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Kulturvolk Blog Nr. 409

Kulturvolk Blog | Uwe Sauerwein

von Uwe Sauerwein

26. September 2022

Heute: 1. Schlosspark Theater – "Sugar" / 2. Chamäleon Theater – "The Mirror" / 3. Gemäldegalerie – "Donatello, Erfinder der Renaissance"

1. Schlosspark Theater - Rein in den Fummel, raus aus dem Fummel

Rasante Verkleidungskomödie: Lukas Benjamin Engel, Julia Fechter, Johanna Spantzel, Petra Pauzenberger, Arne Stephan (v.l.) in „Sugar“ © DER DEHMEL / Urbschat
Rasante Verkleidungskomödie: Lukas Benjamin Engel, Julia Fechter, Johanna Spantzel, Petra Pauzenberger, Arne Stephan (v.l.) in „Sugar“ © DER DEHMEL / Urbschat

Wer mit Musikinstrumenten unterwegs ist, fällt auf. Das ist heute so und verhielt sich auch im Chicago Ende der 1920er-Jahre nicht anders. Dumm nur, wenn man um keinen Preis auffallen darf. So wie Joe mit seinem Saxofon und Jerry mit dem Kontrabass. Die beiden arbeitslosen Musiker wurden zufällig Zeuge eines Mafia-Massakers und sollen deshalb als unliebsame Mitwisser beseitigt werden.

Rettung verspricht eine Damenkapelle. Deren strenge Chefin Sweet Sue sucht für das Gastspiel in Florida händeringend Saxofonistin und Bassistin. Mit Fummel, Perücke und viel Schminke verwandeln sich Joe und Jerry in Josephine und Daphne, machen schnell gute Bekanntschaften in der Girl Group, vor allem mit der bezaubernden Sängerin Sugar Kane. Gemeinsam geht es per Nachtzug nach Miami Beach, wo die Sonne scheint und alternde Millionäre nach jungen Damen Ausschau halten…

Aber warum erzähle ich Ihnen das alles, Sie kennen die Geschichte ja ohnehin. Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ aus dem Jahr 1959 mit Tony Curtis, Jack Lemmon und Marilyn Monroe gilt als beste amerikanische Filmkomödie aller Zeiten. Eine geniale Persiflage auf Gangsterfilme und Herz-Schmerz-Kino.


Musical nach dem berühmten Film


Auf der Basis dieses Kassenschlagers entwickelte der Autor Peter Stone eine Musical-Adaption. „Sugar“ feierte mit der Musik von Jule Styne und den Gesangstexten von Bob Merril 1972 erfolgreiche Uraufführung am Broadway. Klaus Seiffert inszenierte das Musical 2016 am Staatstheater Cottbus. Dieter Hallervorden bat ihn, das Stück auch an seinem Schlosspark Theater zu realisieren. Dafür entwickelte man eine Fassung mit kleinerer Besetzung und Arrangements für acht Musiker, die aus dem Off eingespielt werden.

Bloß nichts kopieren, lautet die Devise. Bloß nicht Sehnsucht nach dem Schwarzweiß-Film wecken. Für das Musical wurde zum Beispiel der ganze Anfang neu geschrieben. So geht einiges verloren vom Zeitgeist, vom Lebensgefühl der Roaring Twenties unter der Prohibition. Die Musik klingt arg nach Broadway-Konvention. Begeistern kann die „Sugar“-Inszenierung dagegen als Verkleidungskomödie. Arne Stephan als Joe bzw. Josephine, der immer wieder aus dem Kostüm schlüpft und als vermeintlicher Millionenerbe der nichts ahnenden Sugar den Hof macht, läuft ebenso zu Hochform auf wie Lukas Benjamin Engel, der als Daphne vom wirklich reichen Osgood Fielding III einen Heiratsantrag erhält. Ralph Morgenstern haut in der Rolle des Verehrers sein komödiantisches Können heraus.

Johanna Spantzel als Sugar ist weniger die Sexbombe, sondern verkörpert den verträumten Filmfan, das Mädchen vom Lande, das die bislang unerfüllte Sehnsucht nach der großen, möglichst gut versorgten Liebe mit illegalen Drinks bekämpft. Wie der überwiegende Teil des Ensembles in verschiedenen Rollen in Rekordzeit die Klamotten wechselt, so bietet das variable Bühnenbild von Tom Grasshoff ständig neue Schauplätze.

