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Kulturvolk Blog Nr. 354

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

3. Mai 2021

HEUTE: 1. Abschied und Willkommen im Friedrichstadt Palast – ARISE, das neue Spektakel steht vor der Tür / 2. „Schwarzer Block“ – Streaming im Gorki Theater

1. Showtime Palast: - Die Wundertüte wird neu gefüllt

ARISE, Burgundy Catty © Kristian Schuller
ARISE, Burgundy Catty © Kristian Schuller

Ein total verrückter Fotograf, ein Abenteurer, ein Tausendsassa namens Cameron jagt gemeinsam mit seiner identitär nicht gänzlich festgelegten Muse glückselig um die Welt. Doch dann passiert‘s: Cameron verliert den innig geliebten Musenmenschen und mithin sein Glück. Was bleibt, sind faszinierende Fotos, das Archiv seiner grandiosen Vergangenheit. Doch im Blick zurück, beim Anschauen der betörenden Bilderflut erwachen Camerons herrliche Aufnahmen zu neuem Leben. Spenden Trost und neues Glück.

Wie schön! Was für eine wundersame, dennoch dem wirklichen Leben nicht fremde Geschichte über Liebe, die stärker ist als die Zeit. Und die den Stoff für eine neue fantastische Show mit dem Titel ARISE liefert, mit der unser Friedrichstadt-Palast nach VIVID und Corona-Pause seine sozusagen Wiedereröffnung im Herbst feiern wird – wenn alles gut geht. Und hoffentlich einigermaßen wieder gut ist. – Freilich, es bleibt traurig, dass VIVID nach nur 17 Monaten Spielzeit der Pandemie zum Opfer fiel. Doch immerhin – Erfolgsmeldung! ‑ sie hatte 700.000 Zuschauer, was für eine Zahl. Weil es nun für VIVID keine zünftige Dernière geben konnte, lieferte das Haus ein prachtvolles Abschiedsfest, sozusagen ein VIVID-Medley, live gestreamt auf der Website und Facebook. Obgleich das Parkett leer blieb, schäumte die Stimmung. Zum herzigen Finale mit Blümchen für alle auf der Bühne rollte so manche Träne…

„So tief und emotional wie ARISE war wohl bisher keine Grand Show“, verkündet schon jetzt Palast-Intendant und Produzent Berndt Schmidt. „Wir möchten einen Gefühlssturm auf die Bühne zaubern, der wirklich im Herzen berührt und dabei hoffnungsvoll und voller Lebensfreude ist.“

Man darf getrost sagen, ARISE, das englische Wort für aufstehen, sich erheben, trägt ein Konzept, das sehr gut in unsere doch schwierige Zeit passt. Palast-Chef Schmidt im Gespräch: „Wie Cameron, der nach einem Schicksalsschlag das Leben und die Liebe, die Liebe mit ihren so verschiedenen Gesichtern, neu umarmen muss, kennt doch jeder von uns auch den ewigen Kampf von Hell und Dunkel. Ob nun als ganze Gesellschaft oder ob hautnah bei der Sorge um die, die wir lieben oder um uns selbst.“ ‑ Jede Veränderung zum Guten, jedes Happy-End, so die philosophisch grundierte Botschaft, beginne mit dem Glauben daran, dass am Ende das Licht stärker sei als die Dunkelheit.

Eine treffliche Ansage, die wahrlich Lust macht auf das, was da – Kostenpunkt: elf Millionen Euro ‑ zu schauen und zu erleben sein wird auf der Welt größten, mit High-Tech vollgestopften Theaterbühne. Sogar das berühmte Wasserbecken bekommt nach acht Jahren Pause sein Comeback.

Dass im Fall Cameron, dieser zentralen, schillernden Figur der Show, atemberaubende filmische Special-Effekte eine besondere Rolle spielen werden, ist klar. Selbstverständlich ist, dass – wie in allen Grand Shows – Weltstars des Design (Bühnenbild, Kostüme, Licht), der Choreografie, Pop-Musik, Regie sowie die mehr als hundert mitwirkenden Künstler aus 26 Nationen das Publikum überwältigen – und verzaubern werden. 

