0
Service & Beratung: (030) 86009351
Kulturvolk Magazin

Kulturvolk Blog Nr. 474

Kulturvolk Blog | Uwe Sauerwein

von Uwe Sauerwein

25. März 2024

HEUTE: 1. Komödie am Potsdamer Platz – „Cluedo. Das Mörderspiel“ / 2. Deutsches Theater – „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ / 3. Chamäleon Theater – „Showdown“

 

1. Komödie - Mörder, ärgere dich nicht!

"Cluedo. Das Mörderspiel" in der Komödie © Franziska Strauss

Es donnert und blitzt. Sekundenweise versagt wegen des Unwetters das Licht in der unheimlichen Villa. In dieser gruseligen Stimmung trifft eine illustre Abendrunde ein. Man kennt sich nicht, angeblich. Doch schnell stellt sich heraus, dass die Damen und Herren allesamt Dreck am Stecken haben. Dafür werden sie erpresst, wahrscheinlich von ihrem Gastgeber. Zu den Leichen im Keller gesellen sich alsbald frisch Ermordete auf offener Szene. Im Salon, in der Küche, in der Bibliothek, in der Empfangshalle. Erschossen, erdolcht, erschlagen, erdrosselt. Zu schlimm, um wahr zu sein.

Cluedo ist ein Brettspiel, das 1949 herauskam und sich unverdrossen auf dem Markt behauptet. Die lustige Mördersuche hat TV-Shows und Computerspiele inspiriert. Schon 1985 brachte Jonathan Lynn das Detektiv-Spiel ins Kino. Sandy Rustins Bühnenadaption von 2018 ist international ein Renner. Mit der Deutschen Erstaufführung von „Cluedo. Das Mörderspiel“ hat die Komödie am Kurfürstendamm, immer noch im Exil am Potsdamer Platz (die Bauarbeiten am Kudamm konnten endlich wieder aufgenommen werden), einen echten Coup gelandet.

Im Theater ist das Mörderspiel eine mitreißende Mischung aus Edgar Allen Poe und Agatha Christie, aus Comic und Stummfilm. Vor allem ist Christopher Tölles tolle Inszenierung (so viel Wortspiel muss sein) eine Renaissance des Slapsticks. Wie im Film spielt das Stück in den 1950ern in Washington. In der McCarthy-Ära mit dem berüchtigten Ausschuss für unamerikanische Umtriebe.


Sophie Berner rettet Premiere


Alle, die Butler Wordsworth (mit Gel im Haar ungewohnt aalglatt: Boris Aljinovic) in der Villa Schwarz begrüßt, gehören irgendwie zum Establishment. Die versoffene Abgeordneten-Gattin Mrs. Peacock (wunderbar wuchtbrummig: Mackie Heilmann), der senile Oberst Gatow (Einfaltspinsel par excellence: Jörg Seyert), Frau Weiß, die Schwarze Witwe, die schon einige einflussreiche Gatten betrauerte (beeindruckend frigide Rachegöttin: Katharina Blaschke).

Während Madame Roth, Chefin eines Washingtoner Escort-Services (hinreißend elegant: Sophie Berner, die kurz vor der Premiere für die verletzte Chiara Schoras einsprang), fürs Körperliche zuständig ist, kümmert sich Professor Bloom (wie aus der Schwarzwaldklinik: Max von Pufendorf) um die psychischen Bedürfnisse der Politiker. Und falls herauskommt, dass Mr. Green (herrlich hippelig: Matthias Britschgi) schwul ist, dürfte ihn das den Job im Außenministerium kosten.

Ein Team in Topform, auch in den Nebenrollen, „ärrlisch fransösisch“ parliert Johanna Asch als Dienstmädchen Yvette, Adisat Sementisch stirbt in sieben Rollen gleich mehrere Tode.


Kein Angst vor Hysterie


Der Spaß hat Vorrang vor der Politik. Trotzdem gelingt das Kunststück eines aktuellen Bezugs, werden hier doch unentwegt Fake-News verkündet, um von eigenen Verfehlungen abzulenken und die Schuld anderen in die teuren Schuhe zu schieben.

Christopher Tölle, Wiederholungstäter in der Komödie (siehe „Stolz und Vorurteil“, Blog Nr. 438 vom 1. Mai 2023), arbeitet auch als Choreograf, unter anderem für Berliner Opernhäuser. Als Regisseur setzt er ebenfalls auf Tempo und Bewegung, mit dem perfekten Timing läuft das komödiantische Getriebe wie geölt. Wenn die Beteiligten in Schnappatmung geraten, erinnert das ein wenig an Herbert Fritschs legendäre „Spanische Fliege“ an der Volksbühne.

