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Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 567

28. September 2026

HEUTE: 1. BERLINER ENSEMBLE – „“MEPHISTO“ / 2. DEUTSCHES THEATER – „WIE GRISCHA MIT EINER VERWGENEN IDEE BEINAHE DEN WELTFRIEDEN AUSLÖSTE“ / 3. HANS OTTO THEATER POTSDAM – „DIE NIBELUNGEN“

1. Berliner Ensemble - Verwischte Frontlinien

"Mephisto" im Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann

Gustaf Gründgens, vor 1933 ein vehement linker, antikapitalistisch gesinnter Schauspieler, steigt nach 1933 um ins Lager der Rechten. Getrieben von der Gier nach ruhmreichen Rollen („Mephisto“, „Hamlet“ am ersten Schauspielhaus der Reichshauptstadt) verbündet sich mit dem verbrecherischen NS-System, von dem er zugleich fasziniert ist. Und verrät ehemals Verbündete.

Der Emigrant Klaus Mann erzählt diese Aufstiegsgeschichte in seinem 400-Seiten-Buch „Mephisto“ von 1936. Man kann sie als Lehrstück lesen in Sachen Opportunismus, Skrupellosigkeit, geistig-moralischer Verkommenheit. Vielen Theatern gilt dieser „Roman einer Karriere“ als Vorlage für ein „Stück der Stunde gegen rechts“.

Doch Klaus Mann greift sehr viel tiefer. Indem er verdrängten Fragen nachgeht; etwa der, was bei uns allen dräut an Autoritärem. Was in uns steckt von solchen wie diesem Gründgens, der im Roman Hendrik Höfgen heißt. Klaus Mann: „Machen wir uns nicht besser, als wir sind. Wir haben alles in uns. In unseren Träumen ist jede Gräueltat vorbereitet.“ – Bei Georg Büchner heißt es hundert Jahre zuvor: „Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt, mordet…“


Grelles und Verschattetes


Es geht also ums Psychologische. Und genau das hebt Frank Castorf, der Regisseur und Autor der Textfassung seiner „Mephisto“-Inszenierung, höchst unterhaltsam, höchst verstörend in den Mittelpunkt. Mit einem grandiosen BE-Ensemble, das die Bizarrerien, das Grelle so furios ausstellt wie es subtil das Verschattete, Irritierte, Verwundetete spielt. Wissend um die alte Weisheit, dass nichts wirklich wahr ist ohne sein Gegenteil. Die Frontlinien sind verwischt…

Und so gehört denn zum teuflischen Mephisto der Wahrheitssucher Faust. Jens Harzer als Höfgen zitiert auch immer wieder Goethe mit beider Rollen Text. Und zu Hendrik Höfgen gehört Klaus Mann, Ex-Schwager von Gründgens, der als Figur namens Max (Max Gendorff) stets mit im Spiel ist und übriges einen Kurzauftritt hat als sarkastischer Übervater Thomas Mann (Castorf als gewitzter Dramaturg).

Und Sebastian Zimmler gibt die Doppelrolle eines idealistisch glühenden Jungfaschisten sowie den ebenso idealistischen Kommunisten Hans Otto. Beide wurden von den Nazis ermordet. Und Constanze Becker die schnattrige Göring-Gattin sowie die divenhafte Elisabeth Bergner. Kurz vor ihrer Emigration knallt sie Höfgen am Schminktisch die Frage nach seinem „wirklichen Gesicht“ an den Kopf. – Sie wird sich kaum beantworten lassen. Das macht die besondere Stärke des sechsstündigen Abends.


Vibrierende Gemengelage


Da gibt es reichlich Zeit fürs weite Ausbreiten und feine Ausmalen der Backstage-Boheme einer politischen Zeitenwende auf der Drehbühne zwischen Pissoir, Schminktisch, kleinem Plüschtheater und – aus der Unterbühne per Video zugeschaltet – Kantine (Szenenbilder: Aleksandar Denic). Vibrierende Gemengelage. Mit Klatsch, Krach, Suff, Trieben und Tränen. Sowie hitzigen Reden über Politik, Kunst, Sinn und Blödsinn der Theaterei.

