0
Service & Beratung: (030) 86009351
Kulturvolk Magazin

Kulturvolk-Bühnenkritik Nr. 569

12. Oktober 2026

Heute: 1. Theater am Frankfurter Tor – „Einer flog übers Ordnungsamt“ / 2. Chamäleon Theater – „Kintsugi“ / 3.. Kabarett Theater Distel – „Mit aller Kraft liegen lassen“

1. Theater am Frankfurter Tor - Paragrafen-Dschungel

"Einer flog über's Ordnungsamt" im Theater am Frankfurter Tor © Dirk Dehmel Studio Urbschat

Der Bezug zum Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ liegt auf der Hand. Im Englischen ist mit Kuckucksnest eine „Irrenanstalt“ gemeint. Ordnungsamt also gleich Irrenanstalt?

Johannes Hallervorden hat für dieses Solo-Programm die unglaublichsten juristischen Stilblüten, die Werner Koczwara in seinem Buch zusammengetragen hat, aufgegriffen und trägt sie unerhört sympathisch vor.

Im ersten Teil des zweistündigen Programms wird vorgestellt, was wo und wie – von der Wiege bis zur Bahre – geregelt ist. So zum Beispiel, dass man bis 14 strafunmündig ist und ab 84 als haftunfähig gilt; dass in Österreich das Herabfallen von Leichen als Gegenstand geregelt ist und dass das Oberlandesgericht Köln einst festgelegt hat
: „Für sinnlose Vorgänge besteht kein Regelungsbedarf.“ Doch das scheint allerorten bei den Juristen in Vergessenheit geraten zu sein.

Und weil Vorfreude stets die schönste Freude ist, seien hier ein paar seiner wunderbaren Beispiele erwähnt. Diese sollen nicht vom Besuch der Vorstellung abhalten, sondern dazu ermutigen.

Wer wusste, dass das Bürgerliche Gesetzbuch im § 1314 regelt, unter welchen Bedingungen man eine Ehe nachträglich aufheben lassen kann? Absatz 2: „Eine Ehe kann ferner aufgehoben werden, wenn 1. ein Ehegatte sich bei der Eheschließung im Zustand der Bewusstlosigkeit oder vorübergehender Störung der Geistestätigkeit befand; 2. ein Ehegatte bei der Eheschließung nicht gewusst hat, dass es sich um eine Eheschließung handelt“. Aus dem BGB muss an diesem Abend noch häufig zitiert werden. Aber auch aus anderen Gesetzen.

Es gibt ein Eisenbahnkreuzungsgesetz. Wer hätte das gewusst? Darin stehen so poetische Dinge wie: „Straßenbahnen, die nicht im Verkehrsraum einer öffentlichen Straße liegen, werden, wenn sie Eisenbahnen kreuzen, wie Straßen, wenn sie Straßen kreuzen, wie Eisenbahnen behandelt.“ § 1 (5) Man staunt und lacht über Sprache und Regelungswut.
Womit viele jährlich zu kämpfen haben, ist die Einkommensteuererklärung. Im entsprechenden Einkommensteuergesetz ist eine sogenannte Fünftel-Regelung erklärt: „
Die für die außerordentlichen Einkünfte anzusetzende Einkommensteuer beträgt das Fünffache des Unterschiedsbetrags zwischen der Einkommensteuer für das um diese Einkünfte verminderte zu versteuernde Einkommen (verbleibendes zu versteuerndes Einkommen) und der Einkommensteuer für das verbleibende zu versteuernde Einkommen zuzüglich eines Fünftels dieser Einkünfte.“ Selbst nach mehrmaligem Lesen…

Auch die Bundeswehrverwaltung sorgt an diesem Abend für Heiterkeit. In einem ihrer Unterrichtsblätter verkündet sie: „Der Tod stellt aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar.“ Wer hätte das gedacht?

