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Kulturvolk Blog Nr. 3

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

24. September 2012

Schaubühne „Ein Volksfeind“


Quer im Loft der lange Tisch für Laptops, Macchiato, Baby-Wickeln; und an den Wänden die Notizen über die voll coolen Ideen vom letzten Brainstorming. So sieht’s aus bei aufsteigenden Jungakademikern in hipper Großstadt-Mitte (Bühne: Jan Pappelbaum). Und wenn man mal nicht twittert, digital jobbt, Windeln wechselt oder alternativ rumphilosophiert, dann rockt man mit der Gitarre David Bowie. Die Selbstgefälligkeit einer so narzisstischen wie sinnsucherischen Schlabberhosen-Jugend breitet Regisseur Thomas Ostermeier grinsend aus in Henrik Ibsens altem (1882), von Florian Borchmeyer – „Fuck, ey!“ neu getextetem Stück „Ein Volksfeind“. Was sich wie die routiniert ironische Fortschreibung der Edel-Egotrips in Ostermeiers Ibsen-Hits „Nora“ und „Hedda Gabler“ anlässt, kriegt in der finalen halben Stunde seinen tollen Dreh: Der Badearzt (Stefan Stern) hat entdeckt, dass die Wasserquelle, die einen profitablen Kurbetrieb ermöglicht, vergiftet ist, was den Ruin der Kommune bedeutet. Der Stadtrat (Ingo Hülsmann) will die Verseuchung vertuschen. Es kommt zum großen Krach zwischen Politik (Hülsmann mit Schlips und Sakko) und Medizin (Stern in Lederjacke, Schlabberjeans). Der Clinch wird – schlagende Idee! – überblendet mit dem gegenwärtig kursierenden, krass kapitalismuskritischen Empörungs-Manifest „Der kommende Aufstand“. Die Regie gibt brennende Fragen nach „Ökonomie und Wahrheit“ weiter ans Publikum, das so erregt wie ratlos mit Zwischenrufen reagiert. Gellendes Mitmach-Polit-Theater. Ein brisanter Abend aus Pop wie Latte macchiato und Agitprop wie Pflastersteine.

Schaubühne 50

Gleich nach der Berliner Ibsen-Premiere („Volksfeind“ kam umjubelt beim Avignon-Festival heraus) die Halbjahrhundertfeier der Schaubühne. Und der Abschied von Direktor Jürgen Schitthelm, der das Haus anno 1962 im damals wie scheintoten Kreuzberg unweit der Mauer mit drei Freunden gründete. Er war 23, Student der FU und aktiv im Studententheater, der praktischen Verlängerung des theaterhistorischen Seminars, was nervte. „Also machten wir unser eigenes Theater.“ In der Arbeiterwohlfahrt am Halleschen Ufer. Ein zinslos langfristiges Darlehen von 10 000 Mark hielt alles knapp über Wasser. Das Prinzip: Jede Mark in die Kunst; alle technischen Arbeiten wurden von allen übernommen. Später kam das Gerangel mit dem Senat um Beihilfen. Was erstaunlich glattging. Denn: Gleich die erste Premiere, ein saftiges brasilianisches Volksstück, war ein Hit; und im eingemauerten, depressiven Westberlin war jede Gründung hochwillkommen. Also alles lief prima, bis alles schwerfällig wurde, trotz der seit 1966 festen Zuwendungen: Es ging nicht mehr en suite mit in der Stadt eher unbekannten Autoren ohne festes Ensemble und in Konkurrenz zu den steinreichen staatlichen Kunstbetrieben. „Wir hatten uns ausgereizt, hatten es allen gezeigt, hatten Erfolg. Weiter gehen konnte es nur auf höherer Ebene.“

 

Also Ende der 60er die große Krisensitzung mit Peter Stein und Claus Peymann, den damals hippesten Leistungsträgern der Jungen im westdeutschen Theater. Beide sagten zu für die künstlerische Leitung. Und konstituierten das feste, alsbald zur Höchstform auflaufende Ensemble; der hellsichtige Kultursenator Werner Stein ermögliche 1,8 Millionen Mark für die nunmehr 90 Mitarbeiter. – Und zwar trotz des kollektivistischen, als kommunistisch denunzierten (von Peymann nach seinem schnellen Weggang als stalinistisch gebrandmarkten) Mitbestimmungsmodells mit quasi klösterlich-familiärer Lebensform und wissenschaftlich fundierter Kunst-Arbeit. Motto: Weg vom „Jobbertum“ (Stein), weg von Entfremdung. So erblühte die gleißend goldene Ära der Schaubühne. Wobei Stein, nach seinem Sensations-Start mit der Brecht-Adaption von Gorkis Klassenkampf-Drama „Die Mutter“, das 68er Erbe, die vordergründige Verbindung von Politik und Theater, vehement zurückdrängte. Und in den Weltruhm aufstieg, indem er und Dramaturg Sturm ein sensationelles Kontrastprogramm kreierten mit den total gegensätzlich temperierten Regisseuren Bondy, Grüber, Wilson. Die Theaterwundermaschine begann zu rasen!

 

Schitthelms größter Coup? Als er das blühende Hochleistungs-Unternehmen vor den durch spektakuläre Großprojekte anwachsenden Schulden rettete: Er hörte vom Sanierungsprojekt Mendelsohn-Bau am Kudamm und adaptierte es für sein Institut. Mit dem Umzug ins Luxusgehäuse in die City 1981 war die (finanzielle) Situation des nunmehrigen Startheaters und von aller Welt gefeierten Aushängeschilds Westberlins bestens neu geregelt. Alles war supertoll. Bis Peter Stein wohl aus Überdruss am Ruhm 1985 ohne Vorwarnung aufgab. Artifizielle Depression nistete sich fest – es gibt kein Abo auf Theaterwunder. Schließlich sprang Andrea Breth 1991 in die Bresche künstlerischer Führungslosigkeit, kam aber mit den VIP-Spielern nicht klar, entsorgte endgültig das Mitbestimmungsmodell und erklärte die Auflösung des festen Ensembles. Zum Saisonende 1996/97 tritt sie zurück: „Ich denke, alle leben nur nach der Devise: nach mir die Sintflut.“

 

Wie Schitthelm den lecken Tanker zurück in sicheres Fahrwasser steuerte, das im nächsten Spiral-BLOCK.

 

Doch noch ein Wort über die trotz des Proseccos eher nüchterne Halbjahrhundertfeier und Schitthelm-Verabschiedung: Er war gerührt, der Regierende verschmierte breiigen Charme, Schauspieler Wengenroth kalauerte sich an Schiller entlang durch die Sinnfragen einer stehenden Schaubühne und es gab besinnliche Musik mit sanftem Pop plus verpoppter Klassik. Helden der vergötterten Stein-Zeit wurden kaum gesichtet (doch: Edith Clever!). Nach Mitternacht machte Lars Eidinger den DJ, es soll bis acht Uhr morgens gedröhnt haben!

Drei Stunden vor Mitternacht war „Hamlet“, Ostermeiers bitterböses komisches, zart poetisches und brutalo drastisches Traum-, Wut-, Endspiel. Mit einem irren Eidinger: das hellsichtig tobende, daseinstraurige dicke Kind im super Ensemble. Unvergesslich. Steht weiter im Repertoire. Nicht verpassen! Noch ein Tipp für Fans vom, so die alberne Journaille, „Kurfürstendamm-König“: Im Verlag Theater der Zeit erschien „Backstage Eidinger“; kostet saftige 15 Euro, lohnt aber.

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