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Kulturvolk Blog Nr. 417

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

21. November 2022

HEUTE: 1. Deutsches Theater – „Platonow“ / 2. Kino – „Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen“ / 3. Berliner Ensemble – Wiederaufnahme „Macbeth“

1. Deutsches Theater - Wie das ist, das Altsein 

 Linn Reusse, Enno Trebs, Max Thommes, Alexander Khuon, Katrin Wichmann, Manuel Harder © Arno Declair
Linn Reusse, Enno Trebs, Max Thommes, Alexander Khuon, Katrin Wichmann, Manuel Harder © Arno Declair

Damals wars, vor vierzig Jahren. Platonow, ein Schlawiner in den besten Jahren, mimt als kleines Dorfschulmeisterlein inmitten der Provinz-Prominenz den Großintellektuellen vor Ort. Damit fällt er zwar allen auf die Nerven. Doch anderseits unterhält er sie aufs erregendste, die da wie gelähmt sich langweilen in abgeschiedener Ereignislosigkeit. Mit aufrührerischen Wahrheiten reißt er ihnen Masken der Wohlanständigkeit und Lebenslügen herunter, legt kleinbürgerliche Fratzen zynisch frei und fasziniert mit geistreichen Fantasien, philosophischen Exkursen, mit Charme und Sexappeal. Wo er auftritt, brennt die Luft, flammen Begeisterung und Abscheu. Dabei ist der so geistreich eloquente wie unverschämt provokante Entertainer mit seinen 35 Lenzen bereits eine lebende Wodka-Pulle. Und so torkelt der kaputte schöne Kerl durch die Salons und in die Betten.

Also Platonow, ein hochmütiger Lügner, ein gerissener Verführer, ein nihilistisches „Arschloch“ und die Titelfigur in Anton Tschechows frühem Stück von 1880, das erst 1928 aus dem Nachlass publiziert wurde.

Michael Wasiljewitsch Platonow ‑ eine tragische Elendsfigur unter „lebenden Steinen“. Die wiederum sind, auf andere Art, gleichfalls tragisches Personal, versackt in Stagnation, verklemmt in der Tretmühle des Lebens. Was für eine Vorlage für tolles Theater. 


Tschechows Sehnsuchtsmenschen im Seniorenheim 


Der russische Emigrant und bewundernswerte Regisseur Timofej Kuljabin gibt jetzt im DT der klassischen Vorlage einen tollen neuen Dreh: Tschechows breit angelegte, personenreiche Geschichte spielt nunmehr vier Jahrzehnte später in einem Seniorenheim für Bühnenkünstler „irgendwo in Russland“ (Mitarbeit an der großartig konzentrierten Kammerspielfassung: Roman Dolzhanskiy, Textredaktion: Olga Fedyanina, John von Düffel). 

Das alte Spiel sich wiederholend in gleicher Besetzung, nun aber in Rollstühlen und Stützstrümpfen. 


Mitte siebzig, versoffen, großmäulig 


Platonow, jetzt Ex-Schauspieler, Mitte siebzig, versoffen wie eh und je (Alexander Khuon), fällt mit Anhängsel – der gedemütigten Ehefrau (Linn Reusse) – und mit wehender Fahne großspurig ein ins Gehäuse der klapprigen, sich gegenseitig anödenden Veteranen der Bühne. Und prompt wird er wie einst bestaunt, bewundert, verflucht, gehasst und sogar geliebt. Wieder brennt die Luft, freilich auf kleinster Flamme. 


Noch einmal will man wollen 


Wie grotesk das alles ist! Obgleich sie doch alle stehen an den Marken ihrer Tage, ist da noch immer ein Sehnen und Wollen, das in dieser so besonderen Inszenierung so sehr ans Herz greift. Man will begehrt sein; oder wenigstens gesehen, gewärmt. Will, wenn auch mit letzter Kraft, sich noch einmal aufraffen vom Sofa, will die Müdigkeit beiseite wischen, die innere Leere wenigstens ein bisschen auffüllen. Oder gar aufbegehren gegen dieses schrecklich faszinierende, schrecklich charmierende Großmaul Platonow, das um Mitleid bettelnd im eigenen Unglück sich suhlt: „Selbst Ratten können eine menschliche Visage nicht so benagen, wie es mein Leben getan hat.“ Und das obendrein mit womöglich letzter Lust seine verlogenen Verführungskünste in Anschlag bringt. 

