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Kulturvolk Blog Nr. 365

Kulturvolk Blog | Uwe Sauerwein

von Uwe Sauerwein

13. September 2021

HEUTE: 1. „OEDIPUS“ – DEUTSCHES THEATER  / 2. „ŒDIPE“ – KOMISCHE OPER / 3. „HUMANS“ – CHAMÄLEON THEATER

1. Deutsches Theater: - Vom Kampf des Individuums

 © Arno Declair
© Arno Declair

Der Tod ist überall. Auf den Feldern, in den Ställen und in der Stadt, wo die Frauen keine Kinder mehr bekommen. Das größte Verderben richtet in Theben jedoch die Pest an. Die Einwohner sind verzweifelt. Zugleich richten sich alle Hoffnungen auf den König. Denn Oedipus genießt das Image des Retters. Vor Jahren, als Fremder kommend, hatte er die Stadt von der furchtbaren Sphinx befreit. Daraufhin wurde er auf den Thron befördert, als Nachfolger des kurz zuvor getöteten Königs Lajos, und erhielt dessen Witwe Jokaste zur Gemahlin. Von tragischen verwandtschaftlichen Beziehungen konnte damals niemand wissen, oder doch?

„Oedipus“ von Sophokles berichtet von Vatermord und Inzest, von der Unfähigkeit des Menschen, dem Willen der Götter, der Macht des Schicksals zu entfliehen. Ulrich Rasche hat in seiner Inszenierung am Deutschen Theater Berlin mehr die Herrschaftsfragen im Blick, das Verhältnis zwischen Machthabern und Gesellschaft in Krisenzeiten.

Das antike Drama, im Jahr 425 vor unserer Zeitrechnung entstanden, ist zum Saisonbeginn an mehreren Berliner Häusern zu erleben. Kein Regisseur setzt dabei auf die platte Gleichung von Pest und Pandemie. Aber dass eine Krise bei den Herrschenden Handlungsbedarf erzeugt, um nicht zuletzt ihre Herrschaft zu sichern, das zeigte auch der durch Corona verursachte Ausnahmezustand. Rasches Inszenierung führt diese Aktualität vor Augen, vermeidet dabei aber komplett direkte Hinweise auf die Gegenwart.

 

Suche nach dem Sündenbock

 

Wie soll man Krankheit und Sterben ein Ende bereiten? Um Rat zu erhalten, schickt Oedipus (Manuel Harder) seinen Schwager Kreon (Elias Arens) zum Orakel nach Delphi. Den Orakelspruch deutet er als Hinweis auf den ungesühnten Mord an seinem Vorgänger. Vor dem Volk schwört er, die Bluttat aufzuklären, und belegt Lajos’ Mörder mit einem Fluch. Die Suche nach einem Sündenbock für die Seuche beginnt. Und je mehr Kenntnis Oedipus über seine eigene Identität erlangt, je mehr er sich in Verschwörungstheorien flüchtet, umso größere Risse erhält seine Autorität als Held und Herrscher.

„Oedipus“, nach Sarah Kanes „4.48 Psychose“ die zweite Regiearbeit Rasches an der Schumannstraße, folgt einer abstrakten Ästhetik. Auf leerer Bühne, in eng anliegenden Ganzkörperkostümen, bewegen sich die Beteiligten ohne Unterlass gegen die laufende Drehbühne. Im Maß und Takt ihrer Schritte betonen Schauspieler und Sprechchöre überdeutlich jedes Wort, jede Silbe. Sprache wird wie Musik rhythmisiert.

Wie ein Weihespiel kommt das rüber. Und soll dabei grundlegende Fragen an die Demokratie stellen. Wie ja auch die jährlichen Feiern für den Gott Dionysos sowohl religiöser Kult als auch politische Manifestation waren.

