HEUTE: 1. STACHELSCHWEINE – „DIE LETZTEN TAGE VON DEUTSCHLAND“ / 2. STAATSOPER – „LA VESTALE” / 3. VOLKSBÜHNE – „MONONOKE“
Eine Stimme! Eine einzige Stimme entscheidet über Wohl und Wehe unserer Republik. Nach der Auszählung bei der Bundestagswahl 2029 herrscht zwischen den Rechtspopulisten und allen übrigen über der Fünf-Prozent-Hürde platzierten Parteien zusammengerechnet eine Patt-Situation. Alles hängt nun von dem Briefwahlzettel ab, den Ben Sulzmann, Koch und Betreiber eines Restaurants in Wilmersdorf, abgeschickt hat. Und den die Post verbummelt hat. Dummerweise wird der Name des Absenders publik. Was nicht nur Bens Leben durcheinanderwirbelt, sondern ganz Deutschland.
Die Ausgangslage in diesem neuen Kabarett-Krimi bei den Stachelschweinen ist natürlich Humbug. Wozu gibt es in unserem Land ein Wahlgeheimnis? Aber das erscheint zweitrangig in dem Programm, das dem Hausherrn und Regisseur Frank Lüdecke und seinem schreibenden Kompagnon Sören Sieg wie gewohnt leicht aus der Feder geflossen scheint. Auf das „Was wäre, wenn?“ kommt es an. So gesehen klingt der Titel „Die letzten Tage von Deutschland“ defätistischer, als das turbulente Trio Constantin Moll, Bianca Waechter und Jessica von Wehner tatsächlich vermittelt. AfD-Vertreter kommen kaum auf die Bühne. Aber es wird klar, was deren Vormarsch in den Menschen auslöst, die sie nicht wählen.
So wie Ben, der als Gastronom gefrustet von mangelnder Unterstützung durch die Regierenden ist und ebenfalls die Meinung vertritt, dass sich was ändern muss im Land. Oder wie seine Freundin Jessica, die von der Karriere als Jazz-Sängerin träumt und nun auf der AfD-Wahlparty auftreten möchte, weil Gage und Aufmerksamkeitsfaktor hoch sind. Oder Bianca, die radikale Umwelt-Aktivistin, die als Couch-Tourist in der Wohnung auftaucht, weil die eigene WG in Friedrichshain von Bettwanzen befallen ist, und die als Urheberin des winterlichen Berliner Stromausfalls verdächtigt wird.
Flammende Wutrede wie bei Trapattoni
Kurz nachdem man Bens Name in der TV-Wahlsendung verkündet hat, klingelt es. An der Haustür die Presse. Am Telefon der Bundeskanzler und Elon Musk, die ihn zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. Ben kommt ins Fernsehen. Hält dort eine Wutrede über die Nöte des Gastro-Gewerbes im Stile des Fußballtrainers Trapattoni. Doch Ben hat noch lange nicht fertig. Seine Rede geht viral, eine bundesweit rasant anwachsende Bürgerinitiative will den Koch zum Kanzler machen. Menschen demonstrieren vor der Wilmersdorfer Wohnung mit diversen Forderungen an den neuen Hoffnungsträger.
Das ist alles total lustig, gerade dank der zahlreichen Typen unserer Gesellschaft, die hier im Wechsel der Kostüme, Masken und Dialekte persifliert werden. Zugleich regen die Stachelschweine zum Nachdenken an darüber, was eigentlich Demokratie ausmacht. Ob Politiker wirklich den Willen der Wähler umsetzen sollten. Und wie korrumpierbar Menschen sind. Am Ende sitzt Ben, gerade zum Minister für Gastronomie gekürt, in einer Talkshow. Und argumentiert so aalglatt wie die Volksvertreter, gegen die er zuvor noch aufbegehrte. Willkommen im Establishment!
Stachelschweine, bis 30. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.
***
Mal ehrlich, haben Sie schon mal Spontini gehört? Von Gaetano Spontini haben Sie bestimmt schon gehört. Schließlich war der Italiener über zwei Jahrzehnte, 1820 bis 1841, Generalmusikdirektor an der Königlichen Oper Unter den Linden, bevor ihn eine Intrige zu Fall brachte. Sein kompositorisches Werk, das unter anderem Berlioz und Wagner inspirierte, geriet in Vergessenheit. „La Vestale“, erste Neuproduktion der Spielzeit an der Staatsoper, reicht viel weiter zurück als in Spontinis Berliner Jahre. 1807 gelang ihm in Paris mit seiner „tragédie lyrique“ der internationale Durchbruch.