Doch im Verlauf der vielen Stunden werden die Konflikte todernst, existenziell. Mit Hendrik in der Mitte, der doch eigentlich bloß Heinz heißt. Mit seiner hassgeliebten „schwarzen Venus“, einer Domina mit Peitsche, die ihn mag und die er braucht. Die ihm peinlich ist und die er verstoßen wird am Ende (schön und voller Herzweh: Annabelle Lengronne).

Natürlich, Höfgen, verlacht als „Affe der Macht“, vergöttert als Spitzenkönner, ist die Sensation der Show. Doch Jens Harzer gibt nicht allein das eitle Aas, den harten Hund, sondern eben auch den Feingeist, den Zweifler an sich und seinen Künsten. Er macht den Strahlemann und fühlt sich doch nicht recht wohl in seiner Haut. Vielleicht ein Gebrochener. Gewissensbisse quälen. „Ich bin nur ein Schauspieler“, heult er zum Schluss. Und weiß genau, dass er nicht allein das ist. Leise, zitternd spricht er Hölderlin: „Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern’, / Und verstehe die Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will.“ – Da muss man ihn lieben. Und erschrecken.

Im Moment sind alle Vorstellungen ausverkauft. Interessierte können sich im Kulturvolk-Service auf eine Warteliste für kommende Vorstellungen setzen lassen.


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2. Deutsches Theater - Völkerfreundschaft im Rausch

"Wie Grischa mit einer verwegenen Idee ..." © Thomas Aurin

Wenn der Mumm fehlt, mit einem kühnen Griff in die schwere Klassik-Kiste in die Saison zu starten, dann wenigstens eine Uraufführung. Charmante Idee, erst recht, wenn sich’s um die Bühnenfassung eines Bestseller-Autors wie Jakob Hein handelt. Seine im deutsch-deutschen Absurdistan witzelnde Satire mit dem ins Barocke wuchernden Titel „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“ spielt in den oberen Etagen der Staatsbürokratien in Ostberlin und Bonn. Hier wie dort ist man gleich borniert und verzopft – für den sarkastischen Autor schon mal ein gefundenes Fressen.

Der Hauptgang jedoch ist die aberwitzige Geschichte von anno 1983 mit dem Genossen Grischa, Ökonomie-Beststudent mit Erst-Job in der DDR-Staatlichen Plankommission, Abteilung Afghanistan. Dort aber gibt’s nix zu tun, denn die Freunde vom Hindukusch haben nix zu verkaufen. Oder etwa doch? Landwirtschaft, Hanf, Mohn…? „Schwarzer Afghane“!!


Der Milliarden-Deal


Das bringt Grischa auf die Idee, das weltweit berühmte, kostbare Rauschmittel zu importieren. Zum Verkauf im Deutsch-Afghanischen Freundschaftskiosk an der Sandkrugbrücke, Grenzübergangsstelle Invalidenstraße Berlin-Mitte. Dort dürfen Westler hemmungslos kaufen. Die Sache spricht sich rum, die Massen strömen, Devisen fließen in die klamme Planwirtschaft. Aber: So könnte die DDR vor allem die Jugend Westberlins mit Rauschgift überschwemmen. Bonn muss einschreiten! Man verhandelt. Und für eine Milliarde D-Mark als Kredit von Franz Josef Strauß für Schalck-Golodkowski wird der Haschisch-Großhandel zumindest gedeckelt. Ein grotesker Fall von Erpressung aus dem gesamtdeutschen Tollhaus. Ein wahnwitzig origineller Coup des Autors.

Jakob Heins 265-Seiten-Roman avancierte 2025 zum Verkaufsschlager. Und das DT sicherte sich die politisch kontaminierte Schwejkiade für die Kammer. Regisseur Wilke Weermann jagt denn auch sein Ensemble ordnungsgemäß in die Karikatur, klammert jedoch die Weltfriedensfrage leider aus.

So blüht gepflegt kabarettistische Spiellaune. Doch der Theaterspaß hinkt dem Lesespaß ziemlich hinterher. Der Jux will nicht wirklich abheben, sondern kullert am Boden. Ein Quantum Hasch mehr im Getriebe wäre vonnöten!

Deutsches Theater, Kammer. Unser Kontigent leider ausgeschöpt, auch hier gilt: Interessierte können sich im Kulturvolk-Service auf eine Warteliste setzen lassen.