 

Sprache, Bewegung, Licht und Musik

 

Was zunächst ein wenig aus der Zeit gefallen scheint, erweist sich während der fast drei pausenlosen Stunden als aufregende Neuheit. Man muss sich darauf einlassen, auch Geduld mitbringen, angesichts des gebremsten Tempos, mit dem Sophokles textgetreu (nach der Übertragung von Hölderlin) rezitiert wird. Doch dann gewinnt das Drama an Fahrt. Mit wachsender Intensität wird man mitgerissen von diesem Gesamtkunstwerk aus Text, Licht, Bewegung und Klängen.

Mit dem Notebook bei den Proben hat Nico van Wersch seine Musik komponiert, die einzelnen Samples später in Noten umgesetzt und mit seinem vierköpfigen Ensemble einstudiert. Auf vielfältigem Instrumentarium steuern sie aus dem Orchestergraben das Geschehen maßgeblich mit.

Über den Darstellern kreisen Leuchtringe. In unterschiedlichen Farben und Konstellationen erinnern sie an Planetenbahnen, die das Schicksal des Einzelnen bestimmen. Zum lautstarken Kulminationspunkt, wenn Oedipus seine unbewusste Schuld erkannt hat, senken sich diese Ringe bedrohlich nah auf ihn herab.

Für die Schauspieler, und hier liegt eine Schwäche des Abends, ist es eine Gratwanderung, als Teil dieses Maschinentheaters zu funktionieren und zugleich Individualität zu bewahren. Vor allem Almut Zilcher entwickelt als Jokaste Charakter, auch Manuel Harder als Oedipus. Geblendet, nackt und bloß steht er, beweint vom Chor, am stillen Ende da. Ein berührender Moment.

 

Bei uns im Angebot am 17. Oktober. Hier geht es zu den Tickets.

2. Komische Oper: - Was ist mächtiger als das Schicksal?

 © Monika Rittershaus
© Monika Rittershaus

Düster und klangmächtig startet die Komische Oper ebenfalls mit dem Ödipus-Stoff in die letzte Spielzeit unter der Intendanz von Barrie Kosky. „Œdipe“ von George Enescu ist eine kleine Wiederentdeckung. Nach mehr als 25 Jahren kann man die einzige Oper des rumänischen Komponisten wieder in einer Neuinszenierung in Berlin erleben, zunächst allerdings in gerade mal fünf Vorstellungen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert hat Enescu (1881-1955) mit seinem Opus Magnum gerungen. Einem breiten Publikum ist er nur durch seine rumänischen Rhapsodien bekannt, deren Popularität ihrem Schöpfer fast schon Unbehagen bereitete. Dass sein Werkverzeichnis relativ übersichtlich erscheint, liegt nicht nur an Enescus ausgeprägter Neigung zur Selbstkritik, sondern auch an der multiplen Begabung eines ehemaligen Wunderkindes. Als Geigenvirtuose und als Ausnahmepianist war er international gefragt, er war Dirigent, Lehrer (unter anderem von Yehudi Menuhin), Musikwissenschaftler und Konzertveranstalter. Hauptsächlich wirkte Enescu in Paris, bis zur Machtübernahme der Kommunisten 1946 aber genauso in seinem Geburtsland Rumänien, dazu in Amerika.

Vielseitig und vielfältig inspiriert klingt auch Enescus Musik. In „Œdipe“ vernimmt man Einflüsse der Spätromantik wie der französischen Impressionisten. Durch die Verwendung modaler Tonsysteme, auch mit Elementen aus der rumänischen Volksmusik, hebt er streckenweise die Grenzen zwischen Dur und Moll, zwischen Tonal und Atonal auf.

 

Ödipus als Beobachter seiner Kindheit

 

1936 feierte die Tragédie lyrique in Paris erfolgreiche Uraufführung. Initialzündung für die Entstehung der formal zwischen Drama und Oratorium schwebenden Oper in französischer Sprache war bereits 1909, als der Komponist „König Ödipus“ von Sophokles in der Comedie-Francaise gesehen hatte. Als Libretto für sein Musiktheater diente Enescu die Dichtung von Edmond Fleg. Im Unterschied zu den antiken Vorlagen beginnt die Geschichte hier schon mit der Geburt des tragischen Helden.

