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Kulturvolk Blog Nr. 319

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. Dezember 2019

HEUTE: 1. „Wolken. Heim.“ – Kammerspiele des Deutschen Theaters / 2. „Skylight“ – Kudamm-Komödie im Schiller Theater / 3. Gespräch mit Musik über einen berühmten Unbekannten: den genialen Texter Robert Gilbert – Kulturvolk-Haus

1. Deutsches Theater-Kammerspiele - Erst Theaterdonner, dann laue Luft

 Lorena Handschin in
Lorena Handschin in "Wolken.Heim." © Arno Declair

Selten sah man ihn, doch da ist er wieder: der resedagrüne Samtvorhang der Kammerspiele. Ganz sacht teilt er sich ‑ ein Erlebnis: Dann gähnt ein schwarzes Loch, die Bühne. Nebelschwaden wallen, Blitze zucken, ein schweres Gewitter naht, entlädt sich krachend. Es gleicht dem Wortgewitter der Elfriede Jelinek.

 

Sie schleuderte es ‑ einem Zeus gleich – vor drei Jahrzehnten schon aufs Papier; 18 Druckseiten. Eine monologische Wortmasse namens „Wolken. Heim.“. ‑ Ein frühes, ein genialisches Stück Postdramatik. Keine Szenen, keine Figuren, sondern eine gigantische Collage aus Zitaten von Hölderlin, Hegel, Heidegger, Kleist, Fichte bis hin zur RAF.

 

Da säuselt und seufzt, wispert und wütet es und donnert nach Kräften vom deutschen Wesen und Wollen, vom deutschen Boden, dem deutschen Heim bis hinauf in den Himmel und also vom großen deutschen Wir mit seinen Dichtern, Denkern, Kriegern, Hausfrauen.

 

Jelineks Zitaten-Singsang vom Glückschmieden und Glückzerstören, vom Sehnsüchtig-, Traurig- und Todsein gleicht einem wolkigen Grummeln der Gemütlichkeit, aus dem plötzlich die unheimliche Lust lodert, die Welt zu umarmen oder ‑ Heim und Heimeligkeit beiseite – sie wacker zu überrennen und sich einzuverleiben. Und zwar ins ganz große deutsche Wir. – „Wir sind zuhaus, wo wir hinwandeln zwischen Himmel und Erd und unter den Völkern das erste...“

 

Zurück zum Anfang: Das Gewitter vorbei, lieblicher Kunstrasen grünt, fünf Liegestühle künden von Schrebergartengemütlichkeit für ein entspanntes Wir-Kollektiv: Edgar Eckert, Lorena Handschin, Holger Stockhaus, Birgit Unterweger und Regine Zimmermann in froschgrün glitzernden Freizeitanzügen (Kostüm: Aino Laberenz). „Wir sind ganz bei uns… Hier sind wir zuhaus.“

 

Schöner Beginn der manischen Wir-Beschwörung, in deren Dahinfluss dann die fünf den Text sich teilen: Also mal chorisch, mal solistisch. So viel zur Hin-und-Her-Fantasie des Regisseurs Martin Laberenz. Doch die verkrampfte, sich dummerweise in den Pointen verheddernde 80-Minuten-Rederei (die Souffleuse Simona Wanko musste fleißig aushelfen), die wird nicht tolle, als man eine in Folie verpackte Statue hereinschleppt (Wer? Germania?). Um sie dann unbeachtet in der Ecke stehen zu lassen. Doch flugs tritt die Brigade Bühnenarbeiter auf und baut lärmend einen Sperrholzturm auf die Drehbühne. Aha, ein Klettergerüst (Bühne: Bettina Pommer). Das sorgt für Action, für sportives Runter und Rauf und für wenigstens ein kleines Stück hoch hinaus aus den Niederungen der Camping-Liege.

 

Immerhin, zum Kommentar wurde der Turmbau zu Berlin im Finale, als Lorena Handschin vom Gipfel „Mont Klamott“ schmettert, den schönen Song der Ost-Band Silly über den Berliner Weltkriegstrümmerschutt, der im Stadtbezirk Friedrichshain zum Berg wuchs.

 

Vor der Premiere verlautbarte der Regisseur, er wolle aus der Sprache heraus etwas kreieren. Dieses Etwas ist nun kaum mehr als nichts. Dem Vorspiel-Gewitter folgte nur laue Luft.