Tilman von Blombergs Bühne ist genial, im Stile des alten Papiertheaters. In die Bilderbögen fügen sich perfekt die von Heike Seidler entworfenen Kostüme ein, wobei die Farben, wie im Cluedo-Spiel, zu den Namen der handelnden Personen passen.

Ein Mordsvergnügen. Nichts wie hin!

Komödie am Potsdamer Platz, bis 14. Juli. Hier geht’s zu den Karten.


***

2. Deutsches Theater - Völlig aus dem Häuschen

"Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" im Deutschen Theater © Jasmin Schuller

Ein Haus fährt aus der Hinterbühne direkt auf uns Zuschauer zu. Das zweistöckige Gebäude hat durchsichtige Wände und gewährt den Blick in die gute Stube, mit Personen in Kostümen des 19. Jahrhunderts, eine Puppenstube, museumsreif. Ein echter Hingucker ist dieses Herrenhaus. Oder sollte man Herrinnenhaus sagen. Es ist ja eine Frau, Nora, die hier ein strenges Regiment führt und sich zugleich zum Opfer des Patriarchats stilisiert.

„Play Ibsen“, sagte sich Sivan Ben Yishai, angesagte Theaterautorin. Die in Berlin ansässige Israelin hat den Klassiker von 1879, „Nora oder Ein Puppenheim“, ins woke Zeitalter verpflanzt. In ihrem Stück „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ zerlegt sie genüsslich das Domizil der Nora Helmer. Aus dem Kompost, der vom Herrenhaus übrig bleibt, soll etwas Neues wachsen. Nur was, das wird nicht wirklich deutlich.

Henrik Ibsens Gesellschaftsdramen riefen oft Skandale hervor. Auch sein Stück über Nora, die in finanzielle Nöte gerät, in der Lebenskrise die gesellschaftliche Moral und die Rolle der Frau anzweifelt und deshalb ihren Mann und die Kinder verlässt. Für die deutsche Erstaufführung 1880 in Hamburg musste mit Rücksicht auf die Institution Ehe der Schluss geändert werden. Im Kampf der Geschlechter stand Ibsen auf der Seite der Frau. Was ihn nicht vor feministischen Attacken bewahrt hat. Eine Ikone der Frauenbewegung aus der Feder eines männlichen Autors, das geht gar nicht…


Zerstörtes Machtgefüge


Ben Yishai richtet den Fokus nun auch nicht auf die Titelheldin. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters macht uns Natali Seelig als Noras Freundin Christine mit dem Text und der Geschichte des Dramas vertraut. Christine nimmt sich auf der Bühne auch das Recht, Ibsens Stück radikal umzuschreiben, das Machtgefüge, auf dem es aufgebaut ist, überhaupt sämtliche Hierarchien zu zerstören.

Die im Dunkeln, die man sonst nicht sieht, holt sie ins Rampenlicht. Die Dienstmagd (Lisa Birke Balzer), das Kindermädchen (Steffi Krautz), den Paketboten (Peter René Lüdicke) und all die Hausbewohner. Menschen, mit denen auch Ibsen aufwuchs und die sonst nach ein, zwei Sätzen wieder verschwinden, spielen nun eine Hauptrolle. Sie müssen erkennen, dass Noras Emanzipation an ihrem eigenen bescheidenen Dasein wenig ändert.

Ben Yishai beweist Humor, das macht die Angelegenheit kurzweilig. Anica Tomić, die kroatische Regisseurin, verpasst der Ibsen-Show reichlich Effekt, genau wie Mila Mazics Bühnenbild. Nicht zu vergessen Drina Krlics in feinen Beige-Tönen, je zur Situation der Person abgestimmte Kostüme. Beige wie Bourgeoisie. Anja Schneiders selbstgerechte Nora, deren Kinder bloß als Christbaumkugeln am Weihnachtsbaum auftauchen, ist alles andere als eine Sympathieträgerin. Ihren Gemahl Torvald Helmer verkörpert Jörg Pose als lächerlichen Vollpfosten.


Flucht in die Fußnoten


Das Aufbegehren des Personals ist jedoch nicht abendfüllend. Den Betroffenen bleibt nur die Flucht ins Exil. In diesem Fall sind das die Fußnoten. Was auf der Bühne weniger gut funktioniert als im Text. So wird es inhaltlich irgendwann bedenklich dünn. Umso heftiger wirkt dann Christines radikaler Schlussmonolog. Alles muss verrotten, damit aus dem Kompost etwas Nachhaltiges entstehen kann. Damit sind nicht nur bürgerliche Klassiker gemeint.