In Evgeny Titovs Inszenierung wird der erwachsene Ödipus vom Bühnenrand aus Zeuge dieser Niederkunft. Das Kind, hier ein Säugling mit dem Kopf eines Erwachsenen, wird wegen der bösen Prophezeiung, die auf ihm lastet, von den Eltern verstoßen. Früh erkennt man die Vorbestimmung eines ganzen Lebens. Und dieser Ödipus, gesungen und gespielt von Leigh Melrose, hat kaum etwas heldenhaftes, zeigt eher Ähnlichkeiten mit Alban Bergs Wozzeck, eine Partie, mit der der britische Bariton international erfolgreich war. Auch in Berlin erntete Melrose, wie die gesamte stimmstarke Besetzung unter Ainārs Rubiķis, verdienten Jubel bei der Premiere.

Um die Geschichte in einem Atemzug erzählen zu können, haben Regisseur und Kapellmeister eine rund zweistündige, pausenlose Strichfassung erarbeitet. Manch musikalischer Übergang mutet etwas abrupt an, und dramaturgisch erkennt Ödipus überraschend früh seine wahre Identität und damit seine „blinde Schuld“.

Käme die Personenregie etwas weniger bedeutungsschwanger daher, man würde die Tragik der Geschichte ebenso gut verstehen. Mit hohen Bunkerwänden, an denen manchmal Wasser herabrieselt, einem Becken in der Mitte und einem bedrohlich über den Beteiligten schwebenden Konstrukt aus Neonröhren, trägt das Bühnenbild von Rufus Didwiszus zur Beklemmung bei.

Die Farbe Grau dominiert: die Kulissen, die Kostüme (Eva Dessecker) und der Teint der Menschen, die aus einem Sanatorium ausgebrochen sein könnten. Für Kontrast sorgt das Rot, vor allem Blut, das bei der Geburt des Ödipus vergossen wird oder beim Freitod der Jokaste (Karolina Gumos) in hohem Bogen spritzt.

 

Selbsterkenntnis bringt inneren Frieden

 

Aber keine Angst, ganz so trostlos ist das Ganze nicht. Besondere Kraft entfaltet die Oper vor allem dann, wenn Ödipus gegen die Bestimmung aufbegehrt. Vor allem in der Auseinandersetzung mit der Sphinx, die als kahlköpfige Schönheit erscheint (beeindruckend: Katarina Bradić). Statt des bekannten Rätsels „Was geht morgens auf vier, mittags auf zwei und abends auf drei Beinen?“ fragt sie hier: „Was ist stärker als das Schicksal?“ Die Antwort des Ödipus, „der Mensch“, erhält so eine besondere Bedeutung.

Natürlich kann Ödipus das Schicksal nicht besiegen. Nachdem er sich selbst geblendet hat, gewinnt er, der Blinde, neue Selbsterkenntnis und findet seinen inneren Frieden. Dieser letzte Teil von Enescus Oper, die lange Wanderschaft des Ödipus mit seiner Tochter Antigone (Mirka Wagner), überzeugt mit wundersamen Klängen, die wortwörtlich Balsam für die Seele sind.

Besonders erhaben wirkt alle vier Akte lang der Chor (Leitung: David Cavelius), der vom zweiten Rang aus musikalisch mit der Bühne kommuniziert. Eine Lösung, die für ein Opernhaus in Corona-Zeiten wohl wirtschaftlich vertretbar ist.

3. Chamäleon: - Fliegen ist menschlich

 © Sarah Walker
© Sarah Walker

„Neiiin!“ So mancher Ausruf im Publikum drückt nicht nur Euphorie aus. Sondern zugleich große Sorge um die Unversehrtheit der Akrobaten. Wie etwa Jarrod Takle kopfüber zum Salto aus dem Stand ansetzt, die Hände dabei auf dem Rücken, das ist halsbrecherisch im wahrsten Sinne des Wortes. Oder wenn Georgia Webb ganz allein sechs ihrer Kollegen auf ihren Schultern trägt, bevor die fragile menschliche Pyramide, scheinbar ohne Rücksicht auf Verluste, in sich zusammenstürzt.

