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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 562

1. Juni 2026

Heute: 1. Hans Otto Theater Potsdam – „Was ihr wollt“ / 2. Deutsches Theater – „Die Physiker" / 3. Volksbühne Berlin – „Spooky Paradise“

1. Hans Otto Theater - Que(e)r

"Was ihr wollt" auf der Sommerbühne des Hans Otto Theaters © Thomas M. JauK

Die freundliche Einlasserin des Theaters wünschte jedem Gast einen schönen, einen lustigen Abend. Und den hatten wir: „Er liebt sie. Sie liebt ihn nicht. Dafür liebt ihn eine andere, die ihre Liebe nicht zeigen darf.“

Moritz Peters hat das shakespearsche Liebesverwirrspiel „Was ihr wollt“ in der Übersetzung von Thomas Brasch aus dem Jahr 1984 auf die schräge Sommerbühne (Nehle Balkhausen) vor dem Tiefen See gebracht. Drei Torbögen, zwei Liegen, zwei Steine, eine Bar und links und rechts kaum erkennbare Türen in den Seitenwänden für Auf- und Abgänge. Fabian Kuss hat die Live-Musik beigesteuert und Arianna Fantin die Kostüme.


Worum geht’s?


Es gehe um Liebe, Täuschung, Witz und Leidenschaft, heißt es seitens des Theaters, wenn die durch einen Schiffbruch an die Küste Illyriens gespülte Viola (Charlott Lehmann) sich als Mann ausgibt und sich Cesario nennt. Am Hof des Herzogs Orsino (Henning Strübbe) soll sie, jetzt aber er, sich dann um die etwas abweisende Gräfin Olivia (Ulrike Beerbaum) kümmern und sie auf Orsino aufmerksam machen. Die Sache geht gründlich daneben, denn Olivia ist auf der Stelle schock-verliebt in Cesario. Dummerweise ist Viola als Cesario schon in Orsino verschossen.

Man stelle sich an dieser Stelle bitte vor, dass zu Shakespeares Zeiten alle Rollen von Männern gespielt wurden. Die Frauen-Rollen meist von sehr jungen Männern, so genannten boy actors. So wird das verquere Verkleiden spielend leicht zum queeren Stelldichein. So auch in Potsdam. Es ist erstaunlich, wie aktuell oder zeitlos die Gender-Spielereien von 1600 – geschickt inszeniert – bei Shakespeare noch heute sind.

Dass dann nämlich Osario auch noch Gefallen an Cesario findet, der als Frau in der Handlung aber ein Mann ist, steigert die Verwirrung. Komplett wird diese Verwirrung dann aber dadurch, dass der ertrunken geglaubte Zwillingsbruder von Viola, Sebastian (Joshua Seelenbinder), auftaucht, der ebenso wie Orsino nach Olivia schielt.

Haben Sie den Überblick verloren? Genau das ist das Ziel dieses Werkes. Denn wer nun mit wem, und wer eigentlich was ist – sie, er oder es – macht die Suche nach dem richtigen Date zu einem heiteren Labyrinth. Um doch folgen zu können, sind die Verbindungen der Handelnden miteinander im Programmzettel als Beziehungsgeflecht aufgezeichnet. Eine wirklich hilfreiche Idee. Neben den Figuren der Haupt-Intrige agieren aber auch noch weitere in verzweigten parallelen Handlungen: Nadine Nollau als Maria und Jörg Dathe als Sir Toby, Hannes Schumacher als Andrew Leichenwang und Jon-Kaare Koppe als Narr, Philipp Mauritz als Malvolio und Joachim Berger als Antonio.


Was ist denn Liebe – oder was man dafür hält? 


An dem Verwirrspiel hat das Potsdamer Ensemble ganz offensichtlich seine wirkliche Spiel-Freude. Dominieren im ersten Teil eher intelligenter bis derber Wortwitz, sind es im zweiten dann überbordende, aberwitzige Action-Szenen. Nachdem im ersten Teil die Verhältnisse sowie die Zu- und Abneigungen der Protagonisten er- und geklärt wurden, bringt das Auftauchen des Zwillings Sebastian alle und alles auf rasante Weise durcheinander.

Die Auflösung der Verwechslung schafft dann aber wieder „klare Verhältnisse“: Sebastian bleibt trotz des Heirats-Angebots von Olivia doch lieber bei seinem Antonio. Viola kann oder möchte sich nicht zwischen Olivia und Orsino entscheiden und entscheidet sich also für beide. Und schlussendlich küssen sich alle que(e)rbeet und finden sich. Nur der Narr, Malvolio und Andrew Leichenwang, die auf ihre Weise auch Narren sind, gehen leer aus.

