HEUTE: 1. RENAISSANCE THEATER –„NA ALSO. GEHT DOCH.“ / 2. KRIMINALTHEATER – „ Die 39 STUFEN“ / 3. KOMÖDIE – „DAS IST NUR EINE PHASE, HASE“ / EXTRA-TIPPPS: DERNIEREN IM GORKI. UND EIN LETZTES MAL MARTHALER, VOLKSBÜHNE
Sie ist eine Frau; nicht Dame im späten mittleren Rentenalter. Üppige, blond ondulierte Lockenpracht, vom Stirnband gebändigt. In die Jahre gekommene Designerbrille, aber mit Signalwirkung. Offenkundig eine Kreative mit alternativem Einschlag. Ausgeleierte Strickjacke, aufgerissenes Hemd, Jeans mit Löchern am Knie (die jugendliche Mode). Alleinstehend. Alleinlebend im Altbau, verwohnt, verkramt, vollgestopft mit Möbeln aus allen Lebensphasen (Bühne/Ausstattung: Elmar Goerden).
Das ist – leicht derangiert, nicht unsympathisch – „Bettgeflüster“, die ehemalige langjährige Souffleuse am städtischen Theater. Dort erhielt sie ihren lieb oder giftig gemeinten Spitznamen.
Wie sie wirklich heißt, lässt Kerstin Specht ungesagt in ihrem locker gestrickten Stück „Na also. Geht doch“. Werbewirksamer Untertitel: „Komödie“. Dabei ist es ein Mono-Drama, tragisch grundiert, obendrauf Sahnehäubchen aus Witz, Ironie, Sarkasmus.
Es ist die Lebensbeichte einer zuletzt (und eigentlich meist immer) einsamen namenlosen Theater-Souffleuse – beherzt im Komisch-Grotesken wie in all den aufblitzenden Angst- und Wutmomenten gespielt von der großen deutschen Schauspielerin Nicole Heesters.
Für den Einstieg in ihr Solo konstruierte die Autorin eine alberne Situation: Da meldet sich eines Tages – warum auch immer – die Ex-Kollegin Starschauspielerin („immer oben“) zum Tee-Besuch bei ihrer Ex-Kollegin Souffleuse („immer unten“). Sie kommt und bleibt – als Leiche. Herzinfarkt oder so. Wir sehen sie nur noch hingestreckt als Puppe auf dem Sofa. Und als Auslöser für die absurde Idee der als Freizeit-Bildhauerin dilettierenden Flüstertüte, ihr im Beruf ewiges, nunmehr totes „Oben“ mit Kunstharz zu übergießen. Um die derart Konservierte (mit Suppenkelle und Wischlappen als Werkzeug) quasi mumifiziert in den Spind zu stellen. Kurioser Triumph einer Überlebenden…
Kopf hoch trotz allem
Glücklicherweise hält man sich nicht länger auf mit chemisch-technischen Sachen, sondern nimmt die Sache zum Vorwand, im gelegentlichen Disput mit der Toten den Lebensrücklauf der Souffleuse Namenlos loszutreten. Gelistet werden die wenigen erfüllten (Männer!) und die vielen unerfüllten Wünsche (u.a. auch Männer), die verpassten Gelegenheiten, die Fehlleistungen (Einschlafen im Souffleurkasten), die Glücksmomente (mit Augapfel und Ohren ganze Szenen retten) oder die öde Berufsroutine – immer bloß auf Fehler der anderen warten. Beständig aber wird ein Grundproblem umkreist: Das Klarkommen mit der bitter gefühlten Unsichtbarkeit im Job, der keine rechte Berufung wurde, und im Privaten mit der Verlorenheit sowie der Angst davor. Es soll ein gelungenes, allgemein als erfolgreich angesehenes Leben gewesen sein. Wäre schön; wars aber nicht. Leider.
Immer wieder setzt die Heesters zwischen die spaßigen, komischen, rührenden und traurigen Episoden die krachenden oder auch ganz in sich gekehrten Momente der Verzweiflung über dieses „Leider“. Das macht die 90 Minuten eindringlich, stark, spannend. Macht das Tragikomische.
Freilich, gelegentlich wird der Betrieb durch den Kakao gezogen, wird über Regisseure, Autoren gelästert, über Künstlerallüren und Publikumsmarotten. Doch Regisseur Elmar Goerden und seine Protagonistin wollten die Sache nicht ausmalen zu einer Art Backstage-Komödie. Sie wollten anderes.
Das dabei sehr besondere Kunststück: Nicole Heesters, die auch königlich als Lady aufzutreten weiß, ist hier ganz anders. Ist, trotz forsch emanzipatorischer und frech ordinärer Attitüden – eine vom Leben vernachlässigte, Verbitterung wegsteckende, eine letztlich erschöpfte arme Frau.
Renaissance-Theater, diverse Termine bis 28. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
***
Die Arena in London ist brechend voll, doch beim Auftritt des sensationellen Gedächtniskünstlers Mr. Memory herrscht Totenstille. Selbst Kniffligstes, aus dem Publikum zugeworfen, beantwortet er korrekt. Die Leute sind perplex, begeistert. Und inmitten des Jubels kracht ein Schuss. Panik. Ein Richard Hannay stürzt ins Freie. Eine Frau Annabella klammert sich an ihn, bleibt bei ihm über Nacht. Am Morgen hat sie ein Messer im Rücken. Und stammelt mit letzter Kraft: „39 Stufen, der Mann, ein Mann mit halbem Finger, eine Geheimformel…“ Dann ist sie tot.
Das ist die Ausgangslage des Hitchcock-Filmklassikers „39 Stufen“ von 1933. Dessen gleichfalls berühmte und vielgespielte Kurzfassung für vier Schauspieler schnappte sich jetzt die Krimi-Kleinbühne im Friedrichshainer Umspannwerk Ost.
Kurz gesagt, es geht um die irre Fluchtgeschichte des als Frauenmörder polizeilich verfolgten Hannay, der, um seine Unschuld zu beweisen, zugleich nach dem Bösewicht mit halbem Finger und den seltsamen 39 Stufen samt ominöser Formel sucht. Wobei eine gewisse Pamela mitmacht; nach erotischem Hickhack, versteht sich. Sie ist britische Geheimagentin, nur so viel sei verraten. Und die ominöse Formel hat zu tun, größer geht’s nicht, mit der Sicherheitspolitik der britischen Regierung.
Agentenjagd zwischen London und Schottland
Die mörderische Spiogenten-Story verläuft über pittoreske Schauplätze: Etwa das Palladium in London, ländliche Gasthöfe, hohe Brücken, enge Eisenbahnabteile und eine schottische Farm für Schafzucht. Im Film gibt es an die 100 Rollen und Röllchen, für die Bühne immerhin knapp die Hälfte. Was daraus folgt, ist der eigentliche Clou dieser Krimikomödie: nämlich der wirklich rasende Wechsel der so gegensätzlichen Szenerien und Figuren.
Da bleibt allein Mister Hannay (Johannes Kalle Schäfer) wer er ist. Mascha Stummer ist Annabella und Pamela. Den Rest vom üppigen Personal teilen sich in witzigsten Verkleidungen und atemberaubender Schnelligkeit Miriam Kohler und Katrin Schwingel.
Regisseur Ulf Schleiff, Debütant im Krimitheater, organisiert die Chose mit überbordender Fantasie gemeinsam mit dem hauseigenen „Team Ausstattung“. Denn die Show funktioniert vor allem durchs präzise Timing von Geräuschen, Musiken, Lichtstimmungen und signifikanten Requisiten im multiplen Bühnenbild mit vielen Versatzstücken. Und mit Tempo, Tempo.
Wir ahnen: Schweißtreibende Proben. Denn die Regie scheint alles einbringen zu wollen, was man so kennt an Gags, Slapstick, Groteske. Dazu gelegentliches Heraustreten aus den Rollen mit frecher Frozzelei über Backstage-Probleme. Freilich, mitunter verrutschen szenische Schärfen – geschenkt. Hauptsache: Die Hochgeschwindigkeit bleibt Und wir rufen erstaunt: Hallo, die Krimi-Komödianten können auch Brettl, kabarettistisch gefärbt. Können – klippklapp – Krimi-Entertainment.
Berliner Kriminaltheater, diverse Termine bis 14. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
***
Zum 50. Geburtstag ab in die Altersteilzeit mit hübscher Abfindung; da sagen manche: Es gibt Schlimmeres. Für Belletristik-Lektor Michael (Götz Otto) ist es die Katastrophe. Es kratzt am Ego, okay. Dennoch: Es fehlt ihm erstaunlicherweise an Fantasie für Alternativen. Und das ist der Auslöser für heftige Rangeleien mit Gattin Christiane (Katja Studt). Sie befürchtet quälendes Abhängen des Gatten als Sofakartoffel.
Soweit die Ausgangslage der den Schwank grüßenden Komödie „Es ist nur eine Phase, Hase“ von Stefan Vogel nach dem gleichnamigen Bestseller von Maxim Leo und Jochen Gutsch.
Doch ein auch noch so krachiges Gezänk im ehelichen Duett allein ist nicht abendfüllend. Quartett muss her. Also Auftritt der Geburtstagsgäste: Das bestens befreundete, gleichfalls ermüdend lange verheiratete Paar Klaus (Thorsten Nindel) und Heike (Nicola Ransom). Ihr Geschenk liefert die Grundlage für das mit Allotria und kabarettistischem Witz prall gefüllte Spektakel: Es ist, natürlich, was zu lesen. Titel wie zu vermuten: „Es ist nur eine Phase, Hase“. Ein Trostbuch für Alterspubertierende!
Das liefert eine Fülle von Stichworten, was für Querelen aufkommen (können) bei Menschen jenseits des halben Hunderts. Besonders bei Männern, doch auch bei Frauen. Aber eigentlich ist es ein Männerbuch. Und so haben vor allem Michael und Klaus viel mit sich, mit ihren beruflichen Ärgernissen, ihren Trieben und Damen zu klären und zu vertuschen. Was den plötzlich aus ihren eingefahrenen Lebensbahnen gestürzten Vierer durchrüttelt bis an die Schmerzgrenze. Und sogar drüber.
Es sind die Irrungen und Wirrungen einer verspäteten Midlife-Krise. Man soll so leben, wie man sich fühlt. Aber wie fühlt man sich eigentlich, was geht noch, was gar nicht? Und noch dazu in der Ehe oder außerhalb. Das sind so Fragen, da fliegen schnell die Fetzen, da ballern Klischees, blühen Allerweltsweisheiten. Und das Publikum fiebert mit bei den routiniert arrangierten Wortgefechten (Regie: Ute Willing). Registriert aufgeregt den jeweiligen Punktstand im Gegeneinander. Oder eben auch Miteinander. Denn alles löst sich am Ende auf in Wohlgefallen. Und womöglich sieht mancher zu Hause nächstes ein bisschen klarer.
Komödie im Ernst-Reuter-Saal, bis zum 31. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
Extra-Tipps:
Dernieren: 13 Jahre regierte Shermin Langhoff das Gorki Theater mit harter und vor allem geschickter Hand. Sie formierte ein tolles Ensemble; Regisseure feierten ästhetische Vielfalt. Man entwickelte ein so genanntes postmigrantisches Theater, das neuen Stimmen und Themen Raum gab und zum Sichtbarmachen bislang eher unbekannter Lebensläufe und Milieus beitrug. Das Gorki glänzt. Meine Auswahl der Dernieren zum Spielzeitende (Abschlussfest 12. bis 14. Juni) gibt noch einmal einen typischen Ausschnitt aus dem Gorki-Programm: „Unser Deutschlandmärchen“, „Zukunftsmusik“, und „Dschinns“.
Hier geht's zu den Karten.
Was kommt: Die neue Intendantin Cagla Illk wird das kleinste Berliner Ensemble- und Repertoiretheater extrem öffnen in Richtung Performance, Musik, Tanz, Film, Bildende Kunst. Und die Spielorte erweitern ins benachbarte Palais am Festungsgraben. Der Text und das, was wir herkömmlich „Stück“ nennen, soll künftig eine untergeordnete Rolle spielen. Das Gorki werde „das Neue Gorki“, rief die Neue. Also ein anderes. Und gab Stichworte wie „offener, fragiler, politischer Ort, global, postdisziplinär“. Von nun an dominiere das „Denken der Körper“. Wir bleiben neugierig.
Noch ein Tipp für eine Preziose: Zum letzten Mal Marthaler in Berlin (Volksbühne)! Mit seinem traurig schönen Happening in ruinösen Zeiten „Wachs und Wirklichkeit“ am 5. Juni.
Hier geht's zu den Karten.
1. Renaissance Theater Zwischen Wut und Angst
2. Krimitheater Hitchcock-Kabarett
3. Komödie Clinch zu viert
1. Vaganten Viel mehr als Theater
2. Kleines Theater Russisches Feuer
3. Berliner Ensemble Krieg allgegenwärtig
1. Schaubühne Reicher Geizhals, arme Sau
2. Theater Strahl Pflaumenkuchen und Ausreiseantrag
3. Chamäleon Menschenknäuel
1. Deutsche Oper Händels barocke Breitseite
2. Theater im Palais Der Krieg lässt dich nicht los
3. Volksbühne Diva ohne Unterleib
1. Schaubühne Mitten im Leben
2. Berliner Ensemble Ein Fest für die Sinne
3. Hans Otto Theater Besser ins Programmheft schauen
1. Berliner Ensemble Handstreich im Rathaus
2. Gorki Pittoreskes aus der Sowjetprovinz
3. Deutsches Theater Singen am Küchentisch, waten im Wasser