Deutsches Theater, Kammer; 27. März; 4.,5., und 11. April. Hier geht’s zu den Karten.


***

3. Chamäleon Theater - Die glorreichen Sieben

"Showdown" im Chamäleon Theater © Manuel Harlan

Die Bühne erinnert an einschlägige TV-Shows. Sieben Kandidatinnen und Kandidaten nehmen Platz. „Wer wird Millionär?“, das ist hier nicht die Frage. Sondern „Wer wird das neue Gesicht des Zirkus?“. Für diesen Titel geben die Tänzer und Akrobaten von nun an alles, am Boden und in Schwindel erregender Höhe. Auch mit Hilfe von Intrigen. Möge der Bessere gewinnen? Oder der, der sich am besten verkaufen kann?

Das Chamäleon sucht den Superstar. „Showdown“ ist eine Satire auf Talent-Shows und feierte nun Weltpremiere in Berlin. Das Theater in den Hackeschen Höfen arbeitet als Ko-Produzent erstmals mit der Londoner Truppe Upswing zusammen. Gemeinsam zeigt man, dass zeitgenössischer Zirkus wie das Theater gesellschaftliche und politische Themen aufgreifen kann. Fünf Monate spielt Upswing in Berlin, begleitet von verschiedenen Publikumsveranstaltungen.

Wie in einer echten Casting-Show wird das Publikum einbezogen. Wir erhalten Karten mit Farben für unsere Favoriten, die wir per Abstimmung unterstützen. Spätestens wenn die Produzenten ihr Veto einlegen, wird klar, dass es alles andere als fair zugeht. Man fühlt mit den Benachteiligten mit. Und ist am Ende happy, wenn alle, die vorher so fies gegeneinander intrigierten, solidarisch zusammenfinden und die Show an sich reißen.


Diversität im Zirkus


Nicht das Recht des Stärkeren sichert das Überleben, die einzige Chance liegt in der Zusammenarbeit. So lautet die nicht wirklich Bahn brechende Botschaft der von der Regisseurin Vicki Dela Amedume geleiteten britischen Truppe, die sich besonders für mehr Diversität im Zirkus einsetzt. Die meisten Mitwirkenden haben Migrationshintergrund, Amedume und ihre Autorin, die Comedy-Künstlerin Athena Kugblenu, sind People of Colour. So manche persönliche Erfahrung ist eingeflossen in das Stück. So erfährt man auch, wie Hautfarbe und Identität in der Kulturszene oft zur Ware gemacht werden.

Die „good vibes“, die von der Moderatorin beschworen werden, weichen nicht selten dem Frust der ungerecht behandelten Teilnehmer, die wortwörtlich am Rad drehen. Dem Cyr Wheel nämlich, ein dem Rhönrad ähnlicher Reifen, mit dem sich Jaide Annalise und Rafiq Ffinch-Shah vortrefflich auskennen. Shane Hampden und Zebulon Simoneau verstehen sich eher auf die Verbindung von Tanz und Gymnastik, der stämmige Francisco Hurtado als Hand-auf-Hand-Akrobat liefert oft die Basis für atemberaubende Gruppenbilder, als Herrin bzw. Herr der Lüfte präsentieren sich Rebecca Solomon und Jimmy Wong.


Es fehlt der böse Gegenspieler


Was da alles solo oder in der Gruppe an Trapez, Seil, Strapaten, auf dem Schleuderbrett, als Jonglage mit Bällen, Besen oder Barhockern geboten wird, kümmert sich nicht um artistische Konventionen. Eigenwillig und reizvoll ist auch der Soundtrack. Er stammt von Afrikan Boy, einem Star der britischen Grime-Szene. Grime ist eine Kombination aus HipHop und elektronischer Tanzmusik, die hier zudem afrikanische Einflüsse bekommt.

Man wünscht man sich jedoch eine resolutere Regie, damit die schöne Idee der Satire sich richtig entfalten kann. Nima Aida Séne, die auf englisch und deutsch moderiert, ist Multimedia-Künstlerin, keine Schauspielerin, hier wirkt sie einfach zu nett für das Spannungsverhältnis zwischen Künstlern und den Machern der Show. Es fehlt der Bad Guy. Vielleicht sollte man mal bei Dieter Bohlen anfragen…

Chamäleon Theater, bis 28. Juli. Hier geht’s zu den Karten.

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies.

Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten.

Diese Cookies sind für das Ausführen der spezifischen Funktionen der Webseite notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.

  • Bitte anklicken!