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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 568

5. Oktober 2026

Heute: 1. Kleines Theater – „Blind“ / 2. Berliner Ensemble – „Glücklich die Glücklichen“ / 3. Hans Otto Theater – „Der Gott des Gemetzels“ 

1. Kleines Theater - Mehr als Kammerspiel

"Blind" im Kleinen Theater © Joern Hartmann

Mit „Blind“, einem Stück von Lot Vekemans, hat das Kleine Theater wieder mal einen Treffer gelandet.
Das Stück kommt als Kammerspiel daher, führt aber tief in gesellschaftliche Widersprüche, die anhand einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung beschrieben werden.

Richard lebt in einer „gated community“, beschützt, bewacht durch Tore und Personal. Seine Tochter Helen kommt zu Besuch, und es dauert nur eine Minute, bis Streit ausbricht: Helen hat die falschen Milchtüten gekauft. Wie sich herausstellt, hat Richard Lizzy, die langjährige Haushälterin entlassen. Helen ist fassungslos über den Rauswurf von Lizzy und noch mehr darüber, dass Richard erwartet, dass sie sich nun um ihn kümmert.
Dass der Vater einen unheilbaren Tumor im Kopf hat, in kurzer Zeit erblinden wird und sie deshalb um sich haben will, erzählt er ihr erst viel später.

Ein durchdringender Ton zeigt an, dass Türen und Rolläden der Wohnung aus Sicherheitsgründen automatisch geschlossen werden. Vater und Tochter sind in einem Raum gefangen. Und da können die Konflikte ungehindert aufbrechen und ausgefochten werden.

Richard ist Wasserwirtschaftingenieur. Gerade deswegen meint er, dass die verordneten Wassersparmaßnahmen für ihn nicht gelten. Bis ihm das Wasser abgedreht wird. Er ist starrsinnig, egozentrisch, autoritär, rassistisch. Akzeptiert das Leben seiner Tochter nicht. Helen ist Anwältin, führt aber keine prestigeträchtigen und finanziell einträglichen Prozesse, sondern vertritt die, um die sich sonst niemand kümmert. Richard findet das lächerlich und falsch, genau wie Helens Ehe mit Lenny, einem schwarzen Schriftsteller.

Karin Bares, die, man kann es nicht oft genug betonen, nicht nur die Intendantin, sondern auch die Geschäftsführerin des Kleinen Theaters ist und sich um viele andere Dinge, die das Haus betreffen, kümmert, hat Regie geführt.



Wer hat hier recht?


Eine Milchglaswand schließt den Raum nach hinten ab, ein paar Polstermöbel, mal Sessel, mal Sofa – mehr braucht es nicht an Bühnenbild. Der Fokus liegt ganz auf den Schauspielern.

Helmut Mooshammer und Nadine Schori loten ihre komplizierte Beziehung in einem spannenden Wechsel-Spiel aus. Zeigen die Härte, die sich in ihnen beiden festgefressen hat, aber auch ihre Verletzlichkeit. Nicht nur Richard präsentiert sich unangreifbar in seinen Überzeugungen, auch Helen ist vollkommen eingenommen von sich und ihrer Haltung, dass es sich lohnt, für eine bessere Gesellschaft zu streiten. Alles andere, zum Beispiel Familie, muss zurückgestellt werden.

Richard, zu Beginn der gut angezogene aufrechte ältere Herr, wird
nach und nach nicht nur in seiner Kleidung nachlässiger und weicher. Die Zickigkeit von Helen zerbröckelt angesichts der Krankheit des Vaters. Aber sie streiten weiter. Kommen sich mal körperlich näher; Helen hilft, als Richard zusammenzubrechen droht. Stoßen einander aber auch wieder weg.
Der Weg zu Einsicht und Verständnis ist lang. Ein Happy End gibt es nicht, aber vielleicht einen Neuanfang.

Kleines Theater, diverse Termine bis zum 15. November. Hier geht’s zu den Karten.


