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Kulturvolk Blog Nr. 49

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

19. August 2013

Schlossparktheater -

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Eine betagte gutkleinbürgerliche Dame – Schluppenbluse, Dauerwelle - in old London, dort, wo man sich zwei Mal die Woche nachmittags trifft mit den ältlichen Freundinnen zum Bridge bei dünnem Tee mit trockenem Zungenbisquit – und wo die guten alten Krimis spielen. Denn in die hübsch heile Welt der Witwe Wilberforth bricht auf zunächst harmlos lustige Weise das Verbrechen ein. Eine Gangstergang, getarnt als feinsinniges Streichquartett, etabliert zur Untermiete in Wilberforths Fremdenzimmer die Logistikzentrale ihrer Überfälle auf Geldtransporter. Es dauert, bis die gutmütige Rentnerin kapiert, was da abgeht. Und das ist ihr Todesurteil: „Die Alte muss weg!“

 

Wir kapieren sofort: Im Krimi-Klassiker „Ladykillers“ von Elke Körver und Maria Caleita kommt es ganz anders: Die Alte überlebt alle Mordversuche, behält der Räuber fette Beute und wechselt fortan in die Rolle der reichen Witwe, derweil sich die Ganoven selbst massakrieren.

Die Oscar-nominierte Kriminalkomödie wurde 1955 mit Sir Alec Guiness und 2004 mit Tom Hanks verfilmt; vor drei Jahrzehnten kam „Ladykillers“ erstmals auf die Bühne und grünt seither unverdrossen auf dem Boulevard; vor allem wegen der flotten Dialoge sowie des schwarzen Humors. Das prima alte Ding von Crime fast ohne Sex (da könnte ein kesser Regisseur freilich nachhelfen), das ist wie ein Weihnachtsbaum, der nach üppigem Christbaumschmuck giert. Im Schlossparktheater gierte die Regie vielleicht nur nach Gage, nicht aber nach Fantasie, für deren kühnen Einsatz das Stück massenhaft Gelegenheiten bietet. Doch Thomas Schendel inszeniert den absurden Krimiknaller unbegreiflicherweise aseptisch frei von ingeniösen Einfällen. Und tantenhaft artig in der dazu passend verstaubt-muffigen Ausstattung von Daria Kornysheva. Das Schlosspark muss ja nun nicht tornadomäßig loslegen und dem komödischen Affen tonnenweise Zucker geben wie etwa die Volksbühne. Doch ein bisschen tolldreiste Klamotte, wüste Farce und wilder Slapstick, also wenigstens ein bisschen Volksbühne hätte unbedingt sein sollen!

 

Trotzdem, das genügsame Publikum im rappelvollen Saal amüsierte sich wie Bolle. Erstaunlicherweise. Oder auch nicht erstaunlicherweise. Denn: Der Senioren-Superstar Ingeborg Krabbe als Margaret Wilberforth schmeißt trotz ihrer 82 Jahre mit ihrer unglaublichen Präsenz noch halbwegs den Laden. Das Schwank-erprobte Urgestein des verflossenen DDR-Fernsehens (in Hamburg begeistert sie als Musical-Star in „Ich war noch niemals in New York“), diese unverwüstliche, hellwache, treffsichere, taffe Komödiantin ist das begeisternde Kraftzentrum in dieser läppischen, laschen, lauen Inszenierung voller verschenkter Möglichkeiten; die natürlich auch die Herren Gangster mit Knarre im Geigenkasten traurig unterbelichtet. - Na, wenigstens eine Krabbe als Ladykracher. Bravo Ingeborg! (noch bis 31. August)

Zahlensalat -

Der Deutsche Bühnenverein präsentiert gerade seine Statistik der Saison 2012/2013. Erfasst sind alle öffentlich getragenen sowie die wichtigsten privaten bzw. freien Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum. Die präsentierten in der soeben verflossenen Saison 3217 Premieren; die reichliche Hälfte davon entfällt aufs Schauspiel. Die Sparte Oper lieferte rund ein halbes Hundert Premieren, davon Musical 118 und  - stark zugenommen!  - Operette 72. Die Sparte Ballett lieferte 243 Neuinszenierungen; das Kinder- und Jugendtheater 419, das Puppentheater 57.

