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Kulturvolk Blog Nr. 284

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

4. Februar 2019

HEUTE: 1. Gelogene Wahrheiten“ – Die Wühlmäuse / 2. „Moby Dick” – Volksbühne Studio 3. Stock / 3. TV-Theatertalk

1. Wühlmäuse: - Da kratzt sich Gott am Hinterkopp

Ensemble der Wühlmäuse © Martin Becker
Ensemble der Wühlmäuse © Martin Becker

Familienkrach in Gottes eigenem Himmel – Sohnemann kontra Papa: Der habe mit seiner Erschaffung von Adam und Eva gepfuscht und es sei hohe Zeit, da nachzuarbeiten, meint Jesus in Anbetracht der zänkisch-egomanischen Schöpfung Gottvaters. Er hat auch einen Vorschlag. Nämlich die Aussendung einer ordentlich göttlichen Plage zur Erziehung und Bewährung des Menschengeschlechts. Soviel zum Vorspiel vom neuen Programm des seit einem Jahr fest engagierten, aber längst kultigen Wühlmäuse-Ensembles; Titel: „Gelogene Wahrheiten“.

 

Und sogleich geht’s rund auf Erden. Helle Aufregung, Staatsnotstand, eine himmlische Virus-Plage grassiert. Die Opfer vergessen eine Grundlage ihrer Zivilisation, nämlich das Lügen. Und müssen auf Anhieb das Gefährlichste überhaupt tun, nämlich immerzu und jedem die Wahrheit sagen. Mit rasender Geschwindigkeit breitet sich Chaos aus. Ehen zerbrechen, Konzernpleiten drohen, die Tagesschau muss abgeschaltet werden, Horst Seehofer will Bayern in die Unabhängigkeit führen. Das Wahrheits-Virus droht alle Welt zu infizieren und dem Untergang zuzutreiben. Ausgerechnet Angela Merkel ist es, die den Kampf gegen die globale Krankheit anführt und – erste Amtshandlung ‑ sofort eine Experten-Kommission einberuft in einen Geheimbunker unterm Potsdamer Platz; schließlich „bricht mit dem Ausbruch der Wahrheit alles zusammen“.

 

Doch das geht schief, alle Experten sind – böse Überraschung! ‑ verhindert. Gott sei Dank findet sich prompt Ersatz: Die rheinische Bienenforscherin Babette Beerendonk (Birthe Wolter), der Neuköllner Streifenpolizist Renee Orlowski (Robert Luois Griesbach), der Psychiater Dr. Malte Hinterschuster (Matthias Harrebye-Brandt) sowie die Gleichstellungsbeauftragte für Britz-Buckow-Rudow Gundula Satzberg-Strampel (Santina Maria Schrader).

 

Die tolle Truppe hat von nichts eine Ahnung, dafür nur 24 Stunden Zeit, ehe das Virus Moskau, Washington, Pjöngjang erreicht. Auch kracht es gehörig im Quartett der Weltretter unter Tage, das Gratis-WLAN fällt aus und Olaf Scholz streicht das Budget zusammen auf 56,50 Euro (plus Verpflegungspauschale).

 

Das für seine originell pointierte Rhetorik und Eloquenz berühmte Autorenduo Frank Lüdecke (zugleich Regie) und Sören Sieg entfesselt im Bunker ein Tollhaus, in dem quasi im Schnelldurchlauf ein Gutteil unseres gesellschaftlichen Wahn- und Irrsinns bloßgestellt wird. Sei es die internationale oder lokale Politik, die Bundeswehr, die Verwohnungsbaugesellschaften, Pegida-Schlagida, die Pflege, die Kirchen, Schulen, Parteien, die Inklusion, das Gendern oder Nachrichten-TV (ätzend die Satire „News auf Pro 9“) ‑ es ist wirklich allerhand, was da eins mit Wucht und Witz auf den Deckel kriegt. Und das ist bestens gemachtes Polit-Kabarett. Als köstliche Extras zwischendurch: Das entnervte Zuschalten der eisern ihre Nerven beherrschenden Kanzelerin per Video mit der trefflich komischen Parodistin Antonia von Rumatowski.

 

Wie es ausgeht mit der Invasion vom Wahrheits-Virus, bleibt hier vorsichtshalber Geheimsache. Als Rausschmeißer aus dem Verwirrspiel mit Lügen und Wahrheiten donnert ein schmissig gemischter Chor: „Wahrheit ist Mangel an Fantasie, Tugend Mangel an Gelegenheit. Allen alles wollen nur intelligent Beschränkte erzählen, wir können das nicht empfehlen…“ Da sind wir ‑ hart gelandet (wie gereimt) ‑ wieder beim ewig Menschlichen. Und der Liebe Gott, der grinst. Kratzt sich aber dennoch ärgerlich am Hinterkopf.

 

(Wieder 7.-10. Februar. Und noch ein spezieller Tipp: Am 11. Februar ist wieder „Blauer Montag. Das lebende Stadtmagazin, 198. Folge“, diesmal u.a. mit den brasilianischen Jazzern von Conexao Berlin, dem Sänger Johannes Kirchberg, Motto „Traurigsein können wir auch noch morgen“, mit dem Bildertheater Bodecker & Neander, dem Tanz- und Akrobatik-Duo Soulful Vibes sowie der Jazzpolizei.)

