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Kulturvolk Blog Nr. 289

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

11. März 2019

HEUTE: 1. „Fabian“ – Deutsches Theater Studio Box / 2. „Kabale und Liebe“ – Hans-Otto-Theater Potsdam / 3. Ausstellung Jürg Burth, Porträtzeichnungen: Die Stars vom Theater des Westens

1. Deutsches Theater-BOX: - Alles muss anders werden

"Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" © Arno Declair

Großes Erzähltheater in der kleinen Kiste; sensibles Spiel vor grell gefärbtem Hintergrund – was für erregende Kontraste. Die Rede ist von Erich Kästners grandiosem Berlin-Roman „Fabian“ in der schreiend rot ausgeschlagen Kastenbühne der DT-Box.

 

Alexander Riemenschneider und Meike Schmitz haben Kästners starken Text derart komprimiert, so dass dessen anno 1931 unter studierten Germanisten sich zutragende „Geschichte eines Moralisten“ geradezu überwältigend heutig wirkt als ‑ wie seinerzeit vom Autor gewollt ‑ „Warnung vor dem Abgrund“.

 

Kästner meinte damit Arbeitslosigkeit sonderlich im akademischen Milieu, die verzweifelte Suche nach festem Daseinsgrund oder allgemeiner Vernunft; meinte Zukunftsangst, Geldnot, seelische Depressionen sowie die Sucht nach Betäubung der prekären Lage durch Suff und Sex ‑ und all das vor dem Hintergrund der „Aktivität bedenkenloser Parteien“.

 

Unter „Moralist“ verstand der Autor (wir gedachten Ende Februar seines 120. Geburtstags!) einen Melancholiker wie Fabian. Einen hellwachen Analytiker „unhaltbarer Zustände“, der zunehmend verbittert und verkatert mit seinem optimistisch sozialrevolutionären Freund Labuda durchs abgründig verführerische, eiskalt goldene Berlin tobt um dort sein Glück zu machen.

 

Thorsten Hierse spielt diesen „Chirurgen, der die eigene Seele aufschneidet“, in höchster Zurückhaltung erschütternd eindringlich. An seiner Seite der ihn doch immer wieder aufmunternd stützende Bozidar Kocevski als Labuda, der sensibel Lebenstüchtigere dieses ungleichen Gespanns. Zwischen beiden Birgit Unterweger in mehreren Rollen als zart Liebende, kühl Berechnende, die sich am schlimmen Ende opportunistisch für Geld und Karriere verkauft.

 

Was für ein wunderbares Dreigestirn schauspielerischer Feinnervigkeit, das besondere Spannung erzeugt durch sein genau eingefühltes Szenenspiel, das wiederum wechselt mit Momenten nüchternen Kommentars der jeweiligen Situation – aufs trefflichste unterstützt durch den Musiker Tobias Vethage.

 

Innen- und Außensicht, Persönliches und Politisches, Erzählung und Analyse dramatisch verschränkt vom Regisseur Alexander Riemenschneider. Ein seltenes Kunststück, schwer zu machen, doch leichthändig inszeniert bis hin zu kabarettistischen Anflügen, ohne Tragisches beiseite zu schieben. Was für ein Könner jenseits diverser, krampfhaft auf verfremdende Abstraktion erpichte Regie-Moden und dennoch total überzeugend. Aber von der Kritik eher wenig beachtet…

 

Freilich ist nicht zu unterschätzen, dass diesem Regie-Meister die brillante Bühnenbildnerin Johanna Pfau mit ihrem plakativ herrschenden Rot als effektvoll dramaturgischem Kontrast zur eher düsteren Gedankentiefe Kästners samt seiner subtil sprachlichen Poesie zur Seite steht. Zum szenischen Minimalismus in der Kiste passt Pfaus pfiffige Idee, signifikante Handlungs-Requisiten als grell comichafte Pappbildchen abnehmbar an die Wand zu kleben, damit sie unsere drei Akteure im passenden Moment quasi als beiläufig die Situation illustrierenden Spielball benutzen. Auch hier das lässig-schlüssige, frappierend dynamische Ineinandergreifen von Gegensätzlichem: Das Spielerische und Demonstrative, das Witzige, Sarkastische, Komisch-Groteske, Ernste, Todernste. Schließlich verlässt Fabian, in jeder Hinsicht enttäuscht, die schrecklich abenteuerliche Reichshauptstadt und stürzt sich in seiner alten Heimat Dresden von einer Elb-Brücke zu Tode.

 

(wieder 17., 20. März)

 

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2. Hans Otto Theater Potsdam: - Die große Liebe war nicht groß genug

"Kabale und Liebe" © Thomas Jauk

Was für eine Nacht! Hoch am Himmel funkeln die Sterne ins Dunkel von Saal und Bühne. An der Rampe eine luftige Veranda, wo das Personal von „Kabale und Liebe“ entspannt tanzt zu Musik, die aus dem Weltall säuselt. Alles Leute von heute selig in der Schiller-Utopie der Götterfunkenfreude.

 

Bald aber ist Schluss: Musik aus, Licht an, Sterne weg. Eine Wand klappt krachend herunter, macht die Veranda hinterrücks dicht, verwandelt sie in eine Box mit Nischen, wohin die Traumtänzer sich drängen. Verängstigt, brutal breitbeinig, lüstern durchtrieben. Die Gesellschaft sortiert sich. Das Trauerspiel kann anheben in diesem Guckkasten, ganz in Weiß. Wie ein Labor zur Demonstration des Zusammenpralls von Oben und Unten, Moral und Gesetzlosigkeit, Gut und Böse.