 

Da muss man einfach an Jossi Wielers Coup in Hamburg anno 1994 erinnern. Dort erdete der Regisseur das philosophisch hoch segelnde „Wolken. Heim.“ durch Erfindung eines psychologisch konkretisierten Figurenpersonals, teilte das Text-Konvolut auf in „Rollen“. Die übernahm ein Damen-Sextett, residierend in einem Wehrmachtsbunker. Sechs Weiber – ohne Gatten, verheiratet nicht mit dem deutschen Mann, sondern mit der deutschen Misere. Frappierend verkörperten sie den deutschen Wahn zwischen Idylle und Exzess. So wuchs „Wolken. Heim.“ vom Selbstbeschau- und Warn-Stück unversehens hinaus zur packenden Nationalkomödie (oder Groteske). – Tja; damals war’s…

 

(wieder 13., 29. Dezember; 11., 27. Januar)

 

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2. Komödie im Schiller Theater - Dominic Raacke ist der Star!

Dominic Raacke und Henriette Richter-Röhl in  © Franziska Strauss
Dominic Raacke und Henriette Richter-Röhl in © Franziska Strauss

„Wenn man eine Liebesbeziehung hat, über die man aus irgendeinem Grund nicht sprechen kann; wenn dein Herz jemandem gehört, und du darfst es nicht sagen – keinem einzigen Menschen, außer der betreffenden Person ‑, also dann ist das für mich die reinste Form der Liebe...“

 

Na, darüber könnte man heftig diskutieren, was da auf der Bühne Kyra Hollis, 30, Lehrerin in einer Londoner Problemschule, dem zwei Jahrzehnte älteren Tom Sergeant, ihrem Ex, um die Ohren haut. So kommt es denn auch, das Diskutieren, in dem erregten Quasselstrippen-Stück „Skylight“ des britischen Erfolgsautors David Hare (Jahrgang 1947; u.a. Drehbücher für „The Hours“, „Die Vorleserin“), der immerhin in den Adelsstand für seine vornehmlich die Probleme prekärer Milieus schildernden Theaterarbeiten erhoben wurde, die im Londoner West End wie am New Yorker Broadway reussieren.

 

Also Kyra trifft, soviel zur Vorgeschichte, auf Tom; damals war sie Studentin und er ein verheirateter Restaurantbesitzer, der sie als Hilfskraft engagierte. Sie steigt als unentbehrliche Mitarbeiterin auf und schließlich zum allseits gemochten Quasi-Mitglied der Sergeant-Familie (Papa, Mama, Sohn Edward) – und verliebt sich in Tom. Beide ein glückliches Paar im geheimen, bis – nach Jahren erst (!) ‑ die Ehefrau dahinter kommt. Prompt verlässt Kyra im Glauben, Tom hätte absichtlich das verbotene Glück verraten, Hals über Kopf die mittlerweile zu Reichtum gekommenen Sergeants, studiert fertig, wird Lehrerin, lebt fortan ärmlich und unfroh in einer schäbigen Wohnung und stürzt sich in die pädagogisch zwar wertvolle, doch wenig erfolgreiche Arbeit mit den Problemkindern der Londoner Unterschicht.

 

Tom, inzwischen Millionär (!), verwitwet (Frau starb an Krebs), sarkastisch, raubeinig, hängt noch immer an der nervösen, ziemlich hysterischen Kyra – wie sie an ihm. Er sucht sie in ihrem Gehäuse auf (Star-Bühnenbildner Harald Thor setzte ein betonkaltes Verließ auf die Breitwandbühne vom Schiller Theater), dem unwirtlichen Ort der ersten Wiederbegegnung nach so vielen Jahren. (Hier nun setzt das Stück ein.)

 

Es kommt zum gierigen Beischlaf, vor allem aber kommt es zu weit ausholenden, teils vehementen, ja zänkischen Diskursen über das Wesen der Liebe und des Glücks, über soziale Gegensätze und Moral, darüber, wie man ein gelungenes Leben lebt. Nach gut zwei Stunden bleibt offen, ob es ein Wiedersehen der beiden Einsamen gibt und womöglich gar ein Happyend zwischen dem ruppig rechtskonservativen Witwer mit dem zärtlichen Herzen (Dominic Raacke) und der dogmatisch linksbewegten, tapfer verbitterten Pädagogin (Henriette Richter-Röhl).