Im zweiten Teil des Abends dreht Hallervorden den rhetorischen Spieß um und fragt, was dem Publikum für welche „Tat“ wert wäre und erklärt, dass man Rechte auch veräußern könne. Spätestens bei der berechtigten, humoristisch gemeinten Frage, was einem die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit wert wäre, fiel mir ein, dass ich dafür in der DDR demonstrierend schon einmal meine Freiheit und körperliche Unversehrtheit, wenn nicht gar Existenzielleres, in die Waagschale geworfen hatte.

Und dann möchte ich wieder darauf hinweisen, dass das Frankfurter Tor im Ostteil von Berlin liegt. Hallervorden zitiert genüsslich die vielen juristischen Diskriminierungen der Frauen in der Bundesrepublik in den 1960er Jahren. Es wäre schön in diesem Rahmen zu ergänzen, dass es diese Diskriminierung in der DDR nicht gab. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde bereits in der ersten Verfassung festgeschrieben und dann vielfach im Detail geregelt.
Die tagespolitischen Spitzen in Richtung Friedrich Merz und AfD fallen erwartungsgemäß auf unterschiedlich fruchtbare Böden.

Der Abend hinterlässt schmerzende Lachmuskel und die Hoffnung, nie in die Mühlen der Justiz zu geraten. Wer nur weit genug entfernt vom Frankfurter Tor wohnt, verpasst an einem solchen Abend sämtliche Nachrichtensendungen und kann dafür endlich einmal wieder über den täglichen Regelungs-Wahnsinn in diesem Land lachen.

Theater am Frankfurter Tor, diverse Termine bis 27. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.


***

2. Chamäleon Theater - Japanische Heilkunst

"Kintsugi" im Chamäleon Theater © Andy Phillipson

Wer schon einmal Verletzungen davon hat tragen müssen, weiß, dass diese, auch scheinbar verheilt, ein Leben lang bleiben können. In Japan, wo man wie vielerorts in Asien, vieles ganzheitlicher betrachtet, gibt es eine Kunst mit dem Namen Kintsugi.

Damit ist die Kunstfertigkeit gemeint, mit der man Risse und Brüche in Gegenständen beim Wiederzusammensetzen nicht versucht zu verstecken, sondern im Gegenteil diese mit Gold verziert hervorhebt. So werden daraus besondere Kunstwerke, die auf eine überstandene Situation verweisen. Vieles lässt sich eben doch wieder zusammenfügen. Das ist tröstlich.

Neun Darsteller der Machine des Cirque aus Kanada geben derzeit mit „Kintsugi“ ihr zirzensisches Debüt im Varieté Chamäleon. In der Regie von Olivier Lépin nehmen sie uns mit auf eine Reise, die symbolisch für unser Leben stehen könnte. Alle kommen von irgendwoher, treffen sich an einem Bushäuschen und treten dann in Interaktion miteinander. Ob Partner- oder Gruppenakrobatik, Schleuderbrett oder Stange und Mast, ob Luftring oder Hair Hanging, Duo-Trapez oder Vertikalseil oder auch Tanz – alle Darbietungen bekommen durch die Konnotation des Miteinanders eine tiefe menschliche Dimension. Das bei der Artistik notwendige sich aufeinander Verlassen ist dadurch mehr als „Handwerk“. Es ist Zuneigung und Zuwendung, es bietet Schutz und Vertrauen. Das überträgt sich ganz selbstverständlich und wird vom Publikum auch so verstanden.

Die einzelnen Szenen werden oft durch projizierte Zitate eröffnet. „Unsere Vergangenheit wiegt nur so schwer, wie wir es zulassen.“ Oder: „Draußen tobt der Sturm genauso heftig wie in mir.“ Das sind Aussagen, die in jeder und jedem etwas auslösen können. Sehr schön in der poetischen Überhöhung fand ich: „Ich sehe die Tage vorüberziehen wie Monate. In der Wüste hoffe ich trotzdem, dass jemand neben mir sein wird.“ Wer hofft das nicht?

Der Abend ist besinnlich und versöhnlich gleichermaßen. Was auch immer entzwei geht, kann auch wieder zusammengefügt werden. Das lassen uns Maude Arseneault, Emilia Dawiec, Todd Degnan, Clémence De Luca, Damien Descloux, Katherina Dzialas, Francis-Olivier Girard, Marie-France Huet und Naomie Vogt Roby auf wundersame Weise erfahren.

