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Kulturvolk Blog Nr. 305

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

1. Juli 2019

HEUTE: Sommertheater 1. „The Band“ – Theater des Westens / Sommertheater 2. „Spatz und Engel“ – Renaissance Theater / 3. Mit unserm Sommerrätsel ab in die großen Ferien!

1. Sommertheater im Theater des Westens: - Popsong-Seligkeit trifft Schicksalshärte

Musical
Musical "The Band" © Eventpress Radke

Take That – kann man nehmen, sollte man nehmen, muss man nehmen, wenn schlechte Laune herrscht. Denn die Musik dieser britischen Boy-Band, die Anfang der 1990er Jahre in Deutschland debütierte, um dann nicht allein in ihrer Heimat groß Karriere zu machen, der erfrischende, melodiös für jedermann eingängige Sound der damals jungen Burschen lässt Hüften wackeln und Fußspitzen wippen. Klappt noch heute, wenn sie im Nostalgie-Radio trällern.

 

Für Gary Barlow und Tim Firth Grund genug, eine Show zu produzieren. Mit einer Handvoll Teenager-Girls aus dem Manchester der Neunziger im Fieber von „Take That“. Die Mädels stehen nämlich im Mittelpunkt dieser erstaunlich intelligent gemachten Unterhaltungsveranstaltung, die zu recht sich „Musical“ nennt, und nicht ihre Idole, die flotten Burschen. Die szenischen Wiedergänger der umschwärmten Fünfer-Band liefern zwar den perfekt gesungenen und raffiniert inszenierten „Take That“-Soundtrack, doch im Zentrum des Geschehens steht die Geschichte der Freundinnen: Anfangs, wie sie als unzertrennliche Backfische auf dem Schulhof schwärmen, und dann, ein Vierteljahrhundert später, als die Clique sich wieder trifft anlässlich eines späten Konzerts ihrer „Jungs“ in Prag.

 

In der Zwischenzeit ist allerhand passiert. Eine der Freudinnen starb bei einem Verkehrsunfall, und auch den anderen hat das Leben heftig mitgespielt: Jugendträume zerflossen, Kinder kamen, Ehemänner gingen oder blieben aus und beruflich lief manches gut und vieles schlecht.

 

Von den Härten aber auch Glücksmomenten des Lebens erzählt spannend, schnörkellos, mal traurig, mal komisch diese Musical-Geschichte (deutsche Fassung der griffigen Dialoge: Ruth Deny). Lachen und Weinen stehen da dicht beieinander – eine bravouröse Seltenheit in diesem Genre. Dazu kontrapunktisch geschickt und live die tollen Songs. Welthits wie „Never Forget“, „Back for Good“ oder „Relight My Fire“ (perfekt im englischen Original) quasi als Background dramatischer Schicksalsberichte zwischen Schulhof und Erwachsenwerden, Erwachsensein.

 

Vor zwei Jahren hatte „The Band – Das Musical“, als Tournee-Produktion angelegt, Uraufführung in Manchester, reiste mit rasendem Erfolg durch England, um schließlich – passend zum 30-jährigen Gründungsjubiläum von „Take That“ im Londoner Westend gefeiert zu werden. Grund genug für die holländische Stage Entertainment, das in jeder Hinsicht musikalisch wie schauspielerisch mitreißend geglückte, auch hinsichtlich der originellen Ausstattung frappierende Unternehmen nach Berlin ins Theater des Westens zu holen.

 

(bis zum 22. September)

 

***

2. Sommertheater im Renaissance: - Schmerzensreich, lustvoll, toll

Edith Piaf und Marlene Dietrich © nationaalarchief.nl
Edith Piaf und Marlene Dietrich © nationaalarchief.nl

Dietrich und Piaf, das geht gar nicht. Und doch, es geht. Geht sogar wunderbar, zuweilen gar hinreißend jetzt auf der Bühne in Existenzialisten-Schwarz vor einem raffiniert Vexierbilder zaubernden Riesenspiegel mit den beiden so stimmstarken wie ausdrucksmächtigen Schauspielerinnen Vasiliki Roussi als Edith Piaf und Anika Mauer als Marlene Dietrich. Wow!