 

Tobias Wellemeyer, seit seinem Abschied als Potsdamer Intendant frei schaffender Regisseur, inszenierte das Rede-Duell der sich bei allen schwierigen Gegensätzen doch noch einander Anziehenden mit der ihn auszeichnenden großen Könnerschaft. Allerdings, gänzlich kommt auch er nicht hinweg über das unüberhörbar raschelnde Script-Papier. Das, halten zu Gnaden Lord Hare!, platt Konstruierte, das Neunmalkluge der Dialoge.

 

Damit angestrengt zu kämpfen hat Henriette Richter-Röhl. Hingegen lässt Dominic Raacke all das Papierrascheln vergessen durch seine starke Präsenz, seine elegant spielerische Präzision samt seines differenziert den Raum füllenden Sprechorgans (für den Schiller-Großraum unentbehrlich). Raacke fasziniert souverän mit feinsinniger Rollengestaltung, die genau die Mischung trifft aus Gentleman, Macho, seelisch verwundetem, verkrampftem Kerl, aus Lebensweisheit, Scheu, Trotz und sympathischem Draufgängertum. Man möchte Raacke endlich öfter auf der Bühne sehen. Er ist ein Ereignis. Freilich wäre diesem intimen Abend eine kleinere Theaterräumlichkeit angemessener; hinzu kommt die Störung durch die leider obligate Pause.

 

(noch bis zum 29. Dezember)

 

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3. Buchpremiere: - Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?

Robert Gilbert © Christoph Links-Verlag unter Verwendung eines Fotos von Ullstein
Robert Gilbert © Christoph Links-Verlag unter Verwendung eines Fotos von Ullstein

Er textete fürs Kabarett („Warum liebt der Wladimir gerade mir?“), für die Operette („Durch Berlin fließt immer noch die Spree“), für die UFA-Filmschlager („Ein Freund, ein guter Freund“), für die Lieder im „Weiße Rössl“ oder für Hanns Eisler („Die Ballade von der Knüppelgarde“). – Robert Gilbert war ein Genie, passend ins Entertainment wie ins Politische, ein sich und seinem Können sicherer Pendler zwischen Welten, die doch letztlich zusammen gehören. Sein Werk war in allen Volksschichten berühmt, als Person jedoch blieb er seltsamerweise bis heute weitgehend unbekannt.

 

1933 musste Gilbert ins Exil; er war (lange Zeit) Kommunist und er war Jude ‑ erst kam Wien, dann Paris und New York, wo er, typisch für ihn, Freunde aus gegensätzlichen geistigen Sphären traf; beispielsweise Hannah Arendt und Robert Stolz. 1949 reiste Gilbert zurück nach Europa, machte Kabarett mit Erich Kästner in München und begann als Übersetzer und Nachdichter amerikanischer Musicals wie „My Fair Lady“ – „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn…“

 

Jetzt endlich gibt es eine erste profunde Gilbert-Biografie von Christian Walther, dem ehemaligen „Abendschau“-Redakteur, der mit diesem Lebensbild eines großen Berliners zugleich eine Zeitreise schildert vom glamourösen Berlin der 1920er Jahre übers Exil bis hin in die Unterhaltungswelt des geteilten Deutschland.

 

In Zusammenarbeit mit dem Christoph Links Verlag wird Christoph Stölzl, Präsident der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar und Gründungsdirektor des Exilmuseums Berlin, das spannende Buch im Gespräch mit dem Autor vorstellen; Moderation Kulturvolk-Geschäftsführerin Alice Ströver. Und Jeanette Urzendowsky alias Chanson-Nette wird einige der Gilbert-Hits zum Besten geben. Eine großartige Weihnachtsüberraschung!

 

Am Donnerstag, 12. Dezember, 19 Uhr im Kulturvolk-Haus Ruhrstraße 6. 10709 Berlin.

 

Christian Walther: „Ein Freund, ein guter Freund. Robert Gilbert – Ein Lieddichter zwischen Schlager und Weltrevolution“. Mit einem Vorwort von Max Raabe. 368 Seiten, 33 Abbildungen, 30 Euro. Roland Links Verlag Berlin.

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