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Kulturvolk Blog Nr. 407

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

12. September 2022

HEUTE: 1. „Die Bettwurst – das Musical!“ – Bar jeder Vernunft / 2. „Die Deutschlehrerin“ – Kleines Theater / 3. „Der Sturm“ – Deutsches Theater, Kammerspiele

1. Bar jeder Vernunft - Grelle Frivolität, süß schwelende Sehnsucht

Die Bettwurst © Barba Braun/ Bar jeder Vernunft
Die Bettwurst © Barba Braun/ Bar jeder Vernunft

Bunter Hut tut gut, diesmal noch mit turmhoher Spitze wie eine Zuckertüte, dazu wallende Pelerine übersät mit Blümchen. Das ist – selbst im achtzigsten Lebensjahr eines Paradiesvogels – zum Premierenfeier-Auftritt würdig. Rosa von Praunheim, umstrittener Tabubrecher, Uropa der Schwulenbewegung, wackerer LGBTQ-Aktivist und notorischer Filmemacher (demnächst „Rex Gildo. Der letzte Tanz“) – also Rosa ließ es jetzt nochmal herzig krachen mit einem Aufguss seines schamlos die Verspießerung der sexuellen Revolte aufblasenden Films „Die Bettwurst“ von 1971. Heute ein Oldie (oder früher Klassiker) des alles ironisierenden „Camp“. 


Das etwas ungleiche Liebespaar


Nun jedoch kommt die alte, aber immergrüne Herz-Schmerz-Kinogeschichte zwischen Luzi, einer handfesten ältlichen Schreibkraft der Kieler Gerichtsmedizin, und dem knackigen Burschen Dietmar aus Mannheim, der „als Tunte in Berlin“ zwar ungute, aber trotzdem herrliche Erfahrungen machte, nun kommt diese eher problematische Zuwendung der beiden nach Vertrauen, Schutz, Liebe (und Sex) dürstenden Einsamkeiten als Musical ins Spiegelzelt. Wo sich am Büchertisch, nebenbei bemerkt, Praunheims frisch verfasstes Buch „Hasipupsiloch“ stapelt. 

Also „das“ Musical mit schmissiger Band, mit immerhin 27 witzig getexteten, schlagerhaften Liedern. Und mit köstlichen, von einem chorisch singenden Tanz-Trio kunterbunt gerahmten Slapstick-Spielchen zwischendurch (Buch und Regie: Rosa von Praunheim; Musik: Heiner Bomhard).


Himmlische Glückseligkeit 


Das alles ist selbstredend vor Kitsch kreischendes Camp. Eine grelle flotte Frivolität mit süßer Sentimentalität, die dennoch das Rührselige nicht kalt beiseite wischt. Doch die dauerhaft schwelende Sehnsucht nach trauter Innigkeit findet leider erst über den Wolken im Himmel bei Onkel Gott „mit Bart oben und unten“ sowie entzückenden Engeln ihre happyendliche Erfüllung.
Das alles ist erquicklich machbar allein mit den beiden Allstars: Der großartigen, stimmlich wuchtigen, leiblich ausladenden Anna Mateur als Luzi (Berühmte Häuser bitte buchen!), sowie dem schlanken, ranken komödiantischen Schlaks Heiner Bomhard als Dietmar; gern im knappen Tiger-print-Höschen.
Diese tollen, stimmlich wie beweglich saustarken Komödianten ertüchtigen freilich das kleine Stück erst wirklich fürs griffige Entertainment. Und alle feiern zum Schluss die Bettwurst als orthopädisch nützliche, prall gestopfte Nackenrolle, als phallischen Traum, als Sinnbild einer alles Hemmende hinweg lachenden freien Liebe. ‑ Bettwürste für alle! 

Hinweis für Fans und Neugierige: Der Film von 1971 ist auf youtube zu sehen. Rosas tolle biografische Revue „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ im Deutschen Theater 2018 gibt’s als Kritik im Kulturvolk-Blog Nr. 243 vom 5. Februar 2018.

Bar jeder Vernunft: Noch bis zum 2. Oktober. Hier geht’s zu den Karten.

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2. Kleines Theater - Zimmerschlacht auf leisen Sohlen

"Die Deutschlehrerin" - Birge Schade und Markus Gertken © Joern Hartmann

Sechzehn Jahre waren Mathilda und Xaver ein Paar; das will was heißen. Im gegebenen Fall: Eine vornehmlich aufs Geistige orientierte Übereinstimmung. Beide sind sonderlich fantasiebegabt, erfinden lustvoll fremde Lebensverläufe und Lebenswelten, sind literarisch bewandert, lieben das Fabulieren und Formulieren – zwei kultivierte Feingeister mit einschlägigen Berufen. Sie ist eine beliebte, erfolgreiche Deutschlehrerin; er Schriftsteller mit deutlich weniger Erfolg und Einkommen (sie finanziert den gemeinsamen Haushalt).


Der scharfe Schnitt


Doch dann reißt der Knoten: Xaver gelingt der große Wurf; er landet einen Bestseller, an dem wiederum Mathilda wesentlichen Anteil hat. Denn sie war es, die seinem Erfolgsroman das Gerüst, die psychologischen Zuspitzungen und dramatischen Wendungen herbei fantasierte. Und jetzt der scharfe Schnitt in der Geschichte dieser offensichtlich besonders im Kreativen segensreichen Partnerschaft: Xaver, nunmehr Star-Autor, verlässt Knall auf Fall ohne Abschied Mathilda, um sein Leben fortan mit einer selbstredend jüngeren Frau aus – auch das noch – prominenter, bestsituierter Familie zu teilen. Nach sechzehn Jahren.

