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Kulturvolk Blog Nr. 396

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. Mai 2022

HEUTE: 1. „Geht es dir gut?“ – Volksbühne / 2. „Beyond Caring“ – Schaubühne / 3. Tag der offenen Tür – Ernst-Busch-Hochschule 

1. Volksbühne - Singen wie die Vöglein

Geht es dir gut? Von Pollesch/Hinrichs. Mit Fabian Hinrichs, Afrikan Voices, Bulgarian Voices Berlin, Flying Steps Academy © Thomas Aurin
Geht es dir gut? Von Pollesch/Hinrichs. Mit Fabian Hinrichs, Afrikan Voices, Bulgarian Voices Berlin, Flying Steps Academy © Thomas Aurin

„Geht es dir gut?“, fragt nicht ohne Sorge René Pollesch gleich im Titel seines jüngsten Stücks das Publikum – und natürlich auch sich selbst. Die Antwort wäre, zumindest im Hinblick aufs picknickhafte Treiben rund um den frühlingshaften Theatervorplatz, auf die gelöste Stimmung an der Foyerbar sowie im Saal bei kuschelig gedimmtem Licht und sanft säuselnder Wohlfühl-Beschallung: „Eigentlich geht’s ganz gut!“

Doch dann auf leerer Bühne der Auftritt des Stars der Veranstaltung: Der noch immer jungenhafte Fabian Hinrichs schiebt ein Klavier vor sich her, dem er – leises Erschrecken – unheilvoll schräge Töne abringt. Ihm zur Seite gesellt sich peu à peu ein bulgarischer Chor mit wehem Schmerzensgesang. Ach, es geht wohl doch nicht so gut…


Ängstliche Abkehr vom Anderen


Und so ist es denn auch. Polleschs Monolog für einen Schauspieler erzählt mit leiser Traurigkeit von einer irgendwie abhanden gekommenen Liebe und schwimmt irritiert hinüber in eine Klage über den Verlust des Gegenübers überhaupt, vom Verlust direkter Beziehungen jenseits des nervend-überquellenden Digitalen, von der ängstlichen Abkehr vom Anderen und dem schleichenden Rückzug auf sich selbst. Aus dem Elend des Maskentragens, dem schützenden Distanzieren durch Verhüllung erwächst, so scheint es, die Scheu, alle unsichtbaren Masken fallen zu lassen, sein offenes Gesicht zu zeigen, sein Ich. Also Einsamkeit, Isolation trotz aller Geschäftigkeit des Tages. Eingesponnen im Netz und dennoch dort verloren. Das Leben verloren oder verloren im Leben – so etwa. Eine Stimmung ein bisschen wie bei Friedrich Rückert („Ich bin der Welt abhanden gekommen“). Wobei, verrückte Sache, die Welt doch gerade aus den Fugen ist wie toll. „Erst Klima, dann Corona und jetzt auch noch ein Krieg on top.“

Also mäandernde Hilflosigkeit, wuchernde Verzweiflung: „Was ist denn das grad für ne Zeit?“ Da wird man „zu Gespenstern“ bei gefühlt „30.000 Stunden Netflix gucken“, wird zum „Trümmerhaufen aus Fleisch und Blut“. Dabei möchte man „übersprudeln, aufblühen, möchte singen wie die Vöglein“ und ist doch nur müde; „hellwach müde und so merkwürdig erloschen“. Mit der dräuenden „Sehnsucht, sich irgendwo zu verankern“.


Pollesch endlich mal ohne Diskursschwurbelei


Achtzig Minuten Schwadronieren über Vereinzelung, Entfremdung, Sinnsuche – das geht nur mit einem Schauspieler wie Fabian Hinrichs, der mit Leichtigkeit das gewagte Kunststück zustande bringt, mit zartem Charme das Lamento des Leidens auszubreiten, um es dann wiederum lakonisch-ironisch zu unterspülen, bevor sich peinliches Pathos festsetzt. Das gibt diesem herzlich depressiven, dennoch sympathisch launigen Befindlichkeitstext (Pollesch endlich einmal blutwarm, ohne eitle Diskursschwurbelei!) immer wieder heitere, komisch verrückte Momente. Zieht ihn ins Menschlich-Allzumenschliche, mithin ins – ja ins Herzbewegende.


