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Kulturvolk Blog Nr. 341

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

21. September 2020

HEUTE: 1. „Iron Curtain Man“ – Neuköllner Oper / 2. Richard Wagners „Pilgerfahrt zu Beethoven“ – Erlöserkirche Rummelsburg / 3. Backstage Valery Tscheplanowa ‑ Akademie der Künste

 

1. Neuköllner Oper: - Erst Politics, dann Sex

Iron Curtain Man © Vincent Stefan
Iron Curtain Man © Vincent Stefan

Er hatte den geilen Blick, den geilen Hüftschwung, die zum Kampf geballte Faust, die Gitarre und seine revolutionär röhrende Stimme. Damit rockte er die Mädels, das Politbüro und die halbe DDR dazu: Dean Reed, der Cowboy aus Denver, Colorado.

 

Wie das: Ein US-Amerikaner in den 1970/80er Jahren als Polit-Star diesseits der Mauer hinterm eisernen Vorhang? Mit mehr Platten als Manfred Krug??

 

Der wilde Kerl aus Western-Land, sozialisiert durch Vietnam, durch Chile, Freund von Fidel, Allende, Che, war ein glühender Aktionist, der schon mal eine US-Flagge vom „Schmutz des Imperialismus“ rein wusch. Er glaubte an Gerechtigkeit, Völkerfreundschaft, Weltfrieden. Und diese Trias bestimmte den Inhalt seiner Songs, Lieder und Balladen, deren agitatorischer Grundton glaubhaft wurde vor allem durchs mitreißende Temperament des Sängers, seinen virilen Charme, seine Aura.

 

Den vornehmen, eher dissidentisch gefärbten Intellektuellen war der einst in Hollywood gescheiterte Schönling eher ein politischer Einfaltspinsel, der die Realitäten verklärte und sich als Opportunist vereinnahmen ließ. Für Privilegien, für freies Reisen zwischen Ost und West und zurück. Für beträchtliche Einnahmen eben als „roter Elvis“, als heißer Superstar und gellende Trompete für „Frieden und Sozialismus“. Und obendrein als Schauspieler und Regisseur beim Defa-Film.

 

Dieser umtriebige Sonnyboy – „der Kommunismus kann auch singen“ ‑ sorgte im sozialistischen Agit-Prop-Showgeschäft wie überhaupt im sozialistischen Unterhaltungsbetrieb mit frischem Wind nebst einer Portion Poesie für die richtigen Botschaften und noch dazu für gute Laune im Land von Egon Krenz und Erich Honecker.

 

Doch der schillernde Kampfgenosse mit Western-Hut und Levis-Jeans (in der DDR zwei Mal verheiratet sowie Vater mehrere Kinder), dieser scharfe Hecht („erst sex, dann politics“) hatte auch seine sensiblen, seine dunklen Seiten, in denen insgeheim die Zweifel keimten am reinen Rot Und weiter wuchsen mit dem Erscheinen Gorbatschows, mit Glasnost und Perestroika. Das ging so weit, dass er die DDR als faschistoid brandmarkte, natürlich nicht öffentlich. Eine Schaffens- und Glaubenskrise wucherte, trieb ihn schließlich 1986 in den Selbstmord im Zeuthener See. Sein Anklage-Abschiedsbrief ans SED-Zentralkomitee blieb freilich unter Verschluss, kam erst nach 1990 ans Licht. „Freiheit für alle! ‑ Ich werde euch fehlen!“, so sein Ruf aus dem Grab.

 

Diese Geschichte eines begabten Burschen aus der Provinz, der es aus dem Pferdesattel in den Stardust schafft, der einen enormen Emanzipationsprozess durchsteht und um die Welt kommt, dieses spektakuläre Künstlerleben zeichnet ‑ in groben Zügen, doch mit viel Feingefühl – die wieder sensationell innovative Neuköllner Oper nach. In ihrer frech unterhaltsamen, dabei klugen, sehr nachdenklich stimmenden Reed-Revue mit dem trefflichen Titel „Iron Curtain Man“.

 

Texter Lars Werner und Regisseur Fabian Gerhardt haben das Drama ihres gebrochenen Helden, den Ideale befeuern und Realitäten kaputt machen, mit Charme, Witz und, ja schon, mit heiligem Ernst auf die neuralgischen Punkte gebracht – mit nicht nur ohrwurmhaften, sondern auch dramatischen Musiken von Claas Krause und Christopher Verworner, wobei Krause auch die formidable Band führt.

 

Und hier die Blumen für das zwischen Satire, Kabarett, nüchterner Ansage und Show gekonnt hin und her wechselnde, chorisch oder solistisch singende, spielende, tanzende Ensemble: Frédèric Brossier, Raphael Dwinger, Sophia Euskirchen, Franziska Junge, Claudia Renner, Meik von Severen. 

