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Kulturvolk Blog Nr. 81

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

7. April 2014

Deutsches Theater


Eve und Pierre, selig der Welt entrückt, finden erst im Reich der Toten zueinander. Denn im Leben „draußen“, in der Wirklichkeit einer diktatorisch beherrschten Gesellschaft, ereilte sie zeitgleich ein grausiger Tod: Eve, Seidenblusen-Dame aus dem tyrannischen Establishment, wurde von ihrem Ehemann vergiftet; Pierre, Lederjacken-Widerständler einer revolutionären Terrorzelle, wurde von einem Spitzel erschossen. Jean-Paul Sartre entlässt nun beide aus dem Jenseits – in seinem sozial-politisch-philosophischen Denkspiel „Das Spiel ist aus“, 1947 als Drehbuch verfasst, jetzt im Deutschen Theater.

 

Das so holde wie gegensätzliche Paar darf für einen Tag zurück unter die Lebenden. Unter einer Bedingung: Es muss in diesen 24 Stunden in grenzenlosem Vertrauen seine Liebe bestätigen, dann könnte es froh fortleben. Das Experiment scheitert: Es gibt im rauen Diesseits kein entrücktes Heil. Denn die zwei verrennen sich egozentrisch und ohne Verständnis für den anderen wieder in ihre alten Angelegenheiten: Eve will ihre Schwester retten, die bedroht wird von der geldgierigen Mordlust ihres Ex-Gatten; Pierre stürzt zu den Genossen, um einen Aufstand zu verhindern, er weiß, da droht Verrat. Die Frist also ist um, das irdische Glück verfehlt, die zweite Chance, das Leben, die Liebe vertan, der Tod endgültig. Alles aus.

 

Was für eine traurig schöne Geschichte um ein verlorenes Spiel. Dass in diesem fantastischen Text noch eifrig schwadroniert wird über Klassenkampf, Freiheit, Volksherrschaft, Sein und Bewusstsein, das mag uns postmodern Desillusionierten, trotz aller weltverbesserischer Träumerei, einigermaßen entlegen sein. Doch die Regisseurin Jette Steckel meint, nicht recht lassen zu dürfen von Sartres Theoriegeschwurbel. Darin erstickt ihre Inszenierung. Sie kriegt nicht die traurige Lovestory, aber auch nicht das verstiegene Weltverbesserungspathos auf die Reihe; ist unausgegoren, zwittrig. Und flüchtet sich in kühne, toll anzuschauende Schlachten mit dem Material. – Wir sitzen auf der sanft sich drehenden Bühne, bewundern einen Liebesakt als Körper-Painting, bestaunen dramaturgisch irre Wechsel der Schauplätze teils am Rand der Drehbühne, teils im leeren Zuschauersaal oder auf den Rängen mit Kronleuchter hoch und runter. Schauen mal einfühlendes, mal kabarettistisches, mal deklamatorisches Spiel. Es schneit, Nebel wallt, Lichtkegel blenden. Und immer wieder flimmert Breitwandkino mit stummen Szenen aus dem Sartre-Drehbuch. Ein hektisches Durcheinander zum Elektro-Sound der Postrock-Popper „The Notwist“; außerstande, den Wirrwarr von Privat(un)glück, Umsturz-Auftrag, Gewaltherrschaft, Mord aus Geld- und Machtgier zu erhellen. Effektvolles Chaos, gekonnter Hochleistungssport der Theatertechnik.

Jette Steckel, die durchaus Hochbegabte, hätte es mit Sartres „Schmutzigen Händen“ belassen sollen, die sie letztlich am DT überzeugend in den Griff bekam. Das Programmheft druckte damals ein Philosophen-Gespräch. Es ging um die „romantische Liebe“ als heutzutage „stärkste aller gesellschaftlichen Visionen“. Die strikte Konzentration auf die Tragödie der unmögliche Liebe des schönen Hauptrollen-Paars Eve und Pierre, stark verkörpert von Judith Hofmann und Ole Lagerpusch, das wär’s gewesen. (Wieder am 12. und 16. April, am 18. und 23. Mai.)

