Heute: 1. Vagantenbühne – „Blutbuch“ / 2. Kleines Theater – „Ganz oben, links hinten“ / 3. Berliner Ensemble – „Drei Schwestern“
Ein Mensch schreibt einen Brief an seine Großmutter. Schreibt, worüber nie geredet wurde, fragt, was nie gefragt wurde.Versucht, über das Schreiben einen Weg zur Großmutter zu finden, deren Erinnerungen verschwinden. Will begreifen, wer Mensch ist.
„Blutbuch“, so der Titel des Debütromans von Kim de l’Horizon, der 2022 mit dem Schweizer Buchpreis und dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Auf 250 Seiten geht Kim in die Auseinandersetzung mit sich selbst, lässt Leser*innen teilhaben an der Erforschung des eigenen Körpers wie an familiären Überlieferungen, die, häufig von Gewalt geprägt, in uns eingeschrieben sind.
Überwindung von Grenzen durch Sprache
Für die Vagantenbühne haben Daniela Guse und Max und Radestock eine kluge Fassung geschaffen, haben die im Roman ausufernde Erzählweise komprimiert, dabei die besondere Sprache Kims beibehalten können, eine Sprache, die versucht, das Dazwischen zu beschreiben, Grenzen zu verlassen.
Julian Trostorf, Annemie Twardawa und Emma Zeisberger bewegen sich in einer Umgebung, die sowohl Theaterraum als auch Kunstinstallation ist. An weißen Wänden und von der Decke herunter hängen seltsame Gebilde. Es sind langgezogene Sandsäckchen, Strümpfe in Beigebraun. Ein Fadenvorhang markiert das Ende des Bühnenraumes, aber er ist durchlässig, ermöglicht den Blick nach hinten, Grenzüberschreitung; ist Projektionsfläche und Requisit zugleich.
Die drei Menschen tragen über eng anliegenden Bodies in Beigebraun und Teilen von Strumpfgürteln in blassem Rosa weiße Nachthemden und Unterkleidchen mit Spitze. Die Grenzen der Rollen und Körper verschwimmen, das Geschlecht löst sich auf, wird unwichtig .
Die Großmutter, in Schweizer Deutsch die Großmeer, ist eine Puppe.Gebildet aus wiederum beige-braunen Strumpfwülsten, die um den Kopf gewickelt sind, mit großen Augen und einem breiten zahnlosen Mund, wird sie von Annemie Twardawa meistehafr geführt.
Regisseur Max Radestock hat mit seinen Spielenden, mit dem Ausstattungs- und dem technischen Team (Bühne und Kostüm: Clara Wanke; Sounddesign: Gabriel Wörfel) eine Aufführung geschaffen, die als Gesamtkunstwerk bezeichnet werden muss. Ein unkonventioneller Umgang mit Sprache, das Zusammenspiel der dreigeteilten Erzählperson mit der Puppe und die szenischen Lösungen faszinieren über die gesamten 95 Minuten.
Starke Bilder und Assoziationen
Die Blutbuche, die im Garten der Großmutter, steht kann wachsen, wie sie will und wohin sie will, im Gegensatz zum kleinen Menschen und wird zu dessen Zufluchtsort: Ein weißes riesiges, endlos scheinendes Gebilde, aus durchbrochenem Papier wird aus der Klappe im Bühnenboden gezogen und hüllt die Dreiperson in einen schützenden Nebel ein.
Ein grausames Märchen wird mit Hilfe eines Bügelbretts samt Bügeleisen, eines Spitzenvorhangs eines Wollknäuels mit Stricknadeln und einer hölzernen Wäscheklammer erzählt.
Drei Menschen, die als solche nur noch schemenhaft zu erkennen sind. Sie sind in strumpffarbene Ganzkörperhäute geschlüpft, wieder strumpffarben, in denen sie sich winden, versuchen, ihre Körper zu verlassen und doch eins sind.
Bravo!
Vagantenbühne, diverse Termine bis 24. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
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In „Ganz oben, links hinten“ von Sylvia Hoffmann begegnen uns in vergnüglicher, wenn auch hinreichend vertrauter Komödienmanier ein verunsicherter Lehrer namens Leo Kappelberger (Maximilian Nowka), dominiert von der Freundin seiner Mutter, Thekla Roth (Cornelia Schönwald).
Mama ist verstorben, ihre Wohnung kann also vermietet werden, und bei der Wohnungsnot in Berlin kann man da ein schönes Schnäppchen machen. Findet jedenfalls Thekla. Besonders groß scheint der Andrang aber nicht zu sein, was nicht wirklich verwundert, denn die Wohnung ist nicht nur abgewohnt, sondern auch verdreckt und vollgestellt mit allem möglichen Kram.
Der Dialog plätschert in den ersten Minuten so dahin, kleine Lacher im Publikum.
Richtig los geht es aber, als Mascha Nowitskaja, gespielt von Irina Wrona, durch die Tür tritt. Mascha ist geflohen, aus Omsk, vor ihrem gewalttätigen Mann und verzweifelt auf der Suche nach einer Wohnung.
Während Thekla die potentielle Mieterin so schnell wie möglich wieder los werden will und dabei mit vollen Händen in jede Klischeekiste greift, findet Leo Gefallen an der quicklebendigen Mascha und sie an ihm.
Bis es zu einer zarten, aber doch verheißungsvollen Annäherung zwischen beiden kommt, passiert einiges. Sprachschwierigkeiten führen zu Missverständnissen; am Ende steht sogar das BKA vor der Tür.