Der enorme Ausstoß von alles in allem 3217 Produktionen bedeutet rechnerisch pro Tag von Anfang September bis Ende August 8,8, Premieren; auf Ur- und Erstaufführungen bezogen sind es pro Tag 2,2. Was für eine Fülle!

 

Verdi hatte von Anfang September 2012 bis Ende August 2013 stolze 56 Premieren, immerhin deutlich mehr als Wagner und Mozart, die ihm im Ranking folgen. Bei den Schauspielautoren aller Zeiten liegt Shakespeare vorn (72), mit deutlichem Abstand gefolgt von Schiller, Ibsen, dann Jelinek, Goethe und Brecht auf Platz vier, dann Büchner, dann mein Lieblingsgegenwartsdramatiker Lutz Hübner.

Fazit: Die Zahl der erfassten Theater ist (noch!) konstant geblieben, was für die Stabilität der weltweit einzigartig dichten (und potenten!) Szene spricht; obgleich immerzu von Seiten der Politik versucht wird, sie auszudünnen. Ihr Produktionsausstoß in allen Sparten ist – wie die Selbstausbeutung der Institutionen   geradezu sagenhaft. Auch die Zahl der Ur- und Erstaufführungen blieb konstant; der in den Jahren zuvor stark angestiegene Ausstoß hat sich inzwischen auf sehr hohem Niveau eingependelt, die Grenzen der Selbstausbeutung sind wohl nun erreicht worden.

 

Noch ein Blick weiter zurück auf die soeben veröffentlichte Statistik des Bühnenvereins bezüglich der vorvergangenen Saison 2011/2012. Allein in Deutschland sind 413 Bühnen (alle Staats-, Stadt- und Landestheater sowie fast alle größeren privaten Bühnen) erfasst. Welcher Reichtum!! Die Anzahl der Aufführungen in Deutschland war mit 91.813 fast exakt so hoch wie in der Saison 2010/2011 (91.021). Auch hier : grundsätzliche Stabilität. Wir vergessen dabei trotzdem nicht, wie gern die Kulturpolitik sonderlich im Ruhrgebiet und erst recht gegenwärtig in Sachsen-Anhalt am Bestand der Sparten oder gar der Standorte zu kratzen versucht – oder ihn längst angekratzt hat.

Und hier noch die Zahlen der Novitäten (bezüglich aller Sparten): In 2011/2012 gab es in Deutschland 587 uraufgeführte Werke und 94 deutschsprachige Erstaufführungen.

Bücherwürmer -

Und weil wir gerade im Zahlenrausch sind, noch ein paar Angaben darüber, wo die Deutschen wie viele Bücher kaufen. Offen bleibt freilich die Frage, ob sie die auch alle lesen.

Wer hätte es gedacht, im beschaulichen Taunus-Bad Soden (21.000 Einwohner) wurden anno 2012 pro Kopf durchschnittlich 156 Euro für Bücher ausgegeben, den Spitzenreiter hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ermittelt. Auf Bad Soden folgt Bad Homburg mit 153 Euro, dann die Bürger von Ingelheim am Rhein mit 152 Euro. Schlusslicht waren die Einwohner von Zeitz und Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt). Dort berappte man 2012 durchschnittlich nur 77 Euro für gebunden Gedrucktes.

Die Bücherkäufe folgen in etwa der Kaufkraft: Am meisten wird folglich in Ballungsräumen ausgegeben, also rund um Frankfurt/Main, München, Stuttgart, Köln, Hamburg. Im Osten ragt nur die Potsdamer Region über den Deutschland-Durchschnitt hinaus.