Chamäleon Theater, bis 30. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.

 

 

***

3. Kabarett Theater Distel - Deutscher Schlendrian

"Mit aller Kraft liegen lassen" in der Distel © Sören Stache

Ja, es geht um Geld. Um sehr viel Geld: 90 Milliarden Euro sind auszugeben. Das nur vorweg! Die Bühne sieht aus wie eine Momentaufnahme von Berlin: Baustelle an Baustelle und kein Mensch zu sehen, der darin arbeiten würde. (Ausstattung: Hannah Hamburger).

Der Abend in der Regie von Dominik Paetzholdt fängt mit dem erwarteten heiter-ironischen Nörgeln darüber an, was in Deutschland alles so liegen bleibt. Das Trommelfeuer der Beschwerden wird unerwartet, aus dem Publikum kommend, unterbrochen. Ein Staatssekretär aus dem Finanzministerium, überzeugend gespielt von Karsten Kramer, macht sich Luft. Er kann das Politiker-Bashing nicht mehr ertragen und sagt: „Wenn Sie mal etwas wirklich Dummes hören wollen, dann fragen Sie einen Kabarettisten um seine Meinung.“
Und dann stellt er klar, mit welchen Hürden man zu kämpfen hat, wenn man in diesem Land regierungsseitig Geld ausgeben möchte. Anschließend wirft er den Beteiligten 90 Milliarden Euro für die Füße und sagt: Macht doch selbst!
Doch das ist einfacher gesagt als getan.

Jetzt wird erst mal überlegt, was denn inzwischen alles liegen geblieben ist. Und dann wird szenisch durchdekliniert, was uns alle betrifft und nervt: die Krankenkassenbeiträge, die Pflegeversicherung, die Bundeswehr, die Rente, der fehlende Nachwuchs demographisch und auch in der Industrie und im Handwerk, die steigenden Preise, der unbezahlbare und nicht vorhandene Wohnraum und und und. Zwischendurch gerät der Abend im Zusammenhang mit dem politisch immer wieder aufgeschobenen Kampf gegen den Klimawandel zu einer veritablen Kapitalismus-Kritik. Auch die Reichen in diesem Land bekommen ihr Fett weg. Einem Prozent der deutschen Bevölkerung gehören 53 Prozent des Gesamtvermögens. Und da oben sieht’s wohl mit der Steuerlast sehr sehr gering aus. Das ist alles andere als gerecht.

Zwischendurch kommen die Beteiligten – neben Karsten Kramer auch Nancy Spiller, Timo Doleys und Bianca Dolabella – auf die Idee, sich das Geld einfach anzueignen. Auf den Hinweis, dass das Diebstahl sei, wird gekontert, dass das doch Steuergeld ist, dass das unser Geld ist, das uns schon einmal gestohlen worden ist und somit gar nicht zum zweiten Mal gestohlen werden könne.
Szenisch werden die einzelnen Themen durch pointenreiche Wortwechsel und heitere Gesangseinlage abgearbeitet. Das Lied „Sternzeichen Berlin“ in der Interpretation von Bianca Dolabella hat dabei durchaus das Zeug zum Hit!

Bei den vielen Themen und Szenen kann mitunter der Eindruck entstehen, dass die Darsteller vom Wege abkommen. Aber warum auch nicht: Umwege erhöhen die Ortskenntnis und wenn Rotkäppchen sich nicht verlaufen hätte, hätte sie auch nichts erlebt. So sind am Ende die Pointen wichtiger als der rote Faden. Und das ist auch gut so!

Kabarett Theater Distel, diverse Termine bis 29. Oktober. Hier geht's zu den Karten.

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies.

Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten.

Diese Cookies sind für das Ausführen der spezifischen Funktionen der Webseite notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.

  • Bitte anklicken!

Werbe-Cookies dienen dazu, die zu Ihrem Surfverhalten passende Werbung einzublenden.