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Kulturvolk Blog Nr. 243

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

5. Februar 2018

HEUTE: 1. „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ – Kammerspiele des Deutschen Theaters / 2. TV-Theatertalk / 3. Zum 55. Theatertreffen im Mai: Superstar Valery Tscheplanowa in Castorfs „Faust“ – Haus der Berliner Festspiele

1. Deutsches Theater-Kammerspiele: - Ein Genie kratzt sich am Knie

 © Arno Declair
© Arno Declair

Einerseits passt es ja nicht ins Staatstheater: Diese Vergötterung männlicher Hintern, diese notorische Feier des Analverkehrs, diese unermüdliche Fixierung auf Penisse. Anderseits ist es menschlich. „Und alles Menschliche gehört unbedingt ins Theater“, sagt Rosa von Praunheim. Also auch die Show zu dessen 75. Geburtstag, die sich ungeniert lustvoll nicht nur um Rosas Sexualität dreht, sondern genau so heftig ums Politische.

 

Denn Praunheim versteht sich als politischer Aktivist und Aufklärer; sein Schlachtruf: Das Private ist immer auch politisch. Schon sein erster Film (von mehr als 70) „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) war ein Politikum. Ein Fanal zum Aufbruch, die Mauern aus Diskriminierung und Kriminalisierung endlich einzureißen. Damals eine Riesenprovokation, freilich mit drastischen, also gehörig Wirkung erzielenden Mitteln.

 

Doch Praunheim, eine Gründungsfigur der Schwulenbewegung, hatte nicht bloß Libertinage im Fokus, schwang nicht allein die Streitaxt. Er sang immer auch das betörende Hohelied der Liebe, erzählte eindringlich von der Sehnsucht nach dem Glücklichsein ‑ wie auch von des Lebens Leid und Schmerz. Also von lauter bühnentauglichen Sachen.

 

Deshalb in der Kammer des DT ein von ihm selbst gebasteltes Geburtstagsprogramm. Eine Revue aus Liedern unter dem Titel „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“. Der Titel umspielt Rosas im Düstern liegende Herkunft: Er kam 1943 in einem Rigaer Gefängnis zur Welt, doch seine Mutter gab ihn sofort weg. Also keine Oma, kein Opa, kein Papa. Aber eine wunderbare Ziehmutter, die liebevoll süffisant gesteht: „Ich habe zwei Weltkriege erlebt; Holger war der dritte.“

 

Holger nahm sich nach überstandener Pubertät die damals noch stigmatisierenden Farbe rosa zum Vornamen; Praunheim ist ein Vorort von Frankfurt/Main, wo er aufwuchs als ein verträumtes, rebellisches Kind. Ein Doppelt, das ihn lebenslang prägt. Das Aufrührerische, das Mutige machte ihn berühmt und berüchtigt, aber auch zum Avantgardisten sonderlich im Kino (immerhin brachte er es zum Professor einer Filmhochschule). Doch spielt auch hier immerzu sein sentimental-romantisches Wesen mit; sein unerschütterlicher Glaube an das Gute und Schöne. „Das Glück wird siegen in allen Kriegen.“ Rosa ist Propagandist und Poet – zuweilen bis hin zur Rührseligkeit, zum Kitsch. Eigentlich blieb er ein grandioser Dilettant.

 

Das Grandiose wäre: Mit nüchterner Klarsicht, Herzenswärme und Sinn fürs Aberwitzige allen Daseins stürzt jede seiner Produktionen vom höchst Befremdlichen ins Stinknormale. Er parodiert völlig frei von Scham das Verklemmte wie Exhibitionistische, das Biedermeierliche wie Affengeile und lästert sich in einem Atemzug rauf ins Philosophische und wieder runter ins Plappern. Er bezaubert, verstört, ist pathetisch und herzig. Kleine Kostprobe: „Der Zukunft werden wir trotzen, auch wenn wir danach kotzen.“ So etwa.

 

Und so ist auch seine kindlich-kindische, herrlich verrückte 75er Revue im Theater; Regie/Text von Rosa selbst, diesem Politnik, dieser Blödelkönigin mit dem albernen Hütchen. Da wird mit Liedern, den frechen Klassikern wie „Kleiner Penis“, „Sex After Death“ oder „Analverkehr“ („die Prostata singt und tanzt“), wird mit Schnipseln aus kultigen TV-Sendungen (Lotti Huber, Inge Meysel) und mit Sketchen das nicht nur schillernd Biographische aufgeblättert. Und darin Allgemeines aufgepickt. Im Quatsch blitzt der Ernst; in der Travestie das Pathos, im Kichern tropfen echte Tränen – über zerbrochenes Glück, verlorene Freunde, über Aids-Tote. Und über die vielen Verfolgten ‑ von den Nazis damals und denen von heute.

