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Kulturvolk Blog Nr. 349

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

23. März 2021

HEUTE: 1. „Gucken was los ist“ – Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase 90 / 2. „Maria Stuart“ – Deutsches Theater / 3 „Mozilla Hubs“ – Mit Brille und Browser, digitale Alphabetisierung

1. Lieber unterm Auto als unterm Schofför

Renate Krößner in
Renate Krößner in "Solo Sunny" von Wolfgang Kohlhaase © DEFA-Stiftung/Dieter Lück

„Ich wollte immer meine Kindheit verstehen und das Leben meiner Eltern. Und: Ich wollte vor die Haustür treten und gucken: Was ist denn so los?“ – So sprach neulich im Fernsehen Drehbuchschreiber Wolfgang Kohlhaase. Zu seinem neunzigsten Geburtstag vor ein paar Tagen. Er lümmelte lässig im märkischen Landhaus-Idyll und schaute raus ins Frühlingsgrüne. 

 

Neugier aufs Vergangene und aufs Gegenwärtige als Impuls fürs Schreiben oder zugleich, wie in diesem Fall, fürs Filmemachen. Denn Kohlhaase gilt als einer der bedeutendsten, wortmächtigsten Drehbuchschreiber Deutschlands; für sehr viele gar als der bedeutendste. 

 

Picken wir uns aus dem Dutzend Kohlhaase-Filmen zwei heraus. „Ich war neunzehn“ erzählt von einem jungen Leutnant der Roten Armee 1945 in Deutschland (Jaecki Schwarz). Teils ist es die Nacherzählung der Tagebücher des Regisseurs Konrad Wolf, der als Kind kommunistischer Moskau-Emigranten, nun in Sowjetuniform, das Kriegende bei Berlin erlebt. Ein Film von 1968, der mit seinem für damalige Verhältnisse überraschend genauen, souverän von Verklärungen durch DDR-Propaganda befreiten Blick aufs Vergangene, eine erschütternde, eine ins Universelle greifende Wahrhaftigkeit entfaltet. Denn Denken sei wie Licht, sagt Kohlhaase. „Es geht, wie Wahrheitssuche, in jede Richtung.“ Letztlich eine immer wieder vergessene Selbstverständlichkeit. 

 

Ein Jahrzehnt später, wieder mit Wolf als Defa-Regisseur, die ganz gegenwärtige Emanzipationsgeschichte „Solo Sunny“ mit Renate Krößner. Eine Berliner Göre, unbegabt für Kompromisse, will raus aus dem Hinterhof und weg vom Fließband-Alltag in der Fabrik. Will Sängerin werden, doch nicht stecken bleiben im verlogenen Tingeltangel-Milieu. Und sie will die große Liebe. 

 

Und sonderlich in diesem, im tragikomischen Sujet überhaupt, gelingen Kohlhaase hinreißend lakonische Dialoge von geradezu Sprichwort ähnlicher Sprachkraft (sein Markenzeichen). ‑ „Nicht mehr ganz jung und immer noch Nachwuchs.“ Oder: „Lieber unterm Auto als unterm Schofför.“ Oder, so Sunny morgens nach dem Sex zum Kerl: „Is ohne Frühstück. ‑ Is auch ohne Diskussion.“ Lapidar Hingeworfenes. Unvergesslich. Sätze für die Filmgeschichte. 

 

Frisch im Handel: DVD-Box mit zwölf Kohlhaase-Filmen; das Kohlhaase-Buch über Filme und Freunde mit dem sinnigen Titel „Um die Ecke in die Welt“. 

 

*** 

2. Deutsches Theater digital: - Redeschlacht im Knast-Schloss Fotheringhay

Maria Stuart © Arno Declair
Maria Stuart © Arno Declair

Wow, das hatten wir noch nie: Maria Stuart in der Kiste. Nein, nicht post mortem als Leiche, nachdem der Henker sein blutiges Handwerk erledigt hat (was zu zeigen uns Schiller erspart). Sondern höchst lebendig im schick unschuldsweißen Hosenanzug und mit verführerisch blonder Langhaarperücke. In Anne Lenks Inszenierung von Friedrich Schillers „Maria Stuart“ stecken, stehen oder lümmeln nämlich alle Beteiligten dieser Tragödie um zwei Königinnen in rot ausgeschlagenen, über- und nebeneinander gestapelten Holzkisten. Das Bühnenbild von Judith Oswald gleicht einem Setzkasten; mithin hat jede Person für isolierte Auftritte ein Kästchen. Passend zur Pandemie; Premiere war in der kurzen Herbstspielzeit 2020, kurz bevor der Spielbetrieb wieder eingestellt werden musste. Ich durfte dabei sein.

 

Jetzt gibt’s die aufgezeichnete Produktion online, was sich insofern passabel macht (ich bin ja ansonsten nicht sonderlich scharf aufs digitale Theater), da die Inszenierung rampentheatermäßig frontal und relativ aktionsarm ist.

 

Die portalhohe Schaukästenwand dient zweierlei: Dem Abstandhalten sowie dem gut verständlichen Geradeaus-Sprechen ins Publikum. Außerdem sind so dem ansonsten beliebten Aufpeppen der Story mit dekorativen Regieeinfällen Grenzen gezogen. Doch das steht der Regisseurin, die stets auf Klarheit der Intentionen des Autors zielt, ohnehin fern.

