HEUTE: 1. SCHAUBÜHNE – „DER GEIZIGE“ / 2. THEATER STRAHL – „SPLITTER“ / 3. CHAMÄLEON – „BELLO“/ EXTRA-TIPP: GORKI – DERNIERE „CARMEN“
Ach, auf den ersten Blick wirkt er ja ganz nett, der lustlos dreinblickende Chef vom Autohaus nebenan: Gerade 50, Glatze, Schnäuzer, Anzug. Immerhin, zum Start in den Büro-Alltag säuselt er ein Liedchen: „Desperate Man Blues“. Passt zur Stimmungslage. Dann der Griff in die Fast-Food-Tüte. Mürrisch mampft er das „Happy Meal“ von Uber. Ein gestandener Mann mit Bauch in den besten Jahren. Die Kinder erwachsen, aber naja… Die Frau tot. Der Rest Idioten. Wie verloren hockt er in seinem schicken Neuwagen-Salon, den Jaguar im Showroom (Bühne: Magda Willi). Ohne Liebe. Aber mit sehr viel Geld.
Und Geld ist das Stichwort für Lars Eindinger in der Titelrolle vonMolières Komödie „Der Geizige“. Geld elektrisiert. Da ist das Nette plötzlich weg. Und die Augen funkeln, als Herr und Meister Harpagon in die Hosentasche greift, ein dickes Bündel Scheine herauszieht und nachzählt: Eine Million Euro! Hoffentlich hat`s keiner gesehen. Also schnell weg mit der Knete ins Versteck, den Big Boss rausgelassen und die auftauchenden Angestellten begrüßt. Wie immer mit einem cholerischen Zusammenschiss. Wegen Faulheit, Blödheit, Unfähigkeit. Und überhaupt, weil er sie alle, samt den mitarbeitenden Kindern, verachtet. Weil ihm alle auf die Nerven gehen, und alle Welt scharf ist auf seinen Zaster.
Geld für Liebe
Klar, die Jagd nach Knete treibt jeden an. Mehr oder weniger. Geldverdienen ist keine Schande. Doch rücksichtslose Gier, grenzenloser Geiz, das ist krank – die Diagnose für Harpagon. Geld ist ihm Ersatz für Liebe, und Liebe nicht zu denken ohne Geld. Das wiederum, gekoppelt an Gier und Geiz und Ausbeuterei, ist ihm Lebenszweck. Er gleicht einem Monster. Bei allen hier in seiner Fahrzeugfirma heißt er hinterrücks nur „Arschloch“.
Und als solches rollt er, Schmerz und Unheil verbreitend, durch den von Maja Zade mit saftig Berliner Gegenwartsdeutsch überschriebenen Komödienklassiker. Den allerdings hat Regisseur Thomas Ostermeier rabenschwarz grundiert.
Eidingers schillernde Menschendarstellung
Freilich, der agile Eidinger darf all sein Können ausleben als großer Showmaster des Slapsticks. Und doch bleibt er bei allem akrobatischen Allotria, bei all der grotesken Aashaftigkeit, von der seine Figur geprägt ist, der an Finessen reiche Darsteller eines Menschen, der von seelischen Nöten geplagt, von wahnhaften Zwängen getrieben ist. Eidinger macht den geilen Geizhals. Und in trüben Momenten die arme Sau.
Gerade das macht die verrückte, um Heiratswünsche und Herzensergüsse, Demütigungen und Lügen kreiselnde Show stark. Rückt sie, ungeachtet des boulevardesken Flitters, der Kalauer, der bissigen Pointen („bei Euerm Jugendwahn ist Alter Underground“) und der reichlich gestreuten Running-Gags fort von den Flachwassern wohlfeilen „Lachtheaters“.
Machtgeilheit und Opportunismus
Wir schauen zunehmend betroffen auf ein scharfes Stück aus dem Tollhaus voller Gewalt und Machtmissbrauch (aktuell gesellschaftskritische Hiebe nach Links und Rechts eingeschlossen). – Sehen aber auch auf ein Stück über Opportunismus. Über die Angst, die Feigheit, Lüsternheit und Arschleckerei der das Gravitationszentrum Harpagon intrigant umwuselnden Typen – präzis satirisch konturierte Auftritte im fliegenden Wechsel: Robert Beyer, Cathleen Gawlich, Magdalena Lerner, Pablo Moreno, Mano Thiravong, Falk Rockstroh.
