0

Kulturvolk Blog Nr. 330

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

2. März 2020

HEUTE: 1. „Peer Gynt“ – Schaubühne / 2. TV-Theatertalk, Sondersendung „Besucherorganisationen“ / 3. „On Music”. Das neue Online-Popmusikmagazin – Haus der Kulturen der Welt

1. Schaubühne: - Finger ab oder Finger dran?

Lars Eidinger © Benjakon
Lars Eidinger © Benjakon

Bevor es losgeht, tritt die Dramaturgin vors Volk um mitzuteilen, dass Lars Eidinger sich auf der Probe einen Finger schwer geschnitten hat (gar abgeschnitten?); dass er den Vormittag in der Charité verbrachte, aber trotzallem spielen wird. Konsternierte Stille, dann Raunen im Saal. Tja, unser Lars ist hart im Nehmen. Hamlet im Schlamm, Richard III. am Vertikalseil. Aber Peer Gynt mit geflicktem Finger… Muss das sein?

 

Natürlich, es musste sein. Und alsbald kapieren wir: Keine Bandage, keine kaputte Hand, alles Lüge. Passt aber zu Peer Gynt, den auch Henrik Ibsen in seinem gleichnamigen dramatischen Gedicht als notorischen Lügner hinstellt, als Fantasten, der um die ganze Welt jagt. Immer auf der Flucht vor sich selbst und zugleich egomanisch wie kein anderer auf der Suche nach sich selbst.

 

Wie Doktor Faust verzweifelt nach Sinn und rücksichtslos nach Identität suchend durch Traum- und Wirklichkeitswelten rast, so tut das auch der arme Bauernlümmel Peer Gynt; ein Draufgänger, Verführer, Brauträuber, Zaubermeister, Menschenschinder, Prophet in der Wüste und Kaiser im Irrenhaus. Was von Peers monströsen Erlebnissen nun wahr ist und was bloß ausgedacht bleibt im Namen des Autors dahin gestellt.

 

Dieser verwegene, verrückte, durchtrieben schlaue, zuweilen verzweifelt unglückliche Peer passt natürlich wie die Faust aufs Auge zu Lars Eidinger, der Ibsens gigantischen „Peer Gynt“ als performative Großaktion alleine stemmt. Natürlich nicht den ganzen Text, sondern bloß Bruchstücke. Um viel Luft zu haben für persönliche oder auch private Auslassungen, filmische Zwischenspiele, Clownerien, Slapstickiaden und reichlich Gesang wie Eidinger-Kenner ihn aus dessen kultiger Autistic-Disko kennen.

 

Man darf getrost und erstaunt sagen: Sie ist ein popkünstlerischer Knaller, diese das Ibsen-Original ziemlich weiträumig umwedelnde kindergeburtstagsbunte Revue eines charismatischen Groß-Schauspielers. Lars Ego-Shooter tobt in tausend Verkleidungen (gern mit Strapsen oder ganz ohne), tausend Perücken und tausend verschiedenen, gern in exhibitionistischen Posen gewechselten Unterhöschen (eins ist dem Programmzettel beigelegt) durchs „Taten-Drang-Drama“. Als das nämlich haben sich Eitel-Eidinger sowie der Aktionskünstler, Bühnenbildner, Filmemacher und Autor John Bock den Ibsen zurecht gepoppt ‑ nach was auch immer dabei drängend mit lustvollem Tun.

 

Das Ergebnis: Ein grandios selbstverliebtes Spektakel aus Jux und Tollerei (die Ibsen-Saga hat ja gleichfalls opernhafte Breite). ‑ Freilich im Gegensatz zu Ibsen mit peinlichen Längen und lästigen Leerstellen. Jedoch immer wieder, das immerhin, überraschend ermunternd im Wechsel von albern und ernst, witzig und blöd.

 

Ehrlich gesagt, da stört es kaum, dass Ibsens schwelender Pessimismus, seine Vergeblichkeits- und Endzeitstimmung eher beiseitegeschoben sind. Doch das Nichts, auf das man wie beim Schälen einer Zwiebel, die keinen Kern hat, das erkennt auch Peer am bitteren Ende, von dem Eidinger beeindruckend und schön erzählt (wie meist, wenn er dicht bei Ibsen ist). Auch Peer hat keinen Kern und Sinn, keine Mitte und Identität. Alles bleibt Einbildung, Spiel, Lüge. Wie die vom schlimmen Finger. – Lars, der Lügner; so gesehen: Ein radikales Selbstbekenntnis von Peer Eidinger.