 

Meine Frechheit: Jetzt erst die beiden Show-Boys in den Himmel zu jubeln. Zuerst das sensationelle neue DT-Ensemblemitglied Bozidar Kocevski. Was für ein Komödiant! Was für ein sexy Bursche! Was für ein durchtriebener Schalk und tieftrauriger Mann. Eine clowneske Rampensau und glamouröse Trash-Queen. Ein Hamlet und ein Baal. Ein viriler Verführer und verlassen Verführter. Ein Verzauberer, Liebender, Wütender. Und fein trällern kann er auch. Dazu Heinar Bomhard am Klavier. Oder mit Akkordeon, Ukuele, sonstwas und mit Spiellaune. Ein Musiker und zugleich sarkastischer Kommentator, überhaupt ein prima Theatertier. Was für ein Super-Doppel für Rosa von Praunheims spätes Debüt als Staatstheater-Showmaster. Gratulation und Blümchen für alle drei.

 

Doch das Schlusswort gehört selbstredend dem Jubilar mit dessen Frage: „Warum wird einer Genie, ein anderer aber kratzt sich am Knie?“ – Tja, das ewige Warum.

(wieder am 15. Februar, 14., 28. März)

2. TV-Rederei über Theater


Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die „Montagskultur unterwegs“ (42. Ausgabe) aus dem Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (Eingang Ehrenbergstraße); nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße. Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Franziska Werner, Künstlerische Leiterin der Sophiensaele. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Kinder des Paradieses“ nach dem Film von Jacqes Prévert und Marcel Carné (Berliner Ensemble), „Carmen“ von George Bizet (Deutsche Oper), „Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain (Komödie am Kurfürstendamm). Später auch im Netz auf YouTube.

3. Valery Tscheplanowa: - designierte Königin des bevorstehenden Theatertreffens


Mit drei Produktionen ist Berlin dabei beim diesjährigen Theatertreffen (4.-21. Mai; der Spielplan erscheint am 6. April, ab 21. April Kartenverkauf): Erstens, die Schaubühne mit „Rückkehr nach Reims“ (mit Nina Hoss; Regie: Thomas Ostermeier), zweitens das „Nationaltheater Reinickendorf“ von Vegard Vinge und Ida Müller und schließlich die Castorf-Volksbühne mit „Faust“ nach Goethe/Zola und Valery Tscheplanowa in den drei weiblichen Hauptrollen als Margarethe/Helena/Nana. Die Lotto-Stiftung hat extra eine halbe Million Euro locker gemacht, damit diese Inszenierung im Festspielhaus gezeigt werden kann, denn Diva Castorf schlug hochmütig die Einladung von Chris Dercon aus, sie am originalen Produktionsort zu spielen, was nun teuer zu Buche schlägt. Die dem neuen Spielort anzupassenden Kulissen lagern in einem Depot. Hoffentlich tut dies auch die opulente Ausstattung von Vinge/Müller, damit sie nicht neu gefertigt werden muss für die Wiedereinrichtung ihres „Nationaltheaters“ in einer leer stehenden Reinickendorfer Gewerbehalle.

 

Dass der Castorf-„Faust“ zum Theatertreffen kommen wird, pfiffen die Spatzen längst von allen Dächern, da passt es, dass wir kürzlich die Tscheplanowa im Berliner Hotel Melia trafen, bevor sie ihre Tasche packte für einen Sprung nach Hamburg, wo die Schauspielerin des Jahres 2017 einen schönen Preis nebst 10.000 Euro erhielt.

 

„Der Dichter ist für mich erste Instanz“

Pause. Keine kleine Luftschnapp-Pause, sondern – oho! ‑ eine richtig große Auszeit nimmt sich Valery Tscheplanowa. Vom Theater; nach zwölf Jahren Festengagements an ersten Häusern: Deutsches Theater Berlin (als Absolventin der Busch-Hochschule), dann Schauspiel Frankfurt, dann Residenztheater München. ‑ Die Schauspielerin des Jahres 2017 hat‘s auf Anhieb weit gebracht: große Regisseure, große Rollen, feine Auszeichnungen – jetzt erst den Ulrich-Wildgruber-Preis.

 

Und zuletzt noch zwei sensationelle Rollen: Margarethe/Helena/Nana in Castorfs „Faust“-Revue nach Goethe/Zola, die finale Volksbühnen-Produktion der Ära Frank Castorf; anschließend die geschundene Sex-Schufterin Fantine in Castorfs Adaption von Hugos „Les Misérables“ im Berliner Ensemble. Spieldauer jeweils rund sieben Stunden. Zwei gigantische Kraftakte für die zarte Blonde; privat gern damenhaft mit hohem Hut und – Gruß an Tschechow – flachem Hündchen. Nun sei sie rein körperlich ein „bisschen kaputt“.