Billy Wilders Film war in Deutschland einst erst ab 18 zugelassen. Es gab sogar ein Vorführverbot an Feiertagen. Kaum noch vorstellbar in diversen Zeiten. Sie seien Musiker:innen, verlautbaren Josephine und Daphne einmal mehrdeutig. Aber Anspielungen auf die Gegenwart bleiben Ausnahmen. Trotz der Verkleidung werden die männlichen und weiblichen Rollenbilder ja nicht angetastet. Die beiden Musiker erleben lange vor MeToo-Debatten am eigenen Leib (bzw. am gekniffenen Po), wie es dem „schwachen Geschlecht“ allzu oft ergeht. Zumindest im Schlosspark Theater nimmt man es mit Humor.

Schlosspark Theater, bis 16. Oktober. Hier geht's zu den Karten.

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2. Chamäleon Theater - Akrobatische Selbstfindung

Wundersames Gesamtkunstwerk: „The Mirror“ von GOM im Chamäleon © Andy Phillipson
Wundersames Gesamtkunstwerk: „The Mirror“ von GOM im Chamäleon © Andy Phillipson

Vor dem noch geschlossenen roten Vorhang steht einsam ein Ghetto-Blaster, wenn diese Bezeichnung noch politisch korrekt ist. Jedenfalls ein altmodisches Musikabspielgerät, mit Kassettenfach und einer langen Antenne für den Rundfunkempfang. Und so wie man einst per Regler die Sender gefunden hat, so unterschiedlich und scheinbar zufällig wechseln sich fortan Bilder und Klänge auf der Bühne ab. Durch Ziehen von Zwischenvorhängen werden Szenen gelöscht, verfremdet oder neu erschaffen. Skulpturen werden verdrängt von menschlichen Pyramiden, Statik wechselt mit atemberaubender Bewegung, Blitze mit Dämmerlicht, Erotik mit Komik, Slapstick mit Tragik. Man ist irritiert. Und schaut deshalb noch genauer hin.

Gravity & Other Myths, kurz GOM, die weltweit gefeierte Zirkuskompanie aus dem australischen Adelaide, ist zurück in Berlin. Im Chamäleon Theater, hierzulande das wichtigste Haus für Neuen Zirkus, der sich bekanntlich als Kunstform begreift. Hier in den Hackeschen Höfen feiert GOM nun Welturaufführung der neuen Produktion „The Mirror“. Das Chamäleon fungiert als Koproduzent. Ein Wagnis, sollte das Publikum von der reinen Vergnügungssucht angetrieben sein. Und deswegen zugleich ein künstlerisches Statement. Denn es geht nicht zuletzt um die Frage, was der moderne Mensch unterhaltsam findet.

Während eines Jahres im australischen Lockdown entwickeltet die Zirkus- und Bewegungstheaterkompanie um den künstlerischen Leiter Darcy Grant ein Gesamtkunstwerk, das die Grenzen zwischen Zirkus und Performance, zwischen Theater und Tanz, Konzert und Bildender Kunst, Philosophie und Entertainment schlichtweg ignoriert. So mancher optischer Effekt weckt Erinnerungen. An die griechische Tragödie, an christliche Ikonografie, an Pop-Shows und David Copperfields Zauberei, aber auch an Berliner Theaterbühnen, ob Sasha Waltz, Castorfs Volksbühne oder die Ästhetik von Marthaler, wenn der großartige Sänger und Komponist Ekrem Eli Phoenix in Feinripp-Unterwäsche agiert. Dazu gibt es akrobatische Höchstleistungen, scheinbar gegen alle Gesetze der Schwerkraft, aber nie sensationsheischend, fast beiläufig dargeboten.


Die Kunst des Schwächezeigens


Leuchtstäbe, Strahler, Videos erzeugen einen Spiegel. Es geht darum, wie wir uns selbst sehen, als Idealbild oder Erscheinung mit Schattenseiten, selbstsicher oder mit Schwächen. Schwäche zeigen, auch das ist eine Kunst, die GOM zelebriert. Neben all den körperlichen Höchstleistungen natürlich, die etwa Dylan Phillips bietet, dessen biegsamer Körper aus Gummi bestehen muss.

„The Mirror“ zählt zweifelsohne zu den bislang innovativsten Shows im Chamäleon. Dort präsentiert GOM als „Company in Residence“ einen dreiteiligen Produktionszyklus. Der „Mirror“-Uraufführung folgt im November erst eine Wiederaufnahme des Publikumsrenners „Out Of Chaos“ (siehe Blog 311 vom 14. Oktober 2019). „A Simple Space“, der mehrfach preisgekrönte Erstling der Truppe, eröffnet im Januar die Gastspielreihe „Play“.