Der französische Text von Victor-Joseph Étienne de Jouy erzählt ein Liebesdrama aus dem alten Rom. Licinius, als siegreicher Feldherr aus dem Krieg zurückgekehrt, findet seine Geliebte Julia als Priesterin im Vesta-Tempel wieder. Wegen ihm bricht sie ihr Keuschheitsgelübde, wird auf der Flucht gefasst. Um Licinius zu schützen, verschweigt Julia dessen Rolle und wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Regisseurin Lydia Steier ist der Berlin-Bezug schnuppe. Zumal die Koproduktion mit der Opéra national schon vor zwei Jahren Premiere in Paris feierte. Es geht um Freiheit, um weibliche Selbstbestimmung. Bereits die Ouvertüre führt ins Gefängnis: eine Folterkammer, in der Regimegegner kopfüber an der Decke hängen.
Diktaturen gelten als bildungsfeindlich. Zentrale Kulisse im Bühnenbild von Etienne Pluss ist das historische Amphitheater der Pariser Sorbonne. Die ausgeleerten Bücherregale erinnern an das Berliner Denkmal nebenan auf dem Bebelplatz, tatsächlich ist der Altar mit der ewigen Flamme ein brennender Bücherhaufen. Nicht der einzige einfältige Einfall der amerikanischen, in Deutschland lebenden Regisseurin, die bereits „Les Contes d'Hoffmann“ in ihrem Sinne zurechtbog (mehr dazu in der Bühnenkritik Nr. 536 vom 24. November 2025).
Der Kriegsheld hängt an der Flasche
Julia ist von Beginn an das Opfer, schon vor Eintritt in den Tempel der Obervestalin (wie immer großartig: Marina Prudenskaya) wird sie bespuckt, geschoren und ausgepeitscht. Da ist es große Kunst, dass Julia Yoncheva in ihrem Rollendebüt dieser geknechteten Figur Strahlkraft verleiht. Ähnliches lässt sich für den Tenor David Butt Philip als Licinius sagen, der hier wie ein traumatisierter Kriegsheimkehrer an der Schnapsflasche hängt. Mit aller Gewalt will die Inszenierung gegen die Repräsentationszwecke angehen, für die diese Oper instrumentalisiert wurde, zunächst für Napoleon Bonaparte, später für Preußens Friedrich Wilhelm III..
Man möchte sich auf die Staatskapelle unter Carlo Rizzi konzentrieren, auf die Musik, die bisweilen aufhorchen lässt. Spontini gestattet Blech- und Holzbläsern, einmal auch den beiden Harfen, fast abenteuerlich anmutende Ausflüge. Das gute alte Accompagnato-Rezitativ sorgt für die dramatischen Momente, manchmal bleibt sie aber im Gegensatz zur Handlung emotionslos. Auch die Regie versucht Spannung aufzubauen, die ihr der Orchestergraben verweigert.
Das Wunder bleibt aus
Am Ende scheint Julia wie durch ein Wunder gerettet. Sie taucht wieder auf aus dem Jenseits, schön und mit voller Haarpracht, den Hohepriester (Adrian Sâmpetrean) trifft der Schlag, was nicht einer gewissen Komik entbehrt. Zu schön, um wahr zu sein, meint auch die Regisseurin, und lässt das ganze Personal mit einer MG-Salve niedermähen. Cinna (Siyabonga Maqungo), laut Libretto eigentlich treuer Gefährte von Licinius, exekutiert sich zum neuen Herrscher.
Das Wunder in der Geschichte bleibt auch dieser Produktion versagt. Die Sänger geben ihr Bestes und werden bei der Premiere zurecht bejubelt. Im Gegensatz zum ausgebuhten Regie-Team.
Staatsoper Unter den Linden, Aufführungen erst wieder im März 2027
***
Willkommen am Ort des Glücks! Das Renoir ist Name einer japanischen Gastronomiekette, eine Mischung aus Sushi-Bar und Kaffeehaus. Der „Tanz im Garten der Moulin de la Galette“ des französischen Impressionisten hängt an der Wand, es ertönt klassische europäische Musik. An diesem Ort ist Takako, von Beruf Eisenwarenkauffrau, mit einer Wahrsagerin, Prinzessin Monoprix, verabredet. Takako plagen Beschwerden, seit sie ein eisernes Ei, das eigentlich ins Teewasser gehört, zur Selbstbefriedigung nutzte und ihr dabei ein Malheur passierte. Eher ein Fall also für den Gynäkologen. Für 7000 Yen erklärt ihr die Wahrsagerin, dass ein Fluch auf der jungen Frau lastet. Ein Mononoke, wie man in Japan ungebetene Geister nennt. Es ist der Fluch ihres Vaters, der verschwand, als Takako erstmals ihre Periode bekam.