Besonders hervorstechend: Der spannungsgeladene Generationenkonflikt zwischen Vater Harpagon und Sohn Cléante (Damir Avdic). Da prallen jugendlicher Hedonismus und rasende Verliebtheit auf Kälte, Abwehr sowie den freundschaftlichen Rat: „Schau keine Pornos, wähl nicht die Grünen, sei selbstbewusst, geh raus an die frische Luft, steh zu dir. Und vor allem, lass dir nicht einreden, dass du lieb, schwach, soft und links zu sein hast. Echte Männer sind rechts."
Regisseur Ostermeier und seine brillante Autorin Zaade blieben Molière treu und verankern seinen kritischen Geist gekonnt im Heute. Sein Eiapopeia-Finale jedoch lassen sie beiseite. Die böse schillernde Sause im Intrigantenstadl der Mittelklasse trudelt nach knapp zwei Stunden irritierend ins Düstere, allseits Unzufriedene. Man weiß nicht recht, wie weiter; leckt Wunden und zieht sich zurück ins Ego-Loch. Tja, ziemlich bitter…
Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Wir vertrösten auf die neue Spielzeit.
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DDR, was war das doch gleich? Keine Ahnung, war vor meiner Zeit. – Das kann man immer wieder hören; etwa auf Schulhöfen. Da kann man doch was gegen tun, sagten sich Jana Heilmann, Yasmina Hempel und Marcus Thomas vom „Strahl“.
Thomas hatte als Kind noch das Ende der DDR in der DDR erlebt, Jana war mit den Eltern vor 89 rüber gemacht in den Westen, Yasmina kam erst nach der Wende zur Welt. Ein Trio mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen. Selbst Erlebtes mischt mit dem, was sie so gehört und auch gelesen haben über diese Zeit. Oder was in ihren Familien oder unter Freunden davon erzählt wurde. Wobei die Zeit weit gespannt bleibt: Nachkriegsdeutschland, Teilung, Mauerbau, die brutalen Zwänge hier, die freiheitlichen Verlockungen dort, Mauerfall, die Euphorie, die Ernüchterungen.
Die kollektive Stückentwicklung „Splitter“ reißt ein komplexes Geschichtspanorama an. Und zugleich auf. Durch konkrete Geschichten, gegossen in ein Kaleidoskop dramatischer, komischer, auch sehr schmerzlicher Kurzszenen. So entfaltet sich vor dem Hintergrund des Historischen das Persönliche. Als Splitter gelebten Lebens; als Versuch, diesem nachzuspüren, seinen Temperaturen, Stimmungen, Wahrnehmungsgegensätzen. Die einen blieben, Faust geballt in der Tasche oder auch begeistert, andere wollten um jeden Preis raus. – Um jeden Preis? Gerade auch das, Kosten und Nutzen von Zuspruch und Einspruch, wird u.a. durch eine Publikumsbefragung eindrucksvoll demonstriert.
Einübung in Empathie
„Splitter“, inszeniert von Anna Vera Kelle mit Tempo, Witz, Gesang, Live-Musik und Band-Einspielungen (Renft „Zwischen Liebe und Zorn“), die unterhaltsame Mitmach-Show bleibt – trotz gelegentlicher Schübe mit leerem Regie-Aktionismus – eine herausfordernde Einübung in Empathie. Wie war das mit der „alten Tante DDR“ und ihren Leuten? Dazu die provokante Frage an die „Nachgeborenen“: Wie hättet ihr euch verhalten? – Stillhalten, Mitmachen, Vorteile genießen? Viele haben sich trotz aller Beschränkungen wohlgefühlt, die DDR war ihnen Heimat. Oder besser keinerlei Kompromiss, gegen den Strom Schwimmen und ausgegrenzt werden?
Thomas zum Beispiel hatte eine behütete, fröhliche DDR-Kindheit. Geburtstagsfeiern, Pflaumenkuchen. Fahnenappelle? Kein Problem. Kein Ausreiseantrag. Keine Stasi wie bei Jana, deren Familie litt unter der bösen „Tante DDR“ mit ihren Schikanen für „negativ feindliche Elemente“.
Der Wirklichkeiten und Gewissheiten sind viele, zu allen Zeiten. Und nicht einfach ist’s, sich zurecht zu finden. Die Jugend zwischen 14 und 18, das Kernpublikum von „Strahl“, entsprechend zu sensibilisieren – dafür Respekt.
Theater Strahl, 4. Juni. Hier geht’s zu den Karten.