Theater im Palais

Immer schön selbstausbeuterisch dirigiert Gabriele Streichhahn konservativ literarisch die mit Enthusiasmus aller Beteiligten erfüllte Kleinstbühne Theater im Palais (TiP). In Sichtweite zu Unter den Linden wird zudem immer auch wieder exzellente Schauspielkunst zelebriert. Da hatte zum Beispiel Monika Lennartz, ein Fixstern im ostdeutschen Spielbetrieb (und mehr als vier Jahrzehnte lang festes Ensemblemitglied im benachbarten Gorki-Theater), ein feinnerviges Solo als eine an Alzheimer erkrankte Rentnerin. In der Uraufführung des Monologs von Amanita Muskaria „Die Reise nach Buenos Aires“. Unvergesslich; wie so viele Rollen der großen Lennartz…

Wer sie, wie gewiss viele, jetzt wieder bestaunen will, hat erneut dazu Gelegenheit im TiP. Wieder in einem Stück der beiden polnischen Erfolgs-Schreiberinnen, die unter dem Pseudonym Amanita Muskaria veröffentlichen: „Daily Soup“, eine deutschsprachige Erstaufführung (unter Schirmherrschaft des polnischen Botschafters), vor kurzem uraufgeführt im Warschauer Nationaltheater.

 

Es ist eine kleine, komisch-sarkastische Familiengeschichte: drei Generationen unter einem Dach. Tochter (Jenny Löffler), Eltern (Gabriele Streichhahn, Carl Martin Spengler) und als leicht verwirrte, gelegentlich närrische und doch immerzu entrückt, aber seltsam hellsichtig-allwissend ins Leere starrende Großmutter: Monika Lennartz.

Da werden gegenseitige Nervereien, Konflikte zwischen den Generationen verharmlost und unter den Teppich gekehrt – nicht nur beim täglichen Suppe löffeln. Bis sie schließlich explodieren (Regie: Renate Louise Frost). Was sich noch harmlos lustig anlässt als Allerweltsknatsch oder Verschrobenes, bläht sich in den gut achtzig Minuten in Tragisches.

Berliner Ensemble

Der Schauplatz: Baracke 6 im Vernichtungslager Auschwitz. Schon das allein eine Ungeheuerlichkeit. Und erst recht das Unsägliche, dass es im verzweifelten Überlebenskampf der zwölf gefangenen, unvorstellbar gequälten Insassen zu Kannibalismus kommt: einer ihrer Leidensgenossen wird verspeist. Das überstieg nahezu das Erträgliche: Das Publikum war schwer geschockt, aber auch schwer irritiert bei der Uraufführung von George Taboris Farce-Comic-Requiem „Die Kannibalen“ 1968 in New York. Das mag sich noch gesteigert haben zur Europäischen Erstaufführung das Jahr darauf in der Werkstatt des Berliner Schillertheaters, nur ein paar Kilometer entfernt von jener Villa am Wannsee, wo das Undenkbare ausgeheckt wurde: der Holocaust. Womöglich saßen gar einstige Schreibtischtäter mit Überlebenden oder Nachfahren der Opfer beisammen im Parkett.

Der Autor selbst, der nahezu seine ganze Familie in den Gaskammern verlor, sagt über sein „Stück“, es sei weder Dokumentation noch Anklage, sondern „eine schwarze Messe, bevölkert von den Dämonen meines eigenen Ich, um mich und diejenigen, die diesen Albtraum teilen, davon zu befreien; es gibt Tabus, die zerstört werden müssen, wenn wir nicht ewig daran würgen sollen“. – Und eben das tut Taboris „Stück“, in dem der Horror nicht direkt dargestellt, sondern durch „Nachgeborene“ spielerisch (mit schauerlichem Witz und abgründigem Humor) rekonstruiert wird. Es erhebt, überhöht mit nervender Kühle das eigentlich nicht Darstellbare zum so sehr ergreifenden Spiel, zum großen Kunst-Stück, dessen einzigartige Wirkungsmacht bleiben wird für alle Zeit.