Zum Ort des Glücks soll auch die Volksbühne wieder werden. Nach Volksbad-Freuden und großer Eröffnungssause zum Auftakt der Ära Lilienthal ist „Mononoke“ eine der ersten Neuproduktionen. Satoko Itchihara, feministische Theatermacherin aus Japan, hat das kulturübergreifende Stück verfasst und in Szene gesetzt. Durch Mitwirkung der eher in der Museumslandschaft beheimateten Künstlerin Mire Lee mit ihren riesigen Bauten und Skulpturen und den irrwitzigen Kostümen von Belle Santos wird das Theater zur lebendigen Kunst-Installation. Neben klassischem Schauspiel mit formidabler, rein weiblicher Star-Besetzung, Gro Swantje Kohlhof, Rosa Lembeck, Julia Riedler und River Roux, kommt traditionelles fernöstliches Puppenspiel zum Einsatz, dazu filmische Sequenzen und Live-Musik (Youka Snell).
Spiel mit Klischees über Fernost
Ein Spektakel, das am Anfang auch Großes, Originelles erhoffen lässt. Man spielt mit gegenseitigen kulturellen Klischees. Alles was wir von Japan zu wissen glauben, wird angesprochen, von Karaoke über Manga und Sex-Dolls bis zur Yakuza-Mafia. Umgedreht auch das, was der Japaner am deutschen Mann beneidet, nämlich alles was groß ist, dazu gehören auch bayrische Bierkrüge. Früh erkennt man, dass der zweistündige Abend pausenlos unter der Gürtellinie zappelt und zuppelt.
Glaubt man zu Beginn einer Satire auf die Ausbeutung im Gesundheitswesen beizuwohnen, denn die um Rat befragte Prinzessin Monoprix erweist sich als Scharlatanin, muss man mehr und mehr erkennen, das Ichihara bei ihrem Volksbühnen-Debüt mit viel Ironie das Banale zum Prinzip erhebt. Aus dem Renoir-Café schickt Monoprix ihre Klientin, für noch höhere Yen-Beträge, in eine riesige Frauenklinik, ein ehemaliges Stahlwerk, die als Location durchaus beeindruckt.
Hier begegnet Takako ihrem verloren geglaubten Vater, der einen eisernen Finger trägt. Man ahnt die Tragik hinter dem Unsinn, Missbrauch nämlich. Man spürt Aufbegehren gegen die Männerdominanz. Doch im nächsten Moment, ätsch, ist die ganze Geschichte bloß erfunden. „So japanisches Zeug, das sofort ins Auge sticht, kommt immer gut an“, erklärt Monoprix, die von einer Puppe dargestellt wird. Selbst das Trauma wird vermarktet.
Blick in die begehbare Gebärmutter
Dafür, wie schön Frau in einer männerlosen Welt leben könnte, steht eine fast die ganze Bühne abfüllende Skulptur einer Gebärmutter. Tief in deren Inneren wird besagtes Ei aus Eisen platziert. Damit ohne männliches Ejakulat für Nachwuchs gesorgt ist. Es braucht bei so was auch im Publikum eiserne Nerven.
Volksbühne, diverse Termine bis 29. November. Hier geht’s zu den Karten.
1. Stachelschweine Wie der Koch zum Hoffnungsträger wird
2. Staatsoper Altar mit brennenden Büchern
3. Volksbühne Japanisches Zeug kommt immer an
1. Theater am Frankfurter Tor Paragrafen-Dschungel
2. Chamäleon Theater Japanische Heilkunst
3. Kabarett Theater Distel Deutscher Schlendrian
1. Kleines Theater Mehr als Kammerspiel
2. Berliner Ensemble Glückssucher
3. Hans Otto Theater Rasengemetzel
1. Berliner Ensemble Verwischte Frontlinien
2. Deutsches Theater Völkerfreundschaft im Rausch
3. Hans Otto Theater Auf der Rutschbahn, im Sandkasten
1. Komische Oper Machtgeilheit führt ins Verderben
2. Vaganten Im Rachen des Haifischs
3. Schlosspark Theater Eine Komikerin für Deutschland
1. Komische Oper Das Schlimme und trotzdem das Schöne
2. Deutsches Theater Die Netrebko macht den Walfisch
3. Schlosspark Theater The Winner Takes It All