 

(wieder 23.-26., 29., 30. September) 

 

*** 

 

2. Erlöserkirche: - Was Wagner Beethoven zum Geburtstag in den Mund legte

Ludwig van Beethoven © Porträt von Joseph Karl Stieler
Ludwig van Beethoven © Porträt von Joseph Karl Stieler

Er war Mitte zwanzig, nahezu unbekannt und hatte – wie so oft auch in seinem späteren Leben – kein Geld. Dieser junge Mensch namens Richard Wagner verehrte den berühmten Ludwig van Beethoven. Also schrieb er, Anlass war dessen 50. Geburtstag, eine so fantasievolle wie bekenntnishafte Huldigung. Eine französische Musikzeitschrift; druckte sie 1840 unter dem Titel: „Eine Pilgerfahrt zu Beethoven“.

 

Es ist eine traumhafte Geschichte wie Wagner, entflammt in Beethoven-Begeisterung, eine Reise nach Wien unternimmt zum angebeteten Genius. – Und: Es ist eine fiktive, eine höchst unterhaltsame, witzige Geschichte, verflochten mit nichts weniger als der drastischen Illumination einer neuen Dramaturgie sowie der deftigen Kritik am althergebrachten Betrieb der Oper („langweilig, unsinnig“), die Wagner dem Beethoven kühn in den Mund legte. – Übrigens, dass Wagner nicht nur im jugendlichen Feuer, sondern ein Leben lang ein inniger, ehrfürchtiger Bewunderer Beethovens blieb, zeigt sich auch daran, dass er immer wieder, zuletzt in seinem Bayreuther Festspielhaus, die „Neunte“ dirigierte.

 

Seinen Beitrag zum Beethoven-Jubiläum gibt der Berliner Theatermacher Hermann Beil durch die Lesung der Wagner-Novelle „Eine Pilgerfahrt zu Beethoven“ (Schott’s Neue Bilbliothek, bei Amazon) in der Rummelsburger Erlöserkirche. Dazu eine Auswahl Beethovenscher „Bagatellen“ mit Kirchenmusikdirektor Matthias Elger am Klavier.

 

Freitag, 25. September, 19.30 Uhr. Erlöserkirche Nöldnerstraße 43, 10317 Berlin. S-Bahn Rummelsburg. 

 

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3. Akademie der Künste - „Das Theater zielt allzu gern auf Twitterer“ – Valery Tscheplanowa

Valery Tscheplanowa © Just Loomis
Valery Tscheplanowa © Just Loomis

Es war ein Vormittag vor gut zwei Jahren, als wir uns trafen zu einem Gespräch. Am Bahnhof Friedrichstraße, gegenüber im Café vom Hotel „Melia“. Sie war schon da, thronte im Foyer und sah auffallend schick aus mit Hut, großer Brille und schneeweißem Schoßhündchen: die Schauspielerin Valery Tscheplanowa. Gut so, sie ist schließlich ‑ auch wenn sie das lässig abwehrt – ein Star.

 

Die neue Chefredakteurin der Fachzeitschrift „Theater der Zeit“, Dorte Lena Eilers, hat jetzt ein Gesprächsbuch mit ihr herausgebracht in der verlagseigenen Reihe „backstage“ (144 Seiten, 18 Euro). Sie wird es, zusammen mit dem AdK-Mitglied Tscheplanowa und der Schauspielerin Hanna Hilsdorf, in der Akademie am Pariser Platz dem Publikum präsentieren. Die Rede wird sein über das Ringen mit der Kunst und dem Betrieb. Und sicher über Tscheplanowas jüngste Arbeit an der Hamburger Staatsoper in Frank Castorfs spektakulären Ritt durch die musikalischen Genres und Epochen von Händel bis Weill „Molto Agitator“; Valery singt/spielt u.a. die Anna aus Weills „Sieben Todsünden“ – und alle Welt ist fasziniert.

 

„Backstage Tscheplanowa“, Buchpremiere von Theater der Zeit mit Valery Tscheplanowa, Dorte Lena Eilers, Hanna Hilsdorf. Am 22. September, 20 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz. Eintritt 8 Euro. 

 

 

„Fürs Theater ist sie ein Geschenk“ 

 

An dieser Stelle ergänzend zur Buchpremiere auszugsweise mein Text über die Begegnung mit Valery, damals vor zwei Jahren im Hotel Melia. 

 

Tscheplanowas Einstieg in die Engagements nach der Berliner „Busch“-Hochschule war gleich das Deutsche Theater und schlug ein wie, sagen wir, wie eine Bombe: Der Großmonolog der Ophelia aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ (Regie: Dimiter Gotscheff). – „Ich bin Ophelia, die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern…“ Was für ein Anfang!

 

Dann Schlag auf Schlag wie ein Feuerwerk: Schauspiel Frankfurt, Residenztheater München und Volksbühne und Berliner Ensemble und Salzburger Festspiele. Die Schauspielerin des Jahres 2017 (für ihr Gretchen und ihre Helena in Castorfs Volksbühnen-„Faust“ – zwei Rollen in sieben Stunden Spieldauer), die hat‘s auf Anhieb weit gebracht: große Regisseure, große Rollen, schöne Auszeichnungen – zuletzt den Ulrich-Wildgruber-Preis (immerhin 10.000 Euro).