 

Über solche Gegensätze kommt die Liebe idealischer Teenager nicht hinweg. Die Bürgerstochter Luise und der adlige Ferdinand scheitern. An den Grenzen ihres Standes, an den Grenzen ihrer Liebe, die durch Kabale von oben, durch terroristisches Intrigentum derart verengt werden, bis es zum Todestrunk kommt durch vergiftete Limonade.

 

Was da unserem just 23 Jahre alten, stürmenden und drängenden Nationaldichter 1782 mit pathetischer Sprachwucht aus der Feder schoss, dieses ketzerische Rütteln an absolutistischen Machtansprüchen gegenüber einem drangsalierten Bürgertum, mag heutzutage historisch sein, obgleich wir ähnliche Konfliktlagen kennen. Für immer spannend an diesem Klassiker bleibt der Clinch komplexer Charaktere. Dazu die Gefangenschaft der romantisch Liebenden im Diktat des Patriarchats. Über ihre wie auch immer geartete Liebe zu den Vätern kommen sie nicht hinweg. Jugendrevolte findet nicht statt. Kein „Vatermord“. Stattdessen in Verzweiflung die letale Limonade.

 

Genau das, dieses Scheitern in Wehrlosigkeit, stellt Regisseur Tobias Johannes Erasmus Rott wie in einer Versuchsanordnung im klinischen Laborraum (Ausstattung: Susanne Füller) aus. Schon das schluffige Outfit der Liebenden (Hannes Schumacher im Parka, Lara Feith im Schlabberpulli) signalisiert wenig Widerständigkeit. Und das bisschen Rumgeknutsche zeugt kaum von lodernden Gefühlen.

 

Interessanter hingegen die Papas, die auf ihre Macht pochen. Folglich kommen beide in grauen Anzügen daher, wobei Musikus Miller (Andreas Spaniol) zu erregteren Wutanfällen fähig ist als sein Gegner, der hübsch aufstampft, dann aber erstaunlich dämlich dreinschaut als Präsident (Jörg Dathe). Die seelisch gemarterte Mätresse Milford (Nadine Nollau) stellt eher die Hysterikerin aus als die Leidende. Auffällig unauffällig der Intrigen-Dreher Wurm (Jonas Gätziger), ein schleimiger Biedermann im Staubmäntelchen.

 

So beobachten wir das Abschnurren von Schändlichkeiten im Intrigenstadel. So aber geht kein Schiller-Thriller; so geht eine übersichtliche Versuchsanordnung strikt nach Schiller. Wenn es zwischen Opfern und Tätern gelegentlich aufregend wird, zerhauen es alberne Grotesken ‑ Zerren an Gliedern, Hände am Gemächt, Köpfe im Schwitzkasten.

 

Also Schiller pur. Gut gemeint, aber es packt nicht. Schon, weil dessen Sprachartistik eben nicht von jetzt ist. Sie verlangt theatralisch Distanz. Anbiederei ans Heute, dieses Halb-und-Halb (historisch Reden im Outfit von heute), das schwächt Intensität wie Gegenwärtigkeit. Dem feinen poetisch-utopischen Anfang folgt keine Tragödie, sondern bloß Ränkespiel.

 

(wieder 13., 22., 23. März)

 

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3. Ausstellungstipp: - Bilder-Parade der Show-Stars vom Glamour-Palast an der Kantstraße

Hildegard Knef und Helmut Baumann. Zeichnungen von Jürg Burth  © Jürg Burth
Hildegard Knef und Helmut Baumann. Zeichnungen von Jürg Burth © Jürg Burth

Der Vergleich mag ein bisschen hinken: Aber was heute Barrie Kosky für die Komische Oper ist, war einst Helmut Baumann für das Theater des Westens und überhaupt für den deutschen Musical-Betrieb damals, in den letzten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Baumann war nicht nur begnadeter Musical-Darsteller (etwa in „My Fair Lady“ oder „Ein Käfig voller Narren“), sondern zwischen 1984 und 1999 als Regisseur auch ein Erneuerer des Genres und innovativer Intendant des Theater des Westens. Vor kurzem erst feierte er im „Einstein“, Kurfürstenstraße, seinen 80. Geburtstag gemeinsam mit einer sensationellen Künstlerschar und seinem Lebensgefährten Jürg Burth, dem seinerzeit berühmten Regisseur und Choreographen des Theaters des Westens.

 

Jetzt gibt es im Gallissas Theaterverlag die Ausstellung „Helmut Baumann, Jörg Burth & ihre Künstler vom Theater des Westens 1984 bis 1999“. – Was für ein grandioses Erinnerungswerk!

 

Fotografien der unterschiedlichsten national wie international bekannten Künstler aus einer Vielzahl von Produktionen im TdW dienten dem Multitalent Jürg Burth als Vorlage für seine einzigartigen Porträtzeichnungen. So entstand eine tolle Galerie der Stars – und zugleich eine Zeitreise zurück in die glanzvolle, von Baumann-Burth geprägte Ära des Entertainment-Tempels TdW.

 

(Bis zum 28. April bei Gallissas Verlag und Medienagentur, Potsdamer Straße 87, erste Etage. Geöffnet Montag bis Freitag, 10 bis 16 Uhr.)

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