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3. Hans Otto Theater - Auf der Rutschbahn, im Sandkasten

"Die Nibelungen" im Hans Otto Theater © Thomas M. JauK

Das Nibelungenlied, wurzelnd im himmelweit gespannten altnordischen Sagenkreis und wuchtig wie Homersche Epen – für Friedrich Hebbel (1813-1863) sind das Gründe genug, innerhalb eines Jahrzehnts „diesen dramatischen Schatz für die reale Bühne flüssig zu machen“. Der Mythen-Hintergrund, die psychologische Grundierung der so radikal auf Zerstörungswut und Untergangslust gepolten Figuren, das war ihm dabei weniger wichtig. Und so spitzte der geniale Großdramatiker die „Adlerfeder“ für die heute noch frisch und scharf klingenden Jamben seines „Deutschen Trauerspiels“. Ein Mehrteiler, 1861 in Weimar uraufgeführt. Mit insgesamt zehn Stunden Spieldauer.

Ein bisschen viel, meinte zu Recht die Regisseurin Alice Buddeberg. Und strich die immerhin zwei ganze Völkerschaften ausrottende Sex-and-Crime-Story einer königlichen Familie auf drei Stunden (einschließlich Pause) zusammen. Doch mit dem Verknappen des dramatischen Schatzes verfolgte sie weniger die flüssige Verdeutlichung der Anatomien menschlicher Gewaltexplosionen, sondern vor allem eine feministische Belichtung der „Nibelungen“ „nach Hebbel“. Unter Zusatz von Texten der bewundernswerten Dichterin Inge Müller (frühe Gattin von Heiner Müller), die einst schwer unter männlicher Dominanz litt.


Das Schwert ist der Held


Zurück zum Set. Es treten auf: Eine ältere und eine jüngere Kriemhild (Janine Kreß, Ronni Rath), eine ältere und jüngere Brunhild (Katja Zinsmeister, Mia Reinprechter); Hagen von Tronje (Arne Lenk), König Gunther (Jan Hallmann) und Giselher (Paul Wilms). Siegfried-Superman kommt nur symbolisch als Kampfschwert vor. Seinen Text spricht, verkopfte Regie-Idee, wer gerade das Mordwerkzeug in der Hand hält. Ansonsten wird – im grauen, durchsichtigen Unisex-Look von Philipp Basener – geknutscht, vergewaltigt, geheult. Gelegentlich schwingt man die Theaterwaffen. Dann sind alle tot. Dann stehen sie wieder auf zum finalen Katzenjammer an der Rampe.

Der Anfang der arg verschlungenen Veranstaltung im höfischen Intrigenstadel beginnt so: Kriemhild (die ältere) schleppt sich müden Blicks auf die Bühne, das schwere Siegfried-Schwert mit sich ziehend. Und sagt mit blasser Stimme: „Ich lebe, mein Mann ist tot.“ Dann wird vom Nibelungen-Restpersonal durcheinander und in Bruchstücken erzählt, wie es dazu kam. Freilich, die übrig gebliebenen Jamben funkeln noch immer. Und die Müller-Passagen berühren. Doch das so Bestürzende von Hebbels „Nibelungen“, das zwanghafte Morden, der Mechanismus Verbrechen und Rache, das fanatische Zahn-um-Zahn-Verkrampfen bis zur allgemeinen hasserfüllten Vernichtung, das interessiert hier nicht wirklich. Und die zeitgeistige Idee mit dem Feminismus verkrümelt sich zwischen Momenten schwesterlicher Solidarität und hingerotzt sexistischem Männer-Bashing. Und als Kontrast gibt’s – o Gott! – eine Portion Stutenbissigkeit.

Und weil das viele monologische Reden alles sehr statisch macht, sorgt ein Sandkasten für Ausgleichssport, eine steil ansteigende Spielfläche für Rutschen, Klettern, Kopulieren (Bühne: Cora Saller). Da stehen die Signale auf Klamauk. Dabei wäre die wirklich existenzielle Frage nicht Feminismus. Sondern wie es geht, dass der hochmögende Mensch in Wahn stürzt und ins Destruktive.

Hans Otto Theater Potsdam, 24. Oktober, 7., 14. November. Hier geht’s zu den Karten.

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