 

Und vor einiger Zeit erst zwei sensationelle Rollen: die geschundene Sex-Schufterin Fantine in Castorfs Adaption von Hugos „Les Misérables“ im Berliner Ensemble. Und zu den Festspielen in Salzburg den Chor des persischen Ältestenrates in „Die Perser“ von Aischylos. Zwei gigantische Kraftakte für die zarte Blonde; privat gern damenhaft mit, wie gesagt, hohem Hut und – Gruß an Tschechow – flachem Hündchen.

 

 

„Ungeheurer Theaterinstinkt“

 

Freilich, der 1980 im sowjetischen Kasan geborenen Tochter einer Dolmetscherin und eines Mathematikers, die es als Schulkind mit Mama nach Nordwestdeutschland verschlug, attestiert Castorf „die geballte Kraft eines russischen T-34-Panzers sowie die zähe Disziplin einer Bolschoi-Ballerina“. Regie-Kollege Michael Thalheimer, der in Frankfurt mit Valery in der Titelrolle „Maria Stuart“ inszenierte, schwärmt von Willensstärke, „geradezu anspringender Intelligenz“, aber auch einem „ungeheuer theatralen Instinkt“. Zwar zweifle, grüble, diskutiere sie viel, was Geduld koste. Doch dann komme das Unerwartete, Urgewaltige. „Sie ist ein Geschenk für das Theater.“ Ulrich Rasche wiederum, der mit ihr als Franz Moor („ich spiele gern Männerrollen“) in München Schillers „Räuber“ einstudierte, staunte über das „dicke Buch“, das sie auf Proben schleppte.

 

„Ja, ich bastle für jedes Stück eine solche Schwarte. Da kommen alle meine Gedanken zur Sache rein; bis hin zu Tagebuchnotizen. ‑ Ich lerne zwar schnell Text, aber lese sehr langsam; weil: der Dichter ist erste Instanz.“ Dann müsse seine Sprache in ihren Körper, was ein langer Weg sei. Denn das Deutsch bloß „übernehmen“, das reiche nicht aus; da fehle die notwendige Selbstverständlichkeit, mit der die Bühnenfigur spricht. „Dann erst, als Drittes, kommt der Regisseur, der in eine-seine Richtung führt.“ Doch zuvor habe sie ja – auch im dicken Buch ‑ diverse „Schichten angelagert um ihre Rolle“. Das drauflos Spielen sei halt ihre Sache nicht. „Ich komme beladen“. Um auf den Proben diese Ladung produktiv zu machen. Für alle Beteiligte. Das sei spannend, aufregend, anstrengend. Theaterkunst entstehe im Diskurs, durch Reifung. „In einer Art kollektiver Gesinnung.“

 

 

„Der ideale Punkt zwischen Bauch und Kopf“

 

Es sei ein Glück, mit Regie-Altmeistern zu arbeiten. „Die sind weise, wissend, autonom – in jeder Beziehung.“ Tscheplanowa nennt Castorf, erinnert an Dimiter Gotscheff, an Jürgen Gosch. „Erst wird da drauflos geredet, dabei genau beobachtet, dann gespielt. Es geht ums Spontane, aber auch Durchdachte. Der richtige Regisseur findet bei jedem den idealen Punkt zwischen Bauch und Kopf und fängt ihn ein.“ So sei eine schöne Probenzeit: voller Vertrauen, Mut, Hingabe – mit einem, sagen wir, Schuss Patriotismus. „Offen gesagt, ich habe mich in letzter Zeit zu sehr ausgeliefert. Auch an inkonsequente Sachen, an falsche Regisseure.“

 

Mit 17 schmiss Valery die Schule, ging ab nach Dresden zu „Palucca“. Von dort nach Berlin zu „Busch“, Fach Puppenspiel, dort Wechsel ins Schauspiel. Neuanfänge immer wieder. Sie lebt jetzt in Charlottenburg und orientiert um auf Film.

 

Dabei lag ihr Film bislang eher nicht; sie sei in erster Linie Lieferantin von Text; alte Schule. Aber das Theater drehe sich gerade heftig ‑ wie unser Leben. Nämlich weg vom langsamen, geschützten Manufakturbetrieb, weg von Drama, Psychologie, Philosophie, Spiel. Hin zu Demonstration, Collage, Zitat, zu Tagesaktuellem, zum fix Fasslichen, leicht Verkäuflichen, Polyglotten. Wer lese noch dicke Bücher oder gar Verse – die neue schnelle Show ziele auf Twitterer. Ein Umbruch, der neue Verhältnisse baue, Ensembles abschaffe. „Das alles muss nicht schlecht sein. Es ist anders und nicht meins. Es wäre schön, wenn ohne Kriegerei sich der Platz fände für jede Art Theater. Und für mich.“

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