Dieser leise, behutsam und genau inszenierte Abend umkreist wehmütig eine bittere, ja entsetzliche Vergeblichkeit. Sowie ein großes, geradezu unheimliches Sehnen, das da trotzig-irrwitzig aufblitzt im Dämmer verstockt banaler Alltäglichkeit – erstaunlicherweise entgegen sämtlicher Lebenserfahrung, entgegen aller Vernunft. 

Was vor allem die Frauen betrifft, die Diven des Theaters von einst (Katrin Wichmann, Brigitte Urhausen, Birgit Unterweger). Aber auch die Männer (Enno Trebs, Manuel Harder, Max Thommes) in ihren wirren Gefühlslagen aus alter kollegialer Freundschaft, Neid, Bewunderung, Verachtung, Wut. 


Behutsam berührendes Menschentheater 


Ein derart feinfühliges, zwischen Verlangen und Verweigerung, Trauer und Komik, Euphorie und Katzenjammer sanft schwankendes, letzte Daseinsfragen behutsam berührendes Menschentheater ist selten. Es macht uns demütig und beglückt, obgleich da nichts Tröstliches ist. Dafür wird Wahres leichthin gespielt in einem schwer melancholischen Endspiel. 

Die wie auch immer geartete Gier nach einem Hauch Zukunft mag vielleicht nimmer aufhören. Was immer aber bleibt, ist schmerzvoll wissende Ergebenheit ans Unausweichliche. ‑ Ein Abschiedsstück. Unvergesslich. 

Deutsches Theater, 25. November, 9. und 25. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.


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2. Jelinek-Film: - Berühmtsein macht kaputt 

Sonntags immer in die Kirche! Dafür sorgte Großmutter. „Maria Treu“ in der Wiener Josefstadt. Dort tropft das Blut von den Deckenfresken des Franz Anton Maulbertsch mit den sich opfernden Heiligen direkt in die schreckweiten Augen der kleine Elfriede. Jeden Sonntag dieses schön gemalte Grauen. Denn die Verwandtschaft mütterlichseits war streng katholisch; am allerstrengsten Großmutter. 

Der Vater, Ingenieur, war sozialdemokratisch, gegen „Kerzlschlucker“ und jüdisch. Er sorgte früh für Aufklärung, erzählte vom Holocaust, zeigte Bilder mit Bergen von Toten. Das reale Grauen.


Traumatische Prägungen 


Für ein Kind, ein sensibles, sind solche Bilder, die aus dem Kirchenhimmel sowie die aus den Vernichtungshöllen, geradezu traumatisch. Sie werden immerfort schwer lasten auf dem Leben der Elfriede Jelinek. Wie die Prägungen eines zwischen religiös-bildungsbürgerlich, die Mutter und atheistisch-klassenkämpferisch, der Vater, scharf geteilten Elternhauses. Aus diesen Gegensätzen erwuchs das gewaltige, schmerz- und wutvolle Werk der in ihrer österreichischen Heimat als Nestbeschmutzerin brutal angefeindeten Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. „Ich glaube, dass der Künstler in seiner Kindheit so viel an Frustrationen und Leid auftankt, dass es dann für den Rest seines Lebens reicht“, sagt sie in dem poetischen und vielschichtigen, einfühlsamen und ja – bei aller gebotenen Distanz – liebevollen Filmporträt „Elfriede Jelinek. Die Sprache von der Leine lassen“ von Claudia Müller. 


Wunderkind mit Geige und Schreibheft


Elfriede, 1946 geboren, muss nicht nur früh schon „Kerzln schlucken“, sondern noch Geige und Klavier lernen. Die Mutter will mit gnadenloser Zucht aus dem Einzelkind ein Wunderkind, ein „Instrumental-Genie“ machen. Elfriede flüchtet sich ins Schreiben, das Einzige, was jenseits lag vom mütterlichen Ehrgeiz. Sie gewann einschlägige Preise. Sie studierte (schon mit 13 am Wiener Konservatorium), tummelte sich in der Wiener Avantgarde („wir sind lockvögel, baby“ ihr erster Roman). Und flutet fortan den internationalen Literatur- und Theaterbetrieb (Königin der Postdramatik). Mit einzigartig kunstvoller, auch artifizieller Sprachkraft stellt sie gesellschaftliche, sonderlich österreichische Verlogenheiten unbarmherzig bloß – und zugleich das allgemein menschliche Verdrängen und Vergewaltigen. Immer geht es um die allgegenwärtig blutenden Wunden. Um die elende Gewalt, Gleichgültigkeit, Ignoranz. 