Die Voraufführungen sollen am 7. August beginnen. Der Premierentermin wird dem Verlauf der Pandemie entsprechend aktuell festgesetzt. Die geplante Laufzeit von ARISE: zwölf Monate. Als staatliches Theater des Landes Berlin gibt der Palast seinen Gästen ein so genanntes, weltweit einmaliges, so genanntes „Fühl-Dich-Sicher“-Versprechen im Dreierpack:

Erstens, neben dem Hygiene-Konzept eine hochmoderne, anno 2020 komplett neu eingebaute Lüftungsanlage, die bis zu acht Mal pro Stunde das Luftvolumen im Saal mit Frischluft austauscht. 

Zweitens, im Fall einer Showabsage gibt es innerhalb von drei Wochen automatisch und ohne Antragstellung das Geld zurück (keine Gutscheinlösung).

Drittens, jedes gekaufte Ticket kann flexibel bis zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn ohne Angabe von Gründen auf einen anderen Termin umgebucht oder in einen Gutschein umgetauscht werden.

***

2. Gorki: - Oratorium des Entsetzens

Schwarzer Block © Ute Langkafel Maifoto
Schwarzer Block © Ute Langkafel Maifoto

Sie mögen rührend sein, wenn sie mit hellsichtiger Wut und sämtlichen Fingern auf die Wunden dieser Welt weisen. Doch sie werden zu Ungeheuern, wenn sie in irrsinnigem Wahn mit den Fäusten drauflos schlagen, um die Welt zu heilen. ‑ Sie, das sind die besessenen jungen Leute mit den Kapuzenpullovern, die sich für links, für autonom und antifa halten und mit dem Schrei nach Gerechtigkeit das Recht abfackeln. Ihr „Polit-Programm“ heißt Umsturz (Staat, Gesetz, Gesellschaft). Und ihre „Partei“ heißt Schwarzer Block.

Das Gorki-Theater lässt diese Minderheit zu Wort kommen in einer Art Collage von Kevin Rittberger, in dessen Text poetische Dichte und propagandistische Ansage sich kreuzen. Knallender Titel: „Schwarzer Block“.

Das ist mutig, wichtig und, ja auch, bewundernswert. Es ist wohl das erste Mal, dass Sprache und Wollen des Schwarzen Blocks auf einer Bühne (meist schreiend) laut wird. Der Erkenntnisgewinn ist beträchtlich für uns, die wir mehrheitlich geschockt, zumindest aber höchst bedenklich beiseite stehen und im einschlägigen Jargon kurz und pauschal für Faschos gehalten werden. Für die „Aktivisten“ selbst, sofern sie überhaupt ins „feindlich-bürgerliche“ Theater kommen, ist es womöglich eine Bestätigung. Dieses Risiko ist die Theaterleitung eingegangen. Dafür Dank.

Der Autor, der mehr als ein Jahr lang in der Szene wie in der Anarcho-Geschichte recherchiert hat (vom Jetzt zurück bis ins 19. Jahrhundert, doch nicht bis hin zu Schillers „Räubern“), der liefert eine überraschend sprachwuchtige Innenschau vom schwarzen Antifa-Block.

Und Regisseur Sebastian Nübling präsentiert sie mit gezielt überbordender Phantasie, spektakulär arrangierten Gruppen- und Einzelaktionen als ein man darf sagen grandioses Oratorium. Gemeinsam mit einer Truppe von 14 starken Performern sowie einem faszinierenden, extrem aufwändigen, bis dato derart sinnvoll noch nicht erlebten Einsatz von High-Tech (Ton/Musik/Sounddesign: Tobias Koch; Video: Robin Nidecker). Nie ist hier das Technische Selbstzweck, sondern dient notwendigerweise einer suggestiven Theatralik. Da wird nicht gewertet, da erklärt sich alles von selbst. ‑ Ja, es ist ein Akt massiver Überwältigung. Ein fürchterliches Monument des Extremen. Ein schreiendes Warnbild ganz in schwarz. Und: Ein im Wortsinn tolles Gesamtkunstwerk.

Der Schwarze Block mag mit seiner Weltsicht das Schwarze treffen und unsereins gerade damit herausfordern zur Selbstbefragung. Doch zugleich führt er ins Ausweglose, Zerstörende. Das ist die doppelbödige Botschaft des packenden Abends. Schwer zu ertragen.


(Streaming am 5. und am 14. Mai, ab 19.30, jeweils für 24 Stunden online. Auf dringeblieben.de)

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