 

„Maria Stuart“ also so gut wie ganz auf Text gestellt. Der weder platt verpoppte noch rätselhaft dekonstruierte Klassiker als Redestück plus Minimalgestik – mehr Hör- als Schauspiel. Und siehe da: Es wirkt. Und klappt auch mit den Dialogen, ohne dass sich die Herren der intriganten Politiker-Gang sowie die beiden gekrönten Häupter zu nahe kommen im raffiniert gesponnenen Schiller-Thriller, der bis heute gängige Techniken politischen Machtgewinns und Machterhalts als kriminell und moralisch versaut bloßstellt. Und die Regentinnen als Gefangene der systemerhaltenden Staatsraison kritisiert.

 

Nun hat es der Autor eingerichtet, dass in der Mitte seines Dramas um sexuelle und politische Lufthoheit zweier im Temperament höchst unterschiedlicher Herrscherinnen, dass da die beiden im Knast-Schloss zu Fotheringhay aufeinanderprallen zu einer der berühmtesten Redeschlachten der Weltliteratur. Mary (Franziska Machens) als Gefangene von Betty (Julia Windischbauer), nach deren Kronbesitz sie giert, bettelt angesichts des Todesurteils um Gnade.

 

Da brennt ansonsten die Luft. Doch die Regie dimmt das rhetorische Lodern und tritt so – nebenbei – dem breitbeinigen Lästermaul Brecht entgegen („zwei zänkische Fischweiber“).

 

Abgesehen von Mortimer (Jeremy Mockridge), der in die Stuart verknallt ist, agiert auch die hinterhältige Herren-Gang Corona-Kasten-gemäß statisch (Enno Trebs, Alexander Khuon, Jörg Pose, Paul Grill, Caner Sunar). Sie umschwänzelt rein rhetorisch, dafür dreckig hinterhältig das königliche Damen-Duo in kühler Atmosphäre. Zum Ausgleich gibt’s viel schwüles Rotlicht von der Bühnenbeleuchtung.

 

Die gespreizten Kerle ziemlich lächerlich, sogar ein bisschen gaga – eben wie Machtpolitik überhaupt. – Doch dieses allgemeine Überhaupt ist letztlich das Problem der intelligent gekürzten Inszenierung (das Metaphysische, die idealische Apotheose gestrichen), die ansonsten mit ästhetischer Eleganz und Unterhaltsamkeit punktet.

 

Sagen wir es so: Der glühend gefühlvolle und dann wieder eisig rationale, desillusionierende Ton des Schiller-Sounds, der macht ja grundsätzlich den zerrissenen Figuren das Bühnenleben schwer. Schiller sagt es selbst: allen seinen Charakterköpfen die „volle Ladung des Leidens“. Also Pathos, das, sagen wir, als schwierig gilt.

 

Jedenfalls ein Problem der Moderne, das Anne Lenk auf ihre sympathisch vornehme Art umgeht: Eben durch Nüchternheit allenthalben ‑ auch deshalb weder Liebeszauber noch Liebeskummer, kein Gott und kein Gebet. Schillers Komplexpaket aus Politik, Erotik, Religion abgespeckt: Politik ja!, Erotik ein klein bisschen, Religion null. Der Intrigen-Psycho-Polit-Thriller mit ausgebremstem Thrill. Also keine volle Ladung. Stattdessen delikat eingestreut: Komik. Freilich, im Publikum stockt da niemandem der Atem, wischt niemand sich heimlich eine Träne weg. ‑ Kein großes Schiller-Glück, kein reines. Dafür ein feines kleines.

 

Am 27. März, 20-22.15 Uhr, Tickets über dringeblieben.de 

 

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3. Hubs! Auf zur digitalen Alphabetisierung!

Mozilla Hubs © Mozilla Firefox
Mozilla Hubs © Mozilla Firefox

Wer nicht genug haben kann vom Digitalen und notorisch neugierig ist auf diesbezüglich Neues, sollte Mozilla Hubs kennenlernen. – „Mozilla Hubs ist eine Web-App, mit der sich dauerhafte digitale 3-D-Räume erstellen und zu einem virtuellen Universum verbinden lassen, das per Browser oder VR-Brille betrachtet werden kann“, erklärten Roman Senkel und Nils Corte neulich den Nutzern des Berliner Theaterportals nachtkritik.de. 

 

„Mozilla Hubs“ – Witz haben sie immerhin, die beiden Tüftler, Fellows der Akademie für Theater und Digitalität. Einen erfolgreichen Praxistest bestanden Senkel & Corte bereits kürzlich bei der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft, für die sie mittels „Mozilla Hubs“ ein virtuelles Tagungszentrum für 3 D erstellten, das per Atavar begehbar war. Mit solchen Projekten wollen sie, so ihre Mission, die digitale Alphabetisierung voranbringen. Wir begreifen schon jetzt: Da gibt’s viel zu lernen. Technisch aufzurüsten. Und zu staunen. 

 

Weitere Infos: hubs.mozilla.org

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