***

2. Berliner Ensemble - Glückssucher

"Glücklich die Glücklichen" © Gianmarco Bresadola

„Glücklich die Glücklichen und die Liebenden und die auf die Liebe verzichten können. Glücklich die Glücklichen.“
Dieser Satz von Jorge Luis Borges ist dem 2014 erschienenen Roman von Frankreichs Erfolgsautorin Yasmina Reza voran gestellt. Scheinbar ein Widerspruch, erweist er sich für die Frauen und Männer, die uns hier begegnen, doch als stimmig. Keiner ist hier glücklich. Eigentlich. Bis es sich dann doch mal zeigt, das Glück. Vorsichtig, flüchtig.

Oliver Reese, der für die Bühnenfassung und die Regie verantwortlich zeichnet, hat aus den 19 Figuren des Romans 12 ausgewählt. Wie in einem Reigen entblättern sich nach und nach die Verbindungen der Figuren zueinander, die familiär, durch Freundschaft oder durch Liebesbeziehungen und Affären festgezurrt sind.
Reese belässt es auch auf der Bühne bei Monologen, Interaktion findet lediglich statt, wenn einzelne Spieler mal kurz erscheinen und wieder verschwinden, während im Vordergrund nach dem Glück gesucht wird.


Exzellente Schauspieler


Martin Rentzsch, Oliver Kraushaar, Gerrit Jansen, Cordelia Wege und Maeve Metelka lassen uns in verschiedenen Rollen an ihren Träumen, Ängsten und Zweifeln teilhaben. In der Vorstellung, die ich sah, war Maeve Matelka zwei Stunden vorher für die erkrankte Amelie Wilberg eingesprungen und hat sich bravourös geschlagen! 

Über die gesamte Bühnenbreite zieht sich eine Wand aus grässlich braunen rechteckigen Feldern, zwei Seitenspiegel verlängern sie ins Unendliche. Hinter den Feldern verbergen sich mal ein Kühlschrank, mal ein Zockerautomat, mal eine Bar oder ein Schrankfach. Auch zwei Türen für die Auf- und Abtritte. Zusammen mit einem Teppichboden in Kunstrasengrün und einer Uhr rechts oben an der Wand, drei Stühlen und einer Polsterbank entsteht eine unangenehme Atmosphäre (Bühne: Hansjörg Hartung), die noch beklemmender wird durch das Licht von Hans Fründt.


Texte funkeln


Trotz der vordergründigen Düsternis ist es ein vergnüglicher, feinsinniger Abend, was an den mit leichter Hand geschriebenen Texten liegt, wie wir sie von Reza kennen. Aber vor allem sind es die fünf Spieler, die diese Texte zum Funkeln und uns die Menschen da oben nahebringen. Dabei gelingt es allen, das Besondere ihrer jeweiligen Figuren zu zeigen und sie unterscheidbar zu machen, unterstützt durch die perfekt auf die Charaktere zugeschnittenen Kostüme und passenden Masken (Elina Schnizler, Vito Melchiore).

Cordelia Wege, die im blauen Businesslook auf Higheels ihre Contenance zu bewahren sucht, aber gleichzeitig dem Sex mit ihrem Liebhaber nachsinnt.
Später in der Rolle einer Frau, die einer früheren toxischen Beziehung nach Jahren wieder verfällt, wie sie klein und verhärmt auf einem Stuhl ganz vorn an der Rampe sitzt und trotzdem Kraft ausstrahlt.
Gerrit Jansen verzweifelt im Supermarkt bis hin zu Handgreiflichkeiten während des gemeinsamen Einkaufs, weil seine Frau auf einer bestimmten Käsesorte besteht – es geht natürlich um mehr als Käse.
Dann als angesehener Onkologe, der von seinen nächtlichen Begegnungen mit Strichjungen berichtet; hinter den drastischen Schilderungen scheint die Sehnsucht auf, geliebt zu werden.
Maeve Matelka erträumt sich eine Beziehung aus einer kurzen Begegnung in einem Fahrstuhl. Und ist in einer anderen Szene erfolgreiche Schauspielerin, aber so bedauernswert, wenn sie im Restaurant den begehrten Mann mit einer anderen Frau erleben muss.

Zwischen den Szenen drehen sich die Zeiger der Uhr rasend schnell, halten dann an. So wie die Zeit vergeht. Und das Leben.