Nestbeschmutzerin, böse Hex


So wurde die Veröffentlichung ihres Stücks „Burgtheater. Posse mit Gesang“ 1985 zum Riesenskandal. Es handelt von der Burgtheater-Heiligen Paula Wessely und ihrer führenden Mitwirkung im unsäglich antisemitischen NS-Hetzfilm „Heimkehr“, über den die Wessely später scheinheilig behauptete, nicht gewusst zu haben, was sie da hingebungsvoll spielte und sagte.

Fortan ist Jelinek in Österreich die „böse Hex“, derweil die Bewunderung ihrer Tapferkeit und Energie international wächst wie ihr vielgestaltiges Werk, das sämtliche literarische Gattungen umfasst und stets aufs heftigste polarisiert. 

Also wie immer schon: Die radikale, niemanden, auch unbarmherzig sich selbst nicht schonende Jelinek im Spannungsfeld der Gegenpole ‑ für sie zunehmend schwerer aushaltbar. So hat sie sich seit dem Nobelpreis 2004 aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen. „Rausgehen und reisen, das kann ich nicht.“


Schauspielstars sprechen Jelinek 


Also gibt die Dokumentarfilmerin Claudia Müller ihrem Künstlerporträt (Kamera: Christine A. Maier) den Untertitel „Die Sprache von der Leine lassen“. Damit ist auch filmische Methode benannt: Ein Strom aus Zitaten, gesprochen von Stefanie Reinsperger, Sandra Hüller, Sophie Rois, Maren Kroymann, Ilse Ritter und Martin Wuttke. Dazu Bildmaterial aus den Archiven. Ohne Chronologie; eine Collage.

Der lakonisch-melancholisch gefärbte Film nähert sich ‑ behutsam direkt ‑ einer epochalen Künstlerin; zeigt ihr Leid, ihre Größe, ihre dramatische Einbettung ins Gesellschaftlich-Historische und feiert eine elegante, schöne Frau. Man ist bewegt, beglückt und möchte ihr freundschaftlich die Hand reichen. Zum Schluss sagt sie: „Man darf nur im Verborgenen sein. Berühmtsein macht kaputt. Es ist alles gesagt. Jetzt erklär ich nichts mehr.“ 

Wie wahr, wie bitter, wie tragisch. Doch wir haben sie ja weiterhin: Im Lesesessel. Im Theater. Im Film. 

Der Film ist in verschiedenen Berliner Kinos zu sehen, u.a. im Kant-Kino. Dort erhalten Kulturvolk-Mitglieder ermäßigten Eintritt.

Am 16. Dezember im Deutschen Theater: Uraufführung „Angabe der Person“ von Elfriede Jelinek, Regie Jossi Wieler. Im Repertoire des Berliner Ensembles das Jelinek-Stück „Schwarzwasser“, Regie Christina Tscharyiski.


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3. Berliner Ensemble - Wiederaufnahme „Macbeth“

Constanze Becker und Sascha Nathan © Matthias Horn
Constanze Becker und Sascha Nathan © Matthias Horn

Das ganze Theater ein gespenstisch verräuchertes Dämmerloch, die Bühne das schwarze Nichts voll von wabernden Nebelschwaden. Es ist das Gehäuse für „Macbeth“… Und der Ort für ein großes erschütterndes Spektakel mit William Shakespeare und Heiner Müller. Mit Constanze Becker und Sascha Nathan als das hohe, elende Paar. „...Baden wolln in den Wundlöchern / Und spielen mit den Knochen Golgatha…“– Was für ein Theater! Regie: Michael Thalheimer. (siehe Blog Nr. 280 vom 7. Januar 2019)

Berliner Ensemble, 24. und 25. November, 10. und 11. Dezember. Hier geht’s zu den Karten.

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ETRA-
TIPP: Wiederaufnahme „Grand Prix“ im Tipi am Kanzleramt 

Das Kontrastprogramm zu „Macbeth“ und Tipp für den Adventskalender: Ein Ausflug mit der ganzen Familie zur Show „Pasquale Aleardi – Mein Grand Prix de la Chanson“. Zum Mitsummen, Mitklatschen, Mitfeiern. (Siehe Blog Nr. 386 vom 28. Februar 2022)

Tipi am Kanzleramt, noch bis zum 28. November. Hier geht’s zu den Karten. 

 

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