 

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2. Volksbühne: - Lauter Frauen auf Walfang

Moby Dick © Vincenzo Laera
Moby Dick © Vincenzo Laera

Was für ein Roman! Weltberühmt, monumental, überreich an prallen Figuren, spektakulären Schauplätzen, dramatischen Szenen. Ganz klar, ich schwärme von der Walfängergeschichte „Moby Dick“ von Herman Melville, einem der bedeutendsten Texte der englischsprachigen Literatur, erschienen 1850. Spannend, ja geradezu reißerisch; durchweg meisterlich geschrieben, hart und zart, todernst und grob lustig, geheimnisvoll, gespenstisch, melancholisch und ernsthaft aufklärerisch. Und vollgestopft mit philosophischen, moralischen, religiösen Einlassungen – relevant für alle Zeit; sonderlich aktuell angesichts der Umweltkatastrophen auf den Weltmeeren.

 

Ein ganz großes, ein hinreißendes Werk, aber auch anstrengend. Vielfach verfilmt; aber auch aufwändig zum Hörspiel geformt (neun Stunden, u.a. mit Ulrich Matthes). Toll! Selbst eine stark komprimierte Fassung, im intimen Rahmen vorgetragen, wäre sehr wohl noch aufregend, wäre im Konzentrationsraum einer Lesebühne ein besonderer geistiger Hochgenuss.

 

Einen derartigen Raum bietet die Volksbühne mit ihrem „Studio im 3. Stock“. Dort gibt es obendrein ein Podest, auf das ingeniöse Köpfe eine Bühne zauberten. „Moby Dick“ jetzt also im Theater: Auf einer kreuzförmigen Spielfläche (das Schiff „Pequod“ quasi als Grab der Fänger, als Grab ihres Opfers) ein Segel, das im Seesturm sich bläht (Windmaschine) und ein paar Scheinwerfer für effektvolle, dem Szenenwechsel entsprechende Lichtstimmungen, kontrapunktiert mit pointierten Musikeinspielern.

 

Dazu natürlich die Schauspieler; diesmal eine Handvoll Schauspielstudentinnen. Das modische Gendern bringt ein paar nervige, freilich auch viele erfrischend komische Momente und tut ansonsten der dramatischen Sache keinen Abbruch. Was zum einen an der offensichtlich eisern trainierten, höchst präzisen Sprechkunst der fünf Studentinnen der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ liegt, zum anderen an der überbordenden Fantasie der wuchtigen, dann wieder stillen szenischen Arrangements der Regisseurin Anita Vulesica; wir kennen sie längst als bewundernswerte Solistin im Ensemble des Deutschen Theaters. Neuerdings dient sie der Hochschule als profunde Lehrkraft, und auch als Regisseurin dürfte ihr eine beglückende Zukunft bevorstehen.

 

Aber auch das noch: In Anita Vulesica steckt eine respektable Dramaturgin (Assistenz Dagna Martens, Bendix Fesefeldt), die es schafft, Melville in knapp 90 Minuten auf seine wesentlichen Punkte zu bringen und diese in ein spannend dramatisches, teils gar exzessives Spiel zu verwandeln. Was für ein Kunststück!

 

Das Ensemble mit Therese Lösch, Eva Maria Nikolaus, Sarah Quarshie, Milena Schedle und Julia Zupanc wurde von der Bühnen- und Kostümbildnerin Anne Brandstätter wie luxuriöse Seemansbräute befremdlich angezogen: Ganz in Weiß mit Stiefeln, mit engen und weiten Hosen, wehenden Schleiern, Miedern und Reifröcken. Die kleine feine Truppe kann souverän zeigen, was sie singend und sprechtechnisch (chorisch, solistisch), tanzend und pantomimisch drauf hat, selbst wenn sie im Kollektiv akustisch den Wal mimt (Choreografie Annelie André, Musik Friederike Bernhardt). Die Schule demonstriert ihren Rang!

 

Es ist ein prezioser Abend, dabei temperamentvoll, laut und deftig oder aber auch zärtlich verweht, innehaltend, kontemplativ. Und dabei immer, selbst bei ausschweifenden Momenten (am Schnapstisch in der Kajüte), kunstvoll künstlich, streng und strikt konzentriert auf die Farben und Stimmungen des vielschichtigen Textes. Man darf schon sagen: Frühe Meisterschaft in diesem Studentinnentheater. Was für ein Glück. Die Bühnen des Landes dürfen alsbald sich freuen auf hoffnungsvolle Neuzugänge.

 

(wieder am 11., 13.-16. Februar)

 

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3. TV-Rederei über Theater

Intendantin Bettina Jahnke © Thomas Jauk
Intendantin Bettina Jahnke © Thomas Jauk

Heute, Montagabend, 20.15 Uhr, die 51. Sendung „Montagskultur unterwegs“ aus dem Studio in der Friedrichshainer Rudolfstraße 1-8 (nahe S- und U-Bahnhof Warschauer Straße). Mit Alice Ströver sowie den Kritikern Henry Arnold und Reinhard Wengierek. Der besondere Gast ist diesmal Bettina Jahnke, Intendantin vom Hans-Otto-Theater Potsdam. Kritisch betrachtet werden die Premieren „Hase, Hase“ von Coline Serreau (Komödie am Kurfürstendamm im Schiller-Theater), „La Bohéme“ von Giacomo Puccini (Komische Oper) und „Cheer OutLoud!“ von Susanne Lipp (Grips Theater). Später auch im Netz auf YouTube.

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