Unser Kontingent ist derzeit leider ausgeschöpft. Interessierte können sich im Kulturvolk-Service auf eine Warteliste für kommende Vorstellungen setzen lassen.


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3. Hans Otto Theater - Rasengemetzel

"Der Gott des Gemetzels" im Hans Otto Theater © Thomas M. Jauk

Auch im Hans Otto Theater ist Yasmina Reza ist zu erleben.„Der Gott des Gemetzels“ ist in den letzten zwanzig Jahren über viele Bühnen gegangen und wurde durch Roman Polanskis Verfilmung 2011 auch einem größeren als nur dem Theaterpublikum bekannt.

Im Großen Haus in Potsdam sind die Zuschauerreihen um eine rechteckige leere Spielfläche aufgebaut. Nachdem sich die Türen geschlossen haben, erscheinen zwei Männer und zwei Frauen, schwarzgekleidet. Sie schieben schwere Handkarren, auf denen Wickel mit Rollrasen hoch getürmt sind, heben die Rollen herunter und legen den Boden Stück für Stück damit aus. Auf den schönen grünen Rasen kommen drei Böcke mit Platte, vier Holzstühle, eine Vase mit Tulpen, ein paar Bücher. Das dauert eine ganze Weile, ist anstrengend und schweißtreibend.
Spätestens, als sich die Vier vom Garderobenständer die Kostüme angeln und überziehen, wird klar, dass es sich um Franziska Melzer, René Schwittay, Kristin Muthwill und Guido Lambrecht handelt, die sich hier die Bühne von Claudia Rohner selbst gebaut haben.

Zwei Paare kommen zusammen,
um gemeinsam zu entscheiden, wie mit der Prügelei ihrer Söhne umzugehen ist. Der Sohn von Annette und Alain (Anwalt und Immobilienberaterin) hat den Sohn von Veronique und Michel (Haushaltwarenhändler und Schriftstellerin) verletzt, zwei Zähne wurden ausgeschlagen.

Von zwei Seiten der Rasenfläche rufen sich die Paare Begrüßungsfloskeln zu.
Die besondere Bühnensituation mit dem weiten Raum macht es den Spielern nicht leicht. Sie sind, wenn sie abgewandt sprechen, je nachdem, wo man als Zuschauer sitzt, nicht immer zu verstehen, was die Freude am Wortgewitter von Yasmina Reza schmälert.


Tragikomik mit Tempo


W
ährend Veronique (Franziska Melzer) als Mutter des Geschlagenen sich, unterstützt von René Schwittay als Vater redlich bemüht um Verständigung, gibt sich Kristin Muthwill, die Mutter des „Schlägers“ von Anfang an distanziert. Guido Lambrecht, ihr Ehemann, hat diesem Treffen sowieso nur widerwillig zugestimmt. Immer wieder steigt er aus dem Gespräch aus, weil sein Handy klingelt und er sich minutenlang mit seinem Gesprächspartner berät.

Es dauert nicht lang
e, bis im gezwungen sachlichen Gespräch erste verächtliche Bemerkungen fallen, gegenseitig Beleidigungen ausgestoßen werden. Bald schweifen die Auseinandersetzungen immer wieder von der Prügelei der Jungen ab, streiten nicht nur die Elternparteien gegeneinander, sondern werden auch die Abgründe innerhalb der beiden Ehen sichtbar und greifbar im wahrsten Sinne des Wortes.

Als nach Espresso und Kuchen noch Rum angeboten wird, läuft alles völlig aus dem Ruder;
es wird geschrien, sich gegenseitig durch den Raum gejagt, auf den Tisch gekotzt, das immerzu klingelnde Handy zerschlagen und in der Tulpenvase versenkt,.
Das Spielfeld wird immer mehr zum Schlachtfeld, der schöne grüne Rollrasen wird in Stück gerissen, gerafezu zerfetzt und durch die Gegend gepfeffert.

Eine Atempause gönnt uns die Regisseurin Bettina Jahnke mehrmals; immer dann, wenn es ganz schlimm wird: Die Schauspieler steigen aus ihrer Rolle, greifen sich ein Mikro und werden – alle sehr gekonnt – zu Rockinterpreten.

Hans Otto Theater, am 15. November. Hier geht’s zu den Karten.

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