit anderen. Solchen wie Siggi Leupold, zu dessen Bande diejenigen gehören, die uns anderthalb Stunden Glück beschert haben:
Franziska Kleinert, Hieu Pham, Zora Schemm, Christian Behrend, Friedrich Dambeck, Moritz Höhne, Anil Merickan, Joachim Neumann und Rebecca Sickmüller.

Danke!

RambaZamba Theater, diverse Termine bis 11. Juli. Hier geht’s zu den Karten.

 

 

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2. Theater im Palais - Geschichte eindrücklich unterhaltsam

"Die Hexen vo Bernau" im Theater im Palais © Ildiko Bognar

Hexenverbrennungen – was wissen wir darüber? Irgendwann in grauer Vorzeit haben sie stattgefunden, aber wann genau, im Mittelalter oder später? Und wo? In Italien? Auch in Deutschland?

Das Theater im Palais, das musikalische Salontheater im Herzen von Berlin, wie es sich selbst nennt, hat sich dieses stockdunkle Kapitel der Geschichte vor-
und des Schicksals der Dorothea Meermann angenommen, die in Bernau, also direkt vor unserer Haustür, im Jahre 1617 der Zauberei angeklagt wurde.

Das Team um
Alina Gause hat sich dafür auf eine umfangreiche Recherchereise begeben und Fakten zu dem konkreten Fall der Dorothea Meermann zusammengetragen. Aber wir lernen nicht nur diese mutige Frau kennen, die bis zu ihrem Tod trotz mehrmaliger grausamer Folter nicht gestand. Wir erhalten in gut zwei Stunden umfassenden Geschichtsunterricht zum Thema Hexenverbrennungen – szenisch und musikalisch aufgebrochen.

Und so erfahren wir neben vielen vielen anderen Fakten zum Beispiel, dass in Deutschland die meisten Hexenverbrennungen stattgefunden haben, dass der berühmte „Hexenhammer“ (Leitfaden für Hexenprozesse) des deutschen Dominikaners, Hexentheoretikers und Inquisitors Heinrich Kramer von 1486 in 21 Auflagen erschien, dass auch Martin Luther ein Befürworter der Hexenverbrennungen war. Und dass erst 1782 die letzte Hexenverbrennung stattfand – in der Schweiz.


Beeindruckende Fülle von Material


Alina Gause, die auch Regie führt und Carl-Martin Spengler führen uns durch die Fülle von Material, die Ildoko Bognar zu einer Textfassung verdichtet hat. Dabei schlüpfen Gause und Spengler in eine ganzeReihe von Rollen, die äußerlich durch verschiedene Kopfbedeckungen oder Kostümteile wie Schulterumhänge oder Kragen deutlich werden (Kostüme: Kira Pauli und Tatjana Hajdukova).
Besonders perfide muten die Gerichtsszenen zum Prozess der Dorothea Meerman an, in denen Zeugen zum Verhalten der Angeklagten befragt werden. Sich ausführlich äußern dürfen, wenn es der Anklage dient, ihnen das Wort abgeschnitten wird, wenn sie für die Meermannin sprechen.

Die Bühne von Joshua Tewes-McCoy wird nach hinten von zwei Wänden begrenzt, zwischen denen aufrecht stehende Holzstämme einen Scheiterhaufen andeuten; darüber hängt eine schmutzigweißes Hemd. An einer roh gezimmerten Bank und an einem Pult, das Kirchenkanzel oder Richtertisch sein kann, züngeln an den Seiten gemalte schwarze Flammen. Projektionen auf den Wänden und farbiges Licht kommentieren und illustrieren die historischen Fakten, von denen uns schon mal der Kopf raucht.
Matthias Behrsing umrahmt am Klavier und Synthesizer einfühlsam diese theatralische Geschichtsstunde.

Immer wieder treten Gause und Spengler aus den Rollen heraus, setzen sich auf die Bank, nehmen ihre Brillen und ihre Textkarten zur Hand und versorgen uns uns mit weiteren Informationen. Fakten werden gegen Narrative gestellt, ein Verfahren, das uns heute wohl vertraut ist, auch wenn brennende Scheiterhaufen der Vergangenheit angehören.

Theater im Palais, am 21. Juni und wieder in der neuen Spielzeit. Hier geht’s zu den Karten.


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Grips - Unerwartet verbunden

"Das Herz eines Boxers" im Grips Podewil © David Baltzer

Ein Teenager und ein alter Mann im Pflegeheim. Im normalen Leben hätten sie wohl kaum kaum was miteinander zu tun.
Aber wenn der Teenager – Jojo – Sozialstunden ableisten muss, die Wände eines Zimmers im Pflegeheim streichen soll und dabei auf Leo trifft, der in diesem Zimmer wohnt, muss es irgendwann zu einer Begegnung kommen.

„Das Herz eines Boxers“ von Lutz Hübner ist bereits dreißig Jahre alt, wurde seinerzeit im Grips uraufgeführt, jetzt von der jungen Regisseurin Jessica Weisskirchen wiederentdeckt und auf die Bühne im Podewil gebracht.
Es zeigt sich: Das Stück ist in keiner Weise verstaubt. Zu
erzählen, ob und wie Menschen verschiedenen Alters zusammen kommen können, ist immer aktuell. Besonders an dem Text, und wirklich überraschend ist , dass er auch sprachlich modern ist und heute geschrieben sein könnte.

Bis
der Junge Jojo (Nils Thalmann) und ehemalige berühmte Boxer Leo (René Schubert) Vertrauen zueinander aufbauen und schließlich sogar Freunde werden, dauert es natürlich. Jojo hasst seinen Malerjob, versteckt sich eine ganze Weile hinter Sonnenbrille und Hoodie und würde mit seiner Teleskop-Malerrolle am liebsten zuschlagen. Leos zusammengekauerter Körper ist unter einem grobmaschigen Netz verborgen, aus dem er sich nur langsam schält.


Straucheln und Halten


Er hockt auf einem Würfel, auf einer schrägen weißen Spielfläche, auf der es nicht so einfach ist sich zu halten,
denn der Boden ist nicht nur abschüssig, es ragen außerdem an vielen Stellen Stolperfallen heraus.
Und so müssen sich beide die ganze Zeit bemühen, aufrecht zu bleiben. Aber immer wieder rutschen sie ab, straucheln, müssen sich wieder aufrappeln, sich auch gegenseitig halten. Diese schöne Bühnenlösung befördert beide Figurengeschichten perfekt, und im Zusammenspiel von Leo und Jojo wird das schwierige Verhältnis sinnfällig, in dem der eine seine Aggressionen in den Griff kriegen muss und der andere mit Depressionen zu kämpfen hat.

Neun knallrote Pendellampen, die hoch und runter gezogen werden können und von denen mal alle, mal nur eine angeschaltet sind, fokussieren zusätzlich und bilden zusammen mit dem roten Boxermantel von Leo einen tollen Farb-Konter im ansonsten weißen Bühnenbild von Wanda Traub.

Warum am Ende Dinosaurierkostüme zum Einsatz kommen, hat sich mir nicht erschlossen, aber zu großer Heiterkeit beim jungen Premierenpublikum geführt, das ansonsten
aufmerksam – ohne Handygedaddel – folgte und die beiden Spieler mit viel Applaus und lautem Jubel belohnte.

Grips Theater im Podewil, für Menschen ab 12. Wieder in der neuen Spielzeit.

 

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