Das alles klingt wie eine saftige Story aus dem Reich der bunten Blätter. Und ist doch, ja schon, aus des Lebens Fülle gegriffen. Der unversehens umschwärmte Gockel bricht auf zu verlockend neuen Ufern ohne Rücksicht auf Verluste. Zurück bleibt die Verletzte, die mit der Wunde zurechtkommen muss, was ihr sogar leidlich gelingt. Ein populäres Sujet mit reichlich Identifikationspotenzial. Nicht nur für Frauen. 


Virtuos komponiertes Kammerspiel 


Davon erzählt Judith W. Taschler in ihrem preisgekrönten, in bereits vierter Auflage erschienenen Roman „Die Deutschlehrerin“. Doch die österreichische Autorin, Jahrgang 1970, erzählt natürlich noch sehr viel mehr, indem sie dem schmerzvollen Abbruch einen Aufbruch gegenüberstellt, der unerfüllt bleibt, der elend endet und schließlich frappant in einen Kriminalfall mündet. Das Ganze gleicht einem durchaus virtuos komponierten Kammerspiel, einer als Zwiegespräch geführten Lebensbeichte von Mathilda und Xaver. Zwei eigentlich füreinander Bestimmte verpassen sich und folgen gegensätzlichen Lebensplänen, was tragisch endet. Aus dem Banalen, Alltäglichen erwächst Katastrophales. Es geht um Liebe, Verrat, Einsamkeit, Tod – ums menschlich allzu Menschliche. Man kennt es und ist dennoch stets aufs Neue bestürzt. 


Psychologisch ziseliert 


Fürs intime Haus am Südwestkorso, das sonderlich reuissiert mit der Dramatisierung zeitgenössischer Literatur, hat Thomas Krauß geschickt eine Bühnenfassung erstellt, die mit jeder noch so überraschenden Wendung der quasi parallel aufgeblätterten Geschichten die Spannung ins nahezu Unheimliche steigert. Birge Schade und Markus Gertgen liefern ein eloquentes, dabei psycholgisch fein ziseliertes Spiel, inszeniert von Karin Bares, der erfahrenen Hausherrin und Regisseurin. Ein zunächst amüsant anfangendes, dann zunehmend beklemmendes, bitteres und böses Stück im engsten Raum. Am Südwestkorso heißt das: im kleinen Format. Oder anders: Eine auf leisen Sohlen ausgetragene Zimmerschlacht. Starker Beifall. 

Kleines Theater am Südwestkorso: 24. September, 20 Uhr; 25. September, 18 Uhr, 15. und 20. Oktober, 20 Uhr, 16. Oktober, 16 Uhr. Hier geht’s zu den Karten.

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3. Deutsches Theater - Kein starker Sturm. Nur laue Lüftchen

"Der Sturm" © Bregenzer Festspiele, Karl Forster

Die Bühne (Stéphane Laimé) – schon wieder mal – öd und leer. Dann schlurft da ein ältlich abgewrackter Kerl herbei. Kaum zu glauben, es ist Prospero (Wolfram Koch), einst herzogliche Macht, dann von neidisch gieriger Feindschaft gewaltsam verbannt auf dies elende Eiland inmitten vom Meer, wo er nun – dank Shakespeare – herrschen darf. Fantastisch ausgestattet mit zauberischen Kräften nebst einem Bücherschatz, den Jan Bosse, der Regisseur, erstaunlicherweise niemals zeigt. Stattdessen tobt ein Sturm, wirft Schiffbrüchige an Land und aus dem Bühnenhimmel ein Wirrwarr aus Seilen. 

Das Strandgut sind Prosperos alte gegnerischen Seilschaften, die nichts als böses Chaos stiften unter sich wie unter den eingesessenen Insulanern – dem halbtierischen Caliban (Julia Windischbauer), dem trickreichen Luftgeist Ariel (Lorena Handschin) sowie Miranda, Prosperos Töchterlein (Linn Reusse). 


Mit Gruß vom Ballermann


Shakespeare
entfesselt im „Sturm“, diesem vertrackt-verrückten Rätselspiel von 1611, ein Menschen-Märchen-Welttheater voll von blutigem Dampf und drastischer Komik, von Bitterkeit und Melancholie, das schließlich ein aristokratisch weltweiser alter Herr in anrührend humane Ordnung führt. Doch diese Utopie, das Versöhnende, liebevoll Erlösende, das klappt halt höchstens mit Zauberei – der kriegerisch verrückten Welt ist sonst nicht zu helfen. Eigentlich eine Tragödie. Ein schlimm-schöner Traum. Da denkt am Ende Prospero nur noch an sein Grab. 

Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier“, singt mit betörend rauchiger Stimme der Luftgeist Ariel. Doch Teuflisches, Himmlisches, Höllisches, das findet hier gerade nicht statt. Keine Gefühle, kein Kampf und Krampf, kein Macht- oder Ohnmachtsspiel. Bloß kabarettistischer Mummenschanz und akrobatische Turnerei im Gestrick der Seile. Die abgründigen Scherze des Dichters unentwegt ungespielt samt deren höherer Bedeutung. Dafür angestrengt ballermannmäßige, auch unverständliche Blödelei. Und Jakob Noltes neckische Eindeutschung. Eine Art Linearübersetzung des Sprachkunstwerks mit auf Dauer albern kleinkindlicher Wirkung: „Tust du lieben mich?“ 


Deutsches Theater, Kammerspiele: 17., 25. September. Hier geht’s zu den Karten.


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EXTRA TIPP NEUKÖLLNER OPER:

Wiederaufnahme nach langer Pause: "Iron Curtain Man. Eine letzte Show für Dean Reed, den Elvis der DDR"– knallig, komisch, kurios, traurig. (Siehe Blog Nr. 341 vom 20. September 2020).

Neuköllner Oper: 15. - 18. September. Hier geht’s zu den Karten.

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