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Kulturvolk Blog Nr. 68

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

6. Januar 2014

Komische Oper -

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Er hält Leonard Bernsteins „West Side Story“ nicht nur für das beste und erfolgreichste Musical „aller Zeiten“, für Barrie Kosky  ist es vielmehr „Musiktheater des 20. Jahrhunderts“, in seiner Radikalität vergleichbar mit „Wozzeck“ von Alban Berg oder „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann. Und prompt tritt er, der Hausherr der Komischen Oper, als Regisseur den Beweis an. Der überzeugt auf atemberaubende Art. Noch nie sah ich den durch Tournee-Theater zur gängigen Hitparade mit flotten Tanzeinlagen ausgeleierten Bernstein-Hit derart frisch, viril und bei aller szenischen Kargheit geradezu monumental. Noch nie krachten derart brutal die verfeindeten Jugend-Gangs aneinander; noch nie war deren Tragik so packend gegenwärtig, ohne dabei krampfhaft plakative Aktualisierungen zu bemühen. Wahrlich: Ein Stück universales Musiktheater   über die so herrliche wie gefährliche Himmelsmacht Liebe, über Hass, über das Elend Unterprivilegierter und deren verzweifelten Suche nach Identität, Heimat, Lebenssinn.

 

An diesem maßstabsetzenden Regie-Triumph sind gleichrangig beteiligt der Co-Regisseur und Choreograph Otto Pichler, der die vor Testosteron schier platzenden Massen (super Casting!) souverän steuert, sowie das rasende, unerbittlich stampfende und ballernde Hochleistungsorchester unter Koen Schoots. Dazu eine zwischen poetischem Stimmungszauber und grellen Schockeffekten hart wechselnde Lichtregie sowie die in all ihren heißen oder eisigen Momenten überzeugenden Solisten. – Alles in allem die grandiose Bestätigung des Titels „Opernhaus des Jahres“, den die internationale Fachkritik der Komischen Oper erst kürzlich verlieh. Neu-Intendant Kosky, 1967 in Melbourne geboren, übertraf mit seinen phantasiereichen Innovationen alle in ihn gesetzten hohen Erwartungen   sein Haus strahlt im Glücksrausch! Zum Dank ans Publikum werden allabendlich Glückskekse verteilt. Schmecken nach nichts, wir jubeln trotzdem. (Barrie Kosky ist am 09.01.2014 live zum Gespräch in der FVB )

Admiralspalast -

Die New Yorker Presse schwärmt hingerissen und auch Kritikerkollegen aus Berlin sind ganz aus dem Häuschen, die Financial Times ist „überwältigt, belebt“ – nur ich allein (wirklich allein??) bin unbelebt, ja schier gestorben vor Langeweile nach gut sechzig Minuten voller billigster Dämlichkeiten in „Slava’s Snowshow“ im Admiralspalast. Alles gänzlich unwitzig, unkomisch, total verschnarcht und bar jeden Zaubers.

Dabei war die Erwartung so gigantisch; angeheizt durch Werbung (der Presse-Hype, dazu massenhaft Auszeichnungen) sowie die Begeisterung eines Millionen-Publikums in 30 Ländern auf allen Kontinenten – der Exilrusse Slava tourt seit 15 Jahren mit seiner Clowns-Truppe um die Welt. Manche vergleichen ihn mit Chaplin und Buster Keaton, mit Beckett und Shakespeare – aber ich armer Hund quäle mich, enttäuscht wie lange nicht, durch dessen pappige Schnee-Show. Bin ich etwa von allen fantastischen, poetischen, kindlichen Geistern verlassen? Ja freilich, da zieht sich ein lappiges Spinnennetz übers Publikum und ein paar riesige Luftbälle schweben durch den Saal – aber das ist doch nicht abendfüllend.

Vielleicht aber bin ich der einsame Held, der sich getraut zu sagen, diese Show (verlängert bis 26. Januar), die ist schlichtweg nichts; vielleicht war sie ja früher mal was. Also rufe ich ungeniert und ganz kindlich naiv wie im Märchen: „Der Kaiser ist nackt!“

Schmackhafter Zahlensalat -

Mit der Neujahrspost flattern auch Erfolgsmeldungen unserer Bühnen aus 2013 in den Laptop; wer nichts vermeldet, ist entweder zu langsam oder zu vornehm für (die immer auch etwas windige) Statistik. Oder er hat keine Quotensteigerung.

Also wie immer vorneweg das Berliner Ensemble: 229.757 Zuschauer in 679 Vorstellungen; Gesamtauslastung 88,7 % (2012: 84,6). Das Deutsche Theater hat mit jetzt 216.983 Zuschauern die Auslastung von 76,6 % (2012) auf 80,98 (2013) gesteigert. Mit 67 Vorstellungen gastierte das DT mit seinen so genannten Klassenzimmer-Stücken in verschiedenen Schulen der Stadt.

Die Deutsche Oper schloss das Jahr 2013 mit einer Auslastung von 82 % ab (235.000 Besucher), das sind drei Prozent mehr als 2012 und ist damit die beste Auslastung der letzten 15 Jahre. Das Staatsballett Berlin, Deutschlands größte Ballettcompagnie, erreichte 2013 mit einer Auslastung von 88,4 % den höchsten Wert seit Gründung der Truppe anno 2004.

Neujahrsgruß als Lesetipp -

Sprung zurück in den Dezember – Dezember anno 1913. Das so berühmte letzte Jahr vor dem Ersten Weltkrieg, der alles Bisherige so grundsätzlich umstürzte und den Keim legte für die Segnungen und vor allem die Schrecken der Moderne, die Weltenbrände und ideologische Terrorherrschaften über die Menschheit brachte.   In diesem noch friedlichen Dezember von vor hundert Jahren wurde in Babylon die Tempelanlage Etemenanki wiederentdeckt, der so genannte „Turmbau zu Babel“; Malewitsch malte in Moskau das „Schwarze Quadrat“. Natürlich geschah noch viel mehr damals im Dezember sowie in den elf Monaten zuvor. Florian Illies hat es recherchiert und in lauter kleine feine Feuilletons gegossen, die er in seinem so unterhaltsamen 300-Seiten Buch „1913“ versammelt (S. Fischer Verlag). Es war eins meiner Lieblingsbücher 2013 und längst schon wollte ich’s meiner Leserschaft ans Herz legen, aber immerzu kam irgendein tolles oder doofes Theater dazwischen. Doch für ein gutes Buch ist es ja nie zu spät. Man kann „1913“ getrost auch 2014 schmökern. Auch darauf ein „Prost Neujahr!