Mit ihrer extremen Körperlichkeit ist Circa Contempory Circus, die mehrfach preisgekrönte Truppe aus dem australischen Brisbane, weltberühmt geworden. Ihre Show ist trotz aller dargebotenen Spitzenleistungen kein bloßes Höher, Schneller, Weiter. „Humans“ lotet auf der Bühne aus, was physisch möglich ist und was es bedeutet, Mensch zu sein. So gesehen, passt die so rasante wie nachdenkliche Darbietung, obgleich lange vor der Pandemie entworfen, wunderbar zum Neustart des Chamäleon.

Die letzten Monate seien furchtbar gewesen, so Intendantin Anke Politz über die anderthalb Jahre Zwangspause, die nicht nur wirtschaftlich wehtaten. Es gab ja sogar, man erinnert sich ungern, Verordnungen, nach denen Akrobaten nur allein arbeiten durften. Das ist so, als wenn eine Fußballmannschaft mit einem einzigen Spieler antreten müsste.

 

Zwischen Theater, Tanz und Zirkus

 

Wie andere Kulturinstitutionen hat aber auch das Chamäleon die Unterbrechung kreativ genutzt. Sowohl was die Struktur des Unternehmens betrifft, als auch die künstlerische Arbeit. So können bis Ende des Jahres gleich fünf fertige Produktionen gezeigt werden, vier davon von Circa, die für die nächsten Monate ihr Domizil in den Hackeschen Höfen bezogen haben.

Die 2004 gegründete Truppe zählt international zu den Vorreitern des zeitgenössischen Zirkus. Immer wieder versucht das Ensemble um Yaron Lifschitz die Grenze zwischen Tanz, Theater und Zirkus neu zu definieren. Das kommt den Intentionen des Chamäleon Berlin sehr entgegen, wo man mit gleichgesinnten Theatern und Kompanien für die Anerkennung des Neuen Zirkus hierzulande als Kunstform kämpft. Deshalb sind die Australier auch nicht zum ersten Mal zu Gast.

„Humans“ zeigt, was der Mensch alles kann, und was nicht. Manches im Leben bleibt nun mal unerreicht. Da kann man sich als Artist noch so abmühen, durch die Luft fliegen oder atemberaubend in die Höhe klettern, – gegen die Fähigkeiten von Vögeln oder Affen sieht der Homo sapiens alt aus. Trotzdem oder genau deswegen sind wir ja auch so begeistert von den Circa-Künstlern. Von dieser rasanten Mixtur aus Performance, Tanz, Pantomime, Turnen, Akrobatik, dem ständigen Wechsel von Mit- und Gegeneinander, von Einsamkeit und Gruppendynamik, von Aggressivität, Verletzlichkeit, Geborgenheit und Trennungsschmerz.

 

Konzentration aufs Wesentliche

 

Die drei Frauen und sieben Männer kommen völlig ohne Show-Elemente aus. Keine Kulissen, keine aufwendigen Kostüme, Konzentration aufs Wesentliche. Das Wagnis ist voll aufgegangen. Über 130.000 Gäste in mehr als einem Dutzend Ländern zählte „Humans“ seit der Uraufführung 2017 bisher, einer der größten Erfolge in der Geschichte von Circa. Und so demonstriert das Chamäleon mit diesem ambitionierten Stück zum Neustart auch Kompromisslosigkeit. Niemand soll auf die Idee kommen, er sei im Varieté.

Viele Vorstellungen sind bereits ausverkauft, nicht zuletzt deshalb, weil weit weniger Publikum als vor der Pandemie rein darf. Was Corona betrifft, agiert die Theaterleitung mit Netz und doppeltem Boden und geht kein Risiko ein. Deswegen gibt es keine Pause während der 70-minütigen Show, die Gastronomie im historischen Ballsaal ist eingeschränkt, man achtet penibel auf die Hygieneregeln.

 

Zur Herbstsaison gibt es verschiedene Preis-Angebote, die verschiedenen Produktionen von Circa kann man auch im Paket buchen.
"Humans" ist bei uns vom 25. September bis zum 30. Oktober im Angebot.

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