 

Es ist gut, dass auch im Hinblick auf George Taboris 100. Geburtstag, seine mit Sarkasmus, lustiger Musik („Ausgerechnet Bananen…“) und mit allmenschlicher Gewöhnlichkeit durchsetzte szenische Außergewöhnlichkeit – in der man wie nebenher und ganz selbstverständlich über Himmel und Hölle, Leben und Sterben, Vernunft und Moral schwadroniert, dass dieser Tabori wieder auf die Bühne kommt. Philip Tiedemann inszenierte auf weiter, düster vernebelter Leerfläche das Schwere geradezu schwerelos – und doch zutiefst eindringlich und so entsetzlich mit seinen Assoziationen. Nur zwei Spieler aus dem wunderbaren Ensemble seien genannt: Martin Seifert als komisch-trauriger Stubenältester, in dem der Autor seinen ermordeten Vater porträtiert, und Taboris letzte Ehefrau Ursula Höpfner-Tabori als sadistischer SS-Mann. Ein eisiger, leiser Engel des Todes in Stiefeln und Reitpeitsche, ein unvergessliches Sinnbild des Bösen. 90 Minuten großes Theater, die das Herz stottern lassen, nicht aber die Liebe.

 

Es gibt ein Tabori-Zitat, das auf diese Inszenierung passt: „Was nach Auschwitz unmöglich geworden ist, das ist weniger das Gedicht als vielmehr Sentimentalität oder auch Pietät.“ - George Tabori: geb.25. Mai 1914, gest. 23. Juli 2007.

Knochenbruch am BE

Montag vor einer Woche: Das Haus voll bis unters Dach. Nur in der Parkett-Mitte eine größere Leerstelle: für Regiepult und Regieteam. BE-Chef Claus Peymann, hier als Regisseur, tritt nach vorn an die Rampe und begrüßt zur „Ersten Öffentlichen Probe“ von „Kafkas Prozess“; zwei weitere Proben sind geplant (man macht das gern am BE: Zuschauerwirkungen ausprobieren und dabei noch was dazu verdienen, die Karte pauschal für die allseits beliebten 7 Euro).

Dann erklärt er kurz und eindringlich (P. ist ein begnadeter Erklärer), warum er ausnahmsweise einen Roman auf die Bühne bringe, er sei schließlich bekannt dafür, dass Roman- und Filmadaptionen führ ihn tabu seien im Theater. Doch Kafka passe halt so einzigartig auf seine immer stärker werdende Angst vor einem totalitären Überwachungsstaat, der mit ungeheuerlicher Hochtechnologie wie ein Krake in all unsere Lebensbereiche dringe. Dann sagt er noch grinsend, man sei noch nicht fertig, der letzte Pfiff fehle, aber man wolle neugierig machen, was immer gut sei fürs Geschäft. Und außerdem: Als Regisseur müsse er die Probe stoppen, falls etwas ganz schief laufe… Lacher, Beifall. Die Leute lieben ihren Peymann, sehen sich eins mit ihm.

 

Dann Saal-Licht aus, und eine schwarze Bühne voller Stühle und Tische erscheint in kalter Düsternis; ein apokalyptisches Großraumbüro könnte man sagen. Und etwa in der 40. Minute, da passiert’s! Da läuft es ganz, ganz schief: Hauptdarsteller Veit Schubert als Josef K., sonderlich gestresst von den gespenstischen Unheimlichkeiten um ihn herum, springt wütend auf und über einen Tisch und stürzt krachend zu Boden. Leiser Aufschrei im Publikum. Einen Moment lang dachte man noch: Junge, Junge, wie der das Stürzen hinkriegt. Doch der 53-jährige bleibt am Boden, krümmt sich, ruft schließlich ächzend „Geht nicht, muss aufhören“.

Sofort springt Peymann auf die Bühne, kümmert sich, zusammen mit den Schauspielern, um den Verletzten. Ruft ins Publikum: „Sieht nicht gut aus, ich kenne Schubert, der hält viel aus. Wenn der aufhört, ist’s ernst.“

Peymann ruft nach einem Arzt, ein älterer Herr im grauen Anzug kommt aus den hinteren Reihen, aber da hat auch schon die Inspizientin nach der Nothilfe telefoniert. P. zum Publikum: „Wir müssen Sie nach Hause schicken, ohne Schubert keine Aufführung. Bitte wenden Sie sich an unseren Service um Ersatzkarten. Danke.“ Verhaltener Beifall, sozusagen als Gruß an Veit Schubert. Gute Besserung! Und mittlerweile wissen wir: Er brach sich das Handgelenk.

Deshalb Taboris „Kannibalen“ bis auf weiteres nicht mehr auf der Probebühne, sondern im Haupthaus. Und die Kafka-Premiere zumindest nicht mehr in diesem Monat.

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