 

(Wieder 6., 7., 8. März.)

 

***

2. TV-Theatertalk: - Sonderthema Besucherorganisationen. Wie weiter?


Anlässlich des 130. Jubiläums des Vereins Freie Volksbühne Berlin wird diskutiert über die künftigen Aufgaben dieser Publikumsorganisation; diesmal ohne das angestammte Kritiker-Duo Arno Lücker und Reinhard Wengierek. Sondern in größerer Runde mit:

 

Sabine Bangert, Vorsitzende des Ausschusses für Kulturelle Angelegenheiten im Berliner Abgeordnetenhaus;

Frank Rüdiger Berger, stellvertretender Vorsitzender Freie Volksbühne Berlin;

Janine Horstkamp, Mitglied beim Kulturvolk der Freien Volksbühne Berlin seit 2001;

Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles;

Rüdiger Schaper, Der Tagesspiegel, Leiter des Ressorts Kultur.

 

Die Moderation der Veranstaltung hat wie immer Alice Ströver, Geschäftsführerin von Kulturvolk / Freie Volksbühne Berlin e.V.

 

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr live (im Stream und später auf Youtube) im Alex-Fernsehstudio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Gäste im Studio sind herzlich willkommen.

 

***

3. Neue Reihe im HKW: - „On Music“. Zum Auftakt: „Norient“

 Life after Music Magazines – the Norient Way © Promo
Life after Music Magazines – the Norient Way © Promo

Das Reden und Schreiben über Musik steckt in der Krise. Mit „Spex“, „Groove“ und „Juice“ stellten die drei führenden deutschsprachigen Magazine mit Diskursen über Popmusik kürzlich ihre Printausgaben ein. Bleibt die Frage: Ist das nur eine Veränderung des Vertriebswegs oder Ausdruck einer tiefergehenden Krise in der Reflexion über diese Musik? Im Netz dominieren wohlfeil Produkthinweise, und der nach oben zeigende Daumen ersetzt die Reflexion. Was wird aus der Recherche, aus Analyse und Kritik? Wie und wo findet das künftig statt? Was wären da neue Formate, um zeitgenössische Kultur zu diskutieren? Was erzählen Musik und Klang über die globale Gegenwart? – Das fragt die neue HKW-Reihe „On Music“; mit Diskussionen, Film-Screenings und Live-Musik. Jeden ersten Donnerstag im Monat im Haus der Kulturen der Welt.

 

Initiiert hat die neue Reihe der Journalist und Musiker Detlef Diedrichsen. Der Auftakt am Donnerstag, 5. März, widmet sich unter internationaler Beteiligung dem Netzwerk „Life after Music Magazins – the Norient Way“ und damit dem Komplett-Relaunch / Neustart der Musik-Online-Plattform Norient.

 

Auf dem Weg zum Norient-Space hat sich Norient, dieses Online-Magazin, Filmfestival und Netz für Musikszenen von Argentinien über Ghana bis Pakistan, neu erfunden. Entstanden ist, so die PR-Ansage, eine „transdisziplinäre virtuelle Galerie und Community-Plattform zwischen Kunst, Journalismus, Wissenschaft, die Musik als Seismograf der Zeit versteht“.

 

Das neue Modell des Norient-Space und welche Freiräume es für den Musikjournalismus jenseits von Algorithmen und Filterblasen künftig geben wird, das diskutieren, demonstrieren-performen mittels Wort, Video, Musik internationale Spezies der Szene. Ein vielversprechendes Ereignis für die Community. Und für besonders Neugierige. Dazu DJ DisFig.

 

Haus der Kulturen der Welt, John-Forster-Dulles-Allee 10; 10557 Berlin. Am 5. März, ab 19 Uhr. Tickets: 030-39787 175 / tickets@hkw.de. 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.

Wir verwenden Cookies für eine bessere Nutzererfahrung. Mehr erfahren »