 

Chamäleon Theate, bis 30. Oktober. Hier geht's zu den Karten.


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3. Gemäldegalerie - Besuch aus der Renaissance

Tanzende kleine Geister: Donatellos Werke in der Wandelhalle der Gemäldegalerie © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
Tanzende kleine Geister: Donatellos Werke in der Wandelhalle der Gemäldegalerie © Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Immer in Bewegung scheinen die Figuren des Donato di Niccoló di Betto Bardi, genannt Donatello (um 1386 – 1466) zu sein. Und das, obwohl sie aus Marmor, Ton, Terrakotta oder Bronze gefertigt wurden. Der Florentiner Bildhauer war ein Meister lebendig scheinender Statuen. Und damit seiner Zeit weit voraus. Steht man in der Berliner Gemäldegalerie etwa vor der monumentalen Skulptur des berühmten Marmor-David, so glaubt man, der biblische Held würde im nächsten Moment zu einem sprechen. Die „spiritelli“ wiederum, die kleinen geflügelten Geister von der Außenkanzel des Doms von Prato, sie scheinen tatsächlich zu laufen, tanzen und singen. Was Einzelfiguren auszeichnet, gilt erst recht für Gruppenszenen, die teilweise großes Theater liefern. Eine unglaubliche Dramatik in den einzelnen Gesichtern zeichnet Reliefs wie das „Eselswunder“ oder die „Beweinung Christi“ aus.

Die Sonderausstellung „Donatello. Erfinder der Renaissance“ ist Ergebnis und Höhepunkt einer zehnjährigen Forschungsarbeit und bislang einmalig in diesen Dimensionen. Zustande gekommen ist die in Berlin von Neville Rowley kuratierte Schau durch eine einmalige internationale Kooperation der Staatlichen Museen zu Berlin mit dem Palazzo Strozzi und den Musei des Bargello in Florenz sowie dem Victoria & Albert Museum in London. So versammeln sich nun rund 90 Arbeiten in der weitläufigen Wandelhalle der Gemäldegalerie, darunter viele Hauptwerke Donatellos, die zuvor noch nie zusammen ausgestellt wurden, teilweise Italien noch nie verlassen haben.

Es ist die erste Ausstellung über Donatello überhaupt in Deutschland! Das erstaunt, gerade die Skulpturensammlung im Bode-Museum verfügt weltweit mit über die größten Bestände. Als Berliner Museumsbesucher trifft man deshalb alte Bekannte wieder. Skulpturen aus Berliner Sammlungen und herausragende Leihgaben treten in Dialog mit Bildern aus der Gemäldegalerie von Donatellos Zeitgenossen wie Masaccio, Lippi oder Mantegna. Werke aus Antikensammlung, Kupferstichkabinett und Skulpturensammlung schlagen zusätzlich Brücken zwischen den künstlerischen Genres. Erzählt wird auf diese Weise nichts weniger als eine Geschichte der Frührenaissance.


Seiner Zeit weit voraus


Donatello war ein Vorreiter auf vielen Gebieten. Der gelernte Goldschmied experimentierte mit Materialien, die seit der Antike keine Verwendung mehr gefunden hatten. Durch die Freundschaft zum Architekten Filippo Brunelleschi wurde der Bildhauer mit Linien und Fluchtpunkten der Perspektive vertraut. So entstanden seine revolutionären Flachreliefs, in denen man in die Ferne zu blicken glaubt, wie bei der berühmten Berliner Pazzi-Madonna. Maria mit dem Kind, ein Verkaufsschlager Donatellos, erscheint weniger als Gottesmutter, sondern als besorgte Frau, die den frühen Tod ihres Sohnes schon ahnt.

Die Gefühlswelten erscheinen unglaublich zeitgemäß. Verstärkt wird der individuelle Eindruck nicht zuletzt dadurch, dass viele Statuen vom hohen Sockel geholt wurden und nun auf Augenhöhe zu betrachten sind. Zu den Blickfängen gehört auch der große bronzene Pferdekopf, Teil eines unvollendeten gigantischen Reiterdenkmals. Vieles, was Donatello in späten Jahren anging, blieb unfertig, gleichzeitig steigerte der Künstler das Pathos in seinen Werken. Die Tragödie wurde offenbar Teil des eigenen Lebens.

 

Gemäldegalerie, bis 8. Januar 2023, https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/donatello/

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