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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 557

27. April 2026

HEUTE: 1. DEUTSCHE OPER – „GIULIO CESARE IN EGITTO“ / 2. THEATER IM PALAIS – „WIR SPIELEN ALLTAG” / 3. VOLKSBÜHNE – „WARTEN AUF BARDOT“

1. Deutsche Oper - Händels barocke Breitseite

"Giulio Cesare in Egitto" in der Deutschen Oper" © Nancy Jesse

Barockoper in diesem großen Haus, funktioniert das überhaupt? Bringen die Countertenöre das allein kräftemäßig rüber bei bald fünf Stunden Spieldauer? So lange war Julius Caesar doch gar nicht Ägypten! Allen Frotzeleien und Bedenken im Vorfeld zum Trotz: „Giulio Cesare in Egitto“ an der Deutschen Oper Berlin ist in musikalischer wie szenischer Hinsicht ein Triumph! Georg Friedrich Händels 1724 in London uraufgeführte italienischsprachige Oper ist eine packende Mischung aus Liebesdrama und Politikthriller. Die Geschehnisse im Hafen und am Hof von Alexandria erscheinen in dieser Aufführung frisch und bisweilen tagesaktuell, obwohl die Inszenierung mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hat.

David McVicar brachte das musikdramatische Spiel um Cäsar und Cleopatra 2005 beim Glyndebourne Festival im englischen Sussex auf die Bühne. Der Regisseur und sein Bühnenbildner Robert Jones greifen Formen des barocken Soffittentheaters auf, mit Prospektkulissen, flächigen Szenenwechseln mit dem Mittelmeer im Hintergrund. Musikalische Emotionen in opulenten Bildern, die aber nicht die Antike zitieren, sondern das 19. Jahrhundert, und ein wenig an die orientalistischen Gemälde des Franzosen Delacroix erinnern.

Ganz schön brutal geht es zu im Machtspiel zwischen Julius Cäsar, der Witwe und dem Sohn seines zu Beginn geköpften römischen Widersachers Pompeo, der ägyptischen Königin Cleopatra und ihrem intriganten Bruder Tolomeo, zwischen Feldherren aller Fraktionen. So handfest war man das zu Händels Zeiten gar nicht gewohnt, da ging das Morden meist hinter der Szene vonstatten. Die ganze Dramatik wird durch die amourösen Verstrickungen noch verstärkt.


Koloraturen zum Kichern


Wut und Rachsucht, Sehnsucht und Verzweiflung, Triumph und Versöhnung, die ganze Breite der Emotionen macht Händels Komposition erfahrbar, so dass es in den Arien und Szenen selbst nach dem x-ten Da Capo nie langweilig wird. Das Orchester der Deutschen Oper, ergänzt durch einige historische Instrumente, klingt, als würde es nie etwas anders als Barockmusik spielen. Mit dem italienischen Dirigenten Alessandro Quarta ist allerdings auch ein absoluter Barockspezialist nach Berlin gereist. Dass bei aller Intensität in der vor einleuchtenden Einfällen sprudelnden Regie auch die Ironie nicht verschmäht wird, selbst abenteuerlichste Koloraturen mit komischen Einfällen angereichert, sogar choreografisch (Andrew George) untermauert werden, zeugt von der Eleganz dieses Gesamtkunstwerks. Und zeigt den großen Unterschied zu Herbert Fritschs Regiebemühungen mit Händel vor wenigen Wochen an der Komischen Oper (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 554 vom 6. April 2026).

Das funktioniert nur mit entsprechender Besetzung. Die ist stimmlich wie darstellerisch, und eben auch tänzerisch, ein Glücksgriff. Sensationell, welche Wirkung die Countertenöre im großen Opernhaus entfalten, der Starvokalist Christophe Dumaux als Giulio Cesare, Cameron Shahbazi als eitel-eifersüchtiger Tolomeo. Nicht minder verblüffend der Auftritt von Elena Tsallagova, die man hier mit Partien wie der Traviata erlebte, nun aber mit Barockarien als mal fidele, dann wieder betrübte Cleopatra begeistert. Der kraftvolle Mezzo von Stephanie Wake-Edwards als von den Bösewichtern begehrte Witwe Cornelia und weitaus quirliger in derselben Stimmlage Martina Baroni als ihr Sohn Sesto, der aus Rache für den Mord am Vater vor allem dem ägyptischen Militär Achilla, dem Bassbariton Michael Sumuel, an die Gurgel will. Alle Partien bis in die kleinste Nebenrolle bereiten große Freude.