Hoffnung auf einen Himmel auf Erden


Und schließlich winkt – im allgemein heutigen, konfusen Grauen trotz hellwacher Müdigkeit – mit Blick auf eine Jugend voll Kraft und Saft ein lichter Traum: „Ihr habt mir gezeigt, der Sternenhimmel ist hier unten. Ich hoffe einfach, dass es in zweihundert Jahren noch etwas gibt und nicht nichts. Der Boden, auf dem wir stehen, ist das höchste.“

Die Jugend, die immer wieder Hinrichs zwischen Sarkasmus und Bekümmernis wechselnden Redefluss erholsam unterbricht, das Trotzallem, das sind die sportlichen Breaker der „Flying Steps Academy“, der rhythmisch starke Chor „Afrikan Voices“ und die geradezu himmlisch entrückt singenden Mädels und Jungs von „Bulgarian Voices Berlin“. Sie alle zusammen steigen am Ende in eine phantastische, silbern gleißende Mondrakete (ein bisschen Spaß, ein bisschen Märchen muss sein) und heben ab in ihre Zukunft. Hinrichs hingegen setzt sich in einem Mercedes des Berliner Taxibetriebs ans Lenkrad und braust winkend davon. Ab in die nächste Krise… Das Publikum jauchzt hingerissen.

Zwei Mal am 20. Mai (19.30 Uhr und Zusatzvorstellung um 22.30 Uhr). Dann wieder 6., 9., 10., 13. und 19. Juni. Hier geht es zu den Karten.

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2. Schaubühne - Momentaufnahmen aus der Mindestlohn-Hölle

Kay Bartholomäus Schulze, Hêvîn Tekin, Jule Böwe, Damir Avdic, Julia Schubert © Gianmarco Bresadola
Kay Bartholomäus Schulze, Hêvîn Tekin, Jule Böwe, Damir Avdic, Julia Schubert © Gianmarco Bresadola

Micha ist festangestellt, Teilzeit; Sonja und Becky kommen als Subunternehmerinnen über eine Fremdfirma; Ava schickt das Arbeitsamt; Chef der vier ist Jan. Sie alle treffen sich im Verladeraum einer Fleischfabrik zu Beginn der Nachtschicht. Ihr Job: Putzen. Jede Nacht, zwei Wochen hintereinander. Und alle vier Stunden 15 Minuten Pause.

Die Rackerei ist körperliche Schwerstarbeit und ungesund, nicht nur wegen der chemischen Putzmittel. Die technische Ausstattung simpel: Eimer, Wischmopp, Bürsten. Der Automat in der Ecke gibt keinen Kaffee, nimmt nur Geld. Fürs Pausenbrot wird der Abstelltisch zwischen den noch ekeldreckigen oder schon gesäuberten Fleischbehältern fix abgewischt. Der Stundenlohn steckt unter Mindestlohn. Arbeitsschutz oder Gewerkschaft: Fehlanzeige. Der sadistisch veranlagte Vorabeiter, der sich als Big-Boss für die Krone des Betriebs wie der Männlichkeit hält, treibt brutal zur Eile.

Das Doku-Stück „Beyond Caring“ („Jenseits von Fürsorge“; einer gespreizten Mode wegen gibt es keinen deutschen Titel) hat der Regisseur Alexander Zeldin vom Londoner National Theatre für Schaubühne FIND (Festival Internationaler neuer Dramatik) mit – dies sei vorweggenommen – großartigen Schaubühnen-Kräften erarbeitet.

Es ist die deutschsprachige Version (Übersetzung von Gerhild Steinbuch) der englischen National Theatre-Uraufführung 2014, die nicht zufällig auch in Chicago gezeigt wurde. Und sie ist Teil der Trilogie „The Inequalities“, zu der auch die erschütternde Produktion „Love“ gehört, die zum FIND im Herbst 2021 an der Schaubühne gastierte und im normalen Grauen der Notunterkunft eines Sozialamts spielte.


Still schreiende Elends-Skizzen


Um es gleich zu sagen: „Beyond Caring“ basiert zwar auf intensiven Recherchen im einschlägigen Milieu, ist mithin dokumentarisch fundiert. Doch es ist kein aktivistisches Stück, sondern ein Kunststück, was vornehmlich dem psychologisch und gestisch präzise konturierten Spiel des Ensembles zu verdanken ist. Aber eben auch dem feinnervigen, tief empathischen Regisseur, der sich – man spürt es auch hier – als „Lehrling“ intensiv mit dem subtilen Filmemacher Lars von Trier befasste und mit Peter Brook arbeitete.