 

Im wirklichen Leben ging es nicht durchweg wunderbar und hinreißend zu zwischen den so extrem gegensätzlichen Großkünstlerinnen. Sie waren befreundet, seit sie sich 1947 in New York erstmals begegneten. Da muss es sofort gefunkt haben – trotz oder womöglich gerade wegen der gigantischen Unterschiede: Hier die 14 Jahre ältere Dietrich, Stil-Ikone, längst ein Weltstar, von Kopf bis Fuß eine Dame aus gutbürgerlichem Hause, preußisch disziplinierte Offizierstochter; dort die aus der Gosse kommende, von Drogen Zerzauste mit den kurzen Beinen, die sich unter Qualen mit unglücklichen Liebschaften und existenziellen Abstürzen gerade aufraffte zum Weltruhm. Aber beide konnten ganze Konzerthallen zum Kochen bringen. Oder zum Weinen.

 

Es war eine schwierige Freundschaft, eine Irgendwie-Liebe. „Sie hatte mich gern, aber ich glaube, sie konnte nur Männer lieben“, sagte die Dietrich, Trauzeugin einer der vielen kurzlebigen, oft ganz und gar unmöglichen Piaf-Ehen, Sie schenkte ihr ein Kreuz mit Smaragden und kümmerte sich „wie eine Kusine vom Land“ um die Jüngere, schwerst Gefährdete, die „ihre Kerze immerzu an zwei Enden anzündete“. Schließlich gab sie sie auf „als ein verlorenes Kind“. Immerhin trug sie bis zu ihrem Tod einen Zettel bei sich mit Ediths Krakelschrift: „Marlene, vergiss nie, dass ich dich liebe.“

 

Der mit Spatz und Engel übertitelte Abend beginnt als eine Art Ouvertüre mit einer Situation anno 1960. Die Dietrich hat ein Konzert in Baden-Baden, die Piaf nebenan eins in Straßburg. Doch Marlene will nichts wissen von einem Treffen mit der alten, längst verwehten, schmerzensreichen Freundschaft.

 

Dann folgt der Sprung zurück über Kontinente und Zeiten ins Jahr 1947 nach New York, wo es heftig begann mit den beiden. Marlene als karrierestützende Übermutter mit heftigen, durchaus willkommenen erotischen Einschlägen. Ob nun lesbisch oder nicht bleibt aktenmäßig ungeklärt. Dennoch wird die ganze schöne Veranstaltung hindurch mit den vom Boulevard befeuerten Spekulationen gespielt. Eigentlich überflüssig. Ob oder ob nicht – was soll’s!

 

Ansonsten freilich werden die göttlichen Aufs und infernalischen Abs der Piaf samt den hilfreich-hilflosen Reaktionen der Dietrich szenisch grob angerissen. Als ergänzende Stichwortgeber agieren die beiden Charakterspieler Ralph Morgenstern und Guntbert Warns. Im fliegenden (Kostüm-)Wechsel sind sie u.a. Kellner, Boxer, Manager, Ehemänner und gelegentlich sogar Sänger. Lauter starke, präzis gesetzte Miniauftritte als feine, gegebenenfalls grobe Rahmung für die Diven, die wiederum mit ihrer immergrünen Hitparade fest im Mittelpunkt stehen. Es sind die Stationen der Konzerte in Las Vegas, London, Paris… Es sind die Lieder „Padam, Padam“, „La vie en rose“, „Mylord“, „Le Chevalier de Paris“, „Schöner Gigolo“…

 

Die glühend schöne Deutsch-Griechin Vasiliki Roussi packt – im Zentrum des Zweistunden-Abends ‑ auf ihre großartige, bewundernswürdige Weise den Piaf-Sound zwischen ätzendem Herzschmerz und trauerndem Weltschmerz, zwischen kindlicher Sehnsucht, gieriger Lust, himmlischer Euphorie, verzweifelter Depression und rüdem, ja gossigem Rotz-Trotz.

 

Kontrapunktisch dazu Anika Mauer bei aller Gefühlswärme in divenhafter Coolness, lakonisch, berlinisch-sarkastisch, lebensklug und weise. Und immer irgendwie Göttin. Wunderbar! Mit zuletzt spektakulärem Auftritt einer Statue gleich im hauteng weltberühmten Glitzerkleid und dem immer wieder ins Mark gehenden „Sag mir, wo die Blumen sind“.

 

Der Regisseur Torsten Fischer, die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos und die Musiker Harry Ermer am Klavier und Eugen Schwabauer das Akkordeon vor der Brust – nur zwei, die groß Wirkung machen ‑, sie alle samt den Damen und Herren von Schauspiel und Gesang haben alles richtig gemacht mit dieser im Schelldurchlauf erzählten „Geschichte der Freundschaft zwischen Marlene Dietrich und Edith Piaf“, so die Ansage dieses „Theaterabends mit Musik“ von Daniel Große Boymann und Thomas Kohry nach einer Idee von David Winterberg.