Ein Abend zum Hören, Sehen, Staunen, Lachen und Genießen. Man sollte sich das Spektakel nicht entgehen lassen.

Deutsche Oper, diverse Termine bis 8. Juli. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Theater im Palais - Der Krieg lässt dich nicht los

"Wir spielen Alltag" im Theater im Palais © Ildiko Bognar

Das Publikum darf mitsingen. Doch schnell bricht das fröhliche „Hava Nagila“ ab. Alarm. 7. Oktober 2023, 6.29 Uhr: „Es ist Krieg.“ Lizzie Doron hat in „Wir spielen Alltag“ ihre subjektiven Eindrücke in den Monaten seit dem Überfall durch Hamas-Terroristen auf Israel niedergeschrieben. Ein quasi antiliterarisches Buch als direkte Reaktion auf die Katastrophe. Wie das Weltbild einer linken Friedensaktivistin ins Wanken gerät, erzählt diese Geschichte, die zwischen Tel Aviv spielt und Berlin, seit 20 Jahren zweite Heimat der Schriftstellerin. Ihr Landsmann Dori Engel hat daraus eine Bühnenversion verfasst und selber inszeniert.

Das Theater im Palais dramatisiert damit bereits das zweite Buch der Autorin. Zuvor war der eher melancholische Roman „Nur nicht zu den Löwen“ (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 533 vom 3. November 2025) für eine Schauspielerin erfolgreich adaptiert worden. Nun also wesentlich direkter die Eindrücke aus verrückten, wenn nicht wahnsinnigen Monaten. Mit dem Krieg als ständigem Begleiter, was auch das Theater-Team betraf.

Wie sich Menschen in Schutzräumen fühlen müssen, das lässt die veränderte Platzanordnung erahnen. Dicht an dicht, die Darsteller nicht auf der Bühne, sondern mittendrin. Wasser, Kerzen, Toilettenpapier werden durchgereicht. Alina Gause, die Intendantin, hat die Rolle der Erzählerin Lizzie Doron übernommen. Ira Theofanidis, Carl Martin Spengler und Meik van Severen übernehmen alle anderen Personen der Episoden. Ira Shiran leitet mit seinem Akkordeon das Quartett durch Gesänge in mehreren Sprachen. 


Deutsche Debatten über Nahost


Todesnachrichten im Bekanntenkreis, Erinnerungen an frühere Kriege, Vergleiche mit dem Holocaust. Heftige Diskussionen beim Friseur oder beim Familientreffen, ob man noch Mitgefühl mit Arabern haben kann. Scheiternde Gespräche mit einem langjährigen palästinensischen Freund. Die verzweifelten Appelle von Angehörigen der nach Gaza verschleppten Geiseln, die sich im Stich gelassen fühlen. Aber auch Berichte vom Leiden der Menschen in Gaza.

Lizzie Doron fliegt nach Berlin, in der Hoffnung, hier dem Krieg ein Stück weit entkommen zu können. Um dann festzustellen, dass man in Deutschland aufpassen muss, sich als Israeli zu outen. Während zugleich in den Familien deutscher Bekannter Streit herrscht über Nahost, nicht zuletzt der deutschen Geschichte wegen.

Es ist schwer, einen der vielen Standpunkte teilen. Wer recht hat oder nicht, diese Entscheidung muss man selber treffen. Aber noch schwerer ist es, sich all dem emotional zu entziehen.

Theater im Palais, 8., 9. und 22. Mai. Hier geht's zu den Karten.