Seine von Handlungsentwicklungen oder dramatischen Aufgipfelungen freie Szenenfolge lebt von minimalistischen Dialogen, vom Nonverbalen zwischen den von Einsamkeit, Verbitterung, zaghaft weggesteckter Verzweiflung und offensichtlicher Armut gezeichneten Akteuren. In dieser still schreienden Skizze manifestiert sich mit starken, signifikanten Bildern das ungebremst Ausbeuterische. Es gibt keine soziale und psychologische Tiefenzeichnung der Figuren. Keinen Aufschrei und keinen Ausbruch. Dennoch entsteht bei all der elenden Rackerei in der kalten stinkenden Putzhölle ein, freilich höchst fragiles, Beziehungsgefüge. Vor allem aber entsteht durch detailgenaue Milieukenntnis und schmerzliche Nüchternheit die unsentimentale Draufsicht auf ein – in seiner Selbstverständlichkeit unsägliches – Lebens- und Leidensbild der so genannten Unqualifizierten, die im sonst eher unsichtbaren Kellerloch unserer Arbeitswelt um einen Almosen-Lohn sich kaputt schuften müssen.


Verletztsein, Angst, Unglücklichsein


Damir Avdic
(der Macho-Antreiber Jan), Jule Böwe (die hilflos verhuschte Sonja), Julia Schubert (als Becky mit einem gärenden Rest Aufmüpfigkeit) und Hêvîn Tekin (als Ava, die tapfer ihrer Krankheit trotzt) und dazu Kay Bartholomäus Schulze (der längst total verrottete Teilzeiter, sich mit Dick-Francis-Krimis noch am Leben haltend) – sie alle geben allerhöchstens ein paar Kleinigkeiten dieser Nachtgestalten preis, umso mehr jedoch zeigen sie. Zeigen ganz einfach, ganz erschreckend ihr Joch. Ihre Angst, selbst dieses Joch noch zu verlieren, an dem doch ihre ganze Existenz hängt. Zeigen ganz einfach, wie ihre Würde getreten wird – und bleiben doch bei all ihrer Verletztheit, all ihrem Unglücklichsein würdevoll. Das ist großartig und selten so zu erleben im Theater, das ja ansonsten nur allzu gern „Unterschichten-Existenz“ mitleidheischend vorführt.

Es ist die gerade durch ihre eisige Selbstverständlichkeit packende Momentaufnahme einer eigentlich nicht (mehr) selbstverständlichen, abseitigen Welt. Die doch so diesseitig ist. So verdeckt, verdreckt, allgegenwärtig.

Wieder 26. bis 29. Mai; 1. Bis 4. Juli. Hier geht es zu den Karten.

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3. Tipp - Auf zum Besuch bei Busch!

Die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ macht „als lebendige Spielstätte der Theaterkünste“ am 22. Mai einen Tag lang die Türen weit auf für alle. Es soll ein saftiges Fest der Studierenden zusammen mit ihrem künftigen Publikum sein.

Von 10 bis 14 Uhr bieten die Abteilungen der HfS ein buntes Programm mit offenem Schauspielunterricht, Fundusführung „mit Bär“ (!), sprechenden Puppen, Tanz-Jam-Session, Studienberatung, mit Ackern (was das wohl sein mag?), mit Hobby Hangout, veganem Foodtruck, Podiumsdiskussionen, Fechten und obendrein „Ohrfeigen-Training“.

Im Anschluss daran gibt es von 14.30 bis 16.30 Uhr eine Fachveranstaltung zum Thema „Solidarische Netzwerke, Gewerkschaften und Förderungen in der beruflichen Praxis“. Die Veranstaltung wird zusätzlich als Online-Livestream angeboten.

Zum Abschluss des Tages der offenen Ernst Busch findet ab 17 Uhr die „Liebevolle Spendengala“ des Fördervereins mit einer Fülle von Beiträgen der Studierenden statt; Moderation von zwei berühmten Absolvent:innen: Carmen-Maja Antoni und Sewan Latchinian. Grußwort: Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin. Im Vorfeld läuft bereits die digitale Spendenkampagne des Fördervereins.

22. Mai. Hochschule für Schauspielkunst. 10115 Berlin-Mitte, Zinnowitzer Straße 11.
S-Bahn Nordbahnhof; U-Bahn Naturkundemuseum. 

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