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Aufschrei im Publikum: Eine junge Frau hängt kopfüber an der Brüstung vom Rang. Absturz ins Parkett zwischen die voll besetzten Tische. Hilfeschreie. Schrecksekunde. Mehrere Herren springen von den Stühlen und wollen retten. Dann Aufatmen, Entspannung. Jemand hält sie oben fest am Bein. Großes Hallo, Bravorufe. Eine verrückte, freilich makaber grundierte, mit schwarzem Humor gewürzte Artistik-Nummer der vor einem Jahrzehnt gegründeten, mehrfach mit Preisen ausgezeichneten italienischen Kompanie für zeitgenössischen Zirkus „Fabrica C“.
Ihr Programm „Bello“ ist angelegt als eine Sammlung von flott skizzierten Kurzgeschichten (eine Schauspielerin liefert entsprechende Stichworte). Es geht um Absurditäten und kleine Wunder im Alltag, mal komisch, albern, sehnsuchtsvoll, mal zweifelnd und fragend. Da mischen sich Tanz und Körpertheater. Waghalsige Umschlingungen, Verschlingungen. Unglaubliche Menschenknäuel. Und alles dreht letztlich sich um Schönheit.
Die Idee von Schönheit
Doch wenn man bei Google den Begriff „Beauty“ eingebe, sagt Regisseur Francesco Sagrò aus Turin, fände man auf den ersten 20 Seiten fast nur Ergebnisse, die sich mit Makeup befassen. „Uns aber geht’s ums Zeigen, wie sich die Gesellschaft mit Schönheit befasst; was die Idee von Schönheit mit Menschen macht, was Schönheit heutzutage bedeuten kann – etwas, das plötzlich kommt und uns durchdringt. Es tröstet nicht, beruhigt nicht, es verunsichert.“
Dem entsprechend ist“ „Bello“: Eine freche, witzige, für Momente irritierende Revue faszinierender, auch hintersinniger Körperbilder, die immer mal wieder die Bühne verlassen und flink zwischen die Stühle im Saal kugeln. Oder über den Köpfen der staunenden Leute schweben. Oder von der Balkonbrüstung stürzen. Verrückt! Überraschend! Und gebettet in vielfarbige Musik von Klassik bis Pop, zart bis hart. – Überflüssigerweise gibt es einen warnenden, letztlich aber umso neugieriger machenden Hinweis der allseits aufmerksamen Direktion: „Das Stück enthält Szenen mit teilweiser Nacktheit und humoristischen Darstellungen von Gewalt.“ Geschenkt. Man versteht alle Sachen. Versteht alles Schöne und auch den Schrecken richtig und ist begeistert.
Chamäleon, noch bis zum 31. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
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EXTRA-TIPP: Carmen – die personifizierte Männerfantasie, eine Ikone weiblicher Selbstbestimmtheit; kühn, gefährlich freiheitlich, traumschön und sexy. Carmen, was für ein Weib! – Das hier ein Mann verkörpert. Ein baumlanger Kerl; von oben bis unten hauteng in Rosa. Mit rosa Haaren und wuchtigem Bariton. Traumschön, ladylike, sexy. Bizets Opernklassiker mal etwas anders unter der furiosen Regie von Christian Weise. Verrückt, hinreißend, einzigartig! (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 508 vom 10. Februar 2025.)
Derniere am 17. Mai. Hier geht’s zu den Karten.
1. Schaubühne Reicher Geizhals, arme Sau
2. Theater Strahl Pflaumenkuchen und Ausreiseantrag
3. Chamäleon Menschenknäuel
1. Deutsche Oper Händels barocke Breitseite
2. Theater im Palais Der Krieg lässt dich nicht los
3. Volksbühne Diva ohne Unterleib
1. Schaubühne Mitten im Leben
2. Berliner Ensemble Ein Fest für die Sinne
3. Hans Otto Theater Besser ins Programmheft schauen
1. Berliner Ensemble Handstreich im Rathaus
2. Gorki Pittoreskes aus der Sowjetprovinz
3. Deutsches Theater Singen am Küchentisch, waten im Wasser
1. Theater des Westens Freiheit ist die schönste Stadt
2. Distel Die ganze Welt ist ein Kiosk
3. Komische Oper Aufstieg und Fall der Weltmacht Babylon
1. Deutsches Theater Weltstadt Seebrücken
2. Hans Otto Theater Jahrmarkt der Eitelkeiten
3. Staatsballett Berlin À la russe