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3. Volksbühne - Diva ohne Unterleib

"Warten auf Bardot" in der Volksbühne © Philip Frowein

Wer die Volksbühne nicht besonders oft besucht, muss sich in dieser eigenen Welt erstmal zurechtfinden. Kollegin Sibylle Marx hat das unlängst nachfühlbar geschildert (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 548 vom 23. Februar 2026). Was ist hier ernst, was Satire, das fragt man sich auch beim Programm-Magazin des Theaters, das wie eine Boulevard-Zeitung aufgemacht ist. Auf der letzten Seite, in den Kleinanzeigen, findet sich eine Annonce zum Ableben von Brigitte Bardot. Und darunter ein Leserbrief, der darauf hinweist, dass Becketts Stück „Warten auf Godot“ laut Urheberrecht ausschließlich mit männlichen Darstellern zu besetzen sind.

Was hat das absurde Theaterstück mit der französischen Diva zu tun? Nichts! Genau deshalb bringt Meo Wulf nach Volksbühnen-Manier beides zusammen. „Warten auf Bardot“ heißt die von der Fangemeinde bejubelte Produktion, zu der Wulf Text und Regie beisteuert und in der er selbst auf der Bühne steht. Wulf, Jahrgang 1992, hat in Becketts Klassiker mit 14 in Hamburg sein Debüt als Schauspieler gegeben. Heute bezeichnet er sich als non-binäre Person, für die Becketts Vorgabe der Männlichkeit einen besonderen Anreiz bietet.

Die Außerirdischen in eigentümlichen Kutten, die da die Spielfläche (Mayan Tuulia Frank) zwischen Kühlschrank, riesigen Kissen, einem Friseurstuhl und einem an einen Sarg erinnerndes Klosetthäuschen bevölkern, sind trotz Schnurrbärten erst mal keinem Geschlecht zuzuordnen. Die Drei sehen auch fast identisch aus, sodass man sie kaum auseinanderhalten kann. Das Absurde an dieser Situation sind sie selbst. Der Zahn der Zeit beginnt an ihnen, bzw. an ihrem Fellkostüm (Johannes J. Jaruraak „Hungry“) zu nagen. Sie ahnen, dass eine Gestalt aus dem Jenseits sie heimsuchen wird.


Krude Mixtur aus Trash und Drag-Show


Und dann kommt die Bardot, die ja nun wirklich im Dezember verblichen ist, und verkündet: Ich bin eine Frau! Noch schockierender für das Trio: Der Filmstar ist gar nicht tot! Verliest zudem reaktionäre Positionen gegen Migranten und queere Menschen, Tiraden, die auch von Le Pen stammen könnten. Deswegen wird die Bardot, als Frau wie auch ihrer Einstellung wegen, dran glauben müssen, mit einer überdimensionalen Säge macht das Trio aus ihr eine Diva ohne Unterleib. Das ist allerdings die einzige handfeste politische Anspielung in dieser kruden Mixtur aus Trash und Drag-Show, die ansonsten sinnfrei daherkommt.

Anfangs nimmt sich das noch wie ein großer Spaß aus, durchaus in guter Komödianten-Tradition. Spätestens wenn ein Penis abgeschnitten wird, erschlafft die Aufmerksamkeit für die derben Späße, die das Fünferteam, neben Wulf spielen Markus Bernhard Börger, Christine Groß, Amelie Willberg und Sonia Yeremytsia, immerhin mit großer Präzision abspult. Der Erkenntniswert hält sich in Grenzen. Aber wenn Sie Ihren Besuch aus der Provinz mal ein bisschen schockieren wollen: Am Rosa-Luxemburg-Platz bietet sich erneut die Gelegenheit.

Volksbühne, 2. Mai. Hier geht's zu den Karten.


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Extratipp: „Einer flog übers Ordnungsamt“

Wahn, Witz, Justiz: Gegen deutsche Rechtsprechung hat Satire manchmal keine Chance. Das beweist Johannes Hallervorden im Theater am Frankfurter Tor. Das neue Solo ist die Fortsetzung des Dauerbrenners „Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“, wieder nach dem Buch von Werner Koczwara. Ob Strafrecht, Arbeitsrecht oder Familienrecht: Auf der Bühne werden Gesetzestexte und Urteile auf die Fähigkeit überprüft, der Realität standzuhalten – und als untauglich befunden. Für Betroffene ein Horror, für Theaterbesucher höchst vergnüglich.

Theater am Frankfurter Tor, diverse Termine bis 22. Juni. hier geht's zu den Karten.

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