 

Freilich, der 1980 im sowjetischen Kasan geborenen Tochter einer Dolmetscherin und eines Mathematikers, die es als Schulkind mit Mama nach Nordwestdeutschland verschlug, attestiert Castorf „die geballte Kraft eines russischen T-34-Panzers sowie die zähe Disziplin einer Bolschoi-Ballerina“. Regie-Kollege Michael Thalheimer, der in Frankfurt mit Valery in der Titelrolle „Maria Stuart“ inszenierte, schwärmt von Willensstärke, „geradezu anspringender Intelligenz“, aber auch einem „ungeheuer theatralen Instinkt“. Zwar zweifle, grüble, diskutiere sie viel, was Geduld koste. Doch dann komme das Unerwartete, Urgewaltige. „Sie ist ein Geschenk für das Theater.“ Ulrich Rasche wiederum, der mit ihr als Franz Moor („ich spiele gern Männerrollen“) in München Schillers „Räuber“ einstudierte, staunte über das „dicke Buch“, das sie auf Proben schleppte.

 

„Ja, ich bastle für jedes Stück eine solche Schwarte. Da kommen alle meine Gedanken zur Sache rein; bis hin zu Tagebuchnotizen. ‑ Ich lerne zwar schnell Text, aber lese ihn sehr langsam; weil: der Dichter ist erste Instanz.“ Dann müsse seine Sprache in ihren Körper, was ein langer Weg sei. Denn das Deutsch bloß „übernehmen“, das reiche nicht aus; da fehle die notwendige Selbstverständlichkeit, mit der die Bühnenfigur spricht. „Dann erst, als Drittes, kommt der Regisseur, der in eine-seine Richtung führt.“ Doch zuvor habe sie ja – auch im dicken Buch ‑ diverse „Schichten angelagert um ihre Rolle“. Das drauflos Spielen sei halt ihre Sache nicht. „Ich komme beladen“. Um auf den Proben diese Ladung produktiv zu machen. Für alle Beteiligte. Das sei spannend, aufregend, anstrengend. Theaterkunst entstehe im Diskurs, durch Reifung. „In einer Art kollektiver Gesinnung.“

 

Es sei ein Glück, mit Regie-Altmeistern zu arbeiten. „Die sind weise, wissend, autonom – in jeder Beziehung.“ Tscheplanowa nennt Castorf, erinnert an Dimiter Gotscheff, Jürgen Gosch. „Erst wird da drauflos geredet, dabei genau beobachtet, dann gespielt. Es geht ums Spontane, aber auch Durchdachte. Der richtige Regisseur findet bei jedem den idealen Punkt zwischen Bauch und Kopf und fängt ihn ein.“ So sei eine schöne Probenzeit: voller Vertrauen, Mut, Hingabe – mit einem, sagen wir, Schuss Patriotismus. „Offen gesagt, ich habe mich in letzter Zeit zu sehr ausgeliefert. Auch an inkonsequente Sachen, an falsche Regisseure.“

 

Deshalb Pause. Kein einfach Weitermachen, denn ein „einfach“ kann Valery nicht. Schon früher nicht. Da hieß es nicht Pause, sondern Abbruch: Mit 17 die Schule geschmissen, ab nach Dresden, Palucca-Schule. Von dort nach Berlin, „Busch“-Schule, Fach Puppenspiel, dann Wechsel ins Schauspiel. Neuanfänge mithin schon immer, wie jetzt wieder: „Ich orientiere um auf Film!“

 

Dabei lag ihr Film bislang eher nicht; sie sei in erster Linie Lieferantin von Text; alte Schule. Aber das Theater drehe sich gerade heftig ‑ wie unser Leben. Durch Digitalisierung, Globalisierung. Das heiße: Weg vom langsamen, geschützten Manufakturbetrieb, weg von Drama, Psychologie, Philosophie, Spiel. Und hin zu Demonstration, Collage, Zitat, zu Tagesaktuellem, zum fix Fasslichen, leicht Verkäuflichen, Polyglotten. Wer lese noch dicke Bücher oder gar Verse – die neue schnelle Show ziele auf Twitterer. Ein Umbruch, der neue Verhältnisse baue, Ensembles abschaffe. „Das alles muss nicht schlecht sein. Es ist anders und nicht meins. Es wäre schön, wenn ohne Kriegerei sich der Platz fände für jede Art Theater. Und für mich.“

 

Also Pause; entweder auf weiten Reisen oder zu Hause im Charlottenburger Kiez. Und künftig Kino; ein TV-Krimi sei schon mal fertig. Doch im Sommer zu den Salzburger Festspielen, da gibt‘s – hoppla! – wieder Dickes-Buch-Theater. Mit Ulrich Rasche, dessen Baseler „Woyzeck“-Inszenierung auch zum Theatertreffen eingeladen ist, mit Aischylos und seinen „Persern“.