 

Freilich, es ist ein toller Liederabend mit ein bisschen Theater geworden. Eigentlich schade, der Stoff sowie dieses Casting hätte das Zeug zum richtig großen Theater nebst adäquater Musik. Winterbergs Idee wäre enorm ausbaufähig…

 

Sei’s drum, wir sind auch so auf unsere Kosten gekommen. Klasse Entertainment, das Publikum reißt es vom Sessel. Nach „Non, je ne regrette rien“ ganz am Schluss als gezieltem Rausschmeißer gibt es überhaupt kein Halten mehr im prächtigen Art-déco-Saal.

 

(wieder 5.-7., 11.-14. Juli)

 

***

3. Sommerrätsel. Und ab in den Urlaub!

Anhaltischen Theater Dessau: Im Weissen Rößl © Claudia Heysel
Anhaltischen Theater Dessau: Im Weissen Rößl © Claudia Heysel

Zum Schlusswort erst noch ein Vorwort: Ende Mai gab es die 300. Ausgabe vom Blog. Anlass für meinen Jugendfreund Dieter Bärwolff aus Dresden (auch dort liest man Kulturvolk!!), eine wie ich finde ziemlich witzige Gratulation zu schicken. Hier ist sie. Und sie dient zugleich als Sommerrätsel für eine Mußestunde im Garten oder Strandkorb: Wie viele Stücke-Titel hat da wohl der fleißige Theatergänger und Ingenieur aus Sachsen in seinem Text versteckt? – Doch es gibt ja Google. Oder, für total Analoge und Bücherwürmer, den guten alten Schauspielführer…

 

 

Dieter Bärwolff für R.W. zum Blog 300:

 

Er kommt aus der Übergangsgesellschaft, der Große Frieden war noch nicht gemacht. Mit ihm träumten wir den Sommernachtstraum und dachten, wir kämen alsbald im Kirschgarten an. Doch Faust dabei im Mantel bringt’s alleine nicht. Ist doch Leben einfach kompliziert und Macht der Gewohnheit überall. Untergeher im Dickicht der Städte? Nein, das sind wir wahrlich nicht. Es helfen hier gelegentlich die Wege übers Land. Und findet man drei Schwestern da und do, erübrigt sich das Warten auf Godot.

 

Doch Vorsicht auf der Wolokolamsker Chaussee, erst recht beim wilden Sturm und kaltem Licht. Schon mancher Handlungsreisender hing hier fest mit einer Panne, wo weder Frau Courage, die Bauern nicht und nicht die Umsiedlerin, und Physiker gleich gar nicht, helfen konnten. Von Bürger Schippel ganz zu schweigen. Auf weiter Flur nur Räuber, die reinste Odyssee. Was hilft da Trommeln in der Nacht? – Eines langen Tages Reise in die Nacht kann so nur schrecklich enden, womöglich ohne Nachtasyl.

 

Hat man jedoch das Glück auf seiner Seite, wie unser Jubilar, schafft Meister Solness Maß für Maß den Bau, ein Puppenheim mit Glasmenagerie, mit Schwitzbad auch, wenn’s sein muss, vielleicht sogar mit Katze auf dem heißen Blechdach. Zerbrochne Krüge seh‘ ich kaum. Wie gefällt dir das?

 

Ich weiß es nicht und frage: Was ihr wollt? – Ein Frühlingserwachen mit 300 plus? Das wär‘ doch was. Der Heldenplatz ist hier! (Das letzte Band wird nicht gehört…)

 

Recht hat er, der gute Dieter, mit Heldenplatz und letztem Band… ‑ Doch jetzt endlich die Blog-Pause. Im September bin ich wieder online. Wie gewohnt: jeden Montag neu. Salute!

 

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Betrifft oben stehendes Foto:

 

Vorschau September als Ausflugstipp nach Dessau: Eröffnung des Bauhaus-Museums am 8. 9.; am 13. 9. im Anhaltischen Theater die spektakulär fantastische, absurd-dadaistische Uraufführung „VIOLETT – Raumkomposition Wassily Kandinsky“, Musik Ali N. Askin, Regie/Choreografie Arila Siegert. Im Kontrast dazu das Szenenfoto von Claudia Heyse: Der Repertoire-Schlager „Im weißen Rössl“. ‑ Doch jetzt erst mal raus in die Sommerfrische, aber mit Sonnenschirm!

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