Nach zweieinhalb Stunden ist das bunte Treiben vorbei. Lange hallt Sir Tobys mehrfach ins Publikum geschleuderte Aufforderung „Sollten wir nicht die Nacht erzittern lassen durch einen Tanz?!“ nach. Heiter und beschwingt geht man von dannen und spielt vielleicht mit dem Gedanken, wie es denn wäre, wenn alles ganz anders (gekommen) wäre. Wenn doch nur jemand rechtzeitig gerufen hätte: Macht doch, was ihr wollt!

Hans Otto Theater, Sommerbühne, 6., 14. Und 17. Juni. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Deutsches Theater - Auch que(e)r

"Die Physiker" im Deutschen Theater © Eike Walkenhorst

Eines, das Wichtigste, vorweg: Die Geschlechter-Bilder sind in dieser Inszenierung verrückt. Klar, sie sind ja alle in einer „Irrenanstalt“. Aber: In dieser Anstalt werden die Männer von Frauen und die Frauen von Männern gespielt. Hier sind alle verqu(e)er und damit von der Norm abgerückt, sozusagen ver-rückt. Nur die draußen, die sind „normal“.

Die Handlung ist bekannt: Drei Wissenschaftler halten sich in dieser Einrichtung auf. Einer (Carmen Steinert) meint Einstein zu sein, ein anderer (Mareike Beykirch) Newton und nur der dritte (Anja Schneider), der Physiker Johann Wilhelm Möbius, meint er selbst zu sein. Jeder von ihnen ermordet im Laufe der Handlung seine Pflegerin. Am Ende wird herauskommen, dass nur Möbius ein wirklicher Wissenschaftler ist. Die anderen sind Fake. Aber dazu später.

Geleitet wird dieses Institut von Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd. Ulrich Matthes in dieser Rolle zu erleben, hat einen besonderen Charme.

Inspektor Voss (Jonas Hien) hat die Mordfälle aufzuklären. Das kann er nicht, weil die Insassen als nicht schuldfähig gelten. Und so fast er zusammen: „Die Gerechtigkeit macht zum ersten Mal Ferien.“


Theater im Theater


Ganz großartig gelungen ist in dieser Inszenierung von Bastian Kraft die Doppelung von realer, sichtbarer Bühnenhandlung und zusätzlich dahinter projizierter Schattenhandlung. Diese Idee ist schon im Text von Dürrenmatt hinterlegt und hier nun konsequent mit enormer Wirkung ausgeführt.

Die Arbeit mit den expressionistisch anmutenden Schatten zeigt deutlich die Machtverhältnisse zwischen den Personen. Sie verstärken die Körper in Größe und Haltung. Sie vervielfältigen die Personen und können sie und ihre Handlungen zeitlich verschieben. Eine Idee, die ich so noch nie gesehen habe und die ganz intelligent genutzt wird. So treten Handlungen, die längst vergangen sind, in den Schattenhandlungen hervor, weil sie noch in den Erinnerungen der Protagonisten umhergeistern – wie der Mord an einer der Schwestern. Gleichzeitig kann ganz Unglaubliches gleichzeitig passieren und gezeigt werden: So ist auf der Bühne z. B. Möbius zu sehen, wie er die ihn liebende Krankenschwester Monika zu Boden legt und küsst. Zeitgleich aber ist im Schattenspiel zu sehen, wie er sie grausam mit dem Gürtel ihres Kleides erwürgt.

Dieser ausdrucksstarke Effekt schafft Theater im Theater. Dieser Theater-im-Theater-Effekt wird noch einmal dadurch gesteigert, dass im zweiten Teil der Handlung die gesamte vorherige Projektionsfläche nach vorn gekippt wird und eine Art Puppenstube freigibt. Diese wiederum ist eine Zelle, in der alle drei vermeintlichen Physiker auf engstem Raum zusammengepfercht sind. Hier gestehen sie sich schließlich gegenseitig ihre Geschichten und loten ihre Handlungsoptionen aus (Bühne: Peter Baur).

Ausgehend von der Hypothese – was wir denken, hat Folgen – kommen sie zu der Einsicht, dass sie besser in dieser Anstalt verbleiben, als sich mit ihren Erkenntnissen in die Welt hinauszuwagen, in der diese nicht mehr kontrollierbar wären und also missbraucht werden würden.


Das Irren als Norm


Doch schlussendlich kommt heraus, dass zwei der Wissenschaftler Agenten widerstreitender Weltmächte sind. Und so zeigt sich beim Show-down dann, dass es sich in diesem irren Haus im Eigentlichen um einen Kampf der Systeme Ost und West handelt.

Ein „Irrenhaus“ kann so durchaus als Metapher für unsere Welt gesehen werden, mit der es, wenn sich auch nur einer an entscheidender Stelle irrt, schnell vorbei sein könnte. Die Erkenntnis aller ist: Wir müssen unser Wissen zurücknehmen, damit es nicht missbraucht wird. Die drei Insassen kommen zu der seltsam anmutenden, aber in der Konsequenz des Stückes doch logischen Schlussfolgerung: „Nur hier im Irrenhaus sind wir noch frei.“

Wenn zum Schluss die Anstaltsleiterin von Zahnd auf dem Dach der kleinen Zelle erscheint, macht sie dadurch die ohnehin schon reduzierte Anstalt zu ihrem persönlichen Puppenheim.

Am Ende flüchten sich alle drei Delinquenten in ihre individuellen Visionen und Wahnvorstellungen. Somit ist das Stück zum Schluss auch wieder ganz aktuell: Wer lebt heute nicht in dem trügerischen Wahn, etwas ganz Besonderes zu sein?
Naja. Man kann sich auch irren

Deutsches Theater, 1., 3. und 4. Juni. Hier geht’s zu den Karten.


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3. Volksbühne - Ganz verquer

"Spooky Paradise" in der Volksbühne © Martin Argyroglo

In der Berliner Volksbühne gab es eine Uraufführung mit dem wundervollen Titel „Spooky Paradise“. Sich ausgedacht und auf die Bühne gestellt hat das Philippe Quesne. Es spielen: Kathrin Angerer, Jean-Charles Dumay, Sébastien Jacobs, Rosa Lembeck, Sir Henry, Marie Rosa Tietjen und Martin Wuttke. Und sie machen das ganz wunderbar!


Doch was passiert eigentlich?


Sie alle sind offensichtlich eine ehemalige Zirkus-Familie auf einem Roadtrip. Auch wenn nirgendwo eine Manege oder ein Zirkuszelt zu sehen sind, gibt es doch anhand der Kostüme von Tabea Braun eine Ahnung von ehemaligem Glanz. Auch Pauke, Tuba und Trommelwirbel fehlen nicht bei der musikalischen Untermalung des Geschehens. Während ihrer Tour versuchen sie, einen Film mit dem Titel „Reise ins Jenseits“ zu realisieren. Der Refrain des Abends heißt: „Sie haben nichts zu lachen bei dem, was wir jetzt miteinander machen!“ Stimmt nicht: Es wird viel gelacht an diesem Abend.

Alles beginnt mit einer weiten Leere im Nebel. Es sieht aus wie eine Mondlandschaft. Aus der Ferne erklingt instrumental und sehr elegisch „Berlin bleibt doch Berlin“. Vielleicht als Erinnerung an einst rauschenden, nicht enden wollenden Beifall. Ein toller Einstieg! Dann erscheint eine Gruppe von Menschen, die irgendetwas zu suchen scheinen. Möglicherweise sind sie auf der Suche nach einer verlorenen schöneren Zeit? Über dem ganzen Abend liegt eine unglaubliche Melancholie oder Sehnsucht oder Traurigkeit. Texte und Lieder mit Bezug zum Zirkus werden interpretiert und intoniert. Ein Abriss-Bagger wird auf die Bühne gezerrt – vielleicht als Zeichen von Untergang und Ende. Und auch ein VW-Bus, vermutlich der Tourbus mit dem Kennzeichen BLK-RF 21, kommt mit auf die Bühne. Zwischendurch fragt Martin Wuttke anstelle aller alle: „Was für eine Geschichte soll das sein?“ Die Frage hat sich bis dahin auch schon die eine oder der andere im Publikum gestellt.

Das Geschehen wird immer surrealer. Alle tappen im Nebel, verkleiden sich ständig, singen irgendwas und wissen nicht, woher und wohin. Man könnte auch sagen, die Sache kippt irgendwann in Klamauk. Die Drehbühne dreht sich – gefühlt – den ganzen Abend lang.

Tolle Sätze leuchten auf wie der: „Es fühlte sich eben niemand mehr zuständig für die Förderung des Zirkus‘.“ Oder: „Trotzdem konnte ich mir ein anderes Leben nicht vorstellen.“ Die Inszenierung ist ein unglaubliches Wirrwarr, ein Kuriositätenkabinett. Es ist ein großes Tohuwabohu.

Zwischendurch erreicht die Gruppe auch ein Telefonanruf. Man weiß nicht genau, wer dran ist. Erst als die jüngste im Bunde zum Hörer greift, erfährt man es: „Mutter? Ich dachte, du bist tot. Hab‘ ich das missverstanden? Ich hatte insgesamt ein schwieriges Leben – auch dank dir.“ Auf solche Texte muss man erst mal kommen!

Wer Lust auf etwas ganz Abgefahrenes, Absurdes hat, ist hier richtig. Es ist ein Abend mit tollen Künstlern. Ein Abend, in dem Schauspieler wirklich schauspielen – zum eigenen Spaß und zum Spaß des Publikums.

Irgendwann fiel auch der Satz: „Wer wird mir helfen, das Geld zu verprassen?“ – Na schön wär’s – und vielleicht der Traum jeder Zirkus-Familie im Ruhestand?

Volksbühne, am 4. Juni. Hier geht’s zu den Karten.

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