Temperament mit Charme und Mimik
Karin Bares hat das alles mit gewohnt leichter Hand inszeniert. Die Dialoge klappern manchmal ein wenig, aber das gerät schnell in Vergessenheit.
Und das liegt vor allem an Irina Wrona, ihr gehört der Abend. Sowie sie durch eine der Türen kommt, geht ein Beben durch die Szenerie. Perfekt setzt sie den russischen Akzent ein, kontert mit Charme und Mimik die wirklich grenzwertigen ausländerfeindlichen Bemerkungen der ach so toleranten Thekla und flirtet mit Leo. Wenn sie das Mascha-Lied schmettert und dazu tanzt, ist das Publikum hingerissen.
Leo kann sich diesem Wirbelwind von Frau nicht entziehen, überwindet seine Schüchternheit, setzt sich sogar gegen Thekla durch.
Schließlich traut er sich, ebenfalls zu singen. Und am Ende glänzen Maximilian Nowka und Irina Wrona im zweisprachig gesungenen Duett.
Kleines Theater, diverse Termine bis 27. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
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Lichtdurchflutete Räume, weiße Gartenmöbel oder hellgrünes Birkenlaub gibt es hier nicht.
Im Berliner Ensemble schauen wir, wenn sich der schwarze Vorhang gehoben hat, in eine Düsternis. Grauschwarze Wände, in der Tiefe eine Glaswand mit Durchgang. Rechts an der Wand eine Tafel mit Messanzeigen, Knöpfen und Hebeln und ein Kasten, der wie auch die Anzeigentafel nach Kommunikation in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aussieht. Daneben eine Tür mit Fenster und Ablagebrett, wie früher eine Durchreiche in einer Kantine. Später hören wir, wie aus diesem Raum telefoniert wird. Nach oben führt eine Treppe mit Eisengeländer. Der ganze Raum wirkt wie aus der Zeit gefallen. Ein Hinweis auf die Jahre des Kalten Krieges, ein Hinweis, was der Welt (wieder) vielleicht bevorsteht? (Bühne: Klaus Grünberg).
Reden im Bunker
Oben befinden sich die Privaträume der drei Schwestern Olga (Bettina Hoppe), Mascha (Constanze Becker) und Irina (Lili Epply) sowie ihres Bruders Andrej (Paul Herwig). Ihr Leben spielt sich aber in diesem Bunker ab. Hier sitzen sie und reden, reden, reden, während bedrohliches Dröhnen, explosiensartige Geräusche den Raum erzittern lassen. Ganz hinten links im fast Dunkel leuchtet eine Baulampe, offenbar je nach Lage da draußen grün, weiß oder rot.
Soldaten in Kampfmontur laufen durch den Gang hinter der Glaswand, Sie schleppen große Kisten mit dem schwarz-gelben Atomlogo in den Raum und wieder hinaus. Zwei Männer in weißen Schutzanzügen und mit Schutzmaske verlassen den Bunker.
Ob schon Krieg ist (die Geräusche deuten darauf hin) oder ob es sich um ein Manöver handelt, wird in der Inszenierung von Mateja Koležnik nicht ganz klar. Aber das ist womöglich so gewollt und letztendlich auch egal, denn die Bedrohung ist in jedem Fall präsent.
Nicht aber für die Menschen, die sich geradezu suhlen in ihren persönlichen und ach so unglücklichen Schicksalen. Olga, die Lehrerin, ist immer überfordert und hat ständig Kopfschmerzen, Mascha hängt fest in einer langweiligen Ehe und stürzt sich in eine aussichtslose Affäre, Irina redet vom Arbeiten als einzig wahrem Lebenssinn, hat aber noch nie wirklich etwas Sinnvolles getan. Und Andrej (Paul Herwig)ist einfach nur ein Jammerlappen, der auch noch das Familienvermögen verspielt.
Unverwechselbare Figuren
Bis auf die alte Haushälterin Anfissa (beeindruckend: Josefin Platt), sind hier alle privilegiert und meinen es sich leisten zu können, die Realität nicht wahrnehmen zu müssen. Selbst das Feuer, das in der Stadt ausbricht (bei Tschechow ein Vorgriff auf die Revolution) betrifft lediglich die da draußen.
Der Abend ist alles in allem etwas zäh. Das wird aber durch das durchweg großartige Ensemble aufgehoben, in dem jede Figur ihre Unverwechselbarkeit präzise und mit spielerischer Leichtigkeit zu zeigen vermag.
Berliner Ensemble, am 15. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
1. Vaganten Viel mehr als Theater
2. Kleines Theater Russisches Feuer
3. Berliner Ensemble Krieg allgegenwärtig
1. Schaubühne Reicher Geizhals, arme Sau
2. Theater Strahl Pflaumenkuchen und Ausreiseantrag
3. Chamäleon Menschenknäuel
1. Deutsche Oper Händels barocke Breitseite
2. Theater im Palais Der Krieg lässt dich nicht los
3. Volksbühne Diva ohne Unterleib
1. Schaubühne Mitten im Leben
2. Berliner Ensemble Ein Fest für die Sinne
3. Hans Otto Theater Besser ins Programmheft schauen
1. Berliner Ensemble Handstreich im Rathaus
2. Gorki Pittoreskes aus der Sowjetprovinz
3. Deutsches Theater Singen am Küchentisch, waten im Wasser
1. Theater des Westens Freiheit ist die schönste Stadt
2. Distel Die ganze Welt ist ein Kiosk
3. Komische Oper